Die bewegte Stadt – strategische Ansätze für die Entwicklung eines sport- und bewegungsfreundlichen Lebensumfeldes

von Dr. Stefan Eckl, Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung GbR

Die bewegte Stadt – strategische Ansätze für die Entwicklung eines sport- und bewegungsfreundlichen Lebensumfeldes

Ein schleswig-holsteinischer Großsportverein mit mehr als 5.000 Mitgliedern öffnet sein Sportgelände für Nichtmitglieder und errichtet einen attraktiven Motorik- und Bewegungsparcours ohne einen Cent Zuschuss aus städtischen Mitteln. Diese neuen Sport- und Bewegungsmöglichkeiten stehen allen Bürgerinnen und Bürgern (auch Nichtmitgliedern) kostenlos zur Verfügung und werden vom ersten Tag an sowohl von der Quartiersbevölkerung als auch von Kindertageseinrichtungen und Schulen stark nachgefragt. Zur gleichen Zeit überlegt die Stadt, einen seit 1959 frei zugänglichen Schulhof, der Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten fürs Wohnquartier bietet, einzuzäunen und somit für die Öffentlichkeit zu schließen. Eine verkehrte Welt im echten Norden?

Nicht nur dieses Beispiel macht deutlich, dass sich im kommunalen Politikfeld „Sport und Bewegung“ grundlegend etwas verändert. Vereinzelt erleben wir, wie Sportvereine mit innovativen Ansätzen zum Motor von Sportentwicklungsplanungen werden. Dennoch liegt in der Regel das Heft des Handelns immer noch in Händen der Kommune. Den Wünschen der sportaktiven Bevölkerung stehen knappe kommune Kassen und teils marode Sportanlagen gegenüber. Das setzt Städte und Gemeinden unter Druck, im Sport- und Bewegungsbereich wieder aktiv zu werden.

 

Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Warum sollte sich aber eine Kommune mit Sportentwicklung und strategischen Überlegungen zur zukünftigen Ausrichtung von Sport und Bewegung beschäftigen? Ein Grund sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich auch auf den Sport auswirken. Einige Aspekte sollen schlagwortartig beleuchtet werden.

Zum einen sehen sich Kommunen, aber auch Sportvereine, mit einem veränderten Sportverhalten konfrontiert. Der Großteil der Sport- und Bewegungsaktivitäten werden im individuellen Rahmen ausgeübt, also ohne Anbindung an einen Verein oder an eine andere Institution. Dabei ist ein Stadt-Land-Gefälle zu beobachten. In den ländlichen Gebieten haben die Sportvereine zwar nach wie vor eine sehr starke Stellung, auch wenn bereits auch hier das private Sporttreiben überwiegt. In den urbanen Gebieten stehen individuell betriebene Sport- und Bewegungsaktivitäten deutlich an erster Stelle, mit weitem Abstand konkurrieren Sportvereine mit gewerblichen Anbietern. Der Großteil der Sport- und Bewegungsaktivitäten wird im öffentlichen Raum ausgeübt, seien es Plätze, Grünflächen, Straßen oder Wege. Hier zeigen sich bereits erste Hinweise darauf, dass bei einer Verbesserung der Rahmenbedingungen von Sport und Bewegung die Sportverwaltung alleine nicht mehr der richtige Ansprechpartner ist, sondern andere Fachbereiche wie etwa das Grünflächenamt oder die Stadtentwicklung einbezogen werden müssen. Sport und Bewegung machen nicht an Ressortgrenzen Halt. Zugleich muss sich die Sportverwaltung darauf einrichten, den öffentlichen Raum als Sport- und Bewegungsraum zu betrachten, der einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsförderung und zum Wohlbefinden der Bevölkerung leistet.

Zum anderen stellt der demographische Wandel einen weiteren wichtigen Einflussfaktor dar, weil er die Sportnachfrage unmittelbar beeinflusst und damit auch den Bedarf an Sport- und Bewegungsräumen. Allerdings kann hier keine allgemein gültige Aussage getroffen werden, da sich die jeweiligen Regionen in Deutschland teilweise sehr heterogen entwickeln. Dort, wo die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sinkt und die Anzahl der älteren Erwachsenen und Senioren steigt, ist tendenziell von einer nachlassenden Nachfrage nach wettkampftauglichen Sportanlagen auszugehen. Im Gegenzug gewinnen kleinere Räumlichkeiten für den Gesundheits- und Rehasport an Bedeutung. Prosperierende Regionen sehen sich zum Teil mit einer steigenden Nachfrage nach (wettkampftauglichen) Sportanlagen für den Schul- und Vereinssport konfrontiert, und dies zumeist verbunden mit schwindenden und daher wertvollen Flächenressourcen. Für beide Entwicklungsszenarien gilt jedoch: Der öffentliche oder urbane Raum als Sport- und Bewegungsraum für alle Altersgruppen wird auch in Zukunft eine wachsende Bedeutung haben.

