Von der Macht der Freiraumplanung

Von Henrike Scriverius, Dipl.-Ing. (FH) | Landschaftsarchitektin AKNW, Reinders LandschaftsArchitekten bdla

Von der Macht der Freiraumplanung

Wenn 2020 die Landesgartenschau Kamp-Lintfort öffnet, werden erwartungsvolle Besucher das Gelände betreten. Sie werden durch die Gärten der Zukunft streifen, sonnenbaden im Gräsermeer, neue Spielbereiche erobern und auf den Spuren großer Namen durch das Sanssouci am Niederrhein wandeln. Und wenn das Wetter gut wird und der Kamper Wein süffig ist, dann werden sie vielleicht ein wenig anders nach Hause fahren, als sie gekommen sind.

Aber vermutlich wird sich niemand mehr an die Anfänge erinnern. Als die Nachricht vom Zuschlag kam und in der Stadt die Kirchenglocken läuteten. Als abends alle zusammen im Bierzelt standen und die Bilder im Fernsehen nicht glauben wollten. Als man noch Tage später über die Friedrich-Heinrich-Allee lief und den abgedroschenen Satz dachte: Wir sind Gartenschau.

Freiraumplanung kann eine Menge. Sie schafft Lebensqualität im Außenbereich, macht leere Flächen nutzbar und heilt Wunden, die Mensch und Natur der Welt zugefügt haben. Und manchmal wächst durch sie etwas in einer kleinen Stadt am Niederrhein: Ein Wir.

Kamp-Lintfort hat 39.000 Einwohner und liegt an der Grenze zu den Niederlanden. In den Reiseführern betont man gerne die Lage zwischen Ruhrgebiet und linkem Niederrhein, also zwischen Urbanität und freier Landschaft. Aber genau damit tut sich die Stadt schwer, denn ehrlich gesagt ist sie weder besonders urban noch auffallend ländlich. Und sie trägt eine Wunde. Denn im Dezember 2012 schloss mitten in ihrem Herzen die Zeche Friedrich Heinrich, auch Bergwerk West genannt, und hinterließ 40 Hektar Industriebrache in direkter Nähe zur Innenstadt.

Doch Kamp-Lintfort besitzt eine gleichsam frische wie tief verwurzelte Stadtspitze, und so begann man schon weit vor Schließung der Zeche Maßnahmenpakete zu schnüren, um die Stadt in eine Zeit nach der Steinkohle zu führen. Stadtentwicklungspläne wurden aufgestellt und Freiraumkonzepte entwickelt, aus denen erste, sorgfältig vorbereitete Eingriffe entstanden. Als dann 2010 für viele überraschend der Zuschlag für die Hochschule Rhein-Waal kam, entstand zum ersten Mal so etwas wie Aufbruchsstimmung. Und mit der Entwicklung des Masterplan Bergwerk West wuchs 2012 etwas Neues: Das Instrument der ‚Arena‘. Denn die Kamp-Lintforter Bürger waren aufmerksam geworden auf die Veränderungen in ihrer Stadt und wollten mitreden, teilhaben, ernst genommen werden. In professionell durchgeführten Bürgerveranstaltungen wurden Planungsabsichten, Wettbewerbsarbeiten und Entscheidungen vorgestellt und zur Diskussion freigegeben. Insgesamt mehr als 2.000 Menschen in fünf Arenen kritisierten, beratschlagten, schimpften und lobten und bekamen zum Schluss ein Konzept, das über alle Fraktionen hinweg breite Zustimmung fand.

Mit diesem Entwicklungskonzept für das brachliegende Zechengelände reifte aber auch die Erkenntnis, dass die angestrebten Veränderungen selbst mit größter kommunaler Anstrengung kaum umsetzbar wären. Und in dieser Ratlosigkeit entstand eine Idee. Eine Idee, die bereits 2005 aufgeworfen worden war und nun erneut auf den Tischen landete: Warum nicht die Flächen des Zechenareals mit den Mitteln einer Landesgartenschau entwickeln? Warum nicht die Synergieeffekte, den Zeitdruck, die Fördergelder nutzen, um diese Wunde mitten in der Stadt zu heilen?

Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, um zu untersuchen, welche Flächen konkret eingebunden werden könnten und mit welchen Investitionen, welchen Gewinnen zu rechnen sei. Das Ergebnis war verblüffend. Dem Bergwerk West wurden mit dem Kloster Kamp die historischen Gärten als Zugpferd zur Seite gestellt und durch den Wandelweg als bereits vorhandene Grünspange miteinander verbunden. Ein Konzept so schlüssig wie einfach. Und durch die Vielzahl bereits entwickelter Flächen würde ein Großteil des Geldes unmittelbar dem Zechenareal zu Gute kommen. Das Konzept wurde im Stadtrat vorgestellt und einstimmig beschlossen, so dass es Ende 2014 amtlich war: Kamp-Lintfort bewirbt sich um die Landesgartenschau 2020.

