Barrierefreies Bauen

Von Prof. Irene Lohaus, Lohaus + Carl GmbH Landschaftsarchitekten + Stadtplaner

Barrierefreies Bauen

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes leben in Deutschland über 7 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung, das entspricht einem Anteil von etwa 8,9 Prozent der gesamten Bevölkerung. Ein Großteil dieser Menschen ist älter als 55 Jahre, fast ein Drittel sogar älter als 75 Jahre. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung kann in Zukunft mit einem kontinuierlichen Anstieg von Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen gerechnet werden.

Der medizinische Fortschritt sowie die Entwicklung der technischen Hilfsmittel, Navigations- sowie Kommunikationsmöglichkeiten können zukünftig sicherlich viele Einschränkungen kompensieren, eine barrierefrei gestaltete Umwelt, die die Bedürfnisse aller Nutzer berücksichtigt, wird jedoch auch in der Zukunft unerlässlich bleiben und sollte selbstverständlich werden. Schon jetzt profitieren viele von den Umsetzungen des barrierefreien Planens und Bauens.

 

Barrierefreie Lösungen entwerfen

Die Auseinandersetzung mit den Anforderungen an motorische Einschränkungen ist für die meisten Planer/innen inzwischen selbstverständlich. Die 2010 in die „DIN 18040 – Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude“ und auch in die „DIN 18040 - Teil 3: Öffentlichen Verkehrs- und Freiräume“ ausdrücklich aufgenommenen Anforderungen und Bedürfnisse von Menschen mit motorischen, visuellen und auditiven sowie kognitiven Einschränkungen sind jedoch weniger geläufig. Mit der Einführung des Begriffs „Schutzziel" werden darüber hinaus nicht mehr konkrete Lösungen, sondern Eigenschaften definiert, die zu erreichen sind. Die in der DIN dargestellten Lösungen sind also als beispielhaft und nicht zwingend als einzige Lösungen zu betrachten.

Beide Neuerungen der DIN sind eine Herausforderung an das Entwerfen und die Kreativität der Planenden. Sie setzen weitreichende Hintergrundkenntnisse zum barrierefreien Planen und Bauen und einen durchgängig transparenten Planungsprozess voraus.

 

Bodenbeläge als Orientierungs- und Leitsystem

Für den Besucherverkehr zu und in öffentlich nutzbaren Gebäuden muss mit der Erschließung ein schlüssiges sowie durchgängiges Orientierungs- und Leitsystem zur Verfügung stehen.

Grundsätzlich ist bei der äußeren und inneren Erschließung öffentlicher Gebäuden und im öffentlichen Raum eine gemeinsame Wegeführung aller Nutzer/innen anzustreben. Orientierungs- und Leitsysteme tragen maßgeblich dazu bei, Personen mit visuellen oder kognitiven Einschränkungen wie auch alle übrigen Nutzer/innen sicher und eindeutig vom Ausgangs- zum Zielort zu leiten. Eine Einheitlichkeit und Durchgängigkeit des gewählten Systems in einem Nutzungszusammenhang ist dringend zu berücksichtigen, um die Erlernbarkeit  und damit die Orientierung zu erleichtern.

 

In dem Modellprojekt Barrierefreiheit im historischen Stadtkern Warburg sind die in den aktuellen Regelwerken verankerten Kriterien zum barrierefreien Bauen weitgehend berücksichtigt. Da der Entwurf bereits 2009, vor der Veröffentlichung der aktuellen Normen, erarbeitet wurde und aufgrund der sehr beengten Verhältnisse der Altstadtsituation waren teilweise Abweichungen erforderlich.

 

 

Beispiel  Barrierefreiheit im historischen Stadtkern Warburg – Gestaltung der Straßen

Die historische Kernstadt von Warburg empfängt Besucher und Bürger mit einem malerischen Charme und einem geschlossenen baulichen Gesamtbild.

