Trend Outdoor

Das Gegenteil von Stadt ist die Natur. Die ist aber auch das Gegenteil von Technik. Oder doch nicht?

Trend Outdoor

Sondern die situative Erfahrung von nicht-städtischem Umfeld als emotionalem Mehrwert. Natur ist damit nicht mehr der Antipode zu Technik, sondern wird durch sie erst richtig schön. Technik wird zur Basis der Naturerfahrung.

Draußen ist cool. Seit Jahren boomt alles, was draußen stattfindet. Laut der Frühlingsumfrage von Media Control wollen 79% der Deutschen Outdoor-Sport machen. Der Katalog mit den Outdoor-Event-Angeboten des Deutschen Alpenvereins umfasst 350 Seiten – so dick waren früher Telefonbücher. Nominell geht es Anbietern wie Nutzern darum, Natur zu erleben. Umfragen unter Wanderern belegen, dass fast jeder zweite diesen Sport ausübt, weil er erklärtermaßen und vor allem auf der Suche nach dem Naturerlebnis ist. Wandern, im Übrigen eine Trendsportart mit mindestens 40 Millionen Aktiven in Deutschland, verbindet auf prototypische Weise, was Menschen im beginnenden 21. Jahrhundert wollen. Raus aus der Stadt, dem Meer aus Stein und Beton, und rein in die unberührte Natur, auf der Suche nach dem Echten, dem Unverfälschten, der Authentik. So zumindest kommunizieren es die Hersteller, die Tourismuszentralen, die Sportvereine.

Doch welches Bild von Natur tragen die Menschen in die Naherholungsgebiete hinein? Und welche Natur finden sie vor? Sieht man sich die Wanderer von heute an, die Radfahrer, die Angler und Skibergsteiger, so sieht man vor allem eines: eine hochtechnisierte Version des „homo ludens“, auf der Suche nach großen Gefühlen und existenziellen Erfahrungen, aber ohne wirkliches Risiko für Leib und Leben. Die technologische Entwicklung von Sportgeräten und Outdoor-Bekleidung ist einer der zentralen Treiber des Sportbooms der Gegenwart. Material, Elektronik, Software, Apps: Von der Unterhose („First Layer“) über die nahtlose Soft-Shell bis zu den Google Glasses über dem viellagigen, semipermeablen Stormjacket – eine naturtaugliche Ausrüstung der Gegenwart hätte auch bei einer Mondfahrt technologisch eine gute Figur gemacht.

Draußen wird Outdoor

Der moderne urbane Mensch sucht Naturerfahrung, aber auf zeitgemäße Art. Und das bedeutet: Erst die Technik macht die Natur auf authentische und auf die richtige Art und Weise erlebbar. Sie wird „eventisiert“ und dem eigenen Wünschekosmos angepasst, das allerdings durchaus mit dem Wunsch und Anspruch auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Ein neues Naturbild entsteht. Neue Nutzungen, die über den Antagonismus früherer Zeiten hinausgehen und die Natur zum elementaren Bestandteil einer persönlichen Lebensstilplanung machen.
Mitte der 90er Jahre wurde die Outdoor-Branche geboren. Vorher gab es Camper, Tramper, Alpinisten. Minderheiten, die dem Rand der Gesellschaft zugehörten, entweder weil sie sich nichts anderes leisten konnten oder auf andere Art verrückt waren. Mit dem Aufstieg der Outdoor-Branche setzte eine Umwertung ein. Der große Vorteil dieser Neubewertung war eine Entideologisierung, die in fast allen Outdoor Bereichen zu einer extremen Verjüngung der Anhänger führte. Unter Outdoor ließen sich sehr viele Begriffe fassen, die mit einem Mal schick wurden:

Aus Klettern wird Climbing: Aus lebensverachtenden Sonderlingen sind längst attraktive, körperbewusste Athleten geworden. Coolness und Lässigkeit stehen hoch im Kurs. Regelmäßiges Training muss nicht mehr rund um abgelegene, wasserferne und daher hygienisch bedenkliche Biwakschachteln stattfinden, sondern kann heute in einer der geschätzten 400 Kletterhallen durchgeführt werden, die es alleine in Deutschland gibt. In Deutschland bewegen sich rund 350.000 Sportkletterer regelmäßig in der Senkrechten. Von den gut 892.000 Mitgliedern des Deutschen Alpenvereins (DAV) geben 25 Prozent an, regelmäßig klettern zu gehen. Climbing ist eine der beliebtesten Trendsportarten der letzten Jahre.

Aus Wandern wird Hiking: Zopfige Rentnerinnen und Rentner in bollerigen Kniebundhosen sind längst durch urbane Kreativarbeiter von den Wanderwegen verdrängt worden. Wer etwas auf sich hält, nimmt auch die Kinder mit, im offroadtauglichen Bugaboo-Kinderwagen. Mittlerweile hält der Buchhandel einschlägige Literatur bereit für leichte Bergtouren mit dem Kinderwagen.