Die Reaktionen der Bürger waren – verhalten. Sommerblumen unter‘m Zechenturm ist das Letzte, was wir hier brauchen, hieß es. Und warum sollten hunderttausende Menschen in eine Stadt kommen, die oft genug an ihrer eigenen Schönheit zweifelt. Und hier erinnerte sich die Stadtverwaltung an die ‚Arenen‘, dieses so gut eingespielte Instrument der Bürgerbeteiligung. Im Februar 2015 fand die 1. Arena zur „Laga 2020“ statt. Es kamen so viele Bürger, dass viele stehen mussten, weil die Bestuhlung in der Stadthalle nicht ausreichend war. Die Planer erläuterten ihre Konzepte, die Stadtspitze Vor- und Nachteile und finanzielle Auswirkungen auf den Haushalt. Erste Zustimmung kam auf. Ein Förderkreis wurde ins Leben gerufen, um das bürgerliche Engagement zu bündeln, bunt zusammengewürfelt und nicht wirklich sicher, wer was warum machen sollte oder auch nicht. Es bildeten sich kleine Gruppen, ein wenig unbeholfen zunächst wie „Schönere Vorgärten“ oder „Wir gründen ein Draußencafe“. Aber schon bald begann dort etwas zu wachsen. Eine Art Kraft, eine immer stärker werdende Begeisterung und das Gefühl, mit den eigenen Händen etwas verändern zu können. Die Gruppen wurden größer und begannen sich regelmäßig zu treffen, wildfremde Menschen in Gärten und Wohnzimmern, es entstanden Ideen - viele gut, manche schrill - wie man die Stadt bei ihrer Bewerbung unterstützen könnte. Die Planer konkretisierten ihre Freiraumkonzepte, die als Zeitungsbeilage in die Haushalte getragen wurden, und bald hörte man beim Spaziergang am Sonntagnachmittag ein „Hier soll die neue Brücke hin“ und „Hier wird ein Eingang sein“.

Der Sommer 2015 war ein schöner und das nicht nur wegen des Wetters. Die Gruppe „Grün und Bunt“ hatte begonnen Laternen und Absperrpoller mit bunter Wolle zu bestricken, an den Hotels der Stadt wehten die Gartenschaufahnen und die Bäckereien bedruckten ihre Brötchentüten mit dem Laga-Logo. Und an einem Wochenende im August pilgerten über 5.000 Menschen durch die Stadt, um die Gruppe ‚Kamp-Lintforter Gärten‘ zu unterstützen, die in einer Art Offenen Gartenpforte ihre Grundstücke für Besucher geöffnet hatte – natürlich im Laga-T-Shirt.

Mittlerweile war Druck aufgekommen, denn Kamp-Lintfort stand nicht mehr allein: Bad Honnef und die Emscherregion um Castrop-Rauxel würden sich ebenfalls bewerben, hieß es, blumige Namen, große Budgets. „Und wir? Jetzt erst recht“, lautete es einstimmig.

Am 23. Juni 2015 verabschiedete der Stadtrat einstimmig und im Laga-T-Shirt die Bewerbung unter Federführung von Reinders LandschaftsArchitekten aus Duisburg. Am 28. August fuhr ein Reisebus samt Laga-Chor in die Landeshauptstadt, um einem etwas verdutzten Minister Remmel die Bewerbungsunterlagen zu übergeben. Am 20. Oktober besuchte eine 11-köpfige Jury aus Ministerien und Fachverbänden die Stadt, ließ sich die Konzeptionen erläutern, radelte auf grünen Niederrheinfahrrädern über das Bergwerksgelände und stellte quälende Fragen im Rokokosaal. Und fuhr anschließend weiter zur Emscher.

Und jetzt? Man schaute sich an und fragte: Hat es gereicht? Waren die Zahlen klar, die Konzepte schlüssig? Konnte die Stadt überzeugen, auch ohne blumigen Namen und großes Budget?

Die Antwort war Schweigen. Nichts sickerte durch, keine Nachricht, kein Hinweis. Im Gegenteil, von der Konkurrenz hallte schon Siegesgesang. Und so faltete man still sein T-Shirt zusammen, machte den Garten winterfest und räumte seinen Schreibtisch auf für Neues.

Bis dann der 3. November 2015 kam. Und die Kirchenglocken läuteten. Denn Kamp-Lintfort hatte gewonnen.

Natürlich ist es noch ein harter Weg. 2020, das sind nur noch vier Jahre, die Zeit ist knapp, die Herausforderungen groß. Wie geschmeidig bleibt die RAG als Partner? Wer bezahlt den Zechenturm? Wird der landschaftsarchitektonische Wettbewerb einen Sieger finden, der gleichsam behutsam wie mutig die neuen Gelände prägen wird? Und ist es moralisch vertretbar, in Zeiten nicht enden wollenden menschlichen Leids von Spiellandschaften und Gartenfesten zu träumen?

Doch eins steht fest: Die wildfremden Menschen in Gärten und Wohnzimmern werden sich weiter treffen. Sie werden weiter Ideen spinnen, viele gut, manche schrill. Sie werden im Sommer durch die Kamp-Lintforter Gärten pilgern und hinterher alle zusammen im Bierzelt stehen. Und sie werden lachen über die Zeit, als sie sich noch nicht kannten. Auch das ist die Macht von Freiraumplanung.

 

Foto: Reinders LandschaftsArchitekten bdla

 

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