Hindernislauf: etwas anders ausgelebt

Von Pablo Giese, Team Proelan

Hindernislauf: etwas anders ausgelebt

Die Sportart Parkour definiert sich als „effiziente, schnelle und elegante Fortbewegung durch meist urbane Räume ohne Unterstützung von Hilfsmitteln“. Der Sportler (in der Szene auch „Traceur“ genannt) setzt es sich zum Ziel, im Rahmen seiner Fähigkeiten die bauliche oder natürliche Umgebung möglichst kreativ und interaktiv zu nutzen. Urbane Strukturen werden dabei als Hindernisse interpretiert, die zu einer Nutzung einladen. Man geht Wege, die andere nicht gehen – auch in Herne.

Die kreisfreie Stadt Herne in Nordrhein-Westfalen hat im Juni 2015 eine umfangreiche Umgestaltung des Grünzuges „Hölkeskampring“ abgeschlossen und für die Anwohner und Bürger neu eröffnet.

Herne war eine der wichtigen Bergbaustädte in der Region Ruhr und hatte somit in den vergangenen Jahrzehnten enorme strukturelle und städtebauliche Herausforderungen im Zuge des Strukturwandels zu bewältigen. In der Folge etlicher kleiner und großer raumplanerischer Maßnahmen hat Herne es geschafft, den Spagat zwischen Urbanität und naturnahem Flair zu meistern. Bauwerke wie die Akademie Mont-Cenis im Stadtteil Sodingen und der sie umgebende Raum sind hierfür ein gutes Beispiel: Auf den Flächen einer ehemaligen Zechenanlage konnte ein technisch hochanspruchsvolles und aus ökologischer Hinsicht seinerzeit wegweisendes Baukonzept umgesetzt werden. Ergebnis war ein attraktiver Naherholungsraum mit wichtigen Funktionen auch für identitätsstiftende Ansätze (Aussichtshügel mit Blick über den Stadtteil, in die Akademie integriertes Bürgerzentrum und Stadtteilbibliothek). Es ist gelungen einen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen, der zeitgemäß und richtungsweisend ist, ohne dabei die historische Identität und den Charme „des Alten“ auf der Strecke zu lassen.

Mit der Umgestaltung des Grünzuges Hölkeskampring kann in ähnlicher Weise von einer gelungenen Synthese aus erneuerungsbedürftigem Bestand und neu geschaffenen Räumen gesprochen werden.

 

Städtebauliches Entwicklungskonzept

Die Ruhrgebietsstadt mit rund 154.000 Einwohnern hat im Jahr 2011 ein städtebauliches Entwicklungskonzept für den Bereich Herne-Mitte und die daran angrenzenden Quartiere und Stadtteilbereiche beschlossen, welches unter anderem im Bereich des Hölkeskamprings umfangreiche bauliche Veränderungen vorsah.

Der Grünzug Hölkeskampring entwickelte sich im Laufe der 1950er und 1960er Jahre zu seiner aktuellen Form. Er verbindet als östlich verlaufender Ring um die Innenstadt die Stadtbezirke „Mitte“; „Süd“ und „Sodingen“ und erschließt die nach Osten angrenzenden Grünflächen. Der etwa 40 Meter breite begrünte Streifen erfüllt somit eine wichtige Funktion in der Naherholung und der verkehrsfreien Erschließung der südlichen und östlichen Stadtquartiere.

Im Laufe der Jahrzehnte musste festgestellt werden, dass dieses Areal zwar weiterhin wichtige Funktionen für (Hunde-)Spaziergänger und Radfahrer in der Verbindung der angrenzenden Quartiere und Freiflächen erfüllte, jedoch keine zeitgemäße und ausreichend hohe Gestalt- und Aufenthaltsqualität mehr bot. Im Rahmen des städtebaulichen Entwicklungskonzeptes wurde zudem eine umfassende Verbesserung des Frei- und Spielflächenangebotes beschlossen, um diesen wertvollen Raum durch aufsuchende Nutzung und den Aufenthalt unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu beleben.

Das konkrete Resultat dieser zunächst grob formulierten Zielsetzungen war eine umfassende Erneuerung der Flächen auf einer Strecke von etwa 1.000 Metern. Die Wegeverläufe sollten neu gestaltet und harmonischer in den umgebenden natürlichen Raum eingebettet werden. Des Weiteren sollten Spiel- und Sportpunkte für sämtliche Altersgruppen geschaffen werden.

 

Der Hölkeskampring heute

Im Rahmen der Eröffnung am 15.06.2015 wurde den Herner Bürgern ein Hölkeskampring präsentiert, der über einen angenehm geschwungenen Fußweg sowie einen breiten gepflasterten Radweg verfügt. Ein wichtiges gestalterisches Element stellen immer wieder auftauchende Gesteinsbrocken und Findlinge dar, die teilweise geometrisch angeordnet wurden und an anderen Stellen scheinbar zufällig gestreut wirken. Durch die geschickte Planung des Wegeverlaufes entstehen hier neben den Transferräumen immer wieder schöne kleinflächige Orte mit einer hohen Aufenthaltsqualität, die zu ruhigem Verweilen einladen.

Der eigentliche Clou im Rahmen der Umgestaltung besteht in der Konzeption der dort entstandenen Spiel- und Sportflächen. An drei punktuell gestalteten Teilflächen bietet der neue Hölkeskampring auf insgesamt etwa 800 Quadratmetern Spiel- und Sportflächen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der gesamte Verlauf ist zudem immer wieder besetzt mit einzelnen Outdoor-Fitnessgeräten, die zu kurzen oder auch ausgedehnten sportlichen Einheiten einladen.

