Herausforderungen, Abenteuer, Spiel, Bewegung – aber mit Sicherheit

Von Ingrid Krämer Dipl. Ing. (FH) Landschaftsarchitektin

Herausforderungen, Abenteuer, Spiel, Bewegung – aber mit Sicherheit

Der Spielplatz auf dem Silcherplatz in Heilbronn.

Der Silcherplatz liegt im Kreuzungsbereich von zwei Hauptverkehrsachsen – Vogelgezwitscher ist anderswo – hier ist die Welt laut und durch den Verkehr geprägt. Trotzdem ist die Heilbronner Südstadt eines der am dichtesten besiedelten Quartiere in Heilbronn. Im Umkreis von 1000 m Luftlinie leben 4.256 Kinder und Jugendliche, die meisten mit Migrationshintergrund. Sie kommen häufig aus schwierigen Familienverhältnissen, die durch Sucht, Gewaltproblematik, eingeschränkter Integration oder Misshandlung geprägt sind. Deshalb befindet sich der überwiegende Lebensmittelpunkt dieser Kinder auf der Straße.

 

Konzept

Für diese Kinder sollte nicht einfach ein Spielplatz gebaut werden. Es sollte ein Treffpunkt, ein Aufenthaltsbereich, und gleichzeitig vor allem ein Ort werden, der zum sich bewegen, sich erproben und spielen animiert – ohne austauschbar und langweilig zu wirken. Und das ist – mit Sicherheit – gar nicht so einfach.

Es sollte für die Kinder etwas Besonderes geschaffen werden, was durch die außergewöhnliche Gestaltung vermittelt wurde. Die Kinder fühlen sich dadurch wahrgenommen und wertgeschätzt. Es ist bemerkenswert, dass es dort seit der Eröffnung 2013 keinen Fall von Vandalismus gab. Daran kann man erkennen, dass die Kinder und Jugendlichen den Ort annehmen und respektieren. Die Rückmeldungen der Sozialarbeiter, die dort aufsuchende Hilfen anbieten sind positiv: Der Sicherplatz hat sein „Ghettoambiente“ verloren. Es kommen auch Kinder von außerhalb des Quartiers zum Spielen.

Eigentlich ist der Silcherplatz der typische Ort für eine reduzierte „Stahlspielwelt“, denn abends „mobbt hier der Bär“ und die Angst vor Vandalismus war groß.

Trotzdem hat man sich für Naturmaterialien, Steine und Holz entschieden. Die Stuttgarter Firma Kukuk hat ein Spielangebot entwickelt, das es wahrhaftig „in sich hat“. In den perlenartig aufgereihten Würfeln, die zwischen den bis zu acht Meter hohen Hölzern hängen, sind Attraktionen und Herausforderungen verborgen. Um voran zu kommen, müssen sich die Kinder durch vertikale Hölzer winden, durch horizontal angebrachte Seile kriechen und krabbeln, die unterschiedlichsten Brücken überwinden: Mut und Geschicklichkeit ist beim Aufstieg in den „Seilkäfig“ gefragt, der in ca. sieben Meter Höhe hängt. Verschiedene Schaukeln runden das Angebot ab.

Vorgabe war: Es sollte für Kinder jeden Alters attraktive Angebote geben; für die Kids endlich einen „allwettertauglichen“ Bolzplatz, für die Kinder einen Spielplatz mit hohem Aufforderungscharakter, vielen unterschiedlichen Bewegungsangeboten und Schwierigkeitsstufen.

Was ist das Besondere an diesem Spielplatz? Das Besondere an dem Spielplatz ist seine zentral-exponierte Lage, unmittelbar an einer Hauptzufahrt zur Innenstadt. Mitten in der Stadt einen Stangenwald und eine Felslandschaft hinzustellen: das hat jeder gesehen, aber es hat nicht jedem gefallen“, sagt Hans-Peter Barz, Leiter des Grünflächenamtes Heilbronn.

 

... mit Sicherheit ...

Selbstverständlich wurde der Spielplatz vor der Freigabe vom TÜV überprüft und abgenommen. Als aber Anrufe bei der Stadt eintrafen, dass Kinder AUF dem Käfig in sieben Meter Höhe sitzen, und zudem Stimmen laut wurden der Spielplatz sei gefährlich, war der Stadt Heilbronn klar, dass es noch Handlungsbedarf gab, um die Bedenken auszuräumen. Die Befürchtungen bezogen sich konkret auf die Granitfelsen: diese seien scharfkantig. Außerdem bestand die Befürchtung, Kinder könnten - geschubst von anderen Kindern - rückwärts auf die kreuzweise eingebauten Aufstiegshölzer fallen und sich verletzen. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass der Spielplatz komplett eingezäunt werden sollte.

