Schule braucht Bewegung

Schule braucht Bewegung

Prof. Dr. Ingo Froböse im Interview mit der Fachzeitschrift Playground@Landscape.

Ingo Froböse ist Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Art und Intensität des Schulsports sind ständige Diskussionsthemen. Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse über Entwicklungen, Probleme und Chancen für die Kinder in diesem Unterrichtsfach.

An den Schulsport und den Pausenhof hat jeder seine ganz persönlichen Erinnerungen. Und seit jeher geben sich einige Schüler große Mühe, möglichst selten an diesen Unterrichtsstunden teilzunehmen. Andere Kinder und Jugendliche können dagegen gar nicht genug von der Bewegung während der Unterrichtszeit bekommen. Wie haben sich eigentlich der Status des Schulsports und auch seine Inhalte verändert?

 

Playground@Landscape: Herr Froböse, woran denken Sie, wenn Sie auf Ihren Schulsport zurückblicken?

Prof. Dr. Ingo Froböse: Ich habe sehr gute Erfahrungen in meinem Schulsport gemacht - zumindest in der Grundschule. Dort habe ich den Spaß am Sport vermittelt bekommen. Inhalte waren die guten "alten" Sportarten: Turnen, Leichtathletik, Schwimmen und dazu kam regelmäßig immer auch mal ein Ballspiel dazu: Völkerball zum Beispiel habe ich geliebt!

Später auf dem Gymnasium war es weniger gut, weil dort nur bedingt der Spaß und die Freude am Sport mit vermittelt wurden. Da ich aber sowieso ja parallel sportlich vielfältig unterwegs war, war das für mich nicht schlimm. Ich weiß aber, dass einige meiner Mitschüler sehr im Sport gelitten haben und leider bis heute nicht den Zugang dazu gefunden haben. Schade!

 

P@L: Warum ist der Schulsport dennoch wichtig?

Ingo Froböse: Schulsport ist sehr wichtig, denn schließlich verbringen nun auch junge Schüler fast den gesamten Tag stillsitzend im Unterricht, da ist eine bewegte Pause zwischendurch unerlässlich, um Stress abzubauen, den Kreislauf in Schwung zu bringen und neue Energie für nachfolgende Stunden zu sammeln. Denn während einer aktiven Pause können Kinder einfach mal abschalten und sich danach viel besser konzentrieren und sind auch aufmerksamer. Mathematische Formeln lassen nach einer Sportstunde viel besser auswendig lernen, als nach einer Stunde Englisch, in der auch stillgesessen wird und konzentriert gearbeitet werden muss.

Zusätzlich muss Kindern wieder Spaß am Sport vermittelt werden! Der Sportunterricht sollte auch ein Mittel darstellen, dass Schülern wieder einen Zugang zur Bewegung eröffnet. Denn oft verbringen Schüler fast Ihren kompletten Tag sitzend: von der Schule geht’s nach Hause und auch dort wird die Freizeit oft sitzend am PC oder vor dem Fernseher verbracht, was u.a. Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Übergewicht und Diabetes Mellitus fördert.

 

P@L: Welche Rolle spielt der Pausenhof als Bewegungsraum?

Ingo Froböse: Auch der Pausenhof kann und muss als aktive Pause genutzt werden.  Denn nach 70-90 Minuten stillsitzen und konzentrieren brauchen Körper und Geist eine Pause. Vor allem Bewegung an der frischen Luft hilft hier, um den Kopf freizukriegen und bereit für die nächste Unterrichtsstunde zu sein. Daher sollte der Pausenhof den Schüler genügend Möglichkeiten zur Bewegung ermöglichen.

 

P@L: Die letzte größere wissenschaftliche Untersuchung stammt aus dem Jahr 2003. Ein Indiz dafür, dass der Schulsport nicht richtig ernst genommen wird?

Ingo Froböse: Dem Schulsport sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die vom DOSB angeordneten 3 Stunden Schulsport pro Woche können oft aufgrund von Personal- oder Hallenmangel von vielen Schulen gar nicht umgesetzt werden.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen sind wünschenswert, um zu erkennen, ob es eine Verschlechterung oder Verbesserung des Schulsports seit 2003 gegeben hat.

Hinsichtlich der steigenden Zahlen von übergewichtigen oder bereits an Zivilisationskrankheiten erkrankten Kinder, muss der Schulsport ernster genommen werden, denn er könnte ein Mittel zur Intervention und Prävention genutzt werden.  Dazu kommt, dass der Schulsport auch zur Aufgabe haben sollte, Freude und Spaß an Bewegung zu vermitteln. Nur so kann eine Nachhaltige Veränderung der Gewohnheiten von Kindern erreicht werden.

 

P@L: Ist es dann noch richtig, dass Schulsport benotet wird?

