Heimat ist mehr als 4 Wände

Heimat ist mehr als 4 Wände

Gutes, sicheres und bezahlbares Wohnen in lebenswerten Quartieren mit funktionierender Infrastruktur ist ein entscheidender Faktor für Lebensqualität. Ein Interview mit dem Präsidenten GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V., Axel Gedaschko.

Playground@Landscape: Was ist eine gut gebaute Umwelt und ein sicheres Wohnen heute noch wert?

Axel Gedaschko: Wohnen ist seit jeher ein elementares Grundbedürfnis der Menschen. Eine Wohnung bietet Raum zur Gestaltung und gleichzeitig Schutz der Privatsphäre. Aber gerade auch das Quartier, das die vielen einzelnen Wohnungen und Häuser in ihrer Gesamtheit ausmacht, ist entscheidend, wenn es darum geht, gut und sicher zu wohnen. Von den neuen Megatrends wie der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung einzelner Lebensbereiche, ist auch das Wohnen nicht ausgenommen. Hier geht es um Entwicklungen wie „Smart Home“. Die zunehmend digital steuerbare Umwelt bietet viele Chance für alle Generationen. Sie birgt aber auch Risiken und Herausforderungen. So muss „sicheres Wohnen“ heutzutage in manchen Aspekten neu gedacht und Themen wie Datenschutz integriert werden. Unsere Umwelt muss generationen- und altersgerecht sowie energieeffizient gestaltet sein. Die Ansprüche an das Wohnen steigen, aber das Grundbedürfnis, um das es beim Wohnen geht, ist Sicherheit in einem lebenswerten Umfeld. Das bleibt gleich und auch gleich wertvoll.

 

P@L: Ein Statement zur Flüchtlingskrise und zum Thema Wohnungsbau von Ihnen: der GdW fordert zum Flüchtlingsgipfel bessere Bedingungen für bezahlbaren Wohnungsneubau. Was muss passieren?

Axel Gedaschko: Wir brauchen eine Neubauoffensive, und zwar jetzt. Der Wohnraum in den Ballungsregionen wird knapp. Derzeit beläuft sich das Wohnungsdefizit in Deutschland insgesamt auf mindestens 800.000 Wohnungen. Das liegt aber keineswegs nur an der aktuell hohen Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Das Defizit hat sich bereits über die vergangenen Jahre hinweg aufgestaut. Aber der momentane Zustrom verschärft das Problem zusätzlich. Konkret müssten in Deutschland bis 2020 jährlich insgesamt rund 400.000 Wohnungen und damit rund 140.000 Mietwohnungen mehr als in diesem Jahr gebaut werden – davon 80.000 Sozialwohnungen und 60.000 Einheiten im bezahlbaren Wohnungssegment. Diese Wohnungen fehlen insbesondere in Großstädten, Ballungszentren und Universitätsstädten. Es geht jetzt darum, die bestehenden Hürden für mehr bezahlbaren Wohnungsbau sofort aus dem Weg zu räumen. Die von der Bauministerkonferenz angekündigte Überarbeitung der Energieeinsparverordnung und des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes muss bis zur Sommerpause erfolgen. Die Bauleitplanungen müssen ebenso wie die Baugenehmigungsverfahren deutlich beschleunigt werden. Die Bürgermeister in den Städten und Gemeinden müssen die Wohnungsversorgung als Chefsache erkennen. Die Kommunen in den starken Wachstumsregionen brauchen einen mit umfassenden Kompetenzen und Weisungsbefugnissen ausgestatteten Wohnungsbaukoordinator, den die Länder anteilig mitfinanzieren. Ebenso wichtig ist es, die Baunutzungsverordnung zu überarbeiten, um Hemmnisse für die Nachverdichtung und Aufstockung von Wohngebäuden zu beseitigen. Und dann brauchen wir genau hier eine starke, hervorragend aufgestellte Integrationsarbeit.

 

P@L: Stichwort „Sozial“: Der GdW hat den Preis „Soziale Stadt“ ausgelobt. Was steht inhaltlich hinter diesem Preis?

