„Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer….“

Von Dipl.-Ing. (univ.) Ulrike Hörl (brugger_landschaftsarchitekten)

„Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer….“

Bei diesem Lied werden nahezu bei jedem, der in den 70er oder 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts seine Kindheit verlebte, Erinnerungen wach. Aber zum Anfang der Geschichte:

Sie beginnt mit dem Wunsch und der Idee der Stadt Augsburg im Bereich des ehemaligen Stadtgrabens, in unmittelbarer Nähe zum historischen Roten Tor, der Freilichtbühne und der Augsburger Puppenkiste einen Spielplatz zu errichten, der thematisch dem weltberühmten Puppentheater gewidmet ist. Für die Umsetzung dieser ganz speziellen Aufgabenstellung wurden brugger_landschaftsarchitekten_stadtplaner_ökologen aus Aichach beauftragt. Es sollte ein dauerhafter, zentraler Anziehungspunkt im Stadtgraben für die unmittelbaren Anwohner (auch für die Schüler der benachbarten „Grundschule vor dem Roten Tor“), die Nutzer der Grünanlagen im Stadtgraben und die Besucher der Augsburger Puppenkiste geschaffen werden. Ziel war es einen einzigartigen und außergewöhnlichen Spielplatz als Ergänzung zum Marionettentheater und zum Museum der Puppenkiste zu kreieren, der auch das touristische Profil der Stadt Augsburg bereichert.

 

Der Planungsprozess

Ein Planungsworkshop mit Schülern der 2. und 3. Jahrgangsstufe der „Grundschule vor dem Roten Tor“ bildete den Einstieg in den Planungsprozess. In intensiven Schulstunden konnte für den Spielplatz das Thema „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ bzw. „Lummerland“, erarbeitet werden. Es basiert auf einem Kinderbuch von Michael Ende aus dem Jahr 1960. Der Folgeband „Jim Knopf und die Wilde 13“ erschien im Jahr 1962. Beide Bücher wurden im Original von Franz Josef Tripp illustriert. Die Geschichten wurden von der Augsburger Puppenkiste als reine Fernsehproduktionen umgesetzt. Einer Fassung in Schwarzweiß von 1961/62, folgten 1977/78 die Neuverfilmungen in Farbe. 1999 wurde eine Zeichentrickserie mit 52 Folgen ausgestrahlt. Auf diesen Fernsehproduktionen sowie auf dem Lummerland-Lied zu den Neuverfilmungen 1977/78 beruht der ungeheure Bekanntheitsgrad von Jim Knopf und seinen Mitstreitern durch alle Generationen und Altersgruppen, obgleich das Stück nie auf der Bühne aufgeführt wurde. Jim-Knopf ist damit prädestiniert als vielleicht „berühmtester Vertreter“ der Puppenkiste den Spielplatz zu prägen. Das „Lummerland“ als seine Heimat sollte dazu den Rahmen bilden.

Im Rahmen eines Präsentationstermines wurden erste Planungsergebnisse, vor allem aus dem Schülerworkshop, erläutert und die thematische Widmung von der Stadt Augsburg, der Augsburger Puppenkiste, vertreten durch Herrn Marschall, und weiteren Interessenvertretern einstimmig angenommen.

Für die Spielgeräte des Spielplatzes „Lummerland“ unterstellte man zusammen mit der Bauausführung auch den Entwurf für die Leistung dem Wettbewerb, um die technisch, wirtschaftlich und gestalterisch hochwertigste sowie funktionsgerechteste Lösung der Bauaufgabe zu ermitteln. In einem beschränkten Wettbewerb wurden geeignete Teilnehmer zur Erarbeitung eines individuellen Entwurfs und zur Abgabe eines Angebotes aufgefordert.

Die Rahmenplanung für das „Lummerland“ mit der möglichen flächenhaften Ausdehnung, dem umgebenden, prägenden Baumbestand und der ‚landschaftlichen‘ Charakteristik der „Insel Lummerland“ aus den Michael Ende Geschichten wurde vom Landschaftsarchitekturbüro Brugger als Grundlage ausgearbeitet. Diese Planung diente den Wettbewerbern als Rahmen für die Entwicklung des Spielkonzeptes und der -geräte und konnte im Detail angepasst werden.

Bei der Gestaltung der Spielgeräte und figürlicher Darstellung der Hauptprotagonisten, sowie des „Lummerlandes“, war es der Stadt Augsburg und der Augsburger Puppenkiste wichtig, die Ästhetik des Puppentheaters, das mit seinen Marionetten und Bühnenbildern die Geschichten geprägt hat, aufzugreifen. Eine Anlehnung an späteren Produktionen, wie die Zeichentrickserie, war nicht gewünscht. Ein Aufgreifen bzw. Integrieren von Funktionen des Puppenspieles bzw. Marionettentheaters in die Spielgeräte wurde zudem als interessanter Aspekt bei der Gestaltung angesehen.

