Schulräume als Bewegungsräume zum gemeinsamen Lernen

Von Prof. Dr. Prof. h. c. Reiner Hildebrandt-Stramann Technische Universität Braunschweig,Seminar für Sportwissenschaft und Bewegungspädagogik

Schulräume als Bewegungsräume zum gemeinsamen Lernen

Wenn im Zusammenhang mit der Inklusionsdebatte von „inklusiver Bildung“ die Rede ist, dann ist damit das selbstverständliche Zusammenleben aller Menschen im Sinne einer gleichberechtigten
Teilhabe am schulischen Leben gemeint. In einer in diesem Sinne inklusiven Schule sollen alle Kinder die Möglichkeit haben, in ihrer Schule „heimisch“ zu werden. „Heimisch“ wird man nur dann, wenn Lernen in der Gemeinschaft mit anderen erfolgt. In einem solchen inklusiven Verständnis meint Lernen die „Eröffnung und Eroberung der Möglichkeit, in der Welt heimisch zu werden, dadurch, dass man sich auf diese Welt mit ihren Eindrücken, Dingen, Gegebenheiten und Menschen (lernend) einlässt und sich mit ihnen beschäftigt“ (Girmes, 2007, S. 265). Damit sich solche Lernhaltungen entwickeln können, sind die realen Schulräume in solchen Häusern des Lernens mitentscheidend. Es müssen Räume sein, die vielfältige Lernanlässe bieten, wo die Schüler(innen) soziale Bezugspunkte, Orte der Ruhe und Entspannung und solche der Bewegung finden, aber auch Orte, die mentale und gedankliche Weite zulassen und wo Neugier sich entfalten kann. Aus der Inklusionsperspektive müssen es Räume sein, die gemeinsames Lernen unterstützen. „Der Raum ist es“, schreibt Girmes (2007, S. 266), „der Menschen darin unterstützt oder behindert, sich dabei zu erfahren, dass und wie sie sich die sozialen und kulturellen Güter, die die Räume als Ausstattung enthalten, erfolgreich aneignen können, dass sie sie mögen, verstehen und verändern können oder auch nicht“. Insofern ist der Raum, wie die Zeit, eine „Bildungsmacht“, die selbsttätiges Handeln ermöglicht oder aber einschränkt. Das trifft in spezifischer Weise vor allem auf das Bewegungshandeln zu. Räume fordern zum Erkunden durch das Sich-Bewegen auf oder unterdrücken dies und bestimmen u.a. dadurch die pädagogische Qualität einer Lehr-Lernkultur. Eine Schule, die sich als Bewegte Schule versteht, geht grundsätzlich von der empirisch belegten Tatsache aus, dass Lernen etwas mit Leiblichkeit und Bewegung zu tun hat (vgl. Hildebrandt-Stramann, 2007). Sie stellt bewusst – auch über die Gestaltung von Räumen – eine Verbindung von Lernkultur und Bewegung her, die es allen Schülern möglich machen soll, in der Schule heimisch zu werden. Ich werde im Folgenden knapp einige Schulräume vorstellen, die zur Bewegungsexploration herausfordern und dabei sowohl formelle als auch informelle Lernprozesse unterstützen.

Grundgedanke dieses Konzeptes ist es, mehr Bewegung in die Schule zu bringen und über eine veränderte Innenarchitektur einen bewegten Unterricht zu fördern. Durch ein mobiles Sitzund Tischinventar werden Lehrern und Schülern eine aktive Raumgestaltung und eine bewegte Inszenierung von Unterricht ermöglicht. Die traditionellen Stühle wurden durch bewegliche Sitzelemente ergänzt bzw. ersetzt. Diese Sitzelemente sind Würfel oder Halbwalzen, die entweder aus Styropor bestehen und mit Teppichboden überzogen oder aus Holz gefertigt sind. Sie erlauben den Schülern, unterschiedliche Arbeitshaltungen während des Unterrichts einzunehmen (dynamisches Sitzen) und sich an der aktiven Gestaltung und Inszenierung des Unterrichts zu beteiligen. So kann man mit diesen Sitzelementen Gruppentischsitzordnungen für arbeitsgleiche und arbeitsteilige Gruppenprozesse ohne Lärm und größeren Zeitverlust einrichten. Damit wird werkstattähnliches Arbeiten, Gestalten auf der Grundlage interessenorientierter Differenzierung und ein Arbeiten in projektorientierten Bezügen unterstützt.

