Klettern im Schatten der Hochöfen

von Horst Neuendorf

Klettern im Schatten der Hochöfen

Der Landschaftspark Duisburg-Nord in Meiderich ist mittlerweile mit seinen Einrichtungen zu einem einzigartigen, faszinierenden Freizeiterlebnisraum für Groß und Klein geworden. Als das Werk 1985 stillgelegt wurde, blieb zunächst eine Industriebrache zurück. Zeitweise sollten die Industriebauten sogar abgerissen werden. Das passierte aber nicht. Ein neues Nutzungskonzept entstand im Juni 1994, dann wurde der Landschaftspark Nord aus der Taufe gehoben. Auf dem ehemaligen Industriegelände der Thyssen AG  können die über eine Million Besucher im Jahr erleben, wie sich die Natur die einstigen Arbeitsplätze von tausenden Arbeitern wieder zurückerobert. Und abends erleben die Besucher ihr buntes Wunder. Die raffiniert gesteuerte Lichtinszenierung von Jonathan Park verwandelt die rostigen Ruinen in ein magisches Spektakel und symbolisiert diesen Strukturwandel - ganz großes Kino. So wie das Open-Air Sommerkino in der Gießhalle, das zehntausende Besucher anlockt. Man kann das Gelände auch auf eigene Faust erkunden oder unter sachkundiger Leitung von ehemaligen Hüttenarbeitern Führungen im Besucherbüro buchen. Nicht entgehen lassen sollte man sich den Blick von Hochofen 5, der für Besucher frei zugänglich ist. Zwar müssen einige Stufen und Höhenmeter bewältigt werden, aber das muss man auch, wenn man sich in Deutschlands größter Outdoor-Anlage sportlich betätigen will: dem Kletter- und Alpinzentrum der DAV Sektion Duisburg des Deutschen Alpenvereins, mit über 6700 Mitgliedern der zweitgrößte Verein in Duisburg.

1990 fing es mit dem Ausbau des Klettergartens an,  5 Jahre nach der Stilllegung des Hüttenwerkes. Es währte nicht lange, da hatte sich die Existenz des Klettergartens der besonderen Art weit über die Stadtgrenze hinaus herumgesprochen. Film und Rundfunkteams aus dem In- uns Ausland meldeten sich an, um über dieses einmalige Übungsgelände in seiner ungewöhnlichen Umgebung zu berichten. Die Schaffung dieses „ Einmaligen“ war aber zunächst mit sehr viel harter Arbeit verbunden. Die Bunkertaschen, die zum Klettern genutzt werden sollten, waren über Jahrzehnte mit Erz, Koks und Zuschlägen gefüllt, Materialien, die man zur Beschickung der Hochöfen brauchte. Dementsprechend verdreckt und staubig waren die zukünftigen Kletterwände. Zu Beginn hatte jeder, der eine Kletterroute einrichten wollte, diese mit Drahtbürste und Staubmaske zu säubern. Dieses Tun war äußerst aufwendig und mühsam, denn man konnte keine Hilfsmittel zur Reinigung einsetzen. Es gab auch noch keinen Strom. Nach der anfänglichen Euphorie und Begeisterung vieler Aktiver für die Arbeiten im Klettergarten gab es bei dem einen oder anderen auch häufiger kleine Zwischentiefs bei der Motivation. Dann hieß es für die Verantwortlichen, die Routenbauer erneut zu begeistern und anzuspornen, ihre Freizeit zum Weiterbau des Klettergartens einzusetzen.

Was macht den Klettergarten so attraktiv? Da ist beispielsweise die klassische „VIA FERRATA MONTE TYSSO“, ein 530m langer Klettersteig alpinen Ausmaßes mit seinen Leitern, Hängebrücke, Trittbügeln, Stiften und Gratübergang mit Gipfelkreuz im Schwierigkeitsgrad A-E auf der Klettersteigskala.

Es gibt über 580 Klettertouren vom Schwierigkeitsgrad UIAA 2-9 , jede mit eigenem Namen: Keine Kohle mehr im Pott - Duisburger Wanderweg -  Opas Liebling – Unterwegs mit Freunden -  Meide die Betonspur – Drama oder Schichtwechsel und die Drytoolinganlage mit über 20 Routen für Eisgeräte und Steigeisen. Und der Ausbau geht immer noch weiter. Integriert in diese großartige Anlage ist auch die Duisburger Nordparkhütte, eine Selbstversorgerhütte mit 16 Schlafplätzen und Seminarräumen.

Die große Vielzahl und Variationsbreite der Touren ergibt sich nicht zuletzt auch dadurch, dass die Routen an senkrechten oder leicht geneigten Mauern, an runden Pfeilern und an überhängenden Dächern eingerichtet wurden. Jeder, gleich ob Groß oder Klein, findet hier die für ihn geeigneten Touren. Sowohl die Powerkerle mit dickem Bizeps, als auch der Genussspecht oder die Kleinen mit den Kinderrouten an Tabaluga und Balu. Begeistert von der Anlage waren auch Extremkletterer wie Stefan Glowacz, Beat Kammerlander oder Reinhold Messner. Bereits jetzt nutzen 20.000 Kletterer im Jahr die Außenanlage mit diesem besonderen Ambiente.

Der ganze Klettergarten erstreckt sich über ein Areal von etwa 4500 m² und bietet eine bekletterbare Wandfläche von 7000 m². Mit diesen Ausmaßen dürfte die künstliche Outdooranlage die größte in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa sein. Hier kann man alle alpinen Spielformen des Kletterns erlernen und auch ausgiebig trainieren. Wand-, Riss-, Verschneidung-, Quergangskletterei, usw., ebenso  wie alle Techniken wie Haken abbinden, Sanduhr fädeln, Friends und Keile legen, Standplatz bauen, Abseilen usw.. Der  Duisburger Landschaftspark gehört also zu den wenigen wirklichen Highlights, über welche sich die Klettergemeinschaft im Ruhrgebiet freuen darf. Und nicht nur diese, auch die Spaziergänger haben Spaß am Treiben der Kletterer.

Die Geschäftsleitung des Parks schrieb schon im Jahr 2000: 

„Während die Bayern die Zugspitze haben, haben unsere Kletterer die Steilwände der Möllerbunker am Hochofen. Sie spüren wieder den heißen Atem dieses alten Dinosauriers, wenn sie ihre Sicherungen in die Betonspalten ausgedienter Lagerstätten treiben und erfahren körperlich Industriegeschichte – wie früher die Hochofenarbeiter. Es wird aber nicht mehr Eisen, Ruß und Dreck produziert, sondern ökologischer Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Bergwelt weit draußen demonstriert.“

 

 Kontakt: dav-duisburg@t-online.de,   www.dav-duisburg.de ,  Tel. 0203-428120,

               47137 Duisburg,  Lösorter Str 115

Foto: Horst Neuendorf

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