Für den Wettbewerb wurden folgende Bewertungskriterien festgelegt und gewichtet:

  • Individualität und Einzigartigkeit in der Umsetzung des vorgegebenen  Spielthemas (Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Lummerland, Ästhetik und Funktion des Marionettentheaters, Gewichtung 30 %)
  • Spielwert / - funktion der Anlage (Gewichtung 25 %)
  • harmonisches Gesamtbild der verwendeten Materialien (mit Holz als Schwerpunkt, Gewichtung 20 %)
  • Kosten der Spielanlage (Gewichtung 15 %)
  • Unterhaltungskosten und –aufwand (Gewichtung 10 %)

Die Spielgeräte sollten vorwiegend aus Holz konzipiert werden und für die Altersgruppe 6-12 sowie 3-6 geeignete Angebote bieten.

Die im Planungsworkshop der Schüler definierten und gewünschten Spielfunktionen lagen ebenfalls dem Wettbewerb zu Grunde. Für den Hauptspielbereich, der der Altersgruppe 6-12 Jahre gewidmet sein sollte, wurden dabei folgende Ziele formuliert:

  • Es sollte ein Aussichtspunkt (ähnlich wie Hochsitz oder Baumhaus) gestaltet werden, um aus erhöhter Warte das Umfeld und die Natur beobachten zu können.
  • Das Klettern und Balancieren musste im Vordergrund stehen. Dabei wurde ausdrücklich das Klettern auf verschiedenen Elementen, auch Naturmaterialien miteinbezogen (Klettern an/auf Seilen, Netzen, Bäumen, Stämmen, Steinen).
  • Die Funktionen ‚Schaukeln‘ und ‚Rutschen‘ waren gewünscht, aber nicht zwingend zu integrieren.
  • Von den Schülern waren zudem kleine Rückzugsräume (z.B. Spielhäuschen) und Ruheelemente gewünscht, wobei bereits auf das erarbeitete Thema Bezug genommen wurde (z.B. alter Zug).

Für den Kleinkindbereich, 3-6 Jahre, als untergeordnetem Spielbereich, sollte das Sand- und Materialspiel sowie das Balancieren auf einfachen Elementen im Vordergrund stehen. Das Thema bot sich für die Gestaltung kleiner Rückzugsräume, die zum Rollenspiel anregen an (Spielhäuschen).

Zum Submissionstermin wurden fünf Angebote bzw. Entwürfe abgegeben, im Foyer der Augsburger Puppenkiste präsentiert und im Wertungsgremium ausgiebig diskutiert. Entwurf und Angebot der Fa. Spielträume aus Bamberg überzeugten in Individualität und Einzigartigkeit der Umsetzung des Themas, bei gleichzeitig hohem Spielwert, und konnten sich gegenüber den anderen Entwürfen durchsetzen.

 

Die Umsetzung

Die Planungen für den Rahmen des „Lummerlandes“, d.h. für die Landschaftsbauarbeiten, wurden in der weiteren Bearbeitung eng mit der Fa. Spielträume abgestimmt und deren Werkplänen angepasst. Ausgeführt wurden die Landschaftsbauarbeiten mit großem Engagement von den Lehrlingen des Landschaftsbaues der Stadt Augsburg unter Leitung ihres Meisters Herr Kern. So entstand im Stadtgraben die Insel „Lummerland“ mit zwei Bergen, einem Eisenbahntunnel, feinen Sandstränden, etwas Schwemmgut (Baumstämme, Findlinge als Abgrenzung zwischen Sand und Holzhäcksel), das auch zum Sitzen einlädt und dem umgebenden „weiten Meer“ aus blauem Holzhäcksel.

Die Fa. Spielträume integrierte in diese Spiellandschaft ihre maßgeschneiderten Spielelemente.

