Spiel- und Bewegungsräume aus entwicklungspädagogischer Sicht

Von Jun. Prof. Dr. Rolf Schwarz, Dipl. Päd., Institut für Bewegungserziehung und Sport (IfBS), Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Spiel- und Bewegungsräume aus entwicklungspädagogischer Sicht

Um nicht nur gute, sondern sehr gute Spielplätze speziell für Kinder bauen zu können, muss man drei Fragen beantworten: Warum bewegt sich der Mensch überhaupt? Warum tut er das häufig spielerisch? Wie sehen die für dieses Verhalten entwicklungsförderlichen Räume aus?

 

Warum bewegt sich der Mensch überhaupt?

Der Mensch benötigt für seine Bewegungen Energie. Diese Energiegewinnung ist aufwändig, benötigt selbst Ressourcen und war zu vorzivilisatorischen Zeiten ohne hochkalorische Supermärkte, Schnellrestaurants und motorisierter Mobilität nur unter Gefahren herbeizuschaffen. Energie zu haben, um Bewegungen ausführen zu können, kann bisweilen negativen Stress (Disstress) bedeuten, wenn sich Aufwand und Nutzen nicht lohnen. Dabei verfolgt doch die Evolution ein eindeutiges Prinzip: Energiesparen. Die Höherentwicklung von Lebewesen folgt tatsächlich sogar der Ungleichung, dass die Gewinne die Verluste überwiegen müssen. Prägnant formuliert: Nur dann, wenn die aufgewandte Bewegung zu einem Ziel führt, das dem eigenen Organismus einen relativ überdauernden Überlebensvorteil bietet und in eine Zone mit höherem Verhaltenspotential überführt, wird der Aufwand vom eigenen Zellsystem legitimiert. Kurzum: Der Mensch bewegt sich freiwillig nur, wenn es Sinn macht (Schwarz, 2014).

Nun beobachten wir als Erwachsene aber zu Hauf Szenen wie diese: Zwei Kinder rennen wie wild hintereinander her, klettern nahezu synchron die Leiter auf den Spielturm hinauf, flitzen über die Hängebrücke zum zweiten Verbindungsturm, um dann mit vollem Schwung die Rutsche hinunter zu sausen. Der Vorgang wiederholt sich mehrere Male, bis zur völligen Erschöpfung. Das Verhalten ist eindeutig nicht auf Futtererwerb aus, kein Revierkampf, kein Fortpflanzungsritual, sondern scheinbar nur der verschwenderische Umgang mit Energie. Wohlstandskinder? Der Evolutionstheoretiker fragt sich an dieser Stelle: So viel Energieaufwand, für was?  Wo liegt der Überlebensvorteil und der Sinn?

 

Warum bewegt sich der Mensch häufig spielerisch?

Eine sehr sinnvolle Antwort erhalten wir von der entwicklungspsychologischen Spieltheorie von Rolf Oerter (2011). Spielen sei das relativ folgen- und risikolose Erproben und Austesten eigener Möglichkeiten und Grenzen gegenüber Anforderungen der Umwelt. Wo die reale Wirklichkeit mit ihrem bisweilen unerbittlichen Ernstcharakter häufig keine zweite Chance mehr zulässt, biete das Spielen einen Raum für das zweite Mal, für Fehler, Abweichungen und die Möglichkeit, unfertige Handlungstechniken über viele Wiederholungen zu echten Kompetenzen zu entwickeln. Das ist bei Kindern umso wichtiger, weil ihre Kompetenzen gegenüber den Anforderungen der Erwachsenen-Umwelt sowie der Natur noch unterlegen bzw. noch nicht überlebensdienlich ausgeprägt sind. Um der Dramatik dieses fundamentalen Gedankens noch größere Spannung zu verleihen: Dürften Kinder nicht spielen, nähme man ihnen die Möglichkeit weg, sich aufs Leben in einem relativen Schonraum vorbereiten zu können. Der Mensch, insbesondere das Kind, muss spielen dürfen, weil er sonst der Chance beraubt wird, all seine Fähigkeiten und sein Potential in Ruhe, Angstfreiheit, Sorgfalt und vollem Umfang auszuschöpfen. Um im Vokabular von Entwicklungspädagogen zu sprechen: Der hohe Energieaufwand im kindlichen Spiel hat den Sinn, noch weitaus größere, wenngleich schlummernde  Energiereservoirs zu wecken, um langfristig ein höheres Potential ausschöpfen zu können.

