Skaten und Chillen am Wiener Gürtel

Von Dagmar Grimm-Pretner (Institut für Landschaftsarchitektur (ILA), Universität für Bodenkultur Wien) und Karl Grimm (Karl Grimm Landschaftsarchitekten, Wien
Staatlich befugter und beeidigter Ingenieurkonsulent für Landschaftsplanung und Landschaftspflege)

Skaten und Chillen am Wiener Gürtel

Der Wiener Gürtel ist nach der Ringstraße der zweite große Stadtboulevard und eine der verkehrsreichsten Stadtstraßen Österreichs. Um 1900 fertig gestellt waren die umgebenden neuen Stadtquartiere mit moderner Infrastruktur eine gute Wohngegend für den Mittelstand. Die Gestaltung des Straßenraums mit Alleen und sechs Hektar Gartenanlagen in der Mittelzone unterstützte dies. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Gürtel zu einer Hauptachse des motorisierten Verkehrs. Rasch wurde das zur Belastung, die unmittelbaren Nachbarschaften zu Problemzonen. Nun unterstützen Stadtentwicklungsmaßnahmen die Entwicklung zum trendigen Stadtquartier, z.B. die Förderung von Musik- und Jugendlokalen in den Stadtbahnbögen am Gürtel. Die zeitgemäße Wiederbelebung der wenig genutzten Freianlagen in der Gürtelmittelzone ist ein nächster Schritt.

Die zuletzt schlicht ausgestalteten und wenig genutzten Grünflächen werden zu einer modernen und lebendigen Parkanlage umgestaltet. Aus einem wenig attraktiven Ort wird ein Stadtraum für Aktivitäten und Begegnungen, der besonders Jugendlichen etwas bietet. Die Mittelzone des Boulevards wird durch den Verkehrsfluss von den umgebenden Quartieren getrennt und es herrscht ein relativ hoher Lärmpegel. Hier dürfen Aktivitäten stattfinden, die an anderen Orten konfliktträchtig wären. Öffentliche Freiräume sind hier in der dichten gründerzeitlichen Stadt Mangelfaktor, daher wird auf vielfältiges und gendergerechtes Nutzungsangebot Wert gelegt. Auch ältere Stadtnutzer sollen Gartenflächen zum Verweilen finden.

Von den ursprünglichen Gartenanlagen des Boulevards waren der Baumbestand und wenig genutzte Rasenflächen erhalten geblieben. Das Bearbeitungsgebiet in der Mittelzone ist 250 m lang und zwischen 15 und 35 m breit. Es wird durch ein Betriebsgebäude der U-Bahn in einen Nordteil und einen Südteil mit annähernd gleicher Länge geteilt. Unmittelbar darunter befindet sich ein U-Bahnstollen, teilweise mit der ursprünglichen Ziegeleinwölbung von 1890. Geländeabsenkungen und schwere Auflasten sind deshalb nicht möglich.

Die Neuplanung wurde von Bedarfserhebungs- und Beteiligungsverfahren begleitet. Bereits im Vorfeld waren Anregungen aus einem Schülerparlament an den Stadtbezirk ergangen.
Es folgten Experteninterviews mit Vertretern sozialer Institutionen der Umgebung zur Sondierung von Angebotsmängeln und Nutzerwünschen, die von der Wiener Gebietsbetreuung Stadterneuerung GB* durchgeführt wurden.

Zwischen den alternativen Nutzungskonzepten Streetskating und Bolzplatz entschied sich der Stadtbezirk für eine skatertaugliche Gestaltung, ergänzt durch einen für Mädchen attraktiven Bereich und eine Chill-out-Zone.
Der gesamte Park ist barrierefreie ausgestaltet. Die Höhendifferenzen werden über längere Wegstrecken überwunden, die Längsneigungen bleiben unter 3%. Alle Wege sind asphaltiert und gut begehbar. Engstellen durch die Möblierung werden vermieden.
Ein durch die Anlage verlaufender Radweg wurde teilweise in Richtung Fahrbahn verlegt, um eine klare Trennung vom Park zu schaffen, verbreitert und mit einer neuen Beleuchtung ausgestattet.

„Landschaft im Fluss“

Wegen der räumlichen Teilung des Projektgebietes in zwei Abschnitte war den Planern ein übergeordnetes, verbindendes Gestaltungskonzept besonders wichtig. Aus dem unablässig strömenden Verkehrsfluss am Gürtel wurde das abstrakte Bild eines Flusses abgeleitet. Der Fluss bietet die nötige Einheit und zugleich gestalterische Differenzierungsmöglichkeiten, um im Nord- und Südteil unterschiedliche Nutzungsschwerpunkte zu setzen und dennoch den Zusammenhalt der Teilräume zu erreichen.
Der Nordteil wurde als harter Raum für Bewegung und Skaten auf einem Multifunktionsplatz ausgebildet, der Südteil hingegen als weicher Gartenraum zum Entspannen und Slacklinen.

Der Nordteil: Oberlauf – Bewegung und Treffpunkt

Der höher gelegene, schmälere Nordteil stellt den alpinen Oberlauf des Flusses mit harten Formen und schneller Bewegung dar. Die Elemente sind aus der Gestaltungsidee „alpiner Flusslauf“ entwickelt und symbolisieren Eisschollen, Felsbänke und Inseln dar. Die seitlichen Gräserparavents erinnern an Uferröhrichte und bilden eine Raumgrenze zu den Fahrbahnen und zur Straßenbahn.

