Kita-Eltern wünschen sich bundeseinheitliche Qualitätsstandards

Kita-Eltern wünschen sich bundeseinheitliche Qualitätsstandards

Ein Großteil der Eltern in Deutschland wünscht sich bundesweit verbindliche Qualitätsstandards für Kindertagesstätten. Das geht aus einer Umfrage unter mehr als 4.400 Eltern im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. Und das Deutsche Kinderhilfswerk fordert: Keine Kitas ohne Außenflächen

Wer sein Kind in einem Kindergarten anmeldet, lässt sich auf ein Glücksspiel ein. Denn es gibt keine einheitlichen Qualitätsstandards. In vielen Kitas liebevoll umsorgt, ergeht es Kindern in manch Kindertagesstätte eher schlecht. Bildungspolitiker aus Bund und Ländern versprechen, sie wollten die Qualität von Kitas erhöhen. Modernisierungspläne bleiben aber oft stecken. Kitas sind eine Boombranche. Die öffentliche Hand investierte 2014 rund 23 Milliarden Euro in die Kinderbetreuung. 3,5 Millionen Kinder werden dort betreut. Bund und Länder wollen eine neue "Qualitätsoffensive" in der Kindertagesbetreuung starten. Dafür solle auch nach dem Jahr 2020 eine Milliardensumme bereitstehen, teilte das Bundesfamilienministerium im November 2016 in Berlin mit. Bis zum Frühjahr 2017 sollten "Eckpunkte für ein Qualitätsentwicklungsgesetz erarbeitet werden, das den länderspezifischen Bedürfnissen gerecht wird", sagte Familienministerin Manuela Schwesig. „Das heißt auch, dass wir künftig wesentlich mehr Mittel investieren müssen."

 

Studie der Bertelsmann Stiftung

In einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung spricht sich eine große Mehrheit der Mütter und Väter dafür aus, Personalschlüssel, Verpflegung und Ausbildung der Fachkräfte für ganz Deutschland einheitlich zu regeln. Mehr Qualität ist vielen Eltern etwas wert: Rund die Hälfte der Eltern wäre bereit, für bessere Kitas auch selbst mehr zu zahlen. Infratest dimap hatte für die Studie 4.437 Eltern befragt, deren Kinder derzeit eine Kita besuchen.

86 Prozent der Eltern fordern einheitliche Regelungen, für wie viele Kinder eine Erzieherin zuständig sein darf. Derzeit  gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Kindgerechte Personalschlüssel gewährleisten lediglich Baden-Württemberg und Bremen. Nach Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung sollte eine Erzieherin höchstens drei Kinder unter drei Jahren bzw. 7,5 Kinder ab drei Jahren betreuen. In den ostdeutschen Bundesländern hingegen ist die Personalausstattung zum Teil nicht einmal halb so gut wie erforderlich. Daher verwundere es nicht, so Stiftungsvorstand Jörg Dräger, dass im Osten die Forderung nach einheitlichen Personalschlüsseln sogar 93 Prozent der Befragten unterstützen: „Eltern möchten für ihre Kinder überall die gleichen guten Bildungschancen, unabhängig vom Wohnort", sagt Dräger.

Für eine einheitlich geregelte Ausbildung des pädagogischen Personals sprechen sich 85 Prozent der Eltern aus. Derzeit existiert zwar ein Qualifikationsprofil für Erzieherinnen und Erzieher, auf das sich alle Länder verständigt haben. Die Ausbildung folgt jedoch keinem bundesweit gültigen Lehrplan. 90 Prozent der Eltern sähen es zudem gern, wenn sich die Verpflegung der Kinder überall an anerkannten Ernährungsstandards orientierte. Das macht derzeit nur jede dritte Kita, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung nachgewiesen hat.

Die Vereinbarkeit mit dem Beruf sehen Familien durch das derzeitige Kita-System nicht hinreichend unterstützt: Drei von vier Müttern und Vätern sagen, es gebe nicht genügend Betreuungsplätze, vor allem für unter Dreijährige. 63 Prozent sind der Überzeugung, die Öffnungszeiten der Kitas orientierten sich nicht am Bedarf der Eltern. 78 Prozent der Mütter und Väter hätten gern eine größere Auswahl an Kitas. Mehr Information über die örtlichen Angebote befürworten 71 Prozent.

Von den 81 Prozent der Eltern, die derzeit für den Kita-Platz ihres Kindes bezahlen, bewertet mehr als die Hälfte (52 Prozent) ihren jetzigen Beitrag als angemessen. 46 Prozent dieser Elterngruppe hingegen empfinden ihn als zu hoch. Fast alle Eltern (95 Prozent) fordern von der Bundesebene, sich stärker an der Finanzierung der Kinderbetreuung zu beteiligen. Für ein besseres Kita-System auch selbst tiefer in die Tasche greifen würden 48 Prozent. Keine Bereitschaft, für Qualitätssteigerung höhere Beiträge zu zahlen, bekunden 52 Prozent.