Ein wesentliches Ziel der Neugestaltung der öffentlichen Räume in der Neustadt ist die Stärkung des historischen Gesamtensembles mit ihrem ganz besonderen Flair bei gleichzeitiger Integration aktueller Nutzungsanforderungen an Barrierefreiheit, an Attraktivität für Touristen und für den täglichen Gebrauch.

Dazu trägt ein einheitlicher Bodenbelag bei, der sich in das historische Ensemble einfügt, an traditionelle Gestaltungsbilder Warburgs anknüpft, diese zeitgemäß interpretiert und die Anforderungen an die Barrierefreiheit berücksichtigt.

 

Gesamtkonzept als Basis für Orientierungs- und Leitsystem

In Warburg wurde für den Nutzungszusammenhang der historischen Innenstadt ein individuelles, einheitliches und durchgängiges Konzept für die Wahl der Bodenbeläge entwickelt, das nicht nur Menschen mit motorischen Einschränkungen berücksichtigt, sondern mit Hilfe einer klaren Zonierung auch als Orientierungs- und Leitsystem für Menschen mit visuellen und kognitiven Einschränkungen dient.

Das Gesamtkonzept, das in jährlichen Bauabschnitten straßenweise umgesetzt wird, stellt eine Einheitlichkeit und Durchgängigkeit des gewählten Systems im Nutzungszusammenhang der Altstadt sicher, die eine einfache Erlernbarkeit zulässt. 

 

Zonierungsprinzip als Basis für Orientierungs- und Leitsystem

Die Struktur des gewählten Bodenbelages orientiert sich an dem historischen Bild der Straßenräume um die Jahrhundertwende: Diagonal gepflasterte Laufbänder durchziehen die im Übrigen aus Groß- und Kleinsteinpflasterformaten hergestellten Straßenräume. Aufgrund der engen historischen Straßenprofile werden beidseitig 1,2 Meter breite Laufbänder angelegt.

Mindestens diese Laufbänder werden mit einer sicher begehbaren Oberflächentextur hergestellt und von jeglichen Einbauten, Auslagen, Reklameaufstellern und parkenden Autos freigehalten. Dieses ist auch eindeutig mit den Geschäftsleuten vereinbart! Diese unmissverständlich freizuhaltende Zone dient nicht nur seh- und gehbehinderten Menschen, sondern bietet allen Nutzern, Bewohnern und Touristen eindeutige, durchgängige Bewegungsleitlinien durch die historische Altstadt.

Die Breite der Laufbänder von 1,2 m entspricht der Mindestbreite für die Rollstuhlnutzung. Aufgrund des höhengleichen Ausbaus sind Ausweichflächen im Begegnungsfall in den Seitenräumen gegeben. Um die Benutzbarkeit für Rollstühle und Rollatoren zu erleichtern, ist die Querneigung der Laufbänder zwischen 1,5 und 2 % gewählt. Die in Altstadtsituationen typischen Höhendifferenzen zwischen den Eingängen wurden in den Seitenflächen bzw. in der Mittelzone ausgeglichen.

Die Innenstadt von Warburg ist teilweise als Fußgängerzone ausgewiesen, überwiegend ist in den engen Straßenprofilen auch der Anliegerverkehr und Parken vorgesehen. Für alle Straßen ist ein höhengleicher Ausbau vorgesehen.

Alle Laufbänder werden in hellem Dolomit bzw. Betonstein hergestellt, die Fahrbahnen und Gehwegnebenflächen in der farblich dunkleren beige-braun-grau-changierenden Grauwacke.

Anliegerstraßen mit hoher Verkehrsbelastung, insbesondere durch den Linienbusverkehr, sind im Fahrbahnbereich in Farbasphalt aus Grauwacke hergestellt. Sie fügen sich damit farblich in das Gesamtbild ein.

