Der Schulhof im Quartier – ein Ort für alle Generationen?

Von Stefan Eckl & Henrik Schrader (Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung)

Der Schulhof im Quartier – ein Ort für alle Generationen?

Durch den Ausbau der Ganztagsschule verbringen immer mehr Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit an ihrer Schule. Die Schule ist natürlich nach wie vor ein pädagogischer Ort zum Lernen, aber auch ein sozialer Raum, der zur Begegnung mit anderen einlädt. In der pädagogischen Literatur wird daher in jüngster Zeit verstärkt über den Zusammenhang zwischen Raum und Pädagogik diskutiert. Dabei wird in Rückgriff auf die soziologische Diskussion über den Raum der Schulraum als ein Ort definiert, der sich nicht nur durch pädagogisch gestaltete Architektur auszeichnet, sondern subjektive Sinndeutungen erlaubt, die in erster Linie von Alter und Geschlecht, aber auch von anderen soziodemographischen Merkmalen abhängig sind (vgl. Derecik, 2014, S. 25ff.). Vereinfacht ausgedrückt: Die Umgebung, die ich als Nutzer vorfinde, eigne ich mir nach meinen Bedürfnissen an und verändere womöglich sogar den ursprünglichen Sinngehalt. Beispielsweise kann eine Tischtennisplatte, eigentlich ein genormtes Sportgerät und somit einem Sportraum zuzuordnen, durch eine andere Nutzung (z.B. Rundlauf, Spielen mit den Händen anstatt mit Schlägern, Liegefläche, Sitzmöglichkeit) zu einem Spielraum oder zu einem Kommunikationsraum umfunktioniert werden (vgl. Dietrich, 1992, S. 16).

Der Schulraum umfasst damit sehr viele Aspekte und ist nicht nur auf das Schulgebäude beschränkt. Das Raumkonzept, die Ausstattung bzw. Möblierung, das pädagogische Konzept und nicht zuletzt die Bezüge zum Stadtteil oder zum Quartier – das alles definiert den Schulraum. Der Schulhof ist hier nur ein Teilaspekt, wenngleich ein besonders wichtiger.

Gerade in urbanen Räumen fehlen in den verdichteten Innenstadtgebieten oftmals Flächen, die sowohl von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen für Sport, Spiel und Bewegung angeeignet und genutzt werden können. In Untersuchungen, die im Zuge von Sportentwicklungsplanungen vorgenommen wurden, wurde auch die Bevölkerung zur Bewertung der vorhandenen Sport- und Bewegungsräume befragt. In den befragten 20 Städten unterschiedlichster Größe urteilte nur etwa ein Drittel der Befragten mit „sehr gut“ oder „gut“, was die Bewegungsmöglichkeiten für Kinder im Wohnumfeld anbelangt. Auch die Freizeitspielfelder (z.B. Bolzplätze) werden nur von einem Viertel der Befragten mit „sehr gut“ oder „gut“ beurteilt. Alleine diese Zahlen lassen aufhorchen – offensichtlich gibt es einen Bedarf in der Bevölkerung nach wohnungsnahen Bewegungsräumen, die nicht in jedem Fall von den Kommunen befriedigt werden kann. Schulhöfe, oftmals über das ganze Stadtgebiet verteilt, können hier eine Alternative darstellen.

 Fragt man die Bevölkerung, in welche Bereiche sie bei den Sport- und Bewegungsräumen investieren würde, würden durchschnittlich etwa 16 von 100 Punkten in die bewegungsfreundliche Gestaltung von Schulhöfen investiert werden. Vor allem Frauen und Personen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren würden hier überdurchschnittlich mehr Mittel aufbringen.

Die Befragungsergebnisse dokumentieren damit zweierlei: Erstens wird deutlich, dass es in vielen Städten ein Nachholbedarf in der Verbesserung der Sport- und Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum gibt. Zweitens erfährt die Idee einer bewegungsfreundlichen Gestaltung von Schulhöfen in den Augen der Bevölkerung eine hohe Zustimmung. Damit wären ideale Grundlagen für attraktive Schulräume gelegt, die sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch der Nachbarschaft zu Gute kommen.

