Echsenland, eine Spielerlebniswelt für Rathenow

Von Axel Klapka und Torsten Wolff (k1 Landschaftsarchitekten
Kuhn Klapka GmbH)

Echsenland, eine Spielerlebniswelt für Rathenow

Eine Riesenechse, die sich teilweise in der alten Sandgrube am Kiekeberg versteckt – eine 32 Meter lange Rutsche, die zum „Gelege“ mit Wasserspielplatz führt – Hautschuppen als Kletterpodeste am Sonnenhang –  das Ganze eingebettet in die Natur und ergänzt durch einen Picknick-Bereich sowie eine Gastronomie – im Rahmen der Bundesgartenschau Havelregion 2015 ist eine fantasievolle Spiellandschaft mit hohem pädagogischen Anspruch entstanden.

Südlich des Zentrums der Stadt Rathenow befindet sich der zur Bundesgartenschau Havelregion 2015 überarbeitete Weinbergpark mit seinem im Jahr 1914 auf dem Kiekeberg errichteten, heute denkmalgeschützten Bismarckturm. Im direkten Umfeld des Turmes befindet sich eine geschützt liegende Kiesgrube, welche durch den industriellen Sand- und Kiesabbau im 19. und 20. Jahrhundert entstand.

Dieser malerische, mit Altbäumen umstandene Ort mit einem imposanten Höhensprung von ca. 17 Metern und einer Größe von ca. 7.600 Quadratmetern sollte zu einer Spielerlebniswelt für alle Altersgruppen entwickelt werden.

Der passende Entwurf wurde mittels eines landschaftsarchitektonischen Wettbewerbs zwischen Kooperationsteams aus Planern und ausführenden Firmen gefunden. Zunächst sollte der Spielraum als einzigartiges Highlight für die Besucher der BUGA Havelregion 2015 konzipiert werden, um später, in der Zeit nach der Gartenschau, in der gesamten Region Besucher mit seiner besonderen Strahlkraft anzuziehen.

Gemeinsam mit der Firma Zimmer.Obst haben wir, das Büro k1 Landschaftsarchitekten aus Berlin, dazu eine Großskulptur entwickelt und umgesetzt, die neben der Bespielung der gesamten Sandgrube eine Identität stiftende Wirkung erzielt. Im Zusammenhang mit der dauerhaft angelegten Gastronomie am Bismarckturm kann damit die gewünschte überregionale Bedeutung generiert werden.

Unser Konzept widmet sich aktiv dem Thema des nachhaltigen Natur- und Artenschutzes und setzt die vor Ort ansässige Zauneidechse eindrucksvoll in Szene. Hierbei wurden die besonderen Habitatansprüche der Zauneidechsen, wie zum Beispiel offene Sandflächen, Unterschlupfmöglichkeiten oder Sonnenbadeplätze, sensibel in die Flächengestaltung mit einbezogen.

Die natürliche Topographie des Sandtals wird auf besondere Weise für die Umsetzung des Entwurfes genutzt: Die umgebenden, unterschiedlich geneigten Böschungen suggerieren, sie wären selbst der mächtige Körper einer Zauneidechse. Einzelne Körperteile, die sich aus den Hängen hervorheben, werden zu überdimensional großen, imposanten Spielelementen entwickelt und lassen Groß und Klein in das einzigartige „Echsenland“ eintauchen.

Dabei verfolgten wir das Ziel, die Spielelemente derart landschaftsgerecht in die Topographie einzubetten, dass sie sich mit den vorgefundenen Strukturen und dem naturnahen Landschaftsbild in fließenden Übergängen miteinander verschmelzen.

 

Spielkonzept

Unsere Intention war es, anhand von angemessenen Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten eine möglichst optimale Entwicklungs- und Lernförderung von Kindern zu bewirken. Hierbei lag ein besonderes Augenmerk auf der Entwicklung von Risikokompetenzen, also körperliche Wagnisse oder Gefahren bewusst ausloten zu lernen und mögliche Herausforderungen spielerisch zu überwinden.

Um dem Bewegungsmangel und damit auch den motorischen Defiziten vieler heute lebender Kinder entgegenzuwirken, wurde ein Schwerpunkt in die Förderung des Bewegungsspiels gesetzt. Dem Trainieren von Ganzkörperbewegungen sollte neben einfachen Balancierangeboten und komplexeren Seil- und Kletterkombinationen auch mit einem Multifunktions-Spielfeld und Bodentrampolinen entsprochen werden.