„Es waren verstärkt Stimmen besorgter Eltern, die meinten, der Spielplatz sei viel zu gefährlich. Kinder könnten von oben runterfallen und sich verletzen. Selbstverständlich war der Spielplatz von einem externen Gutachter vor Eröffnung geprüft worden. Daraufhin wurden Kleinigkeiten nachgebessert, Gefahrenquellen entschärft und der Spielplatz erhielt die TÜV Freigabe. Doch danach setze sich eine große Protestwelle in Gang. Die Eltern forderten eine komplette Umgestaltung, obwohl die Planung im Vorfeld mit den so genannten „Südstadtkids“ besprochen und abgestimmt worden war. Auch die Politiker wurden plötzlich unsicher“, so Barz.

Um die "mißbräuchliche Nutzung" des „Seilkäfiges“ und auch die anderen Bedenken zu klären wurde erneut ein TÜV Sachverständiger von der Stadt mit der Prüfung des Spielbereichs beauftragt. Seine Einschätzung bezüglich des Aufstiegs auf den Seilkäfig - und nicht im Inneren wie vorgesehen - hat die Stadt beruhigt: Das Beklettern von außen ist nur für Kletterer mit großer Griffweite möglich. Diese Altersgruppe ist jedoch sehr gut in der Lage selbstsicherndes Verhalten zu bewerkstelligen. Zudem sind die Sturzzonen unkritisch. Die Kanten der Granitfelsen waren nicht zu beanstanden, da diese bereits im Zuge der Baumaßnahme großzügig abgerundet worden sind. Die Befürchtung einer Verletzung durch eine Absturzgefahr nach hinten wurde wegen der abweisenden Anordnung der Hölzer und der flächigen Anordnung der Steine als gering eingestuft.

„Wir sahen uns plötzlich gezwungen, exakt zu argumentieren, warum von diesem Spielplatz keine erhöhte Gefahr für Kinder ausgeht. Es gab heftige Auseinandersetzungen mit Eltern, Politikern, bis hin zur Einschaltung unseres Rechtsamtes. Ich hab dann erneut einen externen TÜV Experten eingeschaltet, weil dem Experten im eigenen Hause kein Glauben mehr geschenkt wurde. Dieser hat den Kritikern noch einmal detailliert erklärt, dass mit dem Spielplatz alles in Ordnung sei und wir keinerlei Handlungsbedarf sehen. Letztendlich mussten wir nichts verändern. Die Kinder sind von dem Spielplatz begeistert und die Eltern haben diesen Platz mittlerweile akzeptiert“, argumentiert Hans-Peter Barz weiter.

Die Forderung den Spielplatz vollständig einzuzäunen, wurde als nicht erforderlich erachtet, da der Abstand der Spielaktivitäten zur Anliegerstraße (Zone 30) großzügig bemessen ist, der Bereich von den Autofahrern frühzeitig eingesehen werden kann und die Geschwindigkeit durch eine enge Kurve stark reduziert ist. Zudem gibt es außerhalb keine attraktiven Situationen, die die Kinder veranlassen könnten, spontan das Gelände zu verlassen.

 

Risiko + Spiel

Gefährlicher Spielplatz – nicht gefährlicher Spielplatz. Risiko und Spiel. Die Stadt Heilbronn weiß, wie Kinder mit den dortigen Herausforderungen umgehen und weiß, dass alle Sicherheitsvorschriften eingehalten worden sind. Kinder können auf diesem Spielplatz sicherlich sehr hoch klettern: wenn sie sich das Zutrauen, beherrschen sie aber auch die damit verbundenen Herausforderungen. Kinder haben eine gute Selbstsicherung. Wenn sie tatsächlich mal abrutschen, dann fangen sie sich sofort wieder am nächsten Seil. Und Kinder helfen sich gegenseitig, wenn’s schwierig wird. Die Sicherheitsnormen für Spielplätze besagen, dass nur Unfälle vermieden werden müssen, die bleibende Schäden (abgetrennte Gliedmaßen, Tod) hinterlassen. Kratzer, Beulen, blaue Flecken, Verstauchungen, bis hin zu Knochenbrüchen – das sind Verletzungen, die durchaus in Kauf genommen werden. Denn Kinder müssen Schritt für Schritt lernen, mit Risiken umzugehen, kleine Unfälle sind da einkalkuliert. Das müssen sich Eltern klar machen. Da hin ging die Kommunikation.

 

Danke!

Heute ist es wirklich eine Freude zu sehen, wenn die ersten Kinder schon morgens vor der Schule auf dem Bolzplatz spielen. Später kommen die Kindergärten mit ihren Gruppen zum Spielen. Nachmittags kommen die Mütter / Väter mit ihren Kindern und abends ist der Spielplatz dann beinahe übervoll von Kindern sämtlichen Alters.

Danke! Besser kann die Arbeit der Stadt nicht belohnt werden.

 

 

Foto: Stadt Heilbronn

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