Blickpunkt Breitensport – Mehr Bewegung für alle !?

Blickpunkt Breitensport – Mehr Bewegung für alle !?

Auf die Frage wie er denn ein so hohes Alter erreicht habe, soll der ehemalige britische Premier Winston Churchill einst geantwortet haben: „No Sports!“. Aus naturwissenschaftlicher Sicht scheint es kaum verwunderlich, dass es für dieses Zitat aus dem Munde eines Mannes, der in seinen jungen Jahren einen passionierter Sportler war, keinen stichhaltigen Beleg gibt. Die Ursache des vermeintlichen Ausspruchs ist also fragwürdig, sicher ist allerdings, dass Sportmuffel aller Altersklassen ihn dazu nutzen, um eine Ausrede zu haben, körperlicher Betätigung aus dem Wege zu gehen. 91 Jahre wurde Churchill alt – auch heute noch ein hohes Alter – allerdings wird er dies nicht unbedingt durch Sportverzicht erreicht haben.
Sport und Bewegung gelten neben einer ausgewogenen Ernährung heute als das Grundrezept für ein langes und gesundes Leben. Dieser Grundsatz ist für Menschen aller Altersstufen gültig. Seit vielen Jahren machen sich Verbände, Krankenkassen und Vereine dafür stark, die Bevölkerung zu regelmäßiger Bewegung und mehr Sport zu animieren. Eine der bekanntesten Initiativen ist „Deutschland bewegt sich“ eine Initiative der Barmer GEK mit dem ZDF und der Bild am Sonntag. Bereits seit April 2003 läuft die Aktion und hat bisher rund 34 Millionen Menschen erreicht. Durch Mitmach-Veranstaltungen rund um Sport und Bewegung, Aufklärungskampagnen, Informationsmöglichkeiten und mediale Verbreitung erreichte die Initiative eine große Aufmerksamkeit und konnte die Thematik ins Bewusstsein der Menschen rücken. Die Nachhaltigkeit des Projektes konnte eine Studie der Sporthochschule Köln 2010 feststellen – 46 % der Befragten gaben an nun verstärkt auf gesündere Ernährung zu achten, 40 % hatten ihre sportliche Aktivitäten auf mehr Bewegung ausgedehnt. (Mehr Informationen unter https://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Versicherte/Rundum-gutversichert/In-Bewegung/DBS/Erfolgsgeschichte/Erfolgsgeschichte.html)

Bewegung ist nicht nur Kopfsache – auch die Umgebung muss stimmen

Der Stein scheint nun ins Rollen gebracht. Die verschiedenen Initiativen erreichen immer mehr Menschen und regen Jung und Alt zu Sport und Bewegung an – soweit gut. Aber auch wenn der Wille nun da ist – es stellt sich die Frage „Wo kann ich mich denn sportlich betätigen?“. Klar, Laufschuhe an und raus – das klingt einfach – allerdings ist dies für viele ältere Menschen und Sporteinsteiger absolut nicht zu empfehlen. Joggen / Laufen ist eine gute Methode für geübte Sportler fit zu bleiben - alle anderen aber strapazieren damit ihre Gelenke zu stark und nach kurzer Zeit dämpfen die daraus folgenden körperlichen Beschwerden die Lust am Sport und den Willen zur Bewegung – mitunter erfolgt direkt die Beendigung des neuen Vorhabens. Wandern und Nordic Walking sind zwar eine Alternative zum Joggen, allerdings auch recht zeitintensiv und für Stadtbewohner direkt vor Ort nicht möglich. Auch ein Fitnessstudiobesuch ist nicht jedermanns Sache und mitunter auch recht teuer. Eine weitere Möglichkeit sich regelmäßig zu bewegen bieten die Sportvereine – die selbst in kleinen Gemeinden oft ein recht umfangreiches Angebot haben. Allerdings ist es für Neueinsteiger in vielen Mannschaftssportarten schwierig Fuß zu fassen und die meisten der Vereine leiden unter dem größten Problem des Breitensports – der schlechten kommunalen Sportinfrastruktur.
Geschlossene Schwimmbäder, fehlende Sporthallen, sanierungsbedürftige Sportanlagen – vielerorts sind diese Probleme bestens bekannt. Den Kommunen fehlt es an Geld – Vereine und Hobbysportler müssen dafür die Rechnung tragen. Gerade an offenen Bewegungsarealen mangelt es in vielen deutschen Städten und Gemeinden. Eine solche Möglichkeit fehlt meist völlig oder die „öffentlichen“ Einrichtungen sind abgesperrt und stehen nur Schulen und Vereinen zur Verfügung. Ein paar Runden auf der Laufbahn, ein wenig Training an den Fitnessgeräten, ein bisschen Kicken auf dem Fußballplatz – dem Hobbysportler bleiben solche Möglichkeiten häufig verwehrt. Zwar nimmt die Zahl neu errichteter öffentlicher Bewegungsareale wieder verstärkt zu, aber die Gesamtentwicklung steht immer noch am Anfang – häufig ist der leere Geldbeutel der Kommunen Ursache für das Fehler solcher Anlagen.

Probleme des Breitensports betreffen auch den Leistungssport

Doch nicht nur die Hobbysportler haben unter den Mängeln in der Sportinfrastruktur zu leiden – auch die Vereine müssen immer öfter ihr Sportangebot einschränken. Dabei scheitert es meistens nicht an willigen Übungsleitern – sondern an fehlenden Sportstätten. Sehr häufig sind dabei die Kinder in den Sportvereinen betroffen. Schon lange wird befürchtet, dass es in Zukunft zu mehr Badeunfällen kommen wird, da heute viele Kinder nicht mehr die Möglichkeit haben Schwimmen zu lernen. Und das ist längst nicht alles: Mancherorts müssen sich Turnvereine auflösen, anderswo werden Kinder in Fußballvereinen abgewiesen, weil keine Aufnahmekapazitäten mehr frei sind. Viele Sportarten klagen jetzt schon über Nachwuchsmangel – ein Umstand, der sich auch auf den Spitzensport auswirkt.

