Gestaltungsfibel >Nachhaltiger Schulhof<

Von Prof. Horst Schumacher, Fachhochschule Erfurt

Gestaltungsfibel >Nachhaltiger Schulhof<

Nachhaltige Entwicklung ist ein arg strapazierter Begriff und oftmals sinnentstellend verwendet. Die Gestaltungsfibel >Nachhaltiger Schulhof<1 möchte ein Beitrag sein für einen sinngemäßen Gebrauch im Rahmen einer zukunftsfähigen nachhaltigen Entwicklung und auch einer zukunftsfähigen Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es handelt sich dabei um ein Werk, dem fünf Jahre intensive Arbeit mehrerer studentischer Projekte und auch akribische Recherchen von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen zugrunde liegen.
Die Fibel befasst sich mit Antworten auf die Frage, wie ein Schulhof um- und neugestaltet werden sollte, um ihn als einen Nachhaltigen Schulhof charakterisieren zu können. Anders formuliert geht es um die Frage, mit und an welchen Objekten im Schulhof Schülerinnen und Schülern eine entsprechende sinnliche Erfahrung zu machen möglich wird.
Da es nicht mehr um das Formulieren von globalen Politikzielen im Zusammenhang der nachhaltigen Entwicklung geht, wie auf der Konferenz in Rio de Janeiro von 1992, sondern um die konkret gebaute Welt der Dinge, ist es zunächst erforderlich, sich Klarheit über die genaue Beschaffenheit der Objekte oder Dinge zu verschaffen. Es bedarf demzufolge Parameter und Indikatoren, mit denen die unterschiedliche Beschaffenheit von Objekten beschrieben und charakterisiert werden kann. Damit ist gleichsam das Handwerkszeug gegeben, um arbeiten zu können.

Als Landschaftsarchitekt ist man gehalten, immerzu Schritte innerhalb eines Zielkonkretisierungsprozesses zu tun, seien es nun große oder kleine Schritte. Solch eine Zielkonkretisierung hat gewöhnlicher Weise vier logische Phasen. Diese können folgendermaßen benannt werden:
 Problemstrukturierung
 Lösungssuche
 Lösungsanpreisung
 Lösungskonkretisierung2
Diesen vier logischen Phasen können konkrete Leistungsphasen zugeordnet werden, wie sie z.B. in der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) detailliert beschrieben sind. Damit lässt sich der gesamte Ablauf von der Beauftragung bis zur Übergabe der realisierten Um- und Neugestaltung eines Schulhofs beschreiben. Da spielen die Schülerinnen und Schüler und die Lehrerinnen und Lehrer als Nutzer der künftigen Anlage natürlich die Hauptrolle. Aber der Planungsprozess kann sich ganz abstrakt entwickeln. Die Nutzer müssen nicht zwingend in die Entwicklung von der ersten Entwurfsidee bis zur Übergabe des gebauten fertigen Projektes eingebunden, d.h. beteiligt werden. Um Partizipation sollte es hier, im Verfolgen eines Projektes, das einen Beitrag für Bildung für nachhaltige Entwicklung leisten soll, aber schon gehen!
Das Ermöglichen einer praktisch durchführbaren Partizipation, insbesondere der künftigen Nutzer einer Schulhof-Anlage, ist mit der nun vorliegenden Gestaltungsfibel „Nachhaltiger Schulhof“ vorbereitet. Denn, indem alle am Planungs- und Umsetzungsprozess Beteiligten wissen, was die logischen Schritte sind und wo wer auf welche Weise aktiv werden kann oder muss, sollte das anspruchsvolle Projekt einer „Nachhaltigen Schulhofgestaltung“ wohl gelingen. Das ist die Theorie. Alle wissen aus Erfahrung: die Fragen und Probleme kommen beim Tun!