„Durch die besondere Form der Sitzmöbel gerät das Konzept des belehrenden Unterrichts in Schwierigkeiten. Da eine Anlehnungsmöglichkeit fehlt, sind längere Sitzzeiten in strenger Sitzdisziplin schon allein physiologisch nicht durchzuhalten. Schüler und Lehrer sind faktisch gefordert, Positionswechsel vorzunehmen bzw. zu erlauben (…). Aber gerade der ‚leibhaftig’ empfundene Mangel an gewohnter Bequemlichkeit zwingt faktisch dazu, die übliche passive haltungsschwächende Sitzhaltung zum Thema zu machen“ (Sobczyk & Landau, 2003, S.
11). Das erfolgt in Unterrichtseinheiten, in denen Körper und Haltung thematisiert werden. Darüber hinaus ist es in einem mobilen Klassenzimmer den Schülern erlaubt, sich ihre Arbeitshaltungen frei zu wählen (natürlich immer in gewissen Grenzen). Damit dies möglich wird, gibt es im Klassenraum Ecken und Nischen, in denen die Schüler im Liegen, an Lese- und Schreibpulten im Stehen oder auch auf dem Flur arbeiten können.

In einem bewegten Unterricht, in dem Körper und Haltung zum Thema werden, geht es primär darum, die Kinder für ihren Körper und ihre Haltung zu sensibilisieren und darauf bezogen Verstehensprozesse zu initiieren, die ich als bewusstes Lernen bezeichne. Mit bewusstem Lernen ist hier gemeint, eine verständliche Beziehung zwischen dem herzustellen, was in den Unterrichtsstunden gelernt wird und dem, was Kinder zu ihrer freien Bewegungsentfaltung im Leben benötigen. Bewusstes Bewegungslernen zielt demnach nicht nur auf den Vorgang der Wissensvermittlung, sondern auf den Vorgang der Aneignung von Wissen, welches im Lebenszusammenhang sinn- und wirkungsvoll angewendet werden kann. Es muss sich also um einen Lernweg handeln, dessen Übungen/Aufgaben einerseits Rücksicht auf die biographischen Vorerfahrungen und Übertragungsmöglichkeiten auf das alltägliche Leben erlauben. Andererseits soll der Lernweg problemorientiert verlaufen, d.h. er soll seinen Ausgangspunkt an einem von den Schülerinnen und Schülern körperlich oder bewegungsmäßig unmittelbar erfahrenen Problem haben, das die Schüler erkennen und zu dem sie in der Folge Lösungen suchen können. Dem entspricht ein Verständnis von Unterrichten, welches Schüler(innen) zum selbstständigen Forschen und Entdecken in Auseinandersetzung mit einem konkreten Körper- oder Bewegungsthema auffordert. Es geht also um das bewusste Erleben bewegungswirksamer Vorgänge am eigenen Leib, es geht um bewusste Körpererfahrung.
Themenbeispiele sind:
Wie halte ich mich ohne Stuhllehne?
Mein Rücken ist meine Lehne!
Sich anspannen und entspannen.
Sich im Gleichgewicht halten können.
Dehnen und Beugen.
Wir entdecken und erleben unsere Füße.
Wir entdecken und erleben unsere Hände.
Mittlerweile gibt es eine Fülle von veröffentlichten Unterrichtsbeispielen zu einem „Bewegten Lernen“ (vgl. Beckmann & Riegel, 2011; Beckmann, Janssen & Probst, 2012). Gemeinsam ist allen Beispielen, dass Bewegung zu einem Medium der körperlich-sinnlichen Aneignung von Lerninhalten in einem am eigenen Tun orientierten Unterricht wird und somit eine lernerschließende Funktion erhält.
