Den Kindern zuhören und Wünsche ernst nehmen

Von Dipl.-Ing. (FH) Frau Silvia Held, freie Landschaftsarchitektin

Den Kindern zuhören und Wünsche ernst nehmen

„Designer-Park“, „Micky-Maus-Garten", „grün-kaputt": Der Colleggarten ist eine Parkanlage in der inneren Nordstadt in Nürnberg. Angesichts der städtischen Pläne gab es erheblichen Unmut – aber Lösungen wurden gefunden. Vor allem für den Spielplatz, auf den die Kinder gerne kommen, sich wohl fühlen, sich austoben, oft auf den Geräten üben und sich spielerisch weiter entwickeln.

In der Parkanlage Colleggarten in Nürnberg ist im Sommer 2014 der vorhandene Kinderspielplatz im Rahmen einer Generalsanierung erneuert worden. Es bot sich die große Chance im dicht bebauten Nürnberger Norden einen großzügigen Spielraum für alle Altersgruppen zu schaffen. Der notwendige Platz für eine weitläufige Spielanlage war in der Grünfläche vorhanden. Und für die bisher vernachlässigte Grünanlage am Staatsarchiv gab es eine weitere Möglichkeit, den Park aufzuwerten.

Als Spielraumplanerin hatte ich ein Projekt auf dem Tisch, das es in dieser Größenordnung nicht so häufig gibt. Eine große Herausforderung. Nach den ersten Überlegungen schwebte mir ein Spielplatz vor, der sich harmonisch in den Park einfügen sollte und der die Parkanlage durch seine Gestaltung prägen würde. Als oberstes Ziel galt für mich, den Kindern eine entwicklungsfördernde Anlage zu bauen. Die Kinder sollten Angebote erhalten, die sie dazu bringen, sich gerne zu bewegen. Am besten mit einem dauerhaften Anreiz, um immer wieder zu kommen.  

Viele Ziele lagen beim Brainstorming auf meinem Tisch: eine kleine Entdeckungswelt für Kinder im Alter von 3-6 Jahren, echte Herausforderungen für die 6-12-Jährigen, ein passender Aufenthaltsraum für Jugendliche. Alle Angebote sollten sich in den Raum mit den vorhandenen Bäumen fügen. Es sollte ein schöner Raum entstehen, in dem sich Klein wie Groß gerne aufhält. Am besten mit einem besonderen Design, das unverwechselbar ist und zur Grünanlage am Staatsarchiv passt. Und die Ziele sollten kostengünstig erreicht werden. Auf große Konstruktionen, die viel Baumaterial verschlingen, aber nicht viel Entwicklungspotenzial bieten, wollte ich verzichten.

Es sollte ein weites Feld für die Entwicklung der Kinder entstehen. Kinder wollen lernen. Wenn sie etwas können, suchen sie von selbst die nächst schwierigere Herausforderung. Sie probieren aus und machen ihre eigenen Erfahrungen, was sie sich zutrauen können und wo sie noch üben müssen. Ein natürlicher Prozess, der von selbst passiert, sofern das Kind die Möglichkeit dazu hat. Dieses Angebot unterschiedlichster Schwierigkeiten sollte der neue Spielplatz bieten.

Zu Beginn des Planungsprozesses hat das Jugendamt der Stadt Nürnberg eine Nutzerbeteiligung organisiert. Die eingeladenen Kinder durften ihre Wünsche nennen. Viele hatten selbst gemalte Bilder mitgebracht mit ihren Vorstellungen, was sie an dem neuen Spielplatz gerne machen würden. Häufig hatten sie, wie schon so oft bei den Nürnberger Kinderbeteiligungen, eher anspruchsvolle, abenteuerliche Wünsche. Hohe Klettertürme und Brücken, lange Rutschen mit Kurven, Schwingseile, Netze zum Hochklettern. Nichts langweiliges, wie sie es selbst nannten. Auch eine doppelte Seilbahn war dabei. Wie einfach wäre die Spielraumplanung, wenn man den Kindern nur zuhören und ihre Wünsche ernst nehmen würde. Sie wissen intuitiv, was sie für ihre eigene, gesunde Entwicklung brauchen.

So versuchte ich, vieles unter einen Hut zu bekommen, und arbeitete mit einem Geländemodell an einer Möglichkeit, alles in den vorhandenen Raum zu fügen. Dieses Modell habe ich mit dem Hersteller ZimmerObst besprochen. Gemeinsam konnten wir daran verschiedene Möglichkeiten abgewägen und gemeinsame Ziele und Linien definieren.

Bevor wir bauen konnten, mussten wir aber nicht nur das Ok des Auftraggebers einholen. Es stand auch noch das Urteil der Kinder aus. Das Jugendamt brachte uns wieder alle zusammen und da lauschten sie und machten große Augen bei den Erklärungen, was für sie entstehen könnte. Viele Kinder beteiligten sich intensiv, fragten nach, wenn sie etwas noch nicht verstanden hatten und zeigten Verständnis, wenn wir unmögliche Wünsche, wie z.B. einen Fußballplatz im Colleggarten aus Platzgründen nicht umsetzen konnten. Zum Schluß hat das Jugendamt die Kinder mit Hilfe dreier Bodenfelder nach ihrer Meinung gefragt und da standen sie dann alle auf dem Feld mit dem Titel „find ich toll“. Grünes Licht, wir konnten loslegen.