Skaten und mehr

In mehreren Workshops wurde der Nordteil gemeinsam mit der Wiener Streetskaterszene gestaltet. Die fix eingebauten Elemente wurden speziell für diesen Raum entworfen und die Maße, Neigungen und Abstände der Elemente an die Wünsche der Skater angepasst. Die Oberflächen bestehen aus hellem Granit und aus Betonfertigteilen. Alle großen Elemente sind als Hohlkörper aus Betonplatten zusammengesetzt, um das zulässige Gewicht einzuhalten.
Der Multifunktionsplatz wird an den Seiten zur Straßenbahn und zum Radweg von 25 cm hohen Betonleisten eingefasst, die die Skatebords am Platz und die Mulchdecke in den Planzrabatten zurückhalten. Fanggitter für Skatebords sind stellenweise in die umgebende Bepflanzung integriert. Die weiße Lichtfarbe der Beleuchtung hebt den Skaterbereich aus den gelb beleuchteten Verkehrsanlagen heraus und unterstützt die Wahrnehmbarkeit der Objekte.
Am Platz kann geskatet werden, aber nicht nur: Die „Eisschollen“ und „Felsbänke“ auf der leicht abschüssigen Asphaltfläche sind gut skatebar und befahrbar, aber auch als Sitz- und Liegestufen geeignet. Dieser Bewegungsraum ist für alle offen: für Fußgänger, Skater, Inlineskater und Tretroller, keine Gruppe hat ein vorrangiges Nutzungsrecht. So wie auf Shared-Space-Flächen ist gegenseitige Rücksichtnahme erforderlich und wird gefördert.

Trampolinparcours und Hängemattenturm

Eine zweite Bewegungs- und Kommunikationszone im Nordteil des Parks ist mehr an die Bedürfnisse von Mädchen angepasst: Ein Trampolinparcours in Form einer Achterschleife spricht Gleichgewicht und Koordinationsvermögen an. Ein Hängemattenturm besteht aus zwei über Seile und Seilnetze zugänglichen Türmen, zwischen denen an Seilen Liegematten aufgespannt sind. Das Objekt eignet sich gut zum Chillen und zum Beobachten der Aktivitäten am Trampolinparcours. Eine blaue Sitztribüne macht die Bewegungsräume zur Bühne. Die Planung dieses Bereichs wurde in einem nahegelegenen Mädchencafé diskutiert, das Feedback im Entwurf berücksichtigt.

Der Südteil: Unterlauf – Relaxen und Balancieren

Der tiefer liegende, breitere Südteil repräsentiert den Unterlauf eines Flusses mit weit schwingenden Mäandern und lädt zur Kurzzeiterholung ein. Dieser Parkteil ist nach Süden zur Sonne orientiert, die Gestaltung ist verspielt. Die Wege sind als Rundkurs nutzbar. Raseninseln sind für Slacklining ausgestattet und Liegen laden zum Relaxen ein.
Bunte, naturnahe Staudenmischpflanzungen und begehbare Pflanzenteppiche mit Thymian und römischer Kamille bilden einen unaufdringlichen Rahmen und Grenze zu den Verkehrsströmen.
Als Besonderheit und Farbtupfer in diesem Parkteil wurde eine Gruppe attraktiver Seidenbäume (Albizia julibrissin) gepflanzt. Diese Bäume wurden in diesem Projekt erstmals in einer öffentlichen Grünfläche gepflanzt und erweisen dem benachbarten sogenannten „Seidenviertel“ Reverenz.

Slacklining

Für die Trendsportart Slacklining wurden auf den Wiesen, die inselartig innerhalb der Erschließungswege liegen, fünf blaue Stahlpoller zur Befestigung der Lines geschaffen und ringsherum Sitz- und Liegemöbel aufgestellt. Auf der großen Fläche sind Leinenlängen von sechs bis 25 Meter möglich; auf der kleinen Fläche Längen von sechs bis zehn Meter. Ein aktiver Slackliner wurde als Berater beigezogen.

Die Poller sind aus pulverbeschichtetem Stahlblech gefertigt. Sie sind konisch, damit die Slacklines an der glatten Oberfläche nicht abrutschen. Die Höhe der Poller beträgt 95 cm und der durchschnittliche Durchmesser 27 cm. Sie sind wie Rammschutzpoller mit Beton vergossen und auf eine Zugbelastung von 40 kN ausgelegt. Die Poller können auch für Fitnessübungen (z.B. Stretching) verwendet werden.

Die Parkanlage Emil-Maurer-Platz hat sich seit der Eröffnung November 2013 als Hotspot der Skaterszene etabliert. Die mehr kontemplativ und gärtnerisch gestalteten Zonen werden mit Beginn der warmen Jahreszeit vermehrt in den Fokus der Nutzer rücken.

 

Projektdaten:
Planung: Karl Grimm Landschaftsarchitekten, Wien
Beteiligungsverfahren: Wiener Gebietsbetreuung Stadterneuerung GB*
Auftraggeber: Stadt Wien - MA42 Wiener Stadtgärten
Finanzierung: Stadt Wien - 7. Bezirk; Europäische Union - Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)
Fläche: 8.000 m²
Bauzeit: März bis Oktober 2013

 

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