Kindergärten – Freiräume für Mädchen und Buben

Von Rosa Diketmüller und Barbara Gungl (tilia staller.studer og)

Kindergärten – Freiräume für Mädchen und Buben

Drei Mädchen rufen laut: „Wir reiten aus!“ und galoppieren ins Gebüsch. An der Westseite kommen unterdessen zwei Buben und ein Mädchen händehaltend aus den Sträuchern herausgerannt. Zwei von den Kindern halten Stöckchen in der Hand und schlagen damit gegen die Stämme der Bäume, dort und da zupfen sie Blätter von den Sträuchern. Ein einzelner Bub läuft hinter ihnen her und ruft „Polizei!“. Plötzlich beendet er die Verfolgung, läuft über den Hügel zur schrägen Aufstiegshilfe mit Seil, hangelt sich hoch zur Rutsche und lässt sich dort hinuntergleiten. Im Spielhäuschen ist derweilen eine „Katzenfamilie“ aus drei Mädchen und einem Buben zu Hause. Sie umarmen sich und kuscheln bis ein Mädchen aufspringt, zum Naschbeet läuft, einige Beeren pflückt, um mit ihnen wieder zum Spielhaus zurückzulaufen. Die „Katzenbabies“ werden damit gefüttert. Unvermittelt springen alle vier Kinder auf, laufen zum Hügel mit der Rutsche und rutschen schnell mehrmals hintereinander hinunter. Sie lachen viel dabei. Vom Gelächter angelockt, kommen laufend Kinder hinzu. Zu zweit oder zu dritt die Rutsche hinunter und wieder den Hügel hinauf: laufend oder über die schräge Holzwand mit Seil kletternd. Dazwischen verirrt sich ein Ball die Rutsche hinunter. Alle lachen. Aber so plötzlich wie der Trubel begonnen hat, bricht er ab: In kleinen Gruppen laufen die Kinder in alle Richtungen davon. Zurück zum Spielhäuschen, zur Korbschaukel, in die Büsche oder den Hügel hinunter und zu den mobilen Geräten am Hartplatz …

Solche oder ähnliche Beobachtungen können in den Außenräumen von Kindergärten gemacht werden. Das Spektrum an Tätigkeiten der Mädchen und Buben ist je nach Ausstattung der Gärten unterschiedlich weit gespannt, in jedem Fall zeugt es jedoch von Bewegungsdrang, Lebendigkeit, Kreativität und Spontanität.

Was stellen Kindergärten an Außenräumen zur Verfügung? Wie kann die räumliche Ausstattung ein vielfältiges Spektrum an Tätigkeiten bei Mädchen und Buben unterstützen und zu lustvoller Bewegung anregen? Wie können sie zu einer gesunden körperlichen und damit auch kognitiven Entwicklung der Kinder beitragen? Bedeutet ein großer Garten einer Einrichtung automatisch viel Bewegung bei den Kindern? Das waren nur einige der Fragen, die im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts am Zentrum für Sportwissenschaften der Universität Wien / Abteilung Bewegungs- und Sportpädagogik gemeinsam mit dem Landschaftsplanungsbüro tilia gestellt wurden.[i]

In acht Kindergärten in Wien und Niederösterreich wurden die Mädchen und Buben an drei verschiedenen Tagen während ihres Aufenthalts in den Kindergartenfreiräumen beobachtet. Das Beobachtete wurde jeweils schriftlich protokolliert. Zeitgleich wurde ein Teil der Kinder nach Zustimmung der Eltern mit Akzelerometern ausgestattet und damit deren Bewegungsintensität sowie Schrittzahl aufgenommen. Ergänzend fertigten die Kinder Zeichnungen – sogenannte Mental Maps – von ihren Tätigkeiten in den Gärten an und mit den PädagogInnen der Kindergärten wurden Interviews geführt.

In einem ersten Auswertungsschritt wurden aus den Beobachtungsprotokollen alle Tätigkeiten der Kinder herausgefiltert und zusammengefasst: vom Wippen mit der Puppe auf dem Wipptier bis zum Balancieren über die Holzeinfassung der Sandkiste, vom Springen der Kinder in Regenpfützen über das Pflücken von Blüten und Blättern auf der Wiese bis zum Simulieren von Stausituationen mit Dreirad und Go-Cart auf vorhandenen Fahrwegen.

In der weiterführenden Analyse der Beobachtungen wurden Pläne der jeweiligen Gärten angefertigt, in denen verortet wurde, welche Art von Tätigkeit von wem (Mädchen und/oder Buben gemeinsam oder getrennt voneinander) ausgeübt wurde. Sie enthielten außerdem wichtige Geh- und Laufwege der Kinder in ihren Gärten.

Aus den so entstandenen „Synthesekarten“ mit Farbcodes und Piktogrammen für die ausgeübten Tätigkeiten ist abzulesen, welche Gartenbereiche bevorzugte Spielorte von Mädchen und/oder Buben waren und welche weniger oder gar nicht aufgesucht wurden.