Dräger spricht sich dafür aus, langfristig eine generelle Gebührenfreiheit für Kitas in Deutschland anzustreben, sagt aber auch: „Solange der Qualitätsausbau noch in vollem Gange ist, ist auf die finanzielle Beteiligung der Eltern nur schwer zu verzichten."

Wie teuer ein Kita-Platz die Eltern zu stehen kommt, hängt derzeit vom Wohnort ab. Die Elternbeiträge legt die jeweilige Kommune fest – ihre Höhe schwankt zwischen 0 und mehr als 600 Euro pro Monat. Das trägt dazu bei, dass Eltern sich durch Kita-Beiträge unterschiedlich stark belastet fühlen. So sehen sich 51 Prozent der Familien mit höheren Einkommen in ihrer Lebensqualität nicht durch ihren Kita-Beitrag beeinträchtigt, zwei Drittel der Familien mit niedrigen oder mittleren Einkommen hingegen sehr wohl. „Bildungschancen sollten nicht von der Finanzlage der Kommune abhängen. Wir brauchen bundesweit einheitliche Kriterien für Elternbeiträge und deren soziale Staffelung", sagt Dräger.

Zusatzinformation: Infratest dimap befragte im Auftrag der Bertelsmann Stiftung deutschlandweit 4.437 Eltern von Kita-Kindern im Alter bis einschließlich 7 Jahre. Die repräsentative Befragung wurde online vom 26. September bis 14. Oktober 2016 durchgeführt. Alle wesentlichen Eckdaten zum Kita-System in Deutschland aktualisiert jährlich der "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme".

 

Deutsches Kinderhilfswerk: Keine Kitas ohne Außenflächen

Das Deutsche Kinderhilfswerk warnt vor dem zunehmenden Trend, Kindertageseinrichtungen ohne Außenflächen zu errichten. Obwohl in zehn von

16 Bundesländern gesetzliche Regelungen oder Richtlinien bestehen, die einen Außenspielbereich in Kitas grundsätzlich vorschreiben, muss auch dort festgestellt werden, dass immer öfter auf Außenanlagen verzichtet wird.

„Gerade in hoch verdichteten Innenstadtgebieten wird die Ausnahme zunehmend zur Regel. In einigen Städten sind inzwischen bis zu zehn Kitas gezwungen, sich einen öffentlichen Spielplatz zu teilen. Da werden dann Belegungspläne aufgestellt, damit der Spielplatz nicht zu überfüllt ist. Gleichzeitig fällt das Spielen draußen immer häufiger aus, wenn es ungünstige Wettervorhersagen oder Personalknappheit gibt", betont Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes. „Und selbst, wenn ein öffentlicher Spielplatz besucht wird, unterscheiden sich Anlage und Ausstattung dieser Spielplätze vielfach erheblich von einem privaten Außengelände. Höhlen, Nischen oder Büsche zum Verstecken, Kletterbäume, Kräuter- und Naschbeete oder loses Baumaterial sucht man auf den meisten öffentlichen Spielplätzen vergeblich. Damit gehen Kindern ohne eigene Kitaaußenflächen viele wichtige Erfahrungen zur Persönlichkeitsentwicklung und Spielgelegenheiten verloren. Von freiem Spiel jederzeit und überall kann hier keine Rede mehr sein", so Hofmann weiter.

Deshalb fordert das Deutsche Kinderhilfswerk gemeinsam mit seinen Partnern im Beirat für das "Bündnis Recht auf Spiel" und der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz, dass bei Kita-Neubauten immer ein ausreichend großes Außengelände eingeplant wird. Die Befreiung davon muss wieder zur echten Ausnahme werden. Auch bei Umgestaltungen oder Erweiterungen von Kitas ist auf die Gewährleistung eines adäquaten Außengeländes zu achten. Als angemessen wird hier ein Wert von zehn Quadratmetern pro Betreuungsplatz angesehen. Dieser Mindestwert sollte in allen Bundesländern gesetzlich verankert werden.

Eine Resolution "Keine Kindergärten ohne Außenflächen" des Beirates für das "Bündnis Recht auf Spiel" und der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz sowie eine Übersicht über rechtliche Grundlagen zur Freiflächengestaltung an Kindertageseinrichtungen finden sich unter www.dkhw.de/Keine-Kitas-ohne-Aussenflaechen

 

Foto: Berliner Seilfabrik GmbH & Co.

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