Eine zentrale Leitperspektive einer „Bewegten Schulkultur“ ist die partizipative Gestaltung, d.h. die aktive Beteiligung der in der Schule lehrenden und lernenden Mitglieder einschließlich der Eltern an der Schulentwicklung. Partizipation hat dabei neben den pädagogischen Dimensionen auch eine politische. Das soll knapp am Beispiel von Schulhof- und auch Spielraumgestaltung erklärt werden. Schulumfeld- und Spielraumgestaltung (z.B. einen Kinderspielplatz) ist eine Aufgabe, die eine objektive Bedeutung für das Gemeinwesen hat. Es geht ja nicht nur darum, eine Schulumgebung bzw. einen Stadtteil attraktiv, z.B. bewegungsfreundlich, zu gestalten. Es geht auch darum, diese als eine öffentliche Begegnungsstätte auszuweisen. Partizipation wird dann zu politischem Handeln, wenn es darum geht, das Vorhaben öffentlich vorzustellen, Argumente zu sammeln, die man vielleicht zuvor auch aus aktiven Bewegungsauseinandersetzungen mit Gegebenem
gewinnen konnte, künftige Nutzergruppen aus der Nachbarschaft in das Vorhaben mit einzubeziehen, den Hausmeister zu gewinnen, Werkzeug und Materialspenden zu organisieren, den Schulträger zu überzeugen usw. Im Rahmen von kommunalen Beteiligungsprogrammen ist die Partizipation von Kindern an der Spielplatzgestaltung in ihrem Wohnmilieu mittlerweile fester Bestandteil städteplanerischer Maßnahmen.
Kurz: Wenn man lernt, Verantwortung für einen Teil seines Lebens- und Lernmilieus zu übernehmen. Schulumfeld- und Spielraumgestaltung können in diesem Sinne durchaus als Übungsfeld für spätere Bürgerbeteiligung angesehen werden. In solchen Gestaltungsprozessen können Flure und Schulhöfe zu Bewegungsräumen, Kinderspielplätzen, sinnlichen Wahrnehmungsräumen oder auch Ruhenischen werden.


Fotos: Reiner Hildebrandt-Stramann, SIK

Literatur
Beckmann, H. & Riegel, K.(2011). Bewegtes Lernen! Mathe 1.-4. Klasse. Inhalte in und durch Bewegung nachhaltigverankern. Donauwörth: Auer.
Beckmann, H., Janßen, S. & Probst, A. (2012). Bewegtes Lernen!Deutsch 1.-4. Klasse. Inhalte in und durch Bewegung nachhaltig verankern. Donauwörth: Auer.
Dreier, A., Kucharz, D.,Ramseger, J. & Sörensen, B. (1999). Grundschulen planen, bauen, neu gestalten. Frankfurt am Main: Grundschulverband/Beltz.
Girmes, R. (2007). Die Leiblichkeit der Raumerfahrung als Grundlage pädagogischer Raumgestaltung. In R. Hildebrandt-Stramann (Hrsg.), Bewegte Schule – Schule bewegt gestalten (S. 262-273). Baltmannsweiler: Schneider.
Hildebrandt-Stramann, R. (1999). Bewegte Schulkultur. Schulentwicklung in Bewegung. Butzbach-Griedel: Afra.
Hildebrandt-Stramann, R. (2007) (Hrsg.). Bewegte Schule – Schule bewegt gestalten. Baltmannsweiler: Schneider.
Miedzinski, K. ((1983). Die Bewegungsbaustelle. Dortmund: modernes lernen.
Sobczyk, B. & Landau, G. (2003). Das mobile Klassenzimmer. Immenhausen bei Kassel: Prolog Verlag.
 

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