Stilisierte Natürlichkeit

Von: Heike Denkinger, KuKuk GmbH

Stilisierte Natürlichkeit

Genf, Schweiz, Quartier Chandieu. Das rennomierte Genfer Architekturbüro Atelier Bonnet baut in diesem Jahr hier eine große Gesamtanlage mit Kindergarten, Schule, Sporthalle und Schwimmbad. Die moderne High- End- Architektur ist eingebettet in den grünen Gürtel öffentlicher Parkanlagen, der Genf durchzieht. Die Architekten wollen vor und an diesem Gebäude die Verbindung zwischen Natur und modernster Bauweise herstellen und so kommen sie auf die KuKuk GmbH aus Stuttgart zu. Die Aufgabe ist es,  Spielanlagen zu schaffen, die beides haben: organische Naturnähe und modernes Design.

Vier Spielinseln sind angedacht, die schon durch ihre klare kreisrunde Form die Natur durchbrechen und abstrahieren. Zwei der Inseln sind vor dem Gebäude und somit auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Inspiriert von Urs Wehrli und seinen Büchern „Kunst aufräumen“ wird hier eine Insel gestaltet, auf der Holz und Seile aufgestapelt und aufgerollt liegen. Die Stapel und Rollen sind bekletterbar für größere Kinder und haben auch einen Innenraum zum Kriechen und Krabbeln für die Kleinen. Dieses Material „fliegt“ quasi zur anderen Insel hinüber in Form eines Bogens aus Rundhölzern, die sich auf der Insel zu einem Holzkobel verdichten, der auch begehbar ist. Dazwischen sind viele Seile verspannt, die zu einer Kletterstruktur vernetzt sind.

Die zwei Inseln sind organisch mit natürlichen Materialien gestaltet und nehmen so die Naturnähe der umgebenden Parks auf. Die zwei anderen Spielinseln sind auf dem Dach des Gebäudes, genauer auf dem des Schwimmbades.

Das Dach ist eine weitläufige sehr breite Terrasse, die der Pausenhof für die Schüler wird. Er soll zum Verweilen einladen, aber auch zu Spiel und Bewegung anregen. Von Architektenseite ist dieser Pausenhof bereits mit mehreren runden Pavillons gestaltet. Eine sehr klare, weitläufige Struktur. Diese Struktur gilt es zu bedienen und den ursprünglichen Gedanken der Verbindung von Natur und Design aufzugreifen.

KuKuk hat die Idee, eine Skulptur zu schaffen, die organisch gestaltet und gleichzeitig Spielgerät ist. Als Material fällt die Entscheidung auf Edelstahl. Dahinter steht unter anderem auch der Gedanke, dass dadurch die Hemmschwelle für ältere Kinder fällt, sich auf ein Spielgerät zu wagen. Die Designer des Unternehmens entwerfen zwei Skulpturen, die komplett aus Stahl sind. Jedes einzelne Element soll aus einem Stück geformt werden und nicht, wie sonst üblich aus mehreren Stücken zusammengeschweißt werden. Vielmehr ist der Anspruch, den Stahl in 3D-Optik zu formen, damit sich das Organische in der Skulptur abbildet. Die Statik ist so berechnet, dass das Gebilde allein stehen kann - ohne zusätzliche Abstützung. Die eine Skulptur hat Bereiche zum Klettern, Rutschen und Hangeln. Hier haben die Stahlrohre einen Durchmesser von 60 mm, um ein Greifen und Halten noch möglich zu machen. Selbst die Möglichkeit zum Turnen ist in einem Bereich gegeben. Die andere Skulptur lädt zum Liegen, Sitzen, Balancieren und „Chillen“ ein. Die Rohre haben hier einen größeren Durchmesser von 76-80 mm. Somit sind sie angenehmer in der Proportion. Die Idee ist neu und so noch nie realisiert worden.

Aber die Architekten sind begeistert von der skulpturalen Schönheit und der gleichzeitig hohen Funktionalität und können die Stadt Genf überzeugen, ihr „Ok“ für den Bau zu geben. Obwohl es kein Objekt gibt, an dem man sehen kann, dass die Idee funktioniert und aufgeht, haben sie den Mut zuzusagen und das Wagnis einzugehen.

