„Besser draußen bewegen?“ - Sport und Bewegung in Parks und urbanen Räumen aus bewegungswissen- schaftlicher Perspektive

von Dr. Henrike Adler (Dipl. Sportwissenschaftlerin)

„Besser draußen bewegen?“ - Sport und Bewegung in Parks und urbanen Räumen aus bewegungswissen- schaftlicher Perspektive

Große Bereiche der menschlichen Sensorik und Motorik sind in der Stadt unterfordert oder werden unfunktional beansprucht. Evolutionär betrachtet sind Struktur und Funktion des Menschen auf eine Lebensweise ausgelegt, die sich nur bedingt in den Lebensumfeldern der heutigen Zeit umsetzen lässt (z.B. Lagerström 2007, Kellert & Wilson, 1993). Dies gilt sowohl für die Physis des Menschen, als auch für z.B. Kognition, Emotion und Interaktion (vgl. z.B. Petzold 1971, 4; 2014). Die Ermöglichung von Bewegung in möglichst natürlichen Umfeldern bietet ein vielfältiges Potential zur Verbesserung der individuellen Bewegungsqualität sowie zur Prävention (und Therapie) verschiedenster Krankheiten (Lagerström, 2007). Bowler et al (2010) finden in ihrer Meta-Analyse einige Vorteile von Bewegung in natürlichen Umfeldern gegenüber synthetischen Umfeldern. Dazu gehört aus bewegungswissenschaftlicher Sicht auch die Chance auf gleichmäßige Beanspruchung des Körpers durch variable und vielfältige Bewegungsherausforderungen.

Nicht jeder Mensch bewegt sich gleich gern in natürlichen Umfeldern. Dennoch hat das Umfeld auf jeden Menschen eine objektiv messbare Wirkung. Natürliche Umfelder scheinen mehr und andere Bewegungsan- und –aufforderungen (vgl. Gibson 1979, Lippens und Nagel, 2009c, S. 318) zu enthalten als standardisierte Umgebungen. Die Integration von natürlichen Reizen in urbane Bewegungslandschaften ist ein Gewinn sowohl für die physische und psychische Gesundheit.

 

Das Umfeld beeinflusst die Bewegungsqualität

Das Umfeld hat eine fundamentale Wirkung auf auf die Bewegung eines Menschen, der Raum beeinflusst die Entstehung von entsprechenden Koordinationsmodi. Motorik und Sensorik beruhen aufeinander. Die Qualität der Motorik, der Bewegung, kann nie besser als die Qualität der Sensorik, der Wahrnehmung, sein. Es handelt sich um abhängige Qualitäten. Im Zusammenspiel von Wahrnehmung und Bewegung einer Person ergeben sich mehr oder weniger funktionale, das heißt auch mehr oder weniger gesunde Bewegungslösungen.

Der Mensch als organisches Wesen profitiert von ästhetischen Erlebnissen, die eine Stimulation der Sinne darstellen. Variationen und Differenzen in der Sensorik befähigen den Menschen zum Aufbau eines großen Wahrnehmungs- und Bewegungsspektrums. Nichtkontiguitäten, also das Nichtübereinstimmen von erwarteten mit eingetretenen Sinnesreizen, sind für das Lernen von Bewegung in dynamischen Umfeldern notwendig. Durch vielseitige Erlebnisse mit multisensorischer Stimulation wächst die Handlungskompetenz einer Person. Je besser man den Untergrund wahrnimmt, desto angemessener kann man sich darauf bewegen.

Bei der Fortbewegung im urbanen Alltag sind plane Gehwege und standardisierte Treppenstufen allgegenwärtig. Barrierefreie Umfelder haben ein starkes Potential, degenerativ zu wirken, solange keine Funktionseinschränkungen vorliegen. Als langfristige Folge ökonomisch geprägten Bewegungsverhaltens in standardisierten Umfeldern entsteht ein Mangel an kreativen und passenden Bewegungslösungen für unerwartete Situationen. Durch zu „einfache“ Umfelder entwickelt sich eine Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten, die Bewegungskompetenz wird reduziert.

Die Sensoren in den Fußsohlen erfahren, durch Schuhe abgedämpft, auf planem Untergrund ein hohes Maß an gleichförmigen Reizen. Der Vestibularapparat wird durch die Gleichförmigkeit planer Untergründe wenig gereizt.

Auf der Ebene der Bewegung besteht ein Mißverhältnis von allgemeinem Belastungsumfang (die meisten Menschen bewegen sich zuwenig) und -qualität. Bestimmte Körperstrukturen, wie z.B. Sehnenansätze beim Laufen auf Asphalt, werden überbelastet, während viele Funktionen ungenutzt bleiben: z.B. rückwärts gehen oder das Gehen auf wackligen Untergründen. Da Funktion und Struktur des Körpers eng zusammenhängen, zeichnen sich die Auswirkungen auch in im körperlichen Zustand, der Kondition, ab.

