Ein Dschungel in der Wüste

Von Silke Willems (Die Grünplaner Landschaftsarchitekten)

Ein Dschungel in der Wüste

Das Moskaubad ist ein beliebtes Freizeit- und Familienbad am Rand der Osnabrücker Kernstadt. Seine Popularität verdankt sich zu einem nicht geringen Teil der großzügigen Anlage; typisch ist die üppige Freifläche mit bemerkenswertem altem Baumbestand. Das Ganze ist im Grunde mehr ein Park als eine klassische Freibad-Liegewiese. Der Plan, aus dieser Grünanlage mehr zu machen, trieb die Betreiber schon jahrelang um. Im Idealfall sollte die Anlage so umgestaltet werden, dass sie auch vor und nach der Freibadsaison, die allenfalls von Mai bis September reicht, für zahlende Gäste interessant ist. Das Grundstück wird von einem kleinen Bachlauf durchzogen, der von einer etwa 80 Meter langen Reihe stattlicher alter Bäume recht gleichmäßig gesäumt wird. So kam schließlich die Idee auf, neben diesem Bach einen Niedrigseilgarten zu errichten; eine attraktive Spielanlage, die mit kleinem Budget umzusetzen wäre.

Die Planer griffen diese Anregung der Betreiber gerne auf. Sie änderten aber schon während der Vorplanung die Dimension des Projekts. Um für ein zahlendes Publikum auch außerhalb der Saison attraktiv zu sein, musste sich der Seilgarten zwischen großen Bäumen von seiner besten Seite präsentieren. Seile zwischen großen Bäumen: das ließ sofort an Tarzan und Jane denken, die sich im Urwald von Liane zu Liane schwingen… Das waren die spontanen Assoziationen, die Idee eines Dschungelpfades war geboren. Die Planer entwarfen einen natürlich anmutenden Seilgarten mit mehreren Stationen, selbstverständlich kind- und DIN-gerecht und daher ohne Schutzausrüstung zu benutzen, der aber dennoch anspruchsvoll und auch für größere Abenteurer attraktiv ist.

Zwölf stattliche, mehrere Jahrzehnte alte Bäume - vor allem Buche, Erle und Zuckerahorn - bilden das Rückgrat des Dschungelpfads. In unterschiedlichen Höhen wurden an den Stämmen Plattformen aus Eichenholz angebracht, die von geschliffenem und teils lasiertem Robinienholz getragen werden. Diese Plattformen sind mit Seil- und Kletterbrücken von verschiedenem Schwierigkeitsgrad verbunden, die aus unterschiedlichem Material bestehen. So gibt es beispielsweise ein verdrehtes Netz, kleine Balancierteller, eine Wackelbrücke, eine Kletterröhre, eine Schlaufenbrücke oder eine Netzbrücke.

Die erste Station beginnt kleinkindfreundlich auf der Kniehöhe eines Erwachsenen. Die höchste – eine geschlossene Kletterröhre aus Metall in der Mitte des Pfades – ist bis zu 3,50 Meter hoch. Diese Höhe war aus technischen Gründen erforderlich, um die Durchfahrt mit Arbeitsgerät in den hinteren Teil der Freifläche zu ermöglichen. Wichtig war den Planern die Rücksicht auf die schönen alten Bäume, die weder angeschnitten noch angebohrt werden durften. Sie tragen daher ausschließlich die Seilkonstruktion. Solide Abstandhalter sowie breite Gummimanschetten an den Plattformen sollen die Belastung so gering wie möglich halten.

Der Dschungelpfad lädt zum unbekümmerten Spielen ebenso ein wie zum sportlichen Klettern, das Schwingen und Balancieren ist für Familien ebenso attraktiv wie für Kindergruppen. Der Ein- und Ausstieg sollte an allen Stationen und von beiden Seiten möglich sein; so können sich kleinere Kinder im Parcours stets auf einer ihnen gemäßen Höhe bewegen, zurückhaltende Kletterer können anspruchsvolle Stationen auslassen und nicht zuletzt: das Spiel kann jederzeit unterbrochen und so die Anlage rasch geräumt werden. Abschluss und Höhepunkt des Dschungelpfades ist ein großzügiges Baumhaus mit rustikalen Möbeln, ein Rückzugsraum, in dem sich bei gutem Wetter etwa ein Kindergeburtstag feiern lässt.