Tatsächlich ist in diesem Sinne jedes spielende Kind ein potentielles "Wohlstandskind", weil sein Spiel zumindest für den Moment des Spielens selbst anzeigt, ob und wie es sich wohl fühlt. Spiel ist ein hervorragender Indikator für das Wohlbefinden für Kinder und deshalb nicht zu Unrecht eine essentielle Methode in der Diagnostik von Kinderpsychologen (Mogel, 2008). Spiel ist also aus gutem Grund durch die UN-Kinderrechtskonvention zu einem justiziablen Recht für Kinder weltweit geworden, kann ein- aber nicht mehr weggeklagt werden und stellt das überlebensdienliche Fundament für eine gedeihliche Gesellschaft dar. Und das gilt im Grunde nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche, junge Erwachsene, einen "Best Ager" oder Senioren fortgeschrittenen Alters. Jedes Alter hat seine eigenen Herausforderungen, mit denen je speziell umgegangen und eine angemessene Lösung gefunden werden muss (Havighurst, 1953). Werden diese Entwicklungsaufgaben nicht bewältigt, ist der Aufbau einer gesunden Persönlichkeit gefährdet oder sogar unmöglich. Probleme des Lebens können im Spiel als Proberaum vorab gelöst werden, um ein positives Selbstwertgefühl für den Ernstfall aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu empfinden (Bauer & Hurrelmann, 2015). Deshalb spielen unterschiedliche Generationen einerseits ihre spezifischen Spiele, andererseits gibt es aber auch Spiele, die zeitlos bleiben, weil sie wie ein roter Faden das typisch Menschliche verbinden: sich lebenslang zu entwickeln.

 

Wie sehen die für dieses Verhalten entwicklungsförderlichen Räume aus?

Überträgt man diese Gedanken auf einen sinnvollen Spielplatz/-raum, so ist klar, dass es "den" Spielplatz nur schwer geben kann. Entwicklungspädagogisch klar ist aber auch, dass es sich schlicht lohnen muss, dorthin zu gehen. Nur wenn die Spielinhalte als Herausforderungen zu den Möglichkeiten der Zielpersonen passen, können sie als bewältigbar erlebt und als Spiel von den Menschen angenommen werden. Viele Spielplatz-/-raumforscher haben dazu den Begriff der "affordance" (Gibson, 1979) übernommen, der kurzgefasst ausdrückt, dass die Wahrnehmung eines vermeintlich Gewinn bringenden Angebots der Umwelt eine Aufforderung besitzt, die für sich selbst spricht, oder eben nicht. Die Entscheidung darüber, ob etwas als lohnend wahrgenommen wird oder nicht, hängt ab von den Kompetenzen, die ein Mensch besitzt.

 

So ist eine Sitzbank für einen erwachsenen Menschen wahrscheinlich eine Aufforderung bzw. ein Angebot zu sitzen, weil er die Körpergröße und das motorische Können dazu hat. Aber für ein Kleinkind? Wohl eher ein Balanceobjekt. Umgekehrt kann ein simpler Hügel für ein Krabbelkind das wichtigste Spielobjekt des Tages sein, weil es seinem Bedürfnis nach motorischer Entwicklung und dem Ausloten von Mut und Angst nachkommt, wohingegen der Erwachsene darin kein Angebot erkennen kann, eher ein Hindernis. "Der" Jugendliche hingegen nutzt die Sitzbank möglicher Weise als Unterlage für seine spektakuläre Skateboardübung oder schlicht als Chillout-Plätzchen, wobei das Gesäß auf der Lehne sitzt und die Schuhe auf der Sitzfläche stehen; Hauptsache, es sieht cool aus. Salopp formuliert, muss also generell der Deckel zum Topf passen, damit aus einem Umweltsignal ein Anreiz wird, für den es lohnt sich zu bewegen. Und für die Spielplatz- bzw. Spielraumforschung gilt, dass die Platzangebote zu den Menschen passen müssen, für die sie gebaut sind.

Diese wissenschaftliche Erkenntnis sollte erhebliche Konsequenzen für die praktische Planung von Spielmöglichkeiten haben, bedeutet es doch nicht weniger, als dass die beste aller Spielplatzkonzeptionen darin besteht, die körperlich-motorischen, sozial-emotionalen und kognitiven Möglichkeiten des jeweils zu bedienenden Zielklientel zu erfassen, zu analysieren und angemessen zu deuten. Für eine gemischte Wohnraumsiedlung mit z.B. 600 registrierten Haushalten ist aus entwicklungspädagogischer Sicht deshalb eine vorherige Fragebogenuntersuchung ein absoluter Mindeststandard, sofern der Spielplatzbau nicht irgendeine kommunalplanerische Alibifunktion haben soll.

