Chancen aktivierender Bürgerbeteiligung bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes

Von ThoMi Bauermeister, Bettina Walther (gruppe F Landschaftsarchitekten)

Chancen aktivierender Bürgerbeteiligung bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes

Bürgerbeteiligung ist derzeit in aller Munde und maßgeblich für den Erfolg von Projekten verantwortlich – spätestens seit den Protesten um verschiedene deutsche Großprojekte in den letzten Jahren. Beteiligung wird dabei meist nur als Mittel zur Akzeptanzmaximierung gesehen, oft wird vergessen: Bürgerbeteiligung kann mehr als nur Akzeptanz generieren, Bürger sind ebenso wie die Landschaftsarchitekten und -planer Experten. Sie können Input in Planungs- und Gestaltungsprozesse einbringen, der das Fachwissen der Planer um lokales Wissen ergänzt. Um also Orte zu gestalten, die den Wünschen ihrer späteren NutzerInnen entsprechen, und um die Identifikation mit den gestalteten Räumen zu erhöhen, bezieht gruppe F schon seit über 15 Jahren Bürgerinnen und Bürger in dialogorientierten Prozessen in die Freiraumplanung ein.

In gut konzipierten Beteiligungsprozessen mit realen Mitgestaltungsmöglichkeiten nehmen Bürger das Angebot oft überraschend engagiert an. Die Aktivierung der Bürger, ist ein wichtiger Faktor für das Gelingen der Beteiligung. Mit niederschwelligen Angeboten wie zum Beispiel dem „Schildwuchs“, bei dem Ideen und Wünsche der Teilnehmenden in Form von beschrifteten Schildern auf der Fläche „heranwachsen“, werden auch bildungsferne Schichten und Menschen mit Sprachbarrieren für die Aktionen gewonnen. So kann ein hohes Maß an Inklusivität erreicht werden. Im Rahmen der Kinderbeteiligung für den neuen Spielplatz in der Berliner Letteallee konnten Kinder den Bestand des alten Spielplatzes mit ‚Daumen hoch/Daumen runter‘-Schildern bewerten. Zudem haben sie ihre Ideen für die Umgestaltung auf Schilder geschrieben und an der beabsichtigten Stelle in den Boden gesteckt.

Durch eine gute Vor-Ort-Präsenz können die Anwohner erreicht und eine höhere Repräsentativität der Beteiligungsergebnisse realisiert werden. In Bürgersteiggesprächen wurden Passanten zu Bekanntheit und Zustand des Spielplatzes befragt, in den drei öffentlichen Vor-Ort-Werkstattterminen kamen in Aktionen wie dem „Crêpes-gegen-Ideen-Tausch“ Gespräche in einer ungezwungenen Atmosphäre zustande.

Um während der Veranstaltungen nicht in Fachjargon zu verfallen und die Kommunikation auf Augenhöhe zu sichern, bietet sich einfache und gut verständliche Visualisierungen der Ideen an, so zum Beispiel durch Modellbauaktionen mit Kindern. Viertklässler aus dem Hort der nahe zum Spielplatz in der Letteallee gelegenen Grundschule haben die Ideen zu Spielangeboten für den „bunten Platz“ entworfen und diese im Modell verortet. Dies stößt bei den Teilnehmenden zusätzlich einen fachlichen wie auch demokratischen Lernprozess an: sie lernen wie Planung funktioniert und über Gestaltung zu kommunizieren und üben, ein gemeinsames Ergebnis zu entwickeln.

Nach einem Beteiligungsprozess sind alle Teilnehmenden gespannt auf die Umsetzung – blöd nur, wenn dann erstmal nichts passiert. Bei konkreten Bauaufgaben ist es daher empfehlenswert, die Anbindung durch verbindliche Umsetzungsperspektiven wie einen konkreten Budget- und Zeitrahmen zu sichern. Der Bau des Spielplatzes in der Letteallee begann direkt im Anschluss an die Nutzerbeteiligung, die Eröffnung fand im Frühsommer 2015 statt.

Der bunte Kunststoffhügel, bestückt mit einem großen Kletternetz, einem Trampolin, einer langen Rutsche, einem Stangengleiter und drei Bergsteigerseilen, ist die zentrale Attraktion und verbindet auf spielerische Weise die zwei unterschiedlichen Höhenniveaus. Während die obere Ebene mit der große Tobe- und Ballspielfläche, dem Drehkarussell und der großen Doppelschaukel vielfältige Spielmöglichkeiten für Grundschulkinder bietet, ist der geschütztere Bereich auf der unteren Ebene vor allem für kleinere Kinder attraktiv. Neben dem Spielhäuschen mit barrierefreiem Holzpodest befinden sich im Sandkasten zwei kleine bunte Holzfiguren zum Beklettern und Wippen. Ein Tipi mit unterschiedlichen Klettermöglichkeiten ergänzt das Spielangebot. Neue Bäume sorgen zukünftig für Schatten und schaffen im Zusammenspiel mit vielfältigen Sitzgelegenheiten, angenehme Spiel- und Aufenthaltsorte auch für begleitende Eltern bzw. BetreuerInnen.