Da in vier der acht Kindergärten nach Interventionen pädagogischer, räumlicher und/oder zeitlicher Art neuerliche Beobachtungen vorgenommen wurden, gewannen wir auch Hinweise zu Veränderungen im Spielverhalten bzw. bei den Tätigkeiten der Kinder in ihren Gärten. Ein Beispiel soll dies veranschaulichen:

Große Randbereiche mit Sträuchern und Bäumen an der südlichen Grundgrenze durften in diesem Kindergarten in der ersten Erhebungsphase nicht betreten werden. Die Öffnung dieser unbespielten Flächen war zentraler Gegenstand der Gespräche mit den Kindergartenpädagoginnen. Neben Veränderungen in der Ausstattung (neue Geräte, Baum- und Häuschenentfernung, …) gab es intensive Diskussionen um das Verständnis von Aufsicht: Muss man die Kinder immer sehen? Dürfen sie in/hinter Büschen spielen? Wie gehe ich als PädagogIn damit um? Die räumlich wirksamen Ergebnisse dieser Diskussion sind gut aus der Synthesekarte der zweiten Erhebungsserie abzulesen:

Vor allem die südlichen Randbereiche mit den Gehölzen wurden intensiv von den Kindern mit verschiedensten Aktivitäten bespielt. Viele Lauf- und Rollenspiele, aber auch Naturspiele mit Materialien aus den Büschen fanden sich in den Beobachtungen. Insgesamt verteilten sich die Spielorte gleichmäßiger über den gesamten Garten.

Auch die Akzelerometer-Daten, die in Verbindung mit Alter, Geschlecht, Muttersprache und Body-Mass-Index der Kinder ausgewertet wurden, spiegelten diese Veränderungen wieder. Sie führten zu einer hochsignifikanten Erhöhung des Bewegungsausmaßes und der –intensitäten bei den Kindern. Vormals deutliche Geschlechterunterschiede wurden zwar nicht eliminiert, erfreulicherweise aber zeigten alle Kindergruppen deutliche Steigerungen im Bewegungsverhalten und insbesondere die Mädchen und Kinder mit Migrationshintergrund erfuhren durch diese Maßnahmen eine signifikante Bewegungsförderung.

Grundsätzlich wurde im Projekt davon ausgegangen, dass ein größerer Garten höhere Bewegungsausmaße und –intensitäten der Kinder nach sich zieht. Die Ergebnisse deuten zwar tendenziell in diese Richtung, legen aber auch nahe, dass gleichzeitig andere Parameter ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

Einer der Projektkindergärten stellt ideale Außenräume für die Kinder bereit. Als großer und naturnaher gestalteter Garten bietet er vielfältige Angebote und weist für jede Kindergartengruppe einen eigenen großen Gartenbereich aus. Der Nutzungsdruck auf die Räume und die Ausstattung ist deutlich geringer als in anderen Kindergärten. Die Ergebnisse der Akzelerometererhebungen und die Beobachtungen zeigten hier nicht zwangsläufig höhere Bewegungsausmaße und     –intensitäten. Im Gegenteil, die Durchschnittswerte bei Schrittzahlen und beim Zeitausmaß, das die Kinder in moderater bis intensiver Tätigkeit verbringen, lagen im Kindergartenvergleich eher im unteren Bereich.

Unter dem Aspekt einer gesunden körperlichen Entwicklung von Kindern im Vorschulalter empfehlen unterschiedliche Studien zwischen 7000 und 9000 Schritte/Tag (Tudor & Locke, 2011), mindestens jedoch 6000 Schritte/Tag (Titze et al., 2010). Bis 4-Jährige sollten sich mind. 180 min/Tag unabhängig von jeglicher Intensität bewegen, für 5-Jährige werden Bewegungsaktivitäten von mind. 60 min/Tag in hoher Intensität empfohlen (Active Healthy Kids Canada, 2013).

In den untersuchten Kindergärten erreichten die Kinder bis zu 1000 Schritte/30 Minuten und mehr.

Die Gesundheitsförderung ist jedoch nur eine unter mehreren Qualitäten von Kindergartenfreiräumen. Gerade das letztgenannte Kindergartenbeispiel mit großem Areal, guter Ausstattung und gruppenbezogener Gartennutzung verdeutlicht, dass ein geringerer Nutzungsdruck Erholung bei ungestört freiem Spiel, Naturerfahrung und Kreativität begünstigt und Konflikte reduziert. Eine gezielte und systematische Förderung motorischer Fertigkeiten erfolgt in diesem Kindergarten in den Innenräumen und Turnsälen und wird – nicht zuletzt aufgrund der Diskussion der Ergebnisse mit den PädagogInnen – durch einen zusätzlichen Waldtag ergänzt.