Aus Fahrradfahren wird Biking: Schon seit Jahren boomt die Fahrradindustrie vor sich hin. In Deutschland gibt es geschätzte 70 Millionen Bikes (aber nur 41 Millionen Autos), jährlich verkaufen die unzähligen Hersteller 4 Millionen Räder aller Art. 15 Prozent aller Wege werden hierzulande bereits radelnd zurückgelegt. Aus dem guten alten Drahtesel ist inzwischen ein absolutes Hightech-Produkt geworden, für das man Leasing- und Kundendienstverträge abschließen kann. Neuester Wachstumsmarkt sind hierbei die E-Bikes, mit denen nun auch weniger Ausdauernde die Welt des Berg-und- Tal-Radelns für sich erschließen können. Der Branchenverband ZIV geht davon aus, dass schon bald jedes sechste verkaufte Fahrrad in Deutschland einen Motor haben wird. Während 2011 rund 300.000 E Bikes in Deutschland verkauft wurden, sollen es bis 2018 doppelt so viele werden. Damit ist das Fahrrad endgültig in der Welt der Hochtechnologie angekommen, sehen doch viele im Bike den eigentlichen Innovationsmotor der E-Mobility.

Aus Joggen wird Running: Mittlerweile geht es beim Dauerlaufen längst nicht mehr um den lockeren Trab, sondern darum, an jeder Ecke der Ausrüstung noch ein paar Gramm einzusparen, Körperflüssigkeiten noch effektiver abzutransportieren und noch besser in den Flow hineinzukommen, davonträgt. Selbstverständlich wird die eigene Leistungskurve mit einem Herzfrequenzmesser erfasst, ins Netz gestellt und anschließend verglichen und diskutiert.

Ein schöner Markt

Die gesamte Outdoor-Branche wächst seit Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2010 setzte
das Outdoor-Segment nach Angaben des Anbieters Intersport 1,8 Milliarden Euro um. Für 2011 gab die European Outdoor Group die Marktumfänge in Europa mit 10 Milliarden Euro an. Allerdings sind sich die Institutionen keineswegs einig, was nun genau zu Outdoor gehört und was nicht. Auf alle Fälle gilt aber: Im deutschen Sportfachhandel und im europäischen Markt ist das Outdoor-Geschäft ein Wachstumstreiber. Hier gab es in Deutschland im Jahr 2010 eine Umsatzsteigerung von zirka 20 Prozent. Im Jahr 2008 war hier der Umsatz bereits um 14 Prozent und 2009 um 15 Prozent gestiegen. Mit den beiden Messen ispo in München und Outdoor in Friedrichshafen liegen zudem die beiden zentralen Branchenevents im Outdoor-Boomzentrum Deutschland. Der ispo-Gründerverband VDS sagte 2011: „In der letzten Zeit haben wir als Sportfachhändler festgestellt, dass unsere Kunden bei schmaler werdendem Geldbeutel eher auf die Anschaffung eines neuen Autos verzichten, beziehungsweise sie um weitere Jahre hinausschieben, als beim Einsatz des Sports für ihre Gesundheit und, wenn man so will, auch für ihre Schönheit mit jedem Cent und Euro zu geizen.“

Die Industrie hat dabei den wesentlichen Antrieb verstanden. Seit Jahren geht es um nichts anderes mehr als um radikale Technisierung. Und die Digitalisierung ermöglicht hierbei noch einmal eine massive Beschleunigung. Mit über 300.000 Apps ist der Markt für Outdoor-Unterstützungsprogramme besonders dynamisch: Wegfindung, Kompass- und Biodatenüberwachung, Kommunikation,
Gefahreneinschätzung, Hintergrundwissen vor Ort, Community-Building.

Folgen für die Märkte

Zusammengenommen zeigen die Faktoren ein spannendes Bild und verweisen auf die große Bedeutung, die ein solcher Umschwung in der Bewertung von Natur und Authentik mit sich bringen wird:

Deutschland ist der größte und wichtigste Outdoor-Markt in Europa. Die zentralen Motive bei der Ausübung einer Outdoor-Sportart sind „psychisches Wohlbefinden, Gesundheit und Naturerlebnis“, wie eine Arbeit der Uni Bayreuth ermittelte. Sie verbinden also die individuelle Lebensenergie wesentlich mit dem Erfahren und „Nutzen“ der Natur als ausgleichendes Moment.

Für eine stabile Mehrheit von über der Hälfte der Deutschen ist Technik der Garant für ein immer leichteres Leben. Von der vielbeschworenen Technikfeindlichkeit lässt sich in Umfragen wenig finden, besonders wenn es um die Erweiterungen des eigenen Lebensumfelds geht.