Ein weiteres Planungsziel stellte die angestrebte soziale Interaktion, das Miteinader-Spielen, dar. Hierbei haben wir darauf geachtet, dass Kinder nicht nur einzelne monofunktionale Spielgeräte bespielen, die nacheinander routinemäßig „abgearbeitet“ werden, sondern durch das Treffen von Wegen oder das Überlagern von etwaigen Rollenspielen immer wieder neue Spielsituationen entstehen. Somit sollte der von uns geplante Spielraum nicht nur das tradierte Bedürfnis nach Rutschen, Schaukeln, Hüpfen etc. erfüllen, sondern diese Angebote mit einer mitmenschlichen und einer thematischen Komponente ergänzen können.

Bei den einzelnen Bereichen und Elementen legten wir Wert darauf, dass generationsübergreifende Aktionsräume sowie viele dezente Verweilmöglichkeiten und Rückzugsorte entstehen. Mehrere zusammenhängende Spielstationen laden durch ihre aufwändigen, innovativen Konstruktionen Jung und Alt zum gemeinsamen Experimentieren, Entdecken, Spielen und Lernen ein.

Es wurde beabsichtigt, die Spielobjekte derart anzuordnen, dass neben den eigenen Qualitäten zusätzliche Möglichkeiten im Zusammenspiel mit anderen Spielpunkten oder der Umgebung gewonnen werden. Prinzipiell sollte mittels eines regen Wechsels und der Einbindung der Spielobjekte in die naturräumlichen Gegebenheiten das Spielerlebnis auf die umgebenden Flächen ausgeweitet, die Fantasie der Kinder genutzt und somit ein angestrebtes freies Kinderspiel gefördert werden. Die vielen extensiven Böschungsbereiche besitzen ein hohes Potenzial, ein Bewusstsein für die natürlichen Spielmöglichkeiten zu wecken und Raum für individuelle Naturerfahrungen zu geben.

 

Spielstationen

Aus dem thematischen Zusammenhang der übergroßen Eidechse lassen sich mehrere, durchgängig bespielbare und künstlerisch, individuell gestaltete Spielstationen aufführen. Bedingt durch ihre Dimension lassen sie, wenn man sich in ihnen bewegt, jedoch auch Freiraum für völlig eigenständige, von der Echse losgelöste Fantasiewelten.

Echsenkopf: Der Echsenkopf, mit seinen aus Edelstahlgitter geformten Augen, stellt das Herzstück des Spielangebotes dar. Er ist der bedeutendste Blickfang im Sandtal und birgt als aufwändiges Spielhaus mit mehreren Ebenen sowohl Ruhezonen und Verstecke als auch Aktionsräume wie Kriechröhren, Kletternetze, eine Tunnelrutsche oder bewegliche Elemente wie Wackelteller und Gurtstege. Der Echsenkopf bietet auch bei schlechtem Wetter einer großen Zahl von Kindern ein passendes Angebot.

Echsenarm: Seile, Tampen, aufgehängte Gummimembranen und Hängebrücken werden bodennah schwebend im Echsenarm miteinander verbunden und entwickeln sich zu einem „organischen“ Niedrigseilparcours mit mehreren Anspruchsstufen.

Echsenschuppen: Bekletterbare Holzpodestelemente als kleine Farbakzente auf unterschiedlichen Hang-Ebenen verbinden die größeren Spielstationen zu einem Gesamtkörper sowie zu einem durchgängigen Geschicklichkeits-Terrain.

Echsenhaut: Die Echsenhaut ist eine auf den Sonnenhang gefaltete Kletterlandschaft mit flacheren und teils steilen, anspruchsvollen Passagen. Sie erstreckt sich vom Fuß bis zur Böschungsoberkante und kann mittels Seilen und unterschiedlicher Klettergriffe über reflektierende Oberflächen-Applikationen aus GFK und Edelstahl erschlossen werden.

Echsenbein: Aus Kletternetzen und Sprossenstiegen formt sich das Echsenbein zu einer Spielhütte mit Schaukeln zwischen den langen grünen Zehen und bildet ein erhöhtes Gegenüber in der Blickachse zum Echsenkopf.