Die Praxis sieht jedoch vielfach anders aus. Schulhöfe, sofern sie überhaupt für Sport, Spiel und Bewegung geeignet sind und nicht nur eine Asphaltwüste darstellen, sind mit hohen Zäunen umgeben und spätestens mit Unterrichtsschluss werden diese Räume vom Hausmeister abgesperrt. Als Gründe hierfür werden oftmals Haftungsfragen, Vandalismus, Lärm und Verschmutzung angegeben. Viele Praxisbeispiele zeigen aber, wie diesen Vorbehalten begegnet und der Schulhof zum Wohle aller geöffnet werden und er seine positive Wirkung für das gesamte Quartier entfalten kann. Grundlegend ist hier daher eine Planung, die von Anfang an die verschiedenen Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten eines solchen Geländes berücksichtigt.

Diese Planung hat sowohl die Bedürfnisse der Schule als auch der potenziellen Nutzer berücksichtigt, damit die Verzahnung von quasi privatem Schulraum und öffentlichem Raum funktioniert. Daher ist ein breiter Beteiligungsprozess, bei dem nicht nur die Schulgemeinde (Schülerschaft, Lehrerschaft, Eltern, Schulträger, Hausmeister, Förderverein) eingebunden ist, sondern auch die relevanten Institutionen des Quartiers, eine notwendige Voraussetzung. Gemeinsam werden Funktionen, inhaltliche Ausgestaltung (Raumkonzept) sowie ein Betreuungskonzept entwickelt. Schulhöfe können somit individuelle Visitenkarten für das jeweilige Quartier werden und besondere Schwerpunkte bilden, so z.B. für Spiel, Bewegung, Ruhe oder Kommunikation.

Damit sich Jung und Alt im öffentlichen Raum „Schulhof“ begegnen können, muss ein Schulhof so konzipiert werden, dass er allen Altersgruppen spielerische, regenerative und kommunikative Nutzungsmöglichkeiten bietet. Nur dann sind aus sportsoziologischer und pädagogischer Perspektive die planerischen Voraussetzungen gegeben, dass sich ein Schulhof für die Schule und die Bevölkerung vor Ort zu einer altersübergreifenden Begegnungsstätte im Quartier entwickeln kann, der Spiel und Bewegung für alle Gesellschaftsteile bereithält. Ein positiver Nebeneffekt eines mit Leben gefüllten Schulhofes besteht zusätzlich darin, dass hier eine gewisse soziale Kontrolle entsteht, die sich Vandalismus vorbeugend auswirkt.

Praxisbeispiele wie etwa aus Wien machen deutlich, welchen Mehrwert eine Mehrfachnutzung von Schulfreiräumen hat. Außerhalb der Schulzeiten werden die Schulhöfe z.T. durch geleitete oder beaufsichtige Angebote inszeniert, z.B. über ein vom Sportverein organisiertes Streetball-Turnier oder durch Angebote von Eltern oder Ehrenamtlichen im sportlichen, kulturellen oder sozialen Bereich. Offene Schulhöfe sind daher mehr als nur pädagogische Aufbewahrungsflächen, sie können wertvolle und wichtige soziale Treffpunkte für alle Altersgruppen darstellen.

Obwohl sich viele Kommunen bereits auf den Weg gemacht und ihre Schulhöfe in Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben – ein flächendeckendes Verständnis hierfür fehlt. Unkenntnis über die Sinnhaftigkeit, negative Erfahrungen, aus denen keine Lehren gezogen wurden oder Furcht (Vandalismus, Schmutz etc.) prägen vielerorts die Diskussion. Dabei könnten hier mit relativ einfachen Mitteln und einem überschaubaren Aufwand Oasen im Wohnumfeld geschaffen werden und das Schulgelände als Brücke in den Stadtteil dienen (vgl. Dietrich et al., 2005, S. 21). In anderen Ländern wurde die Wichtigkeit der offenen und bewegungsfreundlich gestalteten Schulhöfe schon früher erkannt. Von John Lee, dem Begründer der US-amerikanischen Playground-Bewegung ist folgendes Zitat überliefert: „Für den Erwachsenen ist Spiel Erholung, die Wiederherstellung des Lebens; für das Kind dagegen ist Spiel Wachstum, die Erlangung des Lebens.“

 

Literatur:

Derecik, Ahmet (2014). Praxisbuch Schulfreiraum. Gestaltung von Bewegungs- und Ruheräumen an Schulen. Wiesbaden: Springer.

Dietrich, K. (1992). Bewegungsräume. Sportpädagogik, 16 (4), 16-21.

Dietrich, K., Hass, R., Marek, R. & Porschke, C. (2005). Schulhofgestaltung an Ganztagsschulen. Ein Leitfaden. Schwalbach: Wochenschau.

 

Foto: SMB

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