Begrüßt werden die Kinder von der sich öffnenden „Augsburger Puppenkiste“, die jedem Theaterbesucher und auch den Fernsehzuschauern bekannt ist, da sie stets die Ouvertüre zu den Stücken des Marionettentheaters bildet. Sie öffnet auch hier auf dem Spielplatz ihre Türen und führt so in die Phantasiewelt „Lummerland“. Gleichzeitig entsteht auf ihrer linken Seite ein kleiner dreieckiger Raum, der den Rahmen für den „Laden der Frau Waas“ bildet. Er ist als farbig gestaltetes Relief dargestellt, die Theke kann als Spieltheke und Durchschlupf genutzt werden und lädt zum Rollenspiel ein. Auf der rechten Seite der Kiste begrüßt Lukas der Lokomotivführer mit seiner Lok Emma, ebenfalls als farbig gestaltetes Relief. Integrierte Stufen führen zu einem offenen Fenster, an das sich eine Kleinkindrutsche anschließt, die auf die Innenseite der Kiste führt. Die vom Querbalken der ‚Kiste‘ abgespannten Kletterseile erinnern an die Fäden der Marionetten und greifen damit die geforderte Ästhetik des Marionettentheaters auf. Das gesamte Spielelement „Augsburger Puppenkiste“ widmet sich dem Rollenspiel und bietet Elemente, die der Altersgruppe 3 – 5 Jahren entsprechen.

Betritt man durch die geöffnete Kiste das „Lummerland“, lädt die „Eisenbahnlinie“ zum Balancieren und Klettern ein. Diese Kombination aus geschwungenem Holzsteg, beginnend auf dem „Schlossberg“, geht über in eine luftige Schienen-Schwellen-Konstruktion, die auf ca. 250 cm ansteigt. Integrierte Kletternetze bzw. –taue und Balancierseile fordern motorisch geübtere, mutigere Kinder der Altersgruppe 6-12  heraus. Ein Liegenetz im Übergang zum Steg lädt zum Verweilen ein. Das farbig gefasst Weichensignal unterstreicht dabei nochmals den Bezug zur Eisenbahnlinie.

Der Balanciersteg endet auf dem Berg am Schloss von „König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften“. Das Schloss als dreiseitige Wandkonstruktion mit angedeuteten Zinnen und Türmen bietet den gewünschten Aussichtspunkt, stellt aber auch einen Bereich für das Rollenspiel und einen kleinen Rückzugsraum dar. Zusammen mit König Alfons (farbig gefasste Relieffigur) kann man hier auf die Tunnelausfahrten hinabblicken und das Geschehen an den „Stränden von Lummerland“ beobachten. Eine vierte, einzeln stehende Schlossmauer bildet die Absturzsicherung der gegenüberliegenden Seite. Hier findet man auch den im Lummerland-Lied erwähnten „Fernsprechapparat“.

Den zweiten Berg auf Lummerland krönt die vollplastisch gestaltete Figur des Jim Knopf, die ein optisches und haptisches Highlight darstellt. Von weitem kündigt sie dem Spaziergänger im Stadtgraben den Spielplatz an und vor allem die Kinder können sich seinem Charme nicht entziehen. Jim Knopf wird stets gestreichelt und umarmt.

Das im Meer aus blauem Holzhäcksel ankernde Schiff der Wilden 13 wurde von der Fa. Spielträume mit gebogenen Planken, wie ein echtes Boot konstruiert und handwerklich perfekt umgesetzt. Es ruht auf zwei Federbeinen und hält auch heftige Sturmfahrten mit voller Besatzung aus – ein geeignetes Spielelement zum Toben.

Alle Spielgeräte sind aus naturgewachsenen Robinienhölzern konstruiert und vor Ort passgenau montiert. Lediglich die Wandverkleidungen und der Stegbelag bestehen aus Lärche. Jim Knopf wurde aus einem Eichenstamm geschnitzt.

 

Unser Fazit

Durch die engagierte Zusammenarbeit von Schülern, dem Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen Augsburg mit seinen Verantwortlichen und Landschaftsbaulehrlingen, der Fa. Spielträume, der Augsburger Puppenkiste, Sponsoren (Erholungsgebiete-Verein Augsburg e. V., Lions Club Augsburg Reatia, Herr Prof. Jerschke), Planern und involvierten Bürgern konnte im Stadtgraben Augsburg mit einem begrenzten Budget ein individuell gestalteter, themenbezogener Spielplatz, der zudem Angebote für verschiedene Altersgruppen bietet, entstehen.  Vom ersten Augenblick an erfreute sich der Spielplatz äußerster Beliebtheit, die sofort auch zum Problem wurde. Leider waren die aus Kostengründen in Rasen ausgeführten „Berge“ Lummerlands“ bald nicht mehr grün und mussten mit grünem Teppichvlies nachgebessert werden. Die Ästhetik hat gelitten, der Spaß am Spiel sicher nicht.

In einem zweiten Bauabschnitt ist geplant, den Weg vom Puppentheater zum Spielplatz durch Figuren der Puppenkiste zu begleiten.

 

Foto: Brugger Landschaftsarchitekten / Atelier Spielträume Bamberg

 

Weitere Informationen:

brugger_landschaftsarchitekten

Deuringerstr. 5a    

86551 Aichach    

Tel. 08251 8768-32

www.brugger-landschaftsarchitekten.de

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