Hautfalte: Um auch überregional anreisenden Tagesgästen eine Verweildauer bei hoher Aufenthaltsqualität zu gewähren, wollten wir eine adäquate Anbindung an den nördlich angrenzenden Gastronomie- und Sanitärbereich schaffen. Dies erfolgt über einen mehrfach verwinkelten Treppenaufstieg mit beidseitigem Handlauf. Er überwindet den Höhenunterschied vom Tal zu einer Aussichtsplattform am Bismarckturm, birgt einen sonnigen Ruheplatz und verbindet den am Böschungskopf aufgeständerten Einstieg der Riesenrutsche mit ihrem Auslauf in der Talebene. Die Stufen und kleinen Podeste winden sich den gesamten Nordhang entlang und stellen eine durchgängige Hautfalte des sich krümmenden Eidechsenkörpers dar.

Echsenschwanz: Am östlichen Rand des Spielgeländes dient ein freistehender, zusammenhängender Holzstapel aus verschieden dicken, waagerecht gelagerten Hölzern als Barriere zum geschützten, nicht zu betretenden Böschungsbereich. Thematisch bildet er einen Teil des Echsenschwanzes aus und kann gleichzeitig von neugierigen Eidechsen zur Temperaturregulierung sowie als geeignetes Habitat mit vielen Verstecken und Unterschlüpfen für die Überwinterung gebraucht werden.

Gelege: Ein Echsengelege mit bekletter- und durchkriechbaren GFK-Eiern dient als Kleinkind-Spielbereich. Kleine Holzspielelemente wie Balancierbalken, Podeste und Ebenen sowie Kletterseile und –netze erweitern das Angebot. Einen höher angelegten Bereich haben wir mit schrägen Liegebrettern ausgestattet, welche es bewegungseingeschränkten Kindern erlauben, in liegender Position mit geringem Kraftaufwand im Sand spielen zu können.

Sonnenbadeplatz: Der Sonnenbadeplatz bietet als Wasserspielbereich mit Wasser-Spritzpumpen und Nebeldüsen viel Platz zum Sonnen und Planschen. In einem Teil des Echsenschwanzes strahlen Wasserfontänen aus Schlitzen einer gefalteten Betonskulptur heraus und ermöglichen eine erfrischende Dusche nach Auslösung der integrierten Sensoren.

Multifunktionspfosten: Inmitten der ungewöhnlichen und markanten Eidechsenkulisse besteht auf einem freien Feld die Möglichkeit, Spielpartner für ein ambitioniertes Beach-Volleyball-Turnier zu finden, Federball zu spielen oder zwischen den Pfosten eine Slackline einzuspannen.

Trampoline: Der in der Talebene mittig platzierte Trampolin-Parcours lässt diesen Spielbereich zu einem lebendigen Aktionsfeld mit viel Bewegung werden. Thematisch könnten die Trampoline für ein potentielles Beuteziel der Eidechse stehen.

 

Barrierefreiheit

Die Spiel- und Kletteranlagen sind so dimensioniert, dass auch Erwachsene die Kinder spielend begleiten können und wurden derart ausgestaltet, dass ein integratives Spielerlebnis ermöglicht wird. In Abhängigkeit vom Grad und der Art der Behinderung können die Stationen auch von Kindern mit Behinderungen bespielt werden. Durch die Vielzahl an Spielangeboten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden für verschiedene Altersgruppen ist eine breite Nutzbarkeit gegeben.

Das Sandtal wird über einen geschwungenen Weg entlang der östlichen Hangkante erschlossen. Der Wasserspielbereich, die Trampoline sowie der Spielsandbereich können direkt von diesem breiten befestigten Weg aus barrierefrei erreicht werden.

Insbesondere haben wir darauf geachtet, dass das Element Wasser auch mit Rollstuhl oder Gehhilfen erlebbar ist. Über die befestigten Flächen können Rollstuhlfahrer direkt bis an die wasserfördernden Spielelemente wie Nebel- und Klarstrahldüsen heranfahren und im Sommer als willkommene Abkühlung nutzen.

 

Foto: k1 Landschaftsarchitekten Kuhn Klapka GmbH)

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