Im Kindesalter sind vielseitige Erfahrungen zur Ausbildung koordinativer Leistungen besonders wichtig. Im Idealfall bildet sich ein großes, variables Bewegungsspektrum. Im Erwachsenenalter kommt es zu einem Rückgang von funktionaler Variabilität. Der Mensch greift am liebsten auf vertraute Lösungen zurück, denn durch Gewohnheiten kann Energie gespart werden. Gleichzeitig schränken Gewohnheiten allerdings die Handlungsfähigkeit ein, weil mögliche Handlungsalternativen weniger gut entwickelt werden. Entdeckendes Bewegen, bzw. exploratives Verhalten wird mit zunehmendem Alter nicht weniger wichtig. Sich-Anpassen-Können an verändernde Bedingungen ist in Anbetracht der unendlichen Vielzahl von Herausforderungen in alltäglichen und sportlichen Situationen wichtiger als „Bedingungen-können“.

 

Sensomotorische Herausforderungen natürlich variierender Untergründe

In natürlich variierenden Umfeldern bestehen variable Bewegungsan- und –aufforderungen (Lippens und Nagel 2009c, S. 318, Adler 2011). Licht, Temperatur, Nässe, Vegetation prägen die Bodenbeschaffenheit und stellen durch die immanente Dynamik anspruchsvolle Wahrnehmungs- und Bewegungs-Herausforderungen dar. Natürlich variierende Böden sind z.B. konvex, konkav, uneben, unregelmäßig, labil, instabil, plastisch oder elastisch. In der Fortbewegung bewirkt dies oftmals eine Reduktion der Standfläche (z.B. durch Neigungen und Steine) und damit, eventuell auch unter sich ändernden Lichtverhältnissen, anspruchsvolle Bewegungssituationen. Diese unterscheiden sich ständig und fordern Flexibilität und Anpassung – bei jedem Schritt. Die Beschaffenheit des Untergrundes kann zwar auf der Basis von Erfahrungswerten abgeschätzt werden, bleibt letztendlich aber neu und unvorhersehbar (Fjørtoft, 2004, S. 23). Natürlicher Boden ist „ungewöhnlich“ im Sinne einer ständig notwendigen Anpassung und einem Ausbleiben von Bewegungsgewohnheit im Sinne stereotyper Lösungsmuster.

Beim Gehen auf unebenem Untergrund muss situativ sowohl der expropriospezifische Abstand vom Boden zum Fuß, als auch der propriospezifische Abstand u.a. von den Füßen zur Hüfte wahrgenommen werden. Beide Abstände müssen relativ zu Beschaffenheit und Neigung des Untergrundes aufgefasst werden, um erfolgreiche Fortbewegung zu ermöglichen (vgl. Lee, 2005). Während auf ebenem, festem Untergrund (z.B. glattem Asphalt) eine der abzuschätzenden Größen auf einer bestimmten Strecke gleich bleibt und nur die Position und Dynamik der Person variiert, ist auf natürlichem Untergrund auch die potentielle Dynamik desselben in die Schätzleistung mit einzubeziehen. Für das Bewältigen steiler An- oder Abstiege nutzt man andere Muskelanteile als in monotonen Umfeldern.

Neben den konditionellen Aspekten eines Trainings werden in variierendem Gelände auch die koordinativen Leistungen, wie Wahrnehmung, Reaktion, Orientierung und vor allem das Gleichgewicht trainiert. Beim Betreten unregelmäßiger Untergründe wird eine schnelle und angemessene Anpassung des Gleichgewichtes verlangt. Dadurch verbessert sich die Balance in Stand und Fortbewegung, eine gleichmäßige Belastung von aktivem und passivem Bewegungsapparat ist durch nicht-stereotype Bewegungen gewährleistet. Dies liegt einerseits in der verstärkten Ansprache gelenknaher Stützmuskulatur - auch der Rücken- bzw. Rumpfmuskulatur, als auch an der verstärkten Reizung der Fußsohlen. Dadurch können sowohl Umknickverletzungen in Knie- und Sprunggelenken vermieden, Stürze reduziert und Rückenschmerzen vorgebeugt werden. Vor allem, wenn beide Füße unterschiedliche Untergründe zu bewältigen haben oder die Unterstützungsfläche verkleinert oder labil ist, ist die Haltemuskulatur gefordert. Dies hat eine hohe Bedeutung nicht nur in der Prävention von Sportverletzungen, sondern auch im Alltag Älterer, um der altersrelatierten Veränderung der Gleichgewichtsstrategien entgegenzuwirken (vgl. Horak et al. 1990, Adler, 2011). Durch die Verbesserung von Eigen- und Fremdwahrnehmung durch multisensorische Reize lassen sich viele potentielle Unfallsituationen vermeiden. Das Unfall- und Sturzrisiko kann mit der Verbesserung der Differenzierungsleistung beim Gehen reduziert werden (Adler 2011). Unfunktionale Bewegungsautomatismen lassen sich durch entsprechendes Training auflösen (Nagel 1997, 2014).