Wie mit der Gestaltungsfibel praktisch gearbeitet werden kann, soll beispielhaft mit einem der insgesamt zehn Indikatoren, der Gesundheitsvorsorge, vorgestellt werden.
Dabei handelt es sich um einen Indikator, den man gerne dem sozialen Nachhaltigkeitsaspekt zuordnen möchte. Wir werden jedoch feststellen, dass auch gewichtige Argumente existieren, ihn der ökonomischen Leistungsfähigkeit zuzuordnen.
Es sind sechs Fragen, die diesen Indikator beschreiben:

1. Gibt es Sportflächen (z.B. entsprechend den Schulbauempfehlungen für Thüringen 1997 oder auch entsprechenden Empfehlungen anderer Länder)?
2. Gibt es Sportflächen, die auch außerhalb des Sportunterrichts genutzt werden können (in Pausen oder für Freizeitsport)?
3. Gibt es Angebote, die zur sportlichen Aktivität einladen?
4. Gibt es Angebote, die z.B. Motorik und Gleichgewichtssinn fördern?
5. Gibt es Angebote, um zur Ruhe zu kommen (Stressbewältigung)?
6. Ist der Schulhof vor Lärm und Luftschadstoffen geschützt?

Selbstverständlich könnte der Bezug Schulhof und Gesundheitsvorsorge auch mit der Vermeidung von Unfällen in Zusammenhang gebracht werden. In der Fibel werden aber sportliche Aktivitäten fokussiert – und das hat seinen gewichtigen Grund - nicht im Hinblick auf leistungssportliche Disziplinen, sondern im Hinblick auf die größten Kostenlasten des Gesundheitswesens. Die höchsten Kosten verursachen das Herz-Kreislauf-System, das Muskel-Skelett-System und psychische Erkrankungen. Die Ursachen liegen an falscher Ernährung, an Bewegungsarmut und an Stress. Der Fragenkomplex versucht, in diesen Problemkomplex in gewissem Umfang Korrekturen einzubringen. Diese Korrekturmöglichkeiten können zusammengefasst werden mit „Anreize zu mehr Bewegung und zu größerer Beweglichkeit.“ Das heißt, dass das Lehrgebiet Schulsport nur am Rande tangiert wird. Viel wichtiger ist es, Anreize zur Überwindung der allgemein herrschenden Bewegungsarmut oder gar Trägheit zu schaffen. Im Report der Zentrale für gesundheitliche Aufklärung und des Robert Koch Institutes wird 2008 dargelegt, dass nur eine Minderheit der Kinder und Jugendlichen die empfohlene täglich einstündige körperliche Aktivität ausübt. Diese nimmt mit Beginn der Pubertät noch weiter ab, besonders bei Mädchen. „Die größten Defizite –so ist es zu lesen- sind hier bei Jungen und Mädchen zu beobachten, die aus Familien mit niedrigem Sozialstatus kommen, einen Migrationshintergrund haben oder in den neuen Bundesländern aufwachsen“, so der Report. (Gestaltungsfibel „Nachhaltiger Schulhof“, S. 60)
Durch vernünftige Angebote in der Schulkantine und den Angeboten im Schulhof sollen sowohl die Ernährungsgewohnheiten verbessert, als auch Ausdauer, Beweglichkeit und Geschicklichkeit trainiert werden. Und um zur Ruhe und innerer Einkehr kommen zu können, sind Nischen, erfass- und erlebbare Raumeinheiten mit äußerer Ruhe erforderlich. Das sind Einrichtungen und Bilder, die nichts mit den Sportanlagen mit normierten Maßen für den Hochleistungssport gemein haben, sondern eher mit Bewegungs- und Lauflandschaften. Diese zeichnen sich durch große Vielfalt im Verlauf einer Strecke aus, kurvenreich, mit Höhen und Tiefen, mit rauen und glatten Oberflächen.