Die Politik ist gefragt

Von alleine wird sich die Sportinfrastruktur in den deutschen Städten und Gemeinden nicht entscheidend verbessern. Die Löcher in den kommunalen Kassen sind groß und andere betroffene Bereiche wie der Straßenbau oder die Bildung genießen eine noch höhere Priorität und Aufmerksamkeit. Ebenso besitzt die große Mehrzahl der Sportvereine zu wenig Eigenkapital um kostspielige Sanierungen selbst zu finanzieren. Hier ist die Politik in Deutschland gefragt. Während allerdings die Förderung des Spitzensports durch das Bundesministerium des Innern erfolgt, sind für die Förderung des Breitensportes die Bundesländer selbst zuständig. Hier können Unterstützungen für kommunale Projekte beantragt werden – allerdings entscheidet oft die Haushaltslage über Höhe und Anzahl der Förderungen, wodurch dann vieles auf der Strecke bleibt. Dabei haben das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung und das Bundesministerium für Gesundheit bereits 2008 einen nationalen Aktionsplan mit dem Namen „IN FORM - Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ ins Leben gerufen. Bis 2020 sollen die Grundlagen einer gesunderen Lebensweise in der Gesellschaft verankert werden. Neben einer umfassenden Informationsplattform werden hier auch zahlreiche mit der Thematik in Verbindung stehende Projekte und Maßnahmen unterstützt. Von einer Stärkung der Strukturen des Breitensports ist hier allerdings nichts zu finden. Dabei wäre gerade dies ein wichtiger Ansatzpunkt um das Thema „Bewegung“ nachhaltig zu fördern. Sport und Bewegung sind grundlegend für eine gesunde Bevölkerung und damit auch eine Grundlage für ein gut funktionierendes Wirtschaftssystem. Es besteht also durchaus Handlungsbedarf die Möglichkeiten für sportliche Betätigung zu erweitern, denn was nützt alle Theorie, wenn man bei der praktischen Umsetzung schon vor der eigenen Haustüre scheitert.

Die Möglichkeiten sind vielfältig

Dabei wäre vielerorts schon mit kleineren Maßnahmen den Freizeitsportlern geholfen. Eine schöne Grünanlage, in der man sich unbeeinflusst von Verkehr oder Stolperfallen sportlich betätigen kann und die regelmäßig so gepflegt wird, dass Hundekot und Glasscherben den Spaß an der Bewegung nicht beeinträchtigen. Nützlich wäre ebenfalls eine Freifläche, die zum freien Spiel oder Sport einlädt. Eine wirklich nachhaltige Förderung des Breitensports erfordert allerdings schon mehr als diese Grundmaßnahmen, schließlich soll die Bevölkerung ja dauerhaft zu Sport und Bewegung ermuntert werden und das darf und sollte schon mehr umfassen, als einen einfachen Spaziergang im Grünen. Generationengerechte Bewegungsareale haben den klassischen „Trimm-dich-Pfad“ der 1970er Jahre bereits abgelöst und bieten häufig ein vielfältiges Bewegungsprogramm für Jung und Alt. Es gibt ein weitreichendes Angebot an verschiedenen Geräten, die man in einem solchen Areal installieren kann: Outdoor-Fitnessgeräte, Geräte zur Förderung der motorischen Fähigkeiten oder für Turnübungen u.v.m. Auch ein vereinsunabhängiger klassischer Bolzplatz – heutzutage vielleicht mit Kunstrasen statt Asche – fördert gerade bei Kindern und Jugendliche Spaß an sportlicher Betätigung. Ebenfalls sollte man Raum und Gerätschaften zur Ausübung von modernen Trendsportarten bieten. Ob Slackline oder Calisthenics, Parkour oder Beachvolleyball – diese Freizeitsportarten erfreuen sich derzeit größter Beliebtheit und finden dennoch nur selten Rücksicht in den Programmen der Sportvereine. Gerade hier sind die Hobbysportler auf öffentliche Anlagen zur Durchführung ihres Sportes angewiesen und errichtete Anlagen locken auch bisherige „Bewegungsmuffel“ an. Öffentliche Bewegungs- und Sportareale erhöhen die Attraktivität von Städten und Kommunen enorm, sie sind beliebte Vorzeigeobjekte einer guten Sportinfrastruktur sowie attraktive Freizeiteinrichtungen für alle Generationen und fördern gleichzeitig Sport und Bewegung bei den Bürgern. Genug Gründe solchen Projekten und damit dem Breitensport mehr Beachtung zu schenken!

Sportliche Aktivität und Bewegung sind also nicht nur per Appell an die Bevölkerung einzufordern, sondern sollten auch durch öffentliche Stärkung des Breitensports hervorgehoben werden. Und hier müssen den vielen Worten nun auch praktische Umsetzungen folgen. Der Breitensport kann nur dort viel Anhänger finden, wo diese auch viele Möglichkeiten auffinden. Deshalb muss die Sportinfrastruktur in dieser Hinsicht entsprechend ausgebaut und die Finanzierung entsprechender Einrichtungen gesichert werden. Nur so können all die positiven Initiativen auch nachhaltig umgesetzt werden. Damit der vermeintliche Churchill-Ausspruch eines Tages in Vergessenheit gerät und stattdessen der Autor Martin Gerhard Reisenberg zitiert wird: „Nur wer sich bewegt, steht meist mitten im Leben.“.

TT

 


 

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