Axel Gedaschko: Der Preis Soziale Stadt ist eine Gemeinschaftsinitiative von Auslobern aus Zivilgesellschaft, Wohnungswirtschaft, Wohlfahrt, Wissenschaft und Politik. Ziel des Wettbewerbs ist es, vorbildliche Projekte und Initiativen für eine soziale Stadt der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und damit deren Nachahmung zu fördern. Der Preis Soziale Stadt wird seit dem Jahr 2000 in einem 2-Jahres-Turnus verliehen. Grundanliegen des Wettbewerbs "Preis Soziale Stadt" ist es, die Menschen und ihr Handeln in den Mittelpunkt von Stadtentwicklung zu stellen. In sozial benachteiligten Stadtteilen konzentrieren sich die Folgen hoher Arbeitslosigkeit, demografischer Entwicklung und Zuwanderung. Die Probleme dieser Quartiere können nicht in begrenzten Zeiträumen gelöst werden, dazu wurzeln die Probleme zu tief. Soziale Stadtentwicklung ist eine Daueraufgabe, die nach gemeinschaftlichem, integrierten Handeln und ressortübergreifender Mittelbündelung verlangt. Soziale Stadt gelingt nur mit der Unterstützung vieler gesellschaftlicher und politischer Akteure. Das zeigt sich in den Bestrebungen, viele Partner für die Entwicklung der Quartiere und Nachbarschaften zu gewinnen – ob dies die Wohlfahrtsverbände, die Wohnungswirtschaft, Unternehmen, Stiftungen oder Jobcenter sind. Projekte mit ausgeprägtem Netzwerkcharakter werden deshalb erstmals mit einem Sonderpreis gewürdigt.

 

P@L: Neue Wohnformen für junge Familien. Service für Senioren. Wohnen und Arbeiten zusammen. Gute Angebote schaffen Nachfrage. Welche Angebote und welche Konzepte hat der GdW?

Axel Gedaschko: Die Mitgliedsunternehmen des GdW bieten eine ganze Bandbreite an verschiedensten Konzepten an. Das barrierearme- und somit generationengerechte Bauen, sowie Wohnungen, die mit „Smart Home“ und sogenannten „Ambient Assisted Living“-Modellen ausgestattet sind, erlangen immer mehr an Bedeutung. Sie helfen älteren und körperlich eingeschränkten Menschen länger sicher, komfortabel und eigenständig in ihrer angestammten Umgebung und Wohnung leben zu können. Aber nicht nur Mieter, sondern auch Wohnungsunternehmen und Gesellschaft profitieren. Zudem wird der Gesundheitsstandort Wohnung gestärkt. Diese Entwicklung haben unser Verband und die Mitgliedsunternehmen erkannt und setzen entsprechende Konzepte in die Tat um.

 

P@L: Was steckt hinter der Aktion „Quartiersschritte“? Fitness-Parcours für jeden Wohnblock?

Axel Gedaschko: Bei der "Aktion Quartiersschritte" können sich Mieter von Wohnungsunternehmen in einer ausgewählten Pilotregion als „Schrittmacher“ bewerben. Als Teil der bundesweiten Initiative „Deutschland bewegt sich“ können Teilnehmer mit einem Polar-Fitnessarmband mitzählen, wie viele Schritte sie in ihrem Alltag oder beim Sport machen. Frei nach dem Motto: Zeig Deinen Nachbarn, was in dir steckt. Wer die meisten Schritte macht, gewinnt – und bleibt fit! Die Schirmherrschaft hat Heike Drechsler übernommen.

 

P@L: Genossenschaftspreis Wohnen: Fünf hochklassige Wohnungsgenossenschaften wurden ausgezeichnet. Was war wichtig für eine gute Platzierung?

Axel Gedaschko: Der GdW und das Bundesbauministerium haben den Wettbewerb "Genossenschaftspreis Wohnen" erstmals im Jahr 2008 ausgelobt. Der Wettbewerb hat das Ziel, Maßnahmen und Konzepte von Wohnungsgenossenschaften auszuzeichnen, die ihre Innovation, Zukunftsfähigkeit und ihr verantwortungsvolles Handeln in verschiedenen Themenfeldern zeigen. Der Genossenschaftspreis 2015 stand unter dem Wettbewerbsmotto "Technik pfiffig angewandt – ein Gewinn für die Mitglieder". Ausschlaggebend für die Jury war neben den Ideen der Wettbewerbsteilnehmer, vor allem die Umsetzung der zum Motto passenden Konzepte. Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Mitglieder- bzw. Mieterfreundlichkeit stehen im Vordergrund.

 

Das Interview führte Thomas R. Müller (Playground@Landscape)

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