Natur und Gesundheit – die Bedeutung des Parks in einer urbanisierten Zukunft

Donald Jacob (Landschaftsarchitekt) und Joanna Lawson (Architektin)

Natur und Gesundheit – die Bedeutung des Parks in einer urbanisierten Zukunft

Im Jahr 1900 lebte 10% der Weltbevölkerung in Städten; 2010 war der Anteil auf 53% gestiegen, und es wird prognostiziert, dass bis 2050 75% aller Menschen in einem städtischen Umfeld wohnen werden[i]. Eine der Konsequenzen dieses dramatischen Anstiegs der Stadtbewohner ist die Abnahme ihres Kontakts mit der Natur.

Einer Reihe von Studien zufolge führen die Auswirkungen des eingeschränkten Kontakts mit der Natur zu einem höheren Mass an Stress und Konzentrationsschwierigkeiten[ii]. Daraus resultiert verminderte Produktivität und Reizbarkeit. Verwandte körperliche Probleme sind vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, welche die größte Belastung für das Gesundheitswesen darstellen.

Laut der WHO wird bis 2020 der Anteil der psychischen Erkrankungen der globalen Krankheitslast auf 15% steigen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden die Hauptursache für Tod und Behinderung bleiben.

Im Vergleich mit der Dauer, in der sich Menschen an ihr natürliches Umfeld angepasst haben, wohnen sie erst seit sehr kurzer Zeit in städtischen Umgebungen. Die Erkenntnis, dass fehlender Kontakt mit der Natur zu gesundheitlichen Problemen führt, zeigt, dass wir abhängig von der Natur sind. Wir sind in der Tat ein Teil der Natur und nicht von ihr getrennt – alle Lebewesen sind Bestandteile von komplexen und vernetzten Ökosystemen, die für unser Überleben unerlässlich sind[iii].

In den achtziger Jahren entwickelten die amerikanischen Psychologie-Professoren Stephen und Rachel Kaplan die Attention Restoration Theory, die auf den restaurativen Vorteilen der Natur basiert[iv]. Directed attention ist eine Art des Denkens, die wir täglich anwenden, um komplexe Sachverhalte zu überlegen. Diese gerichtete Aufmerksamkeit erfordert eine Anstrengung und ist daher ermüdend, was zu Reizbarkeit und verminderter Produktivität führen kann. Laut der Kaplans verwenden wir hingegen unwillkürliche Aufmerksamkeit oder „fascination“, wenn wir Zeit in einer natürlichen Umgebung verbringen. Der abwechslungsreiche sensorische Input – die Bewegung der Blätter im Wind, der Klang der Vögel, die Farben der Blumen und Bäume – „fasziniert“ uns, ohne dass wir uns anstrengen. Diese Art der Aufmerksamkeit erquickt unseren Geist und ermöglicht eine Erholung der directed attention. Als Folge fällt es uns leichter, über komplexe Sachverhalte zu reflektieren.

Basierend auf der Attention Restoration Theory haben Studien, die in einer Wohnsiedlung in Chicago durchgeführt wurden, einen Zusammenhang zwischen Naturszenen und reduzierter Aggression und Impulsivität bewiesen.[v] Weitere Forschungen konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen der Natur und dem Stressabbau. Nach Studien, die am Arbeitsplatz basieren, fanden die Mitarbeiter mit einer Fensteraussicht in die Natur ihre Arbeit weniger stressig, berichteten über höhere Jobzufriedenheit und litten weniger unter Erkrankungen und Kopfschmerzen[vi].

Die Vorteile von Naturszenen für Krankenhauspatienten und die Bedeutung von Krankenhausgärten werden zunehmend verstanden. In seiner 1984 veröffentlichten Publikation, „A View through a Window May Influence Recovery from Surgery”, berichtet Roger Ulrich von den psychosomatischen Auswirkungen des Fensterblicks ins Grüne auf Gallenblase Chirurgie-Patienten[vii]. Diejenigen mit natürlichen Aussichten benötigten weniger potente schmerzlindernde Medikamente und blieben kürzer im Krankenhaus, im Vergleich mit Patienten, die eine Mauer ansehen mussten. So können Gesundheitskosten gesenkt werden.

Studien haben bewiesen, dass der Zugang zu Parks die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir körperliche Aktivität ausüben[viii]. Umgekehrt wird wenig oder gar kein Zugang zu natürlicher Umgebung mit einem erhöhten Maß an körperlicher Inaktivität assoziiert, die ein Faktor für chronische Krankheiten und Störungen wie Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt. Die Kombination aus Bewegung und einem natürlichen Umfeld tut uns in einer Weise gut, die im Einklang mit unserer evolutionären Geschichte steht – durch das Trainieren auf abwechslungsreichem Gelände profitieren wir nicht nur physiologisch, sondern auch psychologisch und spirituell vom direkten Kontakt mit der Natur[ix].

Es ist besonders wichtig, dass Kinder den Zugang zu Parks und Grünflächen haben. Kinder, die körperlich aktiv sind, bleiben oft aktiv in ihrem Erwachsenenleben. Nach Louv (Nature-Deficit-Syndrome) führt eine Kombination aus den Verlockungen der modernen Technologie, einer Kultur der Angst der Eltern und dem mangelnden Zugang zu Grünflächen zu Kindern, die under-exposed zur Natur sind, was wiederum zu Verhaltensstörungen führen kann[x].