Es entstand ein Spielraum, der sich in drei Bereiche für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche gliedert, abgegrenzt durch niedrige, bepflanzte Modellierungen. Aufrechte, hohe Stahlstangen in den Farben rot und orange und schwebende Holztonnen bilden die auffälligen Gestaltungselemente, die den Spielplatz prägen.

Der etwa 1.000 qm große Bereich für die Kinder im Alter von 6-12 Jahren bildet das Herz der Anlage. Der Anspruch echter Herausforderungen wird durch die Kombination von Höhe und Bewegung von Seilkonstruktionen und Hölzern angestrebt. Das Angebot soll abwechslungsreiche Bewegungen fordern. Die Kinder müssen sich bei jedem Schritt konzentrieren, wodurch die motorische, aber vor allem auch die geistige Entwicklung der Kinder gefördert wird.

So entstand eine Niedrigseilanlage mit einzelnen schwebenden Holztonnen, die als Zwischenstation, Hinkucker, Treffpunkt, Aussichtspunkt oder Rutscheneinstieg funktionieren. Bei der Konstruktion der Holztonnen habe ich eine kleine Form gewählt und der Hersteller, ZimmerObst, hat sich eine einfache Konstruktion überlegt, um den Gedanken der niedrigen Materialkosten weiterzutragen.  

Die Anlage enthält einfache bis schwierige Angebote. Balken oder Übergangsseile mit Halteseilen für die kleineren Kinder und zum Beispiel wackelnde Teller in unterschiedlichen Höhen, ein senkrechtes Netz oder eine Hangelstrecke auf 3,0 Meter Höhe für die Größeren, die an ihre Grenzen kommen wollen. Sollte ein Element zu schwer sein, können die Kinder wieder zurückgehen oder kontrolliert herunter springen. Die Holztonnen mit den schwierigeren Angeboten stehen auf kleinen Hügeln aus Kunststoff. Die 45° steilen Aufstiege wirken wie Einstiegsfilter. Wer es schafft, hoch zu kommen, wird auch die Angebote auf dem Hügel meistern. Aufstiege aus Hölzern und Seilen sind so konstruiert, dass die Stufen unterschiedliche Abstände haben, damit die Kinder sich bei jedem Schritt konzentrieren müssen und die Bewegungen möglichst variantenreich werden.

Neben der Niedrigseilanlage mit Rutsche sind für die Kinder noch eine 4,50 Meter hohe Schaukel, eine Doppelseilbahn und ein Trampolin entstanden.

Die massiven Zugkräfte in der Niedrigseilanlage waren für den Hersteller ZimmerObst eine Herausforderung. Als Material für die Stützen kam nur Stahl in Frage. Mit Holz wären brachiale Pfosten notwendig gewesen, um die Kräfte zu halten. Mit den Stahlstützen konnte die filigrane Gestaltungsform gehalten werden und eine solide Konstruktion erreicht werden, die im Unterhalt leicht zu kontrollieren ist.

Für die Kleinkinder entstand im gleichen Design ein kleinerer Bereich auf einer Fläche von etwa 400 qm. Mit einer Holztonne als Häuschen und Buddeltischen im Sand zum Spielen für die Kleinsten. Durch die Verwendung von Holz, Stein, Seil und Resopal können die Kleinen verschiedene Materialien erforschen. Mit einer Schaukel und einer Rutsche, sowie einfachen, niedrigen Balken, Netzen und einem Kunststoffhügel werden für die ersten Klettermeister schon Bewegungs-möglichkeiten angeboten. Der Kleinkinderbereich sollte eingezäunt werden. Innerhalb der Bepflanzung steht ein auffälliger Zaun. Im offenen Übergang zur Parkanlage steht ein Spielelement aus Recyclingmauern und Holzelementen, auf dem die Kinder laufen können.

Für die Jugendlichen sollte ein Streetballplatz mit Aufenthaltsmöglichkeiten entstehen. Weitere Angebote waren von der Stadt Nürnberg nicht vorgesehen. Da tut es gut, zu beobachten, dass auch immer wieder Jugendliche gegen Abend in der Kletteranlage ihre Geschicklichkeit testen.

Viele Gedanken und Vorstellungen stecken im Planungsprozess. Begleitet von dem größten Wunsch, dass die Kinder gerne zu dem Platz kommen, sich wohl fühlen, sich austoben, oft auf den Geräten üben und sich spielerisch weiter entwickeln können. Wie wunderbar ist es zu beobachten, dass sie das so zahlreich tun.

 

Foto: Dipl.-Ing. (FH) Frau Silvia Held

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