Ingo Froböse: Diese Frage könnte man natürlich auch auf alle Schulfächer beziehen. Aber ich als ehemaliger Leistungssportler, spreche mich für eine Benotung aus. Im Leben wird es immer jemanden geben, der besser oder schlechter ist als wir. Genauso müssen Kinder mit Sieg und Niederlag umgehen lernen, dass ist ein Teil unseres Lebens. Der Sport kann hier eine erste Erfahrungsstätte sein. Dennoch überlasse ich die Frage, inwieweit es Sinn macht schulische Leistungen einzufordern und zu benoten, lieber den Pädagogen.

 

P@L: Wird der Lehrplan noch immer von Turnvater Jahn bestimmt oder ist er moderner geworden?

Ingo Froböse: Der Lehrplan ist durchaus moderner geworden. Turnelemente von Turnvater Jahn werden kaum noch im Schulunterricht durchgeführt. Trotzdem wird dem Schulsport oft vorgeworfen nicht zeitgemäß zu sein und oftmals scheint die Ausführung des Unterrichts als zu simpel. Den Kindern einen Ball zu geben und zu sagen „heute wird Fußball gespielt“ ist definitiv zu wenig und schießt am Ziel vom Schulsport vorbei. Mittelpunkt sollte eher die Motivation zu mehr Bewegung auch außerhalb des Schulunterrichts sein und die Vermittlung von Körpergefühl und Körperwahrnehmung.

 

P@L: Warum werden keine Trendsportarten in den Schulsport integriert? Trampolin ist ein Hype. Calisthenics?

Ingo Froböse: Das Problem hierbei ist, dass oft ein veralteter Lehrplan vorliegt, der wenig Spielraum für neue Ideen lässt. Bei Trends wie „Jumping-Fitness“ spielt aber natürlich auch ganz klar die finanzielle Komponente eine Rolle, schließlich kann eine Schule nicht ohne weiteres 30 Trampoline zur Verfügung stellen.

Trends wie Calisthenics oder Freeletics könnten hingegen ohne größere Probleme durchgeführt werden, hier müsste sich dann das Personal ausgiebig über den neuen Trend informieren und auch motiviert sein, den Schülern die neue Sportart zu vermitteln und vorzustellen. Aber einfach drauf los zu trainieren wäre auch nicht ratsam, da bei diesen Sportarten das eigene Körpergewicht als „Trainingsgerät“ benutzt wird. Ist ein Kind Übergewichtig kann das nicht nur zu Frust führen, sondern auch die Kinder überanstrengen.

 

P@L: Wie hat sich die Sportlichkeit der Kinder verändert?

Ingo Froböse: Hier lässt sich ein eher negativer Trend erkennen. Immer mehr Kinder verbringen ihre Freizeit inaktiv, es wird oftmals weder auf dem Spielplatz rumgetobt, noch im Verein Sport betrieben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Sportlichkeit von Kindern nachgelassen hat. Laut der Forschungen von 2003 schafften es mehr als die Hälfte der untersuchten Jungen und über ein Drittel der Mädchen nicht, beim Vorbeugen mit gestreckten Beinen den Boden mit den Händen zu berühren. 86 Prozent der Kinder konnten keine Minute lang auf einem Bein stehen und auch rückwärts auf einem Balken zu balancieren stellte für ein Drittel eine sehr große Herausforderung dar.  Diese Werte zeigen einen Rückgang in der Motorik und Koordination im Vergleich zu Werten, die in den 70er Jahren ermittelt wurden. Hier besteht Interventionsbedarf!

 

P@L: Kann man das Rad nochmal zurückdrehen?

Ingo Froböse: Definitiv und das ist auch wichtig! Kindern muss von klein auf wieder mehr Zugang zu Bewegung ermöglicht werden. Das kann natürlich nicht allein durch den Schulsport passieren, sondern muss am besten schon im Elternhaus vorgelebt werden. Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden wieder mehr Sport zu treiben. Voraussetzung dafür sind aber auch sichere und saubere Spiel- und Sportplätze.

 

P@L: Was würden Sie sich wünschen für den Schulsport?

Ingo Froböse: Zunächst würde ich mir wünschen, dass der Schulsport an Leistungsgedanken etwas verliert und der Spaß an der Bewegung und die Interaktion mit den Mitschülern im Vordergrund stehen. Die Schüler sollten durch den Schulsport inspiriert und motiviert werden auch nach dem Unterricht körperlich aktiv zu sein. Im besten Fall motivieren dann die Kinder auch die Eltern, Geschwister oder Freunde sich körperlich zu betätigen, um gemeinsam Spaß an der Bewegung zu haben.

 

Das Interview führte Thomas R. Müller (Playground@Landscape)

 

Foto Prof. Ingo Froböse: Sebastian Bahr

 

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