 

Parks als unschätzbare Gesundheitsressource

Angesichts der Zunahme der Stadtbevölkerung weltweit werden Parks der einzige zugängliche Naturraum für viele sein und es ist wichtig, dass ihr Wert anerkannt wird. Die Überzeugung von ihrem gesundheitlichen Nutzen ist nicht neu. Bei den ersten Parks, die im 19. Jahrhundert konzipiert wurden, hoffte man, dass sie Krankheit, Kriminalität und soziale Unruhen vermindern sowie „grüne Lunge“ für die Stadt und Flächen für die Erholung bieten würden[xi]. Im Jahr 1865 schrieb der amerikanische Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted, der den New Yorker Central Park (mit Architekt und Landschaftsgestalter Calvert Vaux) mitgestaltet hat: „Es ist eine wissenschaftliche Tatsache, dass die gelegentliche Betrachtung von natürlichen Szenen [...] günstig für die Gesundheit und Kraft der Menschen ist“[xii].

Parks Victoria aus Melbourne, Australien, hat die Philosophie „Healthy Parks Healthy People“ entwickelt und hält jährliche internationale Kongresse, um den Beitrag der Natur zu unserem Wohlbefinden und ihren breiteren gesellschaftlichen Nutzen zu erforschen[xiii]. Laut einer Forschungsarbeit von Melbournes Deakin University, als Teil dieser Initiative, lässt sich die Natur als eine nicht ausreichend genutzte öffentliche Ressource betrachten und Parks und Naturschutzgebiete bieten eine potenzielle Goldmine für die nationale Gesundheitsförderung[xiv].

Die Existenz eines Parks ist nicht genug, um ihre Nutzung zu garantieren. Gemeinden müssen in die Pflege der öffentlichen Räume investieren. Ein Schwerpunkt künftiger Bauprojekte muss die Bereitstellung von sicheren und leicht zugänglichen Grünflächen sowie der Schutz bestehender Grünräume innerhalb des Stadtraums sein.

In bebauten und verdichteten Zonen, wo die Natur fehlt, ist ein fantasievoller Ansatz notwendig, um Grünflächen an Orten, die sonst nicht verwendet werden, zu schaffen. Die High Line in New York zum Beispiel wurde auf einer stillgelegten Hochbahn gebaut. Die High Line ist jetzt ein international renommierter Park, der 2011, zwei Jahre nach seiner Eröffnung, bereits über vier Millionen Besucher angezogen hat. Die „Friends of the High Line“ organisieren regelmäßige kulturelle und pädagogische Veranstaltungen. Es ist bekannt, dass soziale Beziehungen und Gemeindearbeit für unser Wohlbefinden gut sind.

 

Ein Park schafft Mehrwert

Die wirtschaftlichen Vorteile von Parks sind erheblich. Gepflegte und gut verwaltete Parks steigern den Wert der Umgebung und ziehen Investitionen an. Die Immobilienpreise steigen und erhöhen die damit verbundenen Steuereinnahmen. Standortvorteile werden geschaffen. Der Park ist auch eine Ressource, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu erhöhen – das „Sozialkapital“ –, was zur Sicherheit des Quartiers und zu niedrigeren Kosten für die Polizeiarbeit führt. Parkanlagen reduzieren die Regenwasserbewirtschaftungs- und Luftreinigungskosten, ein Grund mehr in Grün zu investieren.

Die Umsiedlung der Bevölkerung in Städte geschieht jetzt. Laut Burdett und Sudjic ziehen jede Stunde 49 Personen nach Delhi, 44 nach Mumbai und 26 nach Shanghai[xv]. Die Folgen dieser Entwicklung sind noch nicht bekannt, aber angesichts der Erkenntnisse über die Vorteile der Natur, und die negativen Auswirkungen des mangelnden Kontakts mit der Natur, ist es wichtig, dass wir uns mit diesem Thema ernsthaft und ohne Verzögerung beschäftigen.

 

Foto: Donald Jacob

 

 

Quellen

 


[i] Burdett, R. und Sudjic, D. (2011)  Living in the Endless City. Phaidon, London und New York

[ii] Maller, C. et al. (2008)  Healthy parks, healthy people, The health benefits of contact with nature in a park context. A review of literature, part of a joint initiative between Deakin University and Parks Victoria, Melbourne

[iii] siehe 2

[iv] Kaplan, S. (1995)  The Restorative Benefits of Nature: Toward an Integrative Framework. Journal of Environmental Psychology, 15: 169-182

[v] Kuo, F.E. und Sullivan, W.C. (2001)  Aggression and violence in the inner city: Effects of environment via mental fatigue. Environment and Behaviour, 33: 543-571

vi Kaplan, R. und Kaplan, S. (1989)  The Experience of Nature: A Psychological Perspective. Cambridge University Press, Cambridge, New York

vii Ulrich, R. S. (1984)  View Through a Window May Influence Recovery From Surgery. Science, 224: 420-421

[viii] Furnass, B. (1979)  Health Values. In: The Value of National Parks to the Community: Values and Ways of Improving the Contribution of Australian National Parks to the Community (Ed. by Messer, J. and Mosley, J. G.), pp. 60-69  University of Sydney, Australian Conservation Foundation

ix Wendel-Vos, G.C.W., Schuit, A.J., De Neit, R., Boshuizen, H.C., Saris, W.H.M. und Kromhout, D. (2004)  Factors of the Physical Environment Associated with Walking and Bicycling. Medicine and Science in Sports and Exercise 36 (4): 725-730

 

[x] Louv, R. (2005)  Last Child in the Woods: Savings Our Children from Nature-Deficit Disorder. Algonquin Books

[xi] Rohde, C. L. E. und Kendle, A. D. (1997)  Nature for People, In: Urban Nature Conservation - Landscape Management in the Urban Countryside (Ed. by Kendle, A. D. and Forbes, S.), pp. 319-335  E and FN Spon, London

[xii] Olmsted, F.L. (1865)  The Yosemite Valley and the Mariposa Big Tree Grove. Nachgedruckt in Landscape Architecture 43, 12-25 (1952)

[xiv] siehe 2

[xv] siehe 1

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