Für drei von vier Deutschen ist die Stadt der normale Lebensraum. Die Urbanisierungsrate in Deutschland liegt bei 74 Prozent, damit liegt Deutschland klar über dem europäischen Durchschnitt. Nach einem Ranking des Beratungsunternehmens Mercer von 2010 nach Umweltfreundlichkeit unter 221 Städten weltweit belegen die meisten größeren Städte Deutschlands Plätze im vordersten Viertel.

Augmented Outdoor: Eventisierung der Natur

Technisierte Outdoor-Sportler bündeln einen neuen Typus des Naturburschen: Mit Hilfe einer positiv gewerteten Technik wird die Natur besser planbar (etwa, weil immer genauere lokale Wettervorhersagen eine Planung eines persönlichen Outdoor-Events mit dem Mountainbike in der Schweiz sehr viel sicherer machen), sie wird unter Risikogesichtspunkten besser einschätzbar (etwa über Lawinenlageberichte oder Community-Beiträge über den Status Quo von Wegen), sie wird intensiver nutzbar ohne schlechtes Gewissen (etwa über die Nutzung von online bereitgestellten „GPS-Tracks“ oder das Aufschrecken gefährdeter Nistvögel verhindern), und sie ermöglicht völlig neue Naturerfahrungen (etwa mit einer Slackline über einen Fluss zu balancieren, mehr Ausdauer dank weniger Auskühlung mittels moderner Klimamembran oder eine Alpenüberquerung mit einem E-Bike).
Wesentlich ist dabei eine Art Unsichtbarkeit der Technik, die zwar als Bereicherung empfunden wird, aber nicht mehr in Verbindung gebracht wird mit der schmutzigen und kalten Technik der Industriezeiten. Outdoor-Technologie ist Human-Hightech. Sie ist voll auf die Erlebniskomponente des Menschen hin erschaffen. Konsumtechnologie mit dem Ziel, die Sinne des Menschen für die Natur um ihn herum zu öffnen.

Eine wachsende Rolle spielt die architektonische Nutzung von Natur: Seit einiger Zeit werden immer mehr ursprünglich naturgebundene Ereignisse aus diesem Kontext gelöst und in den „natürlichen Lebensraum“ der Menschen verlagert: die urbanisierten Umfelder. Solche Draußen-Erlebnisse haben als Abenteuer light nur noch gefühlt mit Natur zu tun, aber viel mit Technik, die sie ermöglicht. Etwa der Kletterwald Hamburg, „direkt an der U1“ , oder sein Pendant in Straußberg bei Berlin, wo man dann auch Nachtklettern praktizieren kann. Ähnlich funktionieren Baumwipfelpfade wie der „Skywalk“ in Scheidegg im Allgäu. Umgekehrt steigern architektonische Elemente die Erlebniswerte von Outdoor-Natur bei kontrollierbarem Risiko, etwa beim berühmten Skywalk im Grand Canyon oder der Trendsportart „Klettersteiggehen“ im Hochgebirge. Hier werden Steiganlagen immer kühner konstruiert und mit zusätzlichen Thrill-Elementen aufgemöbelt: Mal klettert man direkt unter der Seilbahn, wie am Dachstein, und steigt dann über das Geländer der Seilbahnstation aus, oder man schwirrt am Drahtseil eines „Flying Fox“ mit mehr als 100 Metern Länge in 300 Meter Höhe über dem Rafting-Fluss talwärts, wie beim „Hyghflying Salzatal“.

Trendprognose

Augmented Outdoor ist ein großes Feld, von dem in den kommenden Jahren dank der schnellen technischen Veränderung noch eine Menge an neuen Entwicklungen zu erwarten ist. Hohe Urbanisierungsraten in Europa stützen den Wunsch nach einem ausgleichenden Moment. Gleichzeitig ist die Erfahrung einer unverfälschten Natur nirgends mehr gegeben, denn Natur ist überall bereits durch den Menschen bedingt, verändert und hergestellt. Über den Outdoor-Begriff wird dabei die Beziehung des Menschen zu seiner Umgebung immer mehr als Wechselwirkung verstanden und nicht mehr länger als Verlust eines festen Idealzustands, den es einst gegeben haben soll. Dies bietet viele neue Optionen im Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit. Technikfeindlichkeit weicht gerade in den jüngeren Generationen zunehmend einer Haltung, die Technik eher als Teil der Lösung, denn als Teil des Problems sieht. Nicht mehr die Veränderung der Umwelt als solche ist das Thema, an dem man sich abarbeiten muss, sondern die Frage, wie sich diese Veränderung gestalten lässt, um positive Wirkungen für beide Seiten der Gleichung zu erzeugen: den Menschen und seine Umwelt.


Weitere Informationen:
Trend-Report 2013. Matthias Horx. Dezember 2012. 128 Seiten
ISBN: 978-3-938284-71-1
Herausgeber: Zukunftsinstitut GmbH, Robert-Koch-Straße 116 E, 65779 Kelkheim, Telefon +49 6174 96 13-0, www.zukunftsinstitut.de

 

Bild: © andreusK - Fotolia.com

 

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