 

Gestaltung von begehbaren Grünräumen

Lebensumfelder so zu gestalten, dass gesundheitsförderliche Bewegungsformen nicht nur möglich werden, sondern in den Alltag vieler integriert werden, stellt einen wesentlichen Anspruch an die Grundsätze nachhaltiger Stadtplanung dar.

Der Leitgedanke barrierefreier Umfelder sollte für nicht eingeschränkte Personen nicht zum Maßstab werden, stattdessen sollten individuell ansprechende und anspruchsvolle Untergründe aufgesucht werden können. Entsprechende Bewegungsräume müssten für alltägliche, unorganisierte Nutzung bereitgestellt und gepflegt werden (Hahn & Craythorn, 1994).

Die Nutzung natürlich variierender Umfelder ist aufgrund der o.g. Wirkungen nicht nur als Bewegungs- und Trainingsumfeld zu empfehlen, sondern ganz besonders auch zur Bewältigung alltäglicher Wege. Das regelmäßige Zurücklegen von Wegen per Fahrrad und zu Fuß ist nicht nur aus ökologischen Gründen empfehlenswert, sondern auch aus gesundheitsökonomischen. Die Investition in attraktive, begehbare, wo möglich auch befahrbare Parks und Grüngebiete in den Quartieren kann, wie ein Beispiel aus Glasgow zeigt (2013), eine deutliche Entlastung des kurativen Sektors mit sich bringen.

In begehbaren Grünräumen sollten Herausforderungen geboten werden, die möglichst viele Differenzen beinhalten und damit dem Anspruch der Vielseitigkeit gerecht werden. Hinsichtlich des Untergrundes sollten Geländeformen gestaltet werden, die eine möglichst hohe Variation in Form, Reibung und Konsistenz bieten, gleichzeitig aber kein hohes Unfallrisiko darstellen.

Als Untergrund für gesundheitsförderliches Training, wie z.B. Gehen oder Laufen, sind weiche, federnde Böden zu empfehlen (z.B. Waldboden). Trotz einer hohen Nutzungsrate soll die Dynamik des Umfeldes erhalten bleiben. Hinsichtlich einer optimalen sensomotorischen Ansprache ein natürliches Maß an Labilität, Plastizität bzw. Elastizität wünschenswert. Hier wären mehr Untergründe wünschenswert, die, wie z.B. Finn(en)bahnen aus Holzschnitzeln oder Sandflächen, auch bei hoher Belastung variabel bleiben und dabei relativ leicht zu pflegen sind.

Idealerweise werden solche Untergründe in Form von (Rund-) Bahnen, Wegen oder Parcours angelegt, die auch Steigungen, Kurven und ggf. Hindernisse beinhalten, um vielfältige sensorische und motorische Anforderungen, idealerweise in der Fortbewegung, zu bieten. Öffentliche Begegnungsräume, die zu spielerischer Bewegung einladen, sind gerade für Bevölkerungsgruppen, die für klassische Maßnahmen des Gesundheitssportes wenig zugänglich sind, von hoher Bedeutung (Weingarten, S. 2015). Aufgrund der stetigen Zunahme von Krankheiten, die durch Bewegungsmangel ausgelöst werden, ist es von besonderer Wichtigkeit, vielseitige Angebote zu schaffen, die sich im Spektrum der individuellen Interessen und Motivationen widerspiegeln. Kinder, die in der Nähe von Grünflächen leben, zeigen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einen Anstieg des BMI im Laufe ihres Lebens (Bell et al. 2008. Die Menge an zugänglichen Grünflächen in der Nachbarschaft kann die Höhe der körperlichen Aktivität beeinflussen (Ellaway et al. 2005, Sugiyama et al, 2010) und hat damit starken Einfluss auf die Gesundheit.

Naturerlebnisse wirken sich in Form von stimmigen, multisensorischen Eindrücken bei gleichzeitiger mentaler Erholung positiv auf die Motivation aus und können so die Entwicklung langfristiger Änderungen des Bewegungsverhaltens begünstigen.

Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für Anleiter/innen von Aktivitäten in Parks und öffentlichen Grünflächen müssen neben dem theoretischen Wissen über Synergieeffekte von Bewegung und Aufenthalt in möglichst natürlichen Umfeldern zahlreiche Möglichkeiten der praktischen Durchführung in unterschiedlichsten räumlichen Gegebenheiten unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte vermitteln. Sportvereine können hier mit qualifizierten Übngsleiter/innen und Trainer/innen eine wichtige Rolle übernehmen und gleichzeitig durch die Nutzung öffentlicher Bewegungsräume profitieren.

 

Foto: Playparc

 

 

Die Literaturliste sowie eine ausführliche Handreichung mit dem Titel "Sport und Bewegung in Parks und urbanen Räumen aus bewegungswissenschaftlicher Perspektive" (Adler et al, 2015) steht sowohl für Landschaftsplaner (Band I) als auch für Trainer/innen und Übungsleiter/innen (Band II (2016): "Besser draußen trainieren?") zur Verfügung und kann unter henrike.adler@gmx.de angefordert werden.

 

 

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