So ist dies auch jüngst geschehen bei einem Umgestaltungsprojekt einer Elterninitiative in Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis). Das Einzugsgebiet dieses klassischen 1970er Spielplatzes umfasst rund 1.200 Menschen gemischten Alters, verschiedener Berufs- und Interessengruppen. Die Pädagogische Hochschule Karlsruhe übernahm den partizipativen Beratungsprozess (Jugendgemeinderat, Kinder, Eltern, sonstige Anwohner, Bauamt) und führte eine für den Wohnbezirk repräsentative Studie durch. So konnte festgestellt werden, dass der optimale Bedarf (1000m² statt der vorhandenen 582m²) eines neuen Spielplatzes viel größer ist, als es der Stadt vorher bewusst war, dass die Kinderwünsche nur zu 40% mit den Vorstellungen der Eltern übereinstimmen, dass die Eltern teilweise komplett andere Vorstellungen über einen pädagogisch guten Spielplatz haben, als dies die wissenschaftliche Literatur tut, dass von 70% (!) aller Besuchstage die Kinder nicht alleine auf den Spielplatz dürfen und dass der Hauptgrund hierfür weniger auf dem neu zu projektierenden Spielplatz zu suchen ist, sondern im umgebenden Spielraum mit der hohen Verkehrsgefährdung. Generell zeigen die Eltern ein hohes Besorgnispotential, was die mögliche Art und den Umfang an Unfällen ihrer Kinder anbelangt. Hätten die Beteiligten dies vorher alles nicht gewusst und wäre es nicht in einer Bürgerversammlung kommuniziert worden, wäre mehrfacher Schaden entstanden: Für den Hersteller, dessen möglicher Weise sehr geeignetes Angebot (Affordanz)  nicht angenommen worden wäre, da die Erreichbarkeit nicht gewährleistet ist. Weiterhin der ideelle Schaden für die Kinder, weil sie das tolle Angebot aufgrund der Elternsorgen nicht nutzen können und schließlich die bezahlende Kommune, deren Bevölkerung trotz einer höheren fünfstelligen Summe nicht zufrieden ist.

Wie sieht nun der für die dort lebenden Menschen entwicklungsförderliche Spielplatz aus? Die optimale Lösung für alle ergab sich aus dem Gedanken, nicht nur einen Spielplatz zu bauen, sondern einen Spielraum zu entwickeln. Was ist hierbei der wesentliche Unterschied? Begriffsgeschichtlich sind Plätze "flache, breite Straßen" (griech.: πλατεία οδός, lies "plateia hodós"), die innerhalb einer Stadt klar umrahmt wurden von Häusern und Gebäuden. Und weil in den antiken Städten öffentliche Versammlungen, Märkte und Handel häufig stattfanden, waren Plätze grundsätzlich ein Ort für alle, auch für Kinder und ihr Spiel. "Der" Spielplatz ist also keine Erfindung der Neuzeit, sondern war immer schon existent, allerdings in der Öffentlichkeit für Kinder nur dort, wo es die Erwachsenen zugelassen haben. Denn wie insbesondere psychologische Spieltheorien (z.B. Oerter; Mogel) gut belegen, spielen Kinder immer dort, wo sie dürfen und wo die sozialemotionalen Bedingungen Sicherheit und Geborgenheit anbieten. Plätze sind historisch betrachtet also kulturelle Erwachsenengebilde, mit entsprechenden architektonischen  Vorgaben und Regeln und den Kindern als Beiwerk.

Ein Raum hingegen ist mehr als ein objektiver Platz, kein bloßer Ort, kein Quadrant oder eine Summe aus geografischen Pixeln auf einer Karte. Raum als Ausdehnung ist lebendig, weil man ihn aktiv bespielen, durchschreiten, begehen, erklettern, erkriechen, ergreifen, ihm zuhören, beschauen, erschnuppern und bisweilen verköstigen muss, um ihn in seiner ganzen Fülle zu verstehen. Raum ist vieldimensional, ein Gitternetz aus sinnlich Erlebbarem. Dadurch wird er sinnvoll. Er braucht deshalb auch Zeit im Erleben, Lust am Entdecken und das Spiel als Verhaltensform, sich ihn subjektiv als möglichen Lebensraum anzueignen. Zwar hat er auch -  vor allem in Städten - über Gesetze und Normen eine objektive Seite, doch was die Menschen mit ihrer Bewegung und sinnlichen Wahrnehmung daraus machen, bleibt als Raum individuell. Spiel- und bewegungspädagogisch zusammengefasst ist Raum:

 

Raum:

 

  1. Kein starrer Behälter, sondern ein dynamisches Relativ, das aktiv gestaltbar ist.

  2. Menschen schaffen durch ihre körperliche Selbst-Bewegung Räume, die sie sinnlich erleben.

  3. Die Geschwindigkeit der Raumbewegung geht mit der Qualität des sinnlichen Erlebens einher; Langsamkeit schafft Ortsidentität.