 

Fazit

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass das Ob und Wieviel an Bewegung im Setting Kindergarten durch vielfältige Wechselwirkungen zwischen Größe der Außenanlagen, räumlicher Ausstattung, Aufsichtsverständnis, Zeitstrukturen und sozialen Faktoren wie Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Vorbildwirkung der PädagogInnen usw. bestimmt wird. Wenn hier reflektierte KindergartenleiterInnen und –pädagogInnen am Werk sind und Möglichkeitsräume für die Kinder schaffen, können Kindergärten einen wichtigen Beitrag zu einer umfassenden Bewegungs- und Gesundheitsförderung leisten. Über vielfältige Leib- und Naturerfahrung können sich Kinder in Beziehung mit der Natur und mit anderen erproben und in ihrer Selbstwirksamkeit erleben. Angesichts der zunehmenden Dauer, die Kinder in diesen Einrichtungen verbringen, zeigt sich die besondere Bedeutung von gut gestalteten und betreuten Außenräumen und Gärten.

Kindergartenaußenräume sollten so gestaltet und ausgestattet sein, dass sie vielfältige Gelegenheiten für basale Sinnes- und Bewegungserfahrung bieten, um eine umfassende Entwicklung der Kinder zu ermöglichen.  Dabei hat sich als hilfreich erwiesen, tradierte Verbote, Zeit- und Organisationsstrukturen kritisch auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu überprüfen, da unangebrachte Vorgaben oftmals die Nutzung interessanter Angebote von beispielsweise Klettermöglichkeiten, Schaukeln, Hügeln, Sand-Matsch-Bereichen oder natürlichen Elementen beeinträchtigt haben. Darüber hinaus sollten Geräte so aufgestellt sein, dass die Spielabläufe nicht beeinträchtigt werden und ein störungsfreier Wechsel zwischen den Geräten möglich ist. Dies ist v. a. bei Austausch und Nachrüstung von Geräten in den Gärten zu berücksichtigen. Zudem sind die Gestaltbarkeit und die flexible Nutzung von Freiräumen fix fertigen Gestaltungsarrangements vorzuziehen, damit Kinder ihre Wirksamkeit in der Welt, z. B. beim Graben, Bauen und Gestalten erproben können. Wichtig ist, Freiräume für Mädchen und Buben zu schaffen, die die Lust auf Bewegung und die Neugier auf ein aktives Tätig-Sein erhalten und fördern.

Letztlich ist es die gute Abstimmung dieser verschiedenen räumlichen, pädagogischen und organisatorischen Aspekte, mit der die KindergartenpädagogInnen einen wichtigen Baustein in den Bewegungsbiographien der Kinder für eine gesunde und ganzheitliche Entwicklung liefern.

 

Literatur und Quellen:

Diketmüller, R., Gungl, B., Lischka, J., Mairinger, F., Mayrhofer, R., Spörl, S., Studer, H. (2016). KinderGärten – Freiräume für Mädchen und Buben. Wien.

Report Card Active Healthy Kids Canada, 2013. Online unter www.activehealthykids.ca

Titze, S., Ring-Dimitriou, S., Schober, P., Halbwachs, C., Samitz, G., Miko, H.C., Lercher,

P., Stein, K.V., Gäbler, C., Bauer, R., Gollner, E., Dorner, T.E. & Arbeitsgruppe Körperliche Aktivität/Bewegung/Sport der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (2010). Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung. Wien: Eigenverlag.

Tudor-Locke C, Craig CL, Aoyagi Y, Bell RC, Croteau KA, De Bourdeaudhuij I, Ewald B, Gardner AW, Hatano Y, Lutes LD. et al. (2011). How many steps/day are enough? For older adults and special populations. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 8, 79.

 

 

[i] Projekt: „KinderGärten – Freiräume für Mädchen und Buben“ Kooperationsprojekt des Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Wien / Abteilung Bewegungs- und Sportpädagogik mit tilia – Technisches Büro für Landschaftsplanung.

Projektmitwirkende:

Uni Wien: Rosa Diketmüller (Projektleitung), Jenny Lischka, Franz Mairinger, Stefanie Spörl.

tilia: Heide Studer, Rita Mayrhofer, Barbara Gungl.

AuftraggeberInnen: Bundesministerium für Bildung und Frauen, Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport – Sektion Sport, Fonds Gesundes Österreich, Stadt Wien/Magistratsabteilung 57 – Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegenheiten, Land Niederösterreich – „Natur im Garten“.
Weitere PartnerInnen: MA 10 – Wiener Kindergärten, Land Niederösterreich – Kindergarten.

Weiter Infos unter: http://kindergarten.univie.ac.at/

 

 

Weitere Informationen:

technisches büro für landschaftsplanung
schönbrunner straße 31/2/1, 1050 wien
www.tilia.at

Foto: Fahren und Verkehrsrollenspiele im Kindergarten (Quelle: tilia)

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