Wegen der natürlichen Wuchsformen des Robinienholzes war es allerdings kaum möglich, eine exakte Ausführungsplanung zu erstellen. Daher wurde funktional ausgeschrieben. Erwartet wurden sämtliche Funktionen sowie die Umsetzung der Anmutung des Plans. Das ist den Ausführenden hervorragend gelungen: Innerhalb von acht Wochen wurde der Dschungelpfad in anspruchsvoller Handarbeit errichtet. Eine gelernte Bühnenmalerin zeichnete für das Farbprogramm mit fein aufeinander abgestimmten Grüntönen und den charakteristischen roten Knospen an der Spitze der Robinienstämme verantwortlich. Ein Holzbildhauer schuf mit der Motorsäge sechs Tierfiguren: Papagei, Schlange, Spinne, Chamäleon und Lemur; Affe Thilo ist das Maskottchen des Dschungelpfads.

Der Dschungelpfad ist Ausgangspunkt und Herzstück einer größeren Freizeitanlage, die 2017 noch ausgebaut wurde: Um das Angebot abzurunden kamen ein Wasserspielplatz, ein Kletterfelsen und eine Trampolin-Anlage dazu.
Der Wasserspielplatz ersetzt den in die Jahre gekommenen U3-Spielplatz. Hier stand eine Überarbeitung an, weil das bisherige Angebot nicht mehr attraktiv war. Man entschied sich für eine natürliche Bachlauf-Situation mit einer aus Zement modellierten Rinne, die mit vielen großen Sandsteinblöcken ausgestaltet wurde.
Ein Wasserspielplatz in einem Freibad mag verwundern, doch steht hier nicht das Baden und Plantschen im Vordergrund, sondern das spielerische Umgehen mit Wasser. Sand, Stauwehre und Matschtische lassen verschiedene Erfahrungen des Elementes Wasser zu. Hier kann man unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten beobachten: je nachdem wie eng der Durchlass ist, oder ob dem Wasser zum Beispiel Sand beigemischt wurde.

Nicht weit entfernt lädt eine Trampolin-Anlage mit sieben in den Boden eingelassenen Trampolinen zum Toben ein. Kinder jeden Alters können hier je nach Sprungkraft auf den einzelnen Netzen hüpfen oder auch mit großen Sätzen von einem zum nächsten springen.

Ein Hingucker mit Fernwirkung ist ein fast drei Meter hoher Kletterfelsen, der nach Vorgabe der Planer als Affenkopf gestaltet wurde.

Die Anlage erfuhr im ersten Jahr des Betriebes regen Zuspruch.

Das Ziel der ganzjährigen Nutzung ist zwar noch nicht erreicht, jedoch locken die Spielmöglichkeiten auch Besucher, die nicht nur zum Schwimmen auf das Badegelände kommen. Zum Beispiel werden jedes Jahr im Frühjahr ein Flohmarkt und ein Gartenmarkt auf den großen Wiesen des Freibades abgehalten.
Auch Kindergeburtstage lassen sich hier feiern: die Betreiber haben in den historischen Gebäuden zwei Räume extra dafür hergerichtet. Und mit dem Dschungelpfad ist natürlich für reichlich Spielmöglichkeit gesorgt.

Der Name „Moskaubad“ hat nichts mit der russischen Hauptstadt zu tun. Gemeint ist wahrscheinlich eine „moosige Aue“ vor den Toren der Stadt: „die“ Moskau. Während der Weimarer Republik wurde das Osnabrücker Moskaubad als „Freibadeanstalt an der Moskau“ im Zug einer damals nicht ungewöhnlichen öffentlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Sport-Infrastruktur errichtet. Fertigstellung war 1926. Die Anlage wird durch die im Stil des „Neuen Bauens“ errichtete 100-Meter-Tribüne geprägt, die parallel zum großen Schwimmbecken ausgerichtet ist. Das Bad, das in der Nazizeit in "Neustädter Schwimmbad" umbenannt wurde, um jede Assoziation mit der Sowjetunion zu vermeiden, kam in den Jahrzehnten nach dem Krieg allmählich in die Jahre. Es wurde in den 90er-Jahren schließlich saniert. Damals erhielt es neben einer technischen Ausstattung auf dem neuesten Stand und einem neuen Hallenbad den traditionellen Namen „Moskaubad“ zurück.

 

Weitere Informationen:

Die Grünplaner
Dipl.-Ing. Udo Hollemann, Freier Landschaftsarchitekt
Am Emsufer 15a, 49716 Meppen
Tel.: 05931/87503, www.gruenplaner.de

Ausführungsplanung und Ausführung:

Firma Ghepetto, www.ghepetto.de

 

Foto: Die Grünplaner

 

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