Mit einer strukturellen Vorgabe, wie oben beschrieben, können mehrere Schritte im Verfolgen einer Zielkonkretisierung gemacht werden: Zunächst erfasst die Checkliste die wesentlichen Elemente für eine sorgfältige Bestandserfassung, die dann bewertet wird. Aber auch für die konzeptionelle Arbeit leistet diese Checkliste Hilfsdienste, denn sie könnte akribisch genau abgearbeitet werden, damit nichts unversucht bleibt, die in der Gestaltungsfibel benannten Indikatoren ins beste Licht zu rücken, um dem Schulhof in Zukunft eine sehr gute nachhaltige Entwicklung attestieren zu können.
Was eben für die Arbeit des Landschaftsarchitekten angesprochen war, kann sinnentsprechend auch für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer gelten. Es macht viel Sinn, beispielsweise die Bestandserfassung und Bestandsbewertung in Unterrichtseinheiten einzubinden. Da kann für jede Altersstufe etwas dabei sein, was dazu dient, die Umgebung des Lernorts „Klassenzimmer“ zu erkunden, sorgfältig zu erfassen und auch noch zu bewerten.

Ausblick

Wo soll die Reise mit der Nachhaltigen Schulhofentwicklung hingehen? Zuerst muss festgestellt werden, dass es sich bei der Nachhaltigen Schulhofentwicklung nicht um einen revolutionären Umsturz handelt, das sollte mit der Gestaltungsfibel unbedingt herausgestellt werden. Betrachtet werden Elemente der Freiraumgestaltung, die inzwischen einen gewissen Grad an „Normalität“ erlangt haben, die bekannt sind und in technischer Hinsicht auch erprobt. Das Neue an der Nachhaltigen Schulhofentwicklung besteht darin, dass diese bekannten Elemente der Freiraumgestaltung nicht länger nur Möglichkeiten für die Gestaltung des Schulgeländes sind. Es sind keine Optionen, sondern unverzichtbare Bestandteile in einem hochkomplexen Gebilde, das sich „Nachhaltiger Schulhof“ nennt.
Warum unverzichtbar? Nun, weil nur durch das Zusammenspiel und das Zusammenwirken die eingeforderte Balance sich einstellen kann, die eine ausgewogene Beziehung zwischen den Aspekten der ökologischen Verträglichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und der ökonomischen Leistungsfähigkeit herstellen und aufrecht erhalten kann. Das „Reiseziel“ ist also ein Schulhof, der in der Tat mit einem neuen Erscheinungsbild aufwartet. Leistungsfähige Funktionalität in allen Aspekten, die nachhaltige Entwicklung in einem Schulhof beschreiben, in Verbindung mit hoher Gestaltqualität können eine Bildwelt der Alltagskultur generieren, die eine Kindheit und Jugend sosehr prägen kann, dass bewusstes nachhaltiges Handeln erstmals möglich werden kann. Nachhaltig zu handeln heißt ja keineswegs Verzicht leisten zu müssen, ist keine Aufforderung zu darben. Das ist nicht gemeint, wenn Gro Harlem Brundtland 1987 fordert, sich so zu verhalten und zu handeln, dass künftige Generationen ebenfalls ihre Bedürfnisse befriedigen können sollen. Darin steckt doch die Aufforderung, allzeit sehr weit nach vorne zu schauen und die Folgen des eigenen Verhaltens und Handelns zu erkennen und genauestens abzuwägen, was für eine Entwicklung günstig oder katastrophal wäre.
Wenn in der Kindheit und Jugend nicht geeignete Bilder geprägt werden können, die als ein immanentes Wertesystem ihre Wirkung entfalten, bleibt die Aufforderung zu nachhaltigem Verhalten und Handeln eine fast unlösbare Aufgabe. Deswegen stehen Schulen so sehr in der Pflicht, mit der Lehre, zusammen mit den gesamten baulichen Anlagen, bei Kindern und Jugendlichen geeignete Bildwelten zu schaffen, die eine Zukunftsfähigkeit ausstrahlen. In der Gestaltungsfibel „Nachhaltiger Schulhof“ sind einige Anregungen zur Bewältigung dieser großen Aufgabe und Herausforderung zu finden.

 

1 Schumacher, Horst et all. (Hrsg): Gestaltungsfibel >Nachhaltiger Schulhof<, Bad Berka 2010
Die Fibel ist erhältlich beim Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien, Bad Berka
2 vgl. Weckwerth, Helmut: Kommunale Freiraumplanung, in: Müller / Korda (Hrsg.): Städtebau, Stuttgart, Leipzig 1999; 4. Auflage, S.510


Fotos: SIK Holz
 

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