 

Drei Spiel- und Sportflächen

Im westlichen Bereich wurde ein klassischer Spielpunkt für Kinder bis zu sechs Jahren umgesetzt. Er ist durch eine Hecke sichtgeschützt eingebettet und bietet ein Spielhaus mit Rutsche sowie diversen Sandspielfunktionen.

Damit auch Kinder ab sechs Jahren voll auf ihre Kosten kommen, wurde im östlichen Teil auf großzügiger Fläche ein Mottospielplatz mit dem Titel „Piratennest“ umgesetzt.

Dort wurde ein abwechslungsreicher topografischer Verlauf geschaffen, der an Wellen erinnert und zu großen Teilen aus fugenlosem gegossenem Fallschutz besteht. Um den Eindruck einer maritimen Umgebung zu unterstreichen, wurde das Gummigranulat zudem koloriert. Verschiedenartig gestaltete Spielhäuser und Objekte in Bootsoptik laden dazu ein, den gesamten Geländeverlauf zu bespielen. Vor allem die Spielfunktionen Klettern und Hangeln stehen hier im Fokus und bedienen somit den Bewegungsdrang insbesondere älterer Kinder. Abgerundet wird das Angebot durch eine lange Seilbahn.

Mit der am Hölkeskampring eröffneten Parkouranlage hat die Stadt Herne die Bedürfnisse von Jugendlichen erkannt und greift ein Thema auf, das in deren Lebenswelt einen hohen Stellenwert genießt. Das Fachplanungsbüro Proelan und der Hersteller X-Move haben hier erstmalig ein Projekt realisiert, das in einer vergleichbaren Form noch nicht umgesetzt wurde. Entsprechend den Anforderungen an alle neugestalteten Spiel- und Sportpunkte, wurde ein Konzept realisiert, das durch Modellierung der Geländetopographie sowie den Einsatz von Naturmaterialien sämtliche Erwartungen an eine vollwertige Parkouranlage erfüllt und sich dabei homogen in die Umgebung einfügt.

 

Die Parkouranlage

Die Anlage „Freeland 5“ gliedert sich in drei unterschiedliche Bereiche, die verschiedene Schwerpunkte abdecken und dennoch einem homogenen und konsequenten Gesamtkonzept folgen.

An einer Seite befindet sich ein Bereich in Spotgröße mit hohen Walls, Stangenkonstruktionen, einer angeschrägten Wand, Durchbruchsituation, freistehendem Block und Überwindungsmauer sowie bodennahen Elementen. Das Besondere an diesem Bereich sind die gesäuerten Betonoberflächen, welche bei guten Grip-Eigenschaften einen ansprechenden visuellen Eindruck vermitteln sowie eine Anordnung aus massiven Vierkantstahlbügeln für Präzisionssprünge.

Zur anderen Flanke der Anlage hin liegt ein begrünter Hügel mit riesigem Findling und weiteren großen Steinen sowie verschiedenen Anordnungen aus Robinienstämmen. Hier wird Parkourtraining in einer naturnahen Umgebung möglich. An den Hügel schließt sich außen eine Kiesgrube zur sicheren Ausführung technisch anspruchsvoller Sprünge an.

Die verbindende Mitte zwischen den beiden Bereichen bildet das „Auge“; eine runde Fläche aus festerem Gummigranulat. Dieser Bereich kann als Transferraum für die Parkourläufer verstanden werden, stellt darüber hinaus aber auch einen Ort dar, der die Funktionen „Aufenthalt“ und „Training artverwandter moderner Bewegungssportarten“ verbindet. Hier finden Akteure aus dem Bereich Streetworkout / Calisthenics eine Mauer mit Dipbars und auch Sportler aus dem Tricking (Tricking ist eine Sportart, in der die umgebende Architektur sowie die Interaktion mit dieser vollkommen in den Hintergrund rücken. Tricking kann grob gefasst als Synthese aus Elementen des Turnen/der Artistik sowie verschiedener Kampfkünste verstanden werden.) können die speziellen Eigenschaften des Gummigranulats in diesem Bereich für ihren Sport nutzen.

 

Parkouranlagen und bauliche Einbettung

Dass zeitgemäße Konzepte für Parkouranlagen im Rahmen unterschiedlichster Umgebungen eine homogene Einbettung bei hoher Gestaltqualität erlauben, zeigt ein anderes – in diesem Fall maximal urbanes - Projekt in Leipzig. Die Stadt Leipzig errichtete eine Parkouranlage im Ortsteil Schönefeld Ost. Der umgebende Raum dort ist geprägt von einer vielgeschossigen Bauweise im Stile der 1970er Jahre.

Um auch hier den Bogen zwischen Altem und Neuem zu schlagen, ohne dabei den möglichen Charme der erneuerungsbedürftigen Strukturen zu ignorieren, fügt sich das Design der Anlage ohne Bruch in das vorhandene Umfeld ein. Konstruktionen aus Beton und Stahl, klar definierte Objekte und Raumkanten sowie die künstlerische Gestaltung der Oberflächen mit Graffitis von urbanen sportlichen Szenen nehmen die umgebende Atmosphäre auf und zeigen alte Formen im neuen Gewand.

 

Foto: Proelan

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