Spielen ist für Kinder lebenswichtig

von Jeanette Fich Jespersen, Leiterin KOMPAN Spiel Institut, Odense (Dänemark)

Spielen ist für Kinder lebenswichtig

Kinder werden zunehmend durch Kindergärten und Krippen betreut. Die Kinder verbringen ihre Zeit immer mehr außerhalb von ihrem Zuhause in Tagesstätten. Es bleibt weniger Zeit für die Familie, da beide Elternteile arbeiten. Hinzu kommt ein Anstieg der Fernsehzeit bei Familien, wovon ebenso die Kleinkinder betroffen sind. All diese kulturellen und sozialen Veränderungen haben Einfluss auf die Entwicklung unserer Jüngsten.

Körperliche Entwicklung bei Kleinkindern: Kleinkinder, wie ihre Eltern auch, führen zunehmend ein Leben im Sitzen: Sie werden in Kinderwagen, Autositzen usw. transportiert und laufen selten selbst.
Fernsehen und Computer-Programme für Kinder unter 18 Monaten fördern nicht die körperliche Aktivität. Ebenso wenig das Leben in vielen Tageseinrichtungen. Das Zahlenverhältnis von Erwachsenem pro Kind erlaubt nicht viel Zeit für körperliche Aktivität und daher wird die meiste Zeit des Tages drinnen verbracht.
Die Ergebnisse sind auffallend. Mehr und mehr europäische Kleinkinder haben eine verzögerte motorische Entwicklung, weil die Kinästhetik und der Gleichgewichtssinn zu wenig gefordert und geübt werden. Das führt zu Kindern, die länger dafür brauchen, um in die Fähigkeiten ihres Körpers zu vertrauen. Kinder, die über keine gute Überkreuz-Koordination verfügen, haben Schwierigkeiten, ein Kletternetz zu besteigen oder einen Ball zu fangen. Kinder, die ihre grobmotorischen Fähigkeiten nicht ausreichend geübt haben, bekommen Schwierigkeiten mit ihrer Feinmotorik. Nicht zuletzt sind mehr und mehr Kinder dazu bestimmt, übergewichtig und fettleibig aufzuwachsen, wenn keine Anstrengungen unternommen werden, um die körperliche Aktivität zu fördern.

Soziale Veränderungen bei Kleinkindern: Das soziale Leben von Kleinkindern wurde kürzlich näher beobachtet – mit ganz interessanten Erkenntnissen.
Bisher wurde angenommen, dass Kleinkinder überwiegend mit ihrer eigenen körperlichen und kognitiven Entwicklung beschäftigt seien. Die soziale Interaktion sei zweitrangig.
Die zunehmende Institutionalisierung von Kleinkindern hat dazu geführt, dass sie sich den ganzen Tag in Gesellschaft mit Gleichaltrigen befinden. Es stellte sich heraus, dass Kleinkinder in viel größerem Ausmaß sozial miteinander interagieren als vorher angenommen. Forscher haben beobachtet, dass Kleinkinder sich Wiederholungsspiele in Gruppen haben einfallen lassen und dabei Aktivitäten und Geräusche voneinander nachahmten.
Zum Beispiel nahmen sich einige Kleinkinder niedrige Hocker, stellten sie in einer Reihe auf und sprangen nacheinander runter und brüllten freudig “heeey”.

Sprachbeherrschung bei Kleinkindern: Die Sprachbeherrschung von heutigen Kleinkindern leidet in den meisten europäischen Ländern unter einer Verzögerung. Einer der Haupt-Treiber für die Entwicklung der Sprache ist die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind. Dazu zählt es, wenn Erwachsene Augenkontakt mit dem Kind halten, sich mit ihnen beschäftigen, Gegenstände benennen, Gegenstände vergleichen und Gegenstände und Situationen beschreiben.
Somit ist es eine der größten Aufgaben von Betreuern, die Sprachentwicklung zu unterstützen. Dafür sind Mittel hilfreich, welche die verringerten von-Angesicht-zu-Angesicht Interaktionen ausgleichen. Dazu gehören Gegenstände, welche die hausnahen Situationen widerspiegeln oder die Fantasie entfachen, um das aufkommende Fantasie- und Rollenspiel der Kleinkinder zu unterstützen. Gegenstände, die beschrieben werden können, von denen berichtet werden kann, die benannt oder verglichen werden können. Gegenstände, die genau das bei den Kleinkindern unterstützen sollen, werden hilfreich sein bei der Erhaltung der Sprache in einem institutionellen Umfeld, das sich mit Kleinkindern beschäftigt.

Mehr Körper als Geist: Menschen sind bei der Geburt mehr Körper als Geist und bauen ihre geistige Leistungsfähigkeit erst auf, um später im Leben mehr Geist zu sein. Das nimmt einiges an physischem Training und Zeit in Anspruch. In einer Zeit des schnellen Wandels, in der viele Erwachsene sich um die Zukunft ihres Nachwuchses sorgen, beginnt die Beschulung in einem immer früheren Alter. Das hilft den Kleinkindern nicht unbedingt für ihr weiteres Leben, wenn diese Zeit von der Spielzeit weggenommen wird, welche die Kleinkinder normalerweise mit physischer Aktivität verbringen. Kleinkinder brauchen physisches Spiel, um grundlegende Fähigkeiten für ihr späteres Lernen zu entwickeln. Sie lernen und entwickeln sich beim Spielen.

