"Generationenparks" als Zukunftsmodell?

Christian Loderer (plancontext gmbh landschaftsarchitektur bdla)

Die zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft schlägt sich besonders ausgeprägt im veränderten Freizeit- und Sportverhalten nieder. Sport wird immer weniger in organisierter Gemeinschaft, also vereinsgebunden, betrieben. Der Einzelne ist seltener nur auf eine Hauptsportart fixiert sondern will hier und dort etwas Neues ausprobieren. Die Freizeitangebote im öffentlichen Raum sollen deshalb ohne zusätzlichen Kosten- und Zeitaufwand auf einfache Weise und zu jeder Zeit von jedem nutzbar sein.
Um diesen neuen Bedürfnissen entgegen zu kommen entstanden in der Freiraumgestaltung ständig neue Trends und Ansätze. Nach der Trimm-Dich-Bewegung der 70-er und den Barfußpfaden der 80er Jahre schwappten in den letzten Jahren immer mehr Fitnessgeräte für Erwachsene aus dem asiatischen Raum auf den deutschen Markt, deren Nutzung innerhalb spezieller Parcours sich hierzulande bisher nicht wirklich durchsetzen konnte.
Die Forderung nach Bewegungsanreizen speziell für ältere Menschen führte zur Beginn des Jahrtausends dann zunächst zur provokanten Idee von „Seniorenspielplätzen“. Statt aber im öffentlichen Raum separierte Flächen für Ältere mit monofunktionalen Nutzungen zu schaffen entstand schnell der Wunsch nach altersübergreifenden Aktionsangeboten. Daraus entwickelte sich schließlich die Idee von „Generationenparks“ oder „Generationenspielplätzen“.

Der 2008 im Rahmen der Landesgartenschau Neu-Ulm eröffnete "Generationenpark Wiley" galt als Modellprojekt dieses neuen Parktyps. Für die Umgestaltung des 18,5 Hektar großen Areals stellten die Stadt Neu-Ulm und das Land Bayern als Fördermittelgeber rund 2,8 Mio Euro zur Verfügung. Ob sich diese Investition gelohnt hat, ob dieses Konzept auch "alltagstauglich" ist und die Bewohner in den Folgejahren davon profitieren, wollen wir nun, fünf Jahre nach dem offiziellen Ende der Gartenschau betrachten. Doch zunächst fassen wir die Entstehungsgeschichte und die damaligen Planungsabsichten zusammen.

Vision eines "Generationenparks"

Durch den unmittelbar an den Park angrenzenden, im Entstehen befindlichen neuen Stadtteil und den Neubau einer Fachhochschule entstand ein hoher Bedarf an vielfältig nutzbaren Bewegungs- und Begegnungsräumen.
Statt vorgegebener Spielabläufe war es die Grundidee unseres Entwurfs, einen fließenden Übergang der Aktionsangebote zu schaffen. Durch die unmittelbare Nachbarschaft und Kombination verschiedener Sport- und Spielmöglichkeiten sollte sich ein differenziertes Sport, Spiel- und Bewegungsangebot ergeben, dessen einzelne Elemente jeweils für sich und als vernetztes Ganzes funktionieren.

US-amerikanische Serien als Inspiration

Das Gelände des heutigen Generationenparks war lange unzugänglich: Rund 40 Jahre lang befand sich hier die US-amerikanische Kaserne Wiley. Mit der Auflösung des Truppenstandortes 1991 erhielt die Stadt die einmalige Chance, das Gelände neu zu entwickeln.

Ausstattung und Design des Parks sollten die Geschichte des Ortes lebendig halten. Aus diesem Grund wurden die Spielbereiche nach beliebten US-amerikanischen Fernsehserien der letzten Jahrzehnte benannt und in den markanten Farben der US-Flagge in rot-weiß-blau gestaltet.