Ein weiteres wichtiges Prinzip für das Gelingen von Beteiligung ist Transparenz. In einem weiteren von gruppe F durchgeführten Beteiligungsprojekt konnten Besucherinnen und Besuchern im Rahmen eines Charrette-Verfahrens bei der Erarbeitung eines Vorentwurfs für die Aufwertung des Berliner Böcklerparks mitwirken. In einem Vor-Ort-Büro konnten alle Interessierten jederzeit aktiv oder beobachtend am Planungsprozess teilnehmen, sich über das Verfahren, die Aktionen und die konkrete Entwurfsarbeit informieren und eigene Impulse geben. Es wurden öffentliche Plenen abgehalten sowie gemeinsam konkrete Gestaltungsvorschläge erarbeitet und weiterentwickelt. So konnten die Interessierten jederzeit am Planungsprozess teilhaben und erfahren, nach welchen Kriterien Entscheidungen gefällt werden.

Höhepunkt der Charrette war das Abschlussfest mit zusammenfassender Ergebnisdarstellung sowie Tanz- und Skatevorführungen, die nicht nur einen kulturellen Rahmen boten, sondern auch das hohe und vielfältige Engagement zum Böcklerpark nachzeichnen. Durch Auftritte lokaler Gruppen wie hier zum Beispiel der Montags-Tanzgruppe können mehr Menschen an den Ort des Geschehens gezogen und beteiligt werden, durch Feste wird Erreichtes gewürdigt. Vernachlässigte Bereiche des Böcklerparks wurden direkt im Nachgang an die Beteiligung neu gestaltet und neue Angebote geschaffen, um besonders die Randbereiche des Parks offener und einladend zu gestalten. Mit der Rodung von abweisenden Heckenstrukturen und der Integration neuer Nutzungen wie einem hybriden Stadtplatz mit Skateangeboten und einem Kleinkinderspielplatz werden die Menschen heute, nach der Umgestaltung, offensiver zur Nutzung des Parks eingeladen.

Auf der ehemaligen Bettina-Brache im Märkischen Viertel in Berlin ist ein Nachbarschaftsgarten entstanden. Bereits im Jahr 2009 hatte gruppe F eine Ideenbörse zur Zukunft des brachliegenden Grundstücks durchgeführt. An zentralen Orten des Viertels wurde mit dem Ideenmobil, einem auffälligen VW-Bus, auf das Verfahren aufmerksam gemacht und Anwohner in Bürgersteiggesprächen befragt. Mit Gesprächsangeboten zum Beispiel auch auf dem  Wochenmarkt werden Bürger vor Ort auf ihren alltäglichen Wegen erreicht, um ihre Ideen und Meinungen ohne große Zeitinvestition einbringen zu können.

In der Ideenbörse zur Bettina-Brache wurde in Arbeitsgruppen und im Plenum an möglichen Nutzungsperspektiven gearbeitet. Ergebnis waren 78 Ideen, die teilweise auch an anderen Orten im Viertel verwirklicht werden könnten sowie konkrete Vorschläge für eine Zwischennutzung der Bettina-Brache. Aus den zahlreichen Ideen hat sich die des Nachbarschaftsgartens als tragfähig erwiesen und wurde in den folgenden drei Jahren umgesetzt.

Interessierte Anwohner können seitdem 40qm große Parzellen pachten, um sie gärtnerisch zu nutzen. Neben den Gartenparzellen sind außerdem eine Spiel- und Liegewiese entstanden und es wurde ein Gemeinschaftsgebäude mit Geräteschuppen, sanitärer Anlage, Teeküche und Terrasse realisiert.

Unter dem Namen „Stage & Chill“ entwickelten die Büros gruppe F und Bauereignis gemeinsam mit den Schülern und Lehrern der Herbert-Hoover-Schule in Berlin-Wedding eine Bühne, die auch als „Schulhof-Chill-Element“ dient. Der Prozess begann im Frühjahr 2014 mit einer Projektwoche, in der sich viele Klassen der Schule über unterschiedliche Unterrichtseinheiten dem Thema widmeten. Im Anschluss wurde mit einer kleinen Gruppe von Schülern aus verschiedenen Klassen eine Woche lang der Entwurf für das Bühnenobjekt erarbeitet. Eine Exkursion, verschiedene Modellbauphasen, aber auch die Vermessung des Schulhofes und 1:1 Versuche zum Bühnenstandort standen auf dem Programm. Die spielerische Erprobung von Ideen vereinfacht vor allem Kindern, aber auch planungsfernen Erwachsenen, die Vorstellung der geplanten Maßnahmen auf der Fläche.

Aus dem Vorentwurf der Schülerinnen und Schüler entwickelte gruppe F die Ausführungsplanung. Im Mai/Juni 2015 wurde dann der erste Bauabschnitt der Bühne unter Schülerbeteiligung in zwei Schülerbauwochen gebaut. Die Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit dem gebauten Objekt ist durch die intensive Beteiligung sehr hoch, Vandalismus kann so minimiert werden.

Mit einem bunten Richtfest mit Theaterperformances wurde die erste Bauphase abgeschlossen und die Bühne wurde von allen Schülern in Besitz genommen. Durch ein Fest im Anschluss an die intensive Arbeitsphase geschah auch hier eine Würdigung der großen Leistung der Schulklasse. In diesem Jahr wird in einem zweiten Bauabschnitt auch der Zuschauerraum aus Holzpodesten realisiert.

Die vorgestellten Projekte zeigen wie durch die Beteiligung von Bürgern als ernstzunehmende lokale Experten in Planungs- und Gestaltungsprozessen die Nachbarschaft gestärkt und eine hohe Akzeptanz für die neugestalteten Orte erreicht werden kann.

 

Foto: gruppe F Landschaftsarchitekten

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