 

Neue Herausforderungen an die Sport- und Stadtentwicklung

Ohne näher auf weitere Einflussfaktoren wie z.B. die Sportvereinsentwicklung, die finanzielle Lage vieler Städte und Gemeinden, Themen wie Inklusion und Integration, Kooperation und Zusammenarbeit im Sport einzugehen, lässt sich die Komplexität des Politikfeldes „Sport und Bewegung“ erahnen. Diese Komplexität erhöht sich weiter, da „der Sport“ mittlerweile sehr viele Schnittmengen in andere Politikfelder aufweist. Neben der Flächennutzungsplanung und der Schulentwicklungsplanung ergeben sich immer mehr Überschneidungen mit der kommunalen Gesundheitsförderung und der kommunalen Stadtentwicklungsplanung. Zunehmend werden in der Stadtentwicklung Konzepte und Leitbilder entwickelt, die den Stadtraum als Bewegungsraum verstehen und wo Fußgänger und Radfahrer - die Schweizer sagen dazu „Langsamverkehr“ - ihren Platz finden und wo Erholungs- und Grünflächen nicht nur unter dem Gesichtspunkt von landschaftsgärtnerischen Aspekten betrachtet werden, sondern vielmehr der ursprüngliche Volksparkcharakter wieder in den Vordergrund rückt. Schlagworte wie die „active city“, die „bewegte Stadt“, die „fahrradfreundliche Stadt“ und wissenschaftliche Konzepte wie Walkability und Walk-Score beherrschen die heutige Diskussion.

 

Kommunale Sportentwicklungsplanung als Teil einer integrierten Stadtentwicklungsplanung

Der organisierte Sport mit seinen Sportvereinen, Fach-, Landes- und Bundesverbänden, aber auch die Sportpolitik in Kommunen, Land und Bund müssen sich diesen Veränderungen stellen. Die Ansprüche an Sport und Bewegung sind vielfältiger und anspruchsvoller geworden, nicht jeder Wunsch aber sinnvoll und erfüllbar. „Sport als die schönste Nebensache der Welt“ – dieser Ausspruch ist zumindest angesichts der planerischen Herausforderungen schon lange nicht mehr gültig und verkennt die gesellschaftspolitische Bedeutung von Sport und Bewegung.

 

Sportentwicklungsplanung – Planungsansätze

Keine Kommune, egal welcher Größe, kommt heute ohne strategische Planungen aus. Kindergartenplanung, Schulentwicklungsplanung, Jugendhilfeplanung, Altenhilfeplanung usw. Der Sport bildet hier keine Ausnahme. Die planerischen Ansätze bezüglich Sport und Bewegung haben sich jedoch im Laufe der Zeit verändert. Vom richtwertorientierten „Goldenen Plan“ der 1970er Jahre ist man in Westdeutschland schon länger abgekommen und verfolgt eher verhaltensorientierte Ansätze und kombiniert diese mit Beteiligungsprozessen. „Wesentliches Qualitätsmerkmal einer kommunalen Sportentwicklungsplanung ist die Verabschiedung von Zielen, Handlungsempfehlungen und konkreten Maßnahmen für eine bedarfsgerechte und nachhaltige Entwicklung von Sport und Bewegung in der Kommune. Diese werden in der Regel in kooperativen Beteiligungs- und Abstimmungsprozessen erarbeitet“ (Memorandum zur kommunalen Sportentwicklungsplanung).

Qualitätsmerkmal ist also der dialogische und beteiligungsorientierte Charakter. Verschiedene Interessengruppen wie der organisierte Sport, Schulen, Kindertageseinrichtungen, Volkshochschule, gewerbliche Sportanbieter sind genauso zu beteiligen wie die Kommunalpolitik und die Kommunalverwaltung. Eine intersektorale, ressort- und ämterübergreifende Planung wird dabei empfohlen, um von Anfang an die Schnittmengen mit anderen Fachplanungen zu suchen.

Eine kooperative Sportentwicklungsplanung ist dabei unabhängig von der Größe der Kommune zu betrachten, da sich kleinere Gemeinden mit den gleichen Fragen zur strategischen Ausrichtung von Sport und Bewegung, zum Bedarf an Sport- und Bewegungsräumen oder zur Vereinsentwicklung konfrontiert sehen wie größere Städte. Einen Unterschied bildet hier lediglich der Umfang des methodischen Spektrums, das man einsetzen muss, um Antworten auf die drängendsten Fragen zu finden.

 

Die sport- und bewegungsfreundliche Stadt

Was macht nun eine sport- und bewegungsfreundliche Kommune letztendlich aus? Auf diese Frage gibt es meines Erachtens keine allgemeingültige und abschließende Antwort, denn jede Kommune muss für sich selbst definieren, welche strategischen Ziele sie in ihrer Sport- und Stadtentwicklung verfolgen möchte. Dennoch halte ich persönlich ausreichende und z.T. qualitativ hochwertige Sport- und Bewegungsräume für einen elementaren Bestandteil einer sport- und bewegungsfreundlichen Stadt, die die verschiedenen Facetten der Sportrealität bedient. Das heißt eine bedarfsorientierte Kombination aus altbekannten und normierten Sportanlagen für den Schul- und Vereinssport, Sportanlagen für den Wettkampf-, Breiten- und Gesundheitssport und attraktive Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum – von der beleuchteten Laufstrecke über attraktive Freizeitspielfelder für alle Altersgruppen bis hin zum bewegungsfreundlichen Schulhof. Dies sind die Mindestanforderungen, die meines Erachtens erfüllt sein sollten.

 

Kontakt:

Dr. Stefan Eckl

Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung

Fleckenweinberg 13

70192 Stuttgart

Tel. +49 (0) 711 / 553 79 55

eckl@kooperative-planung.de

www.kooperative-planung.de

 

Foto: Dr. Stefan Eckl

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