 

Bodenbeläge als Orientierungs- und Leitsystem

In der Fußgängerzone werden Pflasterflächen aus Grauwacke in Werksteinqualität mit geflammter Oberfläche verwendet. Die diagonal verlegten Laufbänder aus Dolomitstein werden aus gesägten und in der Oberfläche sandgestrahlten Steinen hergestellt. Diese Steinqualitäten bieten wegen der präziseren Fugen und der ebenen Oberfläche einen hohen Geh- und Fahrkomfort bei gleichzeitiger Wahrung einer dem Natursteinmaterial und dem historischen Umfeld angemessenen Oberflächenoptik.

Die deutlich unterschiedliche Verlegeart zwischen Laufband und Mittelzone und die ergänzende Rahmung des Laufbandes mit taktil erfassbarem Kleinsteinpflaster aus Grauwacke ermöglicht blinden Menschen die taktile Orientierung. Ergänzend sind im Bereich von Kreuzungen und Einmündungen taktil erfassbare Aufmerksamkeitsfelder und Richtungsfelder (Edelstahlnoppen als Bodenindikatoren) in das Laufband integriert.

Die Wahrnehmbarkeit für visuell eingeschränkte Menschen wird erreicht, da die verwendeten Materialien für Laufband (Dolomit) und Fläche (Grauwacke) einen Leuchtdichtekontrast von 0,4 sowohl im trockenen als auch im feuchten Zustand erreichen. Dieser in den Regelwerken empfohlene Kontrastwert konnte im Labor nachgewiesen werden.

 

Entwurfsspielraum gering

Die Einführung des Begriffs „Schutzziel“ in die DIN bietet zwar die Chance, beispielsweise für denkmalgeschützte Objekte kreative, maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln,  gerade im Hinblick auf die nach DIN neu zu berücksichtigenden Einschränkungen der Sehfähigkeit sind die gestalterischen Spielräume für die Außenraumgestaltung jedoch gering.

Zum Beispiel sind die in der DIN formulierten Kontrastwerte und Mindestleuchtdichten für Leit- und Orientierungssysteme nur bei in der Kombination von sehr dunklen und sehr hellen Materialien zu erreichen. In Ermangelung von Erkenntnissen, ob mit anderen Lösungen das Schutzziel Leiten und Orientieren für Menschen mit sensorischen Einschränkungen auch zu erzielen wäre, ist zu erwarten, dass überwiegend auf die in der DIN bespielhaft dargestellten Werte zurückgegriffen wird. Weitergehende wissenschaftliche Untersuchungen oder Modellvorhaben könnten hier zu einer größeren Bandbreite an Lösungen führen.

 

Transparenter Planungsprozess

Zum Nachweis der Erfüllung der in den Schutzzielen definierten Eigenschaften ist eine transparente Darlegung von Entscheidungen über die gewählten Lösungen von entscheidender Bedeutung. Der interdisziplinär von den Lehrgebieten Sozial- und Gesundheitsbauten und Landschaftsbau der TU Dresden im Rahmen der Forschungsinitiative "Zukunft Bau" des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) entwickelte Leitfaden Barrierefreies Bauen stellt ein Verfahren dar, mit dem die vereinbarten Lösungen je Planungsschritt nachvollziehbar dokumentiert werden können.

Um die Kommunikation mit den Beteiligten zu erleichtern und verlässlicher zu gestalten, definiert dieser Leitfaden für jede Planungsphase von der Bedarfsplanung bis zur Ausführungsplanung die mindestens zu klärenden Aspekte zur Barrierefreiheit. Die Ergebnisse sollen je Planungsschritt sowohl textlich als auch zeichnerisch dokumentiert werden.


Weiterhin sind dem Leitfaden beispielhafte Legenden für den zeichnerischen Nachweis der Barrierefreiheit beigefügt, die bei regelmäßiger Anwendung das Lesen und damit die Kommunikation mit der Bauverwaltung und den Behindertenvertretungen gerade bei komplexen Um- und Neubaumaßnahmen erleichtern. Die Anwendung des Leitfadens ist für Bundesbauvorhaben im Jahr 2014 verbindlich eingeführt worden.

 

Foto: Lohaus + Carl GmbH Landschaftsarchitekten und Stadtplaner

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