Der „Bonanza-Spielbereich“ greift das Thema „Cowboy und Indianer“ neu auf. Der Spielplatz liegt im Übergangsbereich zum Landschaftsraum. Das Spiel in und mit der Natur wird zum zentralen Thema. In den Naturraum wurden als Kontrast bewusst einige „künstliche“ Spielelemente eingefügt: eine „Kuhfleckenwiese“ mit Rodeoreitern, Klettertotems aus Edelstahl und bespielbare Kanadier am „ausgetrockneten Fluss“. Die Idee eines „Generationenspielplatzes“ wurde hier konsequent umgesetzt: Weidenpflanzungen trennen die Spielangebote für verschiedene Altersgruppen räumlich. So entstehen „Spielreviere“ mit natürlichen Grenzen. Ein Barfußpfad für Jung und Alt schlängelt sich durch die Weidenstreifen. Parallel dazu läuft ein „Spielpfad“ als Hindernisparcours, der eine spielerische Herausforderung für Kinder darstellt. Ein barrierefreier Weg erschließt die Anlage auch für Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen. Am nordwestlichen Eingang liegt ein Sandspielplatz mit Wasserpumpe für die ganz kleinen „Goldwäscher“. „Bonanza“ steht im Englischen für „Goldgrube“.

Der „Baywatch-Wasserspielplatz“ bildet einen weiteren Anziehungspunkt, der farblich und im Bezug auf die Ausstattung an einen Swimmingpool erinnert. In der Mitte der blauen Asphaltfläche befindet sich eine „Sandinsel“ mit Matschbereich, die von einem knallroten, bekletterbaren „Baywatch-Turm“ überragt wird. Auf der Fläche sind Wasserpistolen, Duschen und Wasserdüsen in verschiedensten Ausführungen verteilt. Die umgebenden Liegewiesen laden zu einem „Tag am Pool“ ein. Das Treiben auf dem Wasserspielplatz lässt sich von einem seitlich angegliederten Sitzplatz gut beobachten. Großzügige befestigte Asphaltinseln um die Bänke bieten auch Platz für Kinderwagen und Rollstühle. Ein Kneipp-Armbecken verschafft an heißen Tagen Abkühlung.

Im Zentrum der Anlage liegen zwei Sportfelder - ein Rasenspielfeld und ein Asphaltfeld, das auch für Open-Air-Veranstaltungen genutzt wird. Die Felder sind um rund 1,5 Meter eingesenkt um die Offenheit und Weite des Parks zu erhalten. Die Ränder bilden natürliche Tribünen, auf zusätzliche Ballfangzäume konnte verzichtet werden.
Um die Sportfelder führt eine 750 Meter lange Asphaltbahn. Sie ermöglicht die Nutzung und Erprobung von trendigen, mobilen Sportgeräten. Daran anschließend wurde ein Skatepark realisiert, der zusammen mit der Schweizer Fachfirma Bowl Constructions entwickelt wurde. Statt einer Kombination aus Fertigteilen wurde die Anlage nach Wünschen der örtlichen "Skater-Szene" vor Ort modelliert und mit einem mehrschichtigen Aufbau aus Spritzbeton überdeckt. Neben Bereichen, die auch Anfängern einen Einstieg erlauben, gibt es geradezu halsbrecherisch wirkende Bowls.
Zwischen den beiden Sportfeldern liegt der „Sportlertreff“. Von dieser Fläche unter alten Kastanien aus lässt sich das Treiben auf den Sportflächen beobachten.

Ergänzt werden diese Bereiche durch einen „Stuntmen-Spielplatz“, der mit Sprungbrettern, Bodentrampolinen und anderen Geräten ausgestattet ist. Der benachbarte Beachballbereich entspricht dem momentanen Trend, „Fun“ mit Leistung zu verbinden. Auch weit entfernt von Meer und Stränden entsteht sofort ein Urlaubsflair. Um den Beachballbereich sind organisch geformte, blaue Sitzinseln und Bänke angeordnet. Über das Ballspiel hinaus entsteht ein Treffpunkt für Jugendliche.

Balance zwischen Aktion und Entspannung

Der Park wird durch "ruhige" Spazierwege und "aktive" Wege erschlossen, die sich auch als schnelle Radverbindungen anbieten. Aktions- und Ruheangebote lassen sich so kombinieren. Die ruhigen Rundwege dienen Aktivitäten der Entspannung wie Spazierengehen an der frischen Luft, Nordic Walking oder Joggen. An ihnen sind immer wieder Sitz- und Ruhemöglichkeiten aufgereiht, die die Kommunikation fördern sollen. Die aktiven Rundwege bieten Aktions- und Sportangebote für alle Altersgruppen.