  4. Räume werden dabei weder von Erwachsenen noch von Kindern nie nur als rational-mathematischer Kubus wahrgenommen (Euklidischer Raum), sondern auch und vor allem sinnlich-emotional und bewertend, also letztlich ästhetisch.

  5. Räume können sich in diesem Sinne nicht auflösen; sie werden sozial de-, re- und konstruiert. Die Praktiken aktiver Raumbildung sind somit immer auch eine Form der Selbstbildung.

  6. Sozialräume wirken einerseits kulturell bewahrend und vereinnahmend; die Stärke hängt vom Strukturiertheitsgrad ab.

  7. Räume ohne soziale Intervention (weder indirekt-symbolisch über Schilder noch direkt-interaktiv über Kontrollen) wirken andererseits aber auch ganz natürlich (natürliches Entwickeln).

  8. Sozialräume können mit Individualräumen konfligieren (Raumdivergenzen), da reale Raumbilder (z.B. die Kita, das Schulgebäude, das Stadtviertel) nicht mit den subjektiven Raumvorstellungen ("Meine Schule, meine Nachbarschaft, mein Spielplatz, …") übereinstimmen müssen, so dass sich unterschiedliche Teilräume im Raum ergeben.

  9. Ein Spiel- und Bewegungsraum besteht aus vielen Teilplätzen, die subjektiv zu einem zusammenhängenden Netz erst verknüpft werden müssen.

 

Im Sinne dieser neun Raummerkmale ist für die vollständige Entwicklung eines Spielraumes ausreichend Bewegung unerlässlich. Ohne Raum keine Bewegung, ohne Bewegung kein Spiel, ohne Spiel keine Entwicklung. Wir können also nicht so tun, als ob das Gedeihen einer Gesellschaft nur vom Bruttosozialprodukt abhängt. Wir sollten uns stattdessen fragen, welche Spielplätze wir innerhalb von größeren, weit umspannenden Spiel- und Bewegungsräumen bauen wollen, um motorisch fitte, sozial verträgliche, emotional ausgeglichene, körperlich gereifte, ja letztlich gesunde Menschen zu fördern. Die Frage kann weder ein Spielgerätehersteller allein beantworten, noch kann sie die Wissenschaft umsetzen. Hierzu gehören ebenso die Menschen, für die die Geräte sein sollen sowie die kommunale wie überregionale Politik, dies gesetzlich zu ermöglichen. Erfolgreicher, weil pädagogisch sinnvoller Spielplatzbau ist folglich Teil eines größeren Raumes, zu dem mehr als Geräte, nützliches Grün und etwas Geländemodellierung gehören. Optimaler Spielraumbau besteht aus

  • einer Beratungsleistung, die partizipativ alle Interessengruppen eines Wohn- und Lebensraumes einbezieht und nicht nur kurz-, sondern mindestens mittelfristig plant.

  • einer dazugehörigen Diagnostik, die genau die Entwicklungsaufgaben, Ressourcen und Grenzen von Spielenden und des Spielraums erfasst, analysiert und angemessen interpretiert.

  • der Vernetzung von vor- und seitgelagerten Wegen, Straßen, Plätzen und Grünparzellen (Korridore) mit dem Spielplatz zu einem zusammenhängenden Spiel- und Bewegungsraum, so dass der Zielplatz mit der Erreichung und "Erwegung" verschmilzt.

  • dem Umdenken, dass das Spiel nicht einer abgeschotteten Fläche zugewiesen wird ("Spielinsel") hin zu der Erkenntnis, dass Menschen überall und zu jeder Zeit spielen würden, wenn sie nur dürften.

 

Literatur

 

  • Gibson, J.J. (1979/1982). The ecological approach to visual perception. Boston: Houghton Mifflin. Deutsche Ausgabe 1982: Wahrnehmung und Umwelt. Der ökologische Ansatz in der visuellen Wahrnehmung. München: Urban & Schwarzenberg.
  • Oerter, R. (2011). Psychologie des Spiels. Ein handlungstheoretischer Ansatz (2. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  • Mogel, H. (2008). Psychologie des Kinderspiels (3. Aufl.). Heidelberg: Springer.
  • Havighurst, R. (1953). Human development and education. London: Longmans.
  • Schwarz, R. (2014). Frühe Bewegungserziehung. München: Reinhardt.
  • Bauer, U. & Hurrelmann, K. (2015). Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung in der aktuellen Diskussion. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 35 (2), 155-170.

Foto: SMB

 

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