Nun geht es an die Realisierung. Die Zeit ist knapp. Aber Idee und Entwurf sind gut durchdacht und können nahezu reibungslos realisiert werden. Das Resultat kann sich sehen lassen. Die beiden Stahlskulpturen erfüllen alle gewünschten Anforderungen. Die Verbindung zwischen Natur und modernstem Design, Funktionalität und Ästhetik ist gelungen. Auf dem Dach der Schule in Chandieu ist ein Kunstwerk entstanden, das den Schülern Bewegungsmöglichkeiten und Ruheinseln gleichermaßen bietet. Wie zwei „Ufos“ sind diese Spielinseln auf dem Dach der Schule gelandet. Fixiert durch ihr Eigengewicht und durch den EPDM- Fallschutzboden, der unter den Stahlgebilden aufgebracht ist. Dieser Boden ist im Übrigen nicht glatt, sondern mit Unebenheiten und leichten Wellen modelliert, um auch hier ein Stück Natur abzubilden.

Diese Spielinseln sind mehr als ein Spielgerät. Sie bieten eine Summe an Möglichkeiten, von denen keine vorgegeben ist. Vielmehr machen sie jede Menge Angebote. Bieten Anregungen zum Klettern, Rutschen, Sitzen…  im urbanen Raum können sie selbst Traceurs – jenen Sportlern, die sich der Trendsportart Parkour widmen – ein willkommenes Hindernis bieten. Für Städte und Schulämter sind die Objekte ein willkommenes Produkt: Der Stahl der Skulpturen ist komplett wartungsfrei.

Stellt sich noch die Frage: Was ist das Natürliche an einer Stahlskulptur? In der Natur kommen keine spiegelbildlichen Symmetrien vor. Ein Lindenblatt hat immer eine Herzform, aber kein Blatt gleicht dem anderen und die beiden Seiten eines einzelnen Blattes sind ebenfalls nie identisch. Dennoch hat jedes Blatt, jeder Baum eine harmonische Symmetrie, eine Ausgewogenheit. Die organisch geschwungene Formung unterstützt diese Harmonie. Der Ast eines Baumes wächst immer „dreidimensional“, auf der Suche nach Licht und optimaler Statik. Dadurch bekommt er seine organische Formung. Die Natur schafft auch immer Übergänge. Es gibt selten harte Brüche, vielmehr sind die Übergänge immer fließend. Ein Fluss hat von Natur aus kein abgewinkeltes Ufer, sondern immer einen Bereich, in dem Wasser und Land gleichermaßen vorhanden sind. Mal tritt das eine Element stärker hervor, mal das andere.

Diese Elemente sind auch in den Spielskulpturen von KuKuk zu finden.  Durch die dreidimensionale Formung des Stahls, ist das Organische der Natur nachempfunden. Es findet sich in den Skulpturen keine Spiegelsymmetrie und doch sind sie in der Draufschau durchaus symmetrisch, weil sie harmonisch sind. Es gibt keine Ecken und Kanten sondern durchweg fließende Übergänge.

Und die Skulpturen sind auch sehr transparent. Man kann sie im Gesamten als Struktur wahrnehmen, aber sie nehmen sich auch zurück und lassen den Hintergrund und das Umfeld in den Vordergrund treten und sich auf diese Weise integrieren. Die Skulpturen lassen sich leicht reproduzieren. Varianten der Skulpturen sind in vielen Formen möglich und auch schon angedacht. Sie lassen sich auch auf individuelle Bedürfnisse anpassen. Durch die Wartungsfreiheit und die unverwüstliche Stabilität sind sie eine gelungene Möglichkeit für die Möblierung des urbanen Raums. Überall dort, wo ästhetische Spielgeräte gewünscht sind, sind sie einsetzbar. Auch an Orten, an denen Fundamentierung nur schwer oder gar nicht möglich ist. Auf öffentlichen Plätzen, in Fußgängerzonen, auf Dächern von Häusern und Tiefgaragen – dort, wo die Natur keinen großen Raum mehr hat, bieten sie dennoch die Möglichkeit über das Spiel Sinneserfahrungen zu machen. Gleichzeitig bergen der ästhetische Aspekt und die organische Gestaltung der Stahlskulpturen die Chance, nicht in der reinen praktischen Funktionalität zu erstarren.

Der Anspruch, Spiel- und Außenräume zu schaffen und Platz für Kommunikation bieten, wird mit diesem Projekt realisiert. Der Anspruch, Räume zu schaffen, die die Wahrnehmung von ästhetischen Elementen und Proportionen fördern, findet hier eine neue Dimension.

 

 

Foto: Kukuk

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