Als Gegenpol zu den Aktionsangeboten wurden auf einer abgesenkt liegenden Wiese zwischen einem historischen Verteidigungsbauwerk der Bundesfestung und einem baumbestandenen Wall behutsam einige Gartensequenzen eingefügt. Es entstanden kontemplative Räume aus unterschiedlich hohen Hecken, Schattenstauden und Farnen. Die Gärten stehen unter dem Motto menschlicher Grundemotionen und laden zur Besinnung auf sich selbst ein. Der Baumgürtel der Vorfeste wird durch einen schlichten Waldweg erschlossen, der auch ein Gelenk schonendes Joggen ermöglicht.

Der Generationenpark Wiley heute

Neu-Ulm sieht die Gartenschau rückblickend als großen Gewinn. Der Stadt war es möglich, aus dem Schatten der Nachbarstadt Ulm zu treten und sich als sich als junges und attraktives Pendant zu präsentieren.

Von Anfang an war es das ausdrückliche Ziel der Stadtverwaltung, den Generationenpark in all seinen Funktionen auf Dauer zu erhalten. Er wurde in enger Abstimmung mit der Abteilung Grünflächen konzipiert, die sich auch heute noch um die Unterhaltung und Weiterentwicklung der Anlage kümmert. Diese enge Abstimmung zahlt sich aus: Der Park ist in einem sehr guten Pflegezustand, selbst intensivere gärtnerische Bereiche wie die "Verborgenen Gärten" werden in reduzierter Form erhalten. Die Grundstruktur der Pflanzung wurde robust und verwilderungsfähig konzipiert.
Auch wartungsintensivere Ausstattungen wie am Wasserspielplatz mit seinen Bodendüsen, Spritzpistolen und Düsen funktionieren bis auf üblichen Verschleiß einwandfrei. Im Hinblick auf die Unterhaltungskosten wurde auf stehendes Wasser verzichtet. Wasser fließt nur, wenn der Bereich tatsächlich "bespielt" wird.

Das angrenzende Neubauareal Wiley hat sich in den letzten Jahren tatsächlich zum attraktiven und lebendigen Stadtteil entwickelt. Inzwischen sind rund 1.250 Wohneinheiten und drei Studentenwohnheime mit insgesamt 280 Zimmern fertig gestellt worden. Der Erfolg des Quartiers liegt nach Ansicht der Projektentwickler an der gelungenen Kombination aus zentrumsnahem Wohnen, Arbeiten und Freizeitmöglichkeiten. Die Investoren warben mit dem attraktiven Standort am ehemaligen "Gartenschaupark" und all seinen erhaltenen Attraktionen.

Ausschlaggebend für die erfolgreiche Entwicklung war für Neu-Ulms Oberbürgermeister Noerenberg neben den gelungenen Planungen vor allem auch die Einbeziehung der Bürger in das laufende Verfahren. Sie hat von der ersten Minute an für eine hohe Akzeptanz der Anlagen gesorgt.
Die Idee des "Parks für alle Generationen" bleibt durch die nach wie vor rege Mitwirkung und Unterstützung der Sportvereine und Interessengruppen lebendig. Die Einbeziehung dieser Akteure schon bei der Gestaltung hat zu einer starken Identifikation und "maßgeschneiderten" Lösungen geführt, die noch immer intensiv genutzt werden. Vermutlich gibt es durch diese Verbundenheit der Nutzer mit der Anlage auch keine nennenswerten Probleme mit Vandalismus.

Neu-Ulm hatte das große Glück, einen solchen Park im Rahmen einer Landesgartenschau realisieren zu können. Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass auch ohne eine solche Veranstaltung die Schaffung solcher Freiräume für andere Städte und Gemeinden lohnenswert erscheint!

 

Projektdaten:
Landesgartenschau Neu-Ulm 2008
Ideen- und Realisierungswettbewerb 2001: 1. Preis
Fertigstellung: Frühahr 2008
Bauherr: Landesgartenschau Neu-Ulm 2008 GmbH
Beauftragung: Leistungphasen 1 bis 8
Fläche gesamt: rund 30 ha Kernbereiche
Bauvolumen gesamt: rund 11 Mio Euro investiv; rund 6,8 Mio Durchführung
Teilbereich Generationenpark Wiley
Fläche: rund 18,5 ha
Bauvolumen: rund 2,8 Mio. Euro investiv
Weitere Informationen: plancontext gmbh landschaftsarchitektur, www.plancontext.de

 

Fotos: plancontext gmbh, Grün Design München, Lichtschwärmer Berlin


 

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