Proportionen von Kleinkindern: Wenn Politiker und Eltern an einem effizienteren Kindergarten-Konzept arbeiten, wird häufig vergessen, wie klein Kleinkinder sind.
Beim Thema Kleinkind-Entwicklung, sollten Erwachsene es recht wörtlich nehmen, wenn es heißt: “aus der Kinderperspektive”.
Runter auf unsere Knie gehen, um die Welt auf ihrer Augenhöhe zu sehen, ist ein guter Anfang, um Abmessungen und Proportionen von Kleinkindern zu verstehen. Ein 2-jähriges Kind ist durchschnittlich 90 cm groß. Die Proportionen eines Kleinkind-Körpers unterscheiden sich von denen eines Erwachsenen. Kleinkinder haben proportional gesehen einen größeren Kopf und kürzere Arme und Beine. Das erschwert das Balancieren. Spielbereiche für Kleinkinder sollten im Allgemeinen die Ergonomie und die Entwicklung von Kleinkindern berücksichtigen.

Der Gleichgewichtssinn: Der Gleichgewichtssinn sollte durch Kleinkinder geübt werden, da ihre Körperproportionen es ihnen verhältnismäßig schwerer machen, das Gleichgewicht zu halten. Der Gleichgewichtssinn wird durch körperliche Aktivität trainiert, z.B. durch sanftes Schwanken, Schaukeln oder Drehen. Auf dem Bauch liegend nach vorne und hinten schaukeln ist eine attraktive Aktivität, denn Kleinkinder können noch nicht richtig und alleine schaukeln. Der Rhythmus dieser Bewegung fördert die Grundlage für Sprache. Es wurde häufig beobachtet, wie Kinder melodisch singen, wenn sie vor und zurück schaukeln.

Raumgefühl: Die räumliche Wahrnehmung von Kleinkindern ist noch nicht vollständig entwickelt. Sämtliche Wörter, die Raum beschreiben, müssen einbezogen werden.
Wenn Kleinkinder nicht mehr erfahren können, was es bedeutet, über oder unter zu sein, über etwas oder unter etwas hindurch zu klettern, höher oder niedriger zu sitzen, dann verpassen sie das grundlegende Verständnis für Maße und Raum und somit später auch Mathematik. Die räumliche Wahrnehmung muss angemessen trainiert und herausgefordert werden.

Visuelle und taktile Wahrnehmung: Aufgrund der verzögerten Reaktionszeit der Nerven bei Kleinkindern, brauchen sie länger, um die physische Umgebung zu erfassen. Stufen, Treppen usw. nehmen häufig ihre komplette Konzentration in Anspruch, um gemeistert zu werden. Der Tastsinn eines Kleinkindes ist nicht auf dem Stand eines normalen Erwachsenen. Die Hand-Auge-Koordination, etwas sehen und es mit der Hand greifen wollen und der Tastsinn müssen angeregt, unterstützt und trainiert werden.

Aufkeimen von Freundschaften: Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Kleinkinder soziale Interaktion pflegen, obwohl ihr sprachliches Repertoire noch sehr eingeschränkt ist. Sie erfinden Wiederholungsspiele und spielen diese in Gruppen, wobei sie die Handlungen und Geräusche der anderen wiederholen. Förderlich sind Federwippgeräte, kleine Wippen oder - um den Augenkontakt zu ermöglichen - paarweise aufgestellte Bauchschaukeln und ganz allgemein das Spielen in Zweier- oder Dreiergruppen sowie thematische Rollenspielgeräte, die auch physische Aktivität erlauben.

Angeborener Spieltrieb: Zum Glück brauchen Kleinkinder nur wenig Aufmunterung, um Spiel-Situationen aufzugreifen, welche die oben genannten physischen Herausforderungen anregen und trainieren. Um zu gewährleisten, dass die Aktivitäten für die Kleinkinder mit Freude verbunden bleiben, sollten Erwachsene beim Verbessern ihrer Fähigkeiten keinen Druck auf die Kinder ausüben, jedoch sie gerne aufmuntern und unterstützen.

Kleinkindspielgeräte für die Kindesentwicklung: Um auf die Veränderungen des Alltages und die Bedürfnisse von Kleinkindern zu reagieren, ist die Bereitstellung entsprechender Spielmöglichkeiten ein wichtiger Beitrag. Beispielsweise sind zur Entwicklung der Sprache, der Kreativität und der motorischen Fähigkeiten auf die Größe von Kleinkindern angepasste Spielplatzgeräte zu empfehlen. Solche Geräte sollten auf die Bedürfnisse von Kleinkindern und deren Betreuer in den Tageseinrichtungen abgestimmt sein, um sowohl die kindlichen Entwicklungsstufen als auch die Bildungsziele des jeweiligen Bundeslandes zu berücksichtigen.
Entsprechende Spielgeräte sind ideal für das Spiel, den Spaß und das Lernen an der frischen Luft – sowohl für Kleinkinder als auch für Erwachsene.


Fotos: Kompan
 

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