Bewegung an der frischen Luft

Von Caroline Zollinger (Fachjournalistin, Landschaftsarchitektin, Plankton Media / Planungsbüro Wegmüller)

Bewegung an der frischen Luft

Die Freizeit- und Sportanlage Grossabünt im liechtensteinischen Gamprin ist um einen Anziehungspunkt reicher. Der neue Bewegungsparcours mit vielseitigen Fitness-Geräten bietet für alle etwas. Nebst der Gesundheitsprävention soll vor allem der Spass im Vordergrund stehen.

Schritt für Schritt tastet sich ein älterer Mann auf dem Balancierbalken aus Holz vorwärts. Zunächst zögerlich, agiert er zunehmend sicherer, bis er schliesslich den begleitenden Handlauf loslässt und die restliche Strecke ganz ohne Hilfestellung meistert. Voller Stolz versucht er es gleich nochmals in die andere Richtung. Unweit davon zeigt eine junge Mutter ihrem Sohn, wie sich die blauen Kurbeln des Oberkörper-Ergometers in Fahrt bringen lassen. Sie alle sind gekommen, sich anlässlich der Einweihungsfeier des neuen Bewegungsparcours einen ersten Eindruck zu verschaffen. Der modulartig konzipierte Parcours ist Teil der öffentlichen Freizeit- und Sportanlage Grossabünt in Gamprin (Fürstentum Liechtenstein), die bereits seit sieben Jahren besteht. Nebst einem künstlich angelegten Badesee mit Infrastrukturgebäude und Eventplatz gibt es hier ein  grosses Angebot an verschiedenen Sportplätzen und Spielgeräten. Das Areal ist über eine Fussgängerbrücke mit dem nahen Rheindamm verbunden. Dieser ist vor allem an Wochenenden ein beliebtes Ausflugsziel für Spaziergänger und Fahrradfahrer. Geplant hat die Anlage auf der Grossabünt das Planungsbüro Wegmüller aus Klosters in der Schweiz. Immer wieder wurde sie um weitere Attraktionen ergänzt. 2013 kam der Themenkinderspielplatz «Rheinpiraten» hinzu, vor kurzem folgte nun der neue Bewegungsparcours.

Landschaftsarchitekt Daniel Wegmüller: „Dass Bewegung unter freiem Himmel der Gesundheit zuträglich ist, weiss heute jeder. Es braucht aber konkrete Angebote wie diesen Parcours, um den Leuten den Einstieg zu erleichtern und sie zu motivieren, aktiv zu werden. Neben Angeboten für Kinder und ältere Personen sind auch Strukturen für Jugendliche und junge Erwachsene, welche nicht in Vereinen integriert sind, zu fördern.“ Ziel der 1657 Einwohner zählenden Gemeinde Gamprin-Bendern war es, die bestehende Anlage durch ein neues Angebot zu stärken, das für die breite Bevölkerung zugänglich ist, erklärt Kurt Berger, Leiter Tiefbau. „Jeder wird dank unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad der Übungen auf seinem Niveau abgeholt, ob jung oder alt, ob sportlich oder weniger aktiv, ob Einzelperson oder Gruppe“, so Berger. Der neue Parcours soll idealerweise nicht nur Trainingsort, sondern zugleich eine integrative Begegnungszone sein, in der ein sozialer Austausch stattfinden kann.

 

In Bewegung bleiben

Sich fit halten, beweglich und gesund bleiben bis ins hohe Alter: Ein Thema, das im Bewusstsein der Bevölkerung zunehmend verankert ist. Hier setzt das Konzept der neuen Bewegungsparcours an. Es bietet generationenübergreifenden Spass und steht nicht nur sportlichen Menschen, sondern ebenso Einsteigern offen. Im Vordergrund steht nicht der Drill, sondern der Spass an der Bewegung und am Aktivsein. Während Fitnessgeräte im öffentlichen Raum in Skandinavien, aber auch in Ländern wie China schon länger gang und gäbe sind, etablieren sie sich bei uns erst nach und nach so richtig. In der Schweiz entstanden die ersten Anlagen in Kombination mit Spielplätzen, wurden jedoch zunächst nur zögerlich bis gar nicht genutzt. Es brauchte Zeit und Aufklärungsarbeit, die Menschen mit dem neuen Angebot der kostenlosten Gesundheitsvorsorge im öffentlichen Raum vertraut zu machen. Etwas schneller erfolgte der Durchbruch bei Institutionen wie Alterszentren oder Reha-Kliniken, welche die Geräte schon früh in ihren Parks installieren und in die Therapie integrierten. Mit dem populär werden generationenübergreifender Spielplätze fanden auch vermehrt Elemente des Bewegungsparks in den öffentlichen Raum.

 

Vom Trimm-dich-Pfad zum Bewegungspark

„Der Bewegungsparcours in Gamprin ergänzt die bestehende Anlage in optimaler Weise. Er erhöht die Vielfalt, bringt neue Nutzungsmöglichkeiten und passt zur Philosophie der Anlage, die für alle da ist“, so Landschaftsarchitekt Daniel Wegmüller. Sein Team hat die Anlage in Kooperation mit der deutschen Firma Playparc mit Sitz in Bad Driburg konzipiert. Das Unternehmen verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Spiel- und Fitnessgerätesektor. Die eingesetzten Elemente sind Teil des Bewegungskonzepts «4Fcircle». Playparc hat dieses gemeinsam mit dem Sportwissenschaftler Oliver Seitz entwickelt und setzt es seit einigen Jahren erfolgreich in verschiedenen Ländern Europas ein. Die Bezeichnung «4F» bezieht sich auf die englischen Begriffe «Fit», «Free», «Fun» und «Function». Das neuartige Bewegungskonzept entstand im Rahmen von Oliver Seitz’ Diplomarbeit an der TU München und basiert auf den neusten sportwissenschaftlichen Erkenntnissen. Seitz sieht es als eine Art «Neuauflage der Trimm-dich-Pfade», deren Geräte und Übungen er als nicht mehr zeitgemäss betrachtet. Um die Bewegung in den Alltag der Menschen integrieren zu können, müsse man den Parcours näher zu ihnen bringen. Statt wie früher im Wald müssten die Geräte mitten im Siedlungsraum, etwa in Freizeit- und Sportanlagen oder in kommunalen Parks stehen. Bei der Entwicklung der Geräte sei es wichtig gewesen, dass diese für alle nutzbar seien, «egal ob 4 oder 99 Jahre alt». „Wir wollen die Leute in Bewegung bringen – und zwar alle. Die Oma mit dem Enkel ebenso wie die Fussballmannschaft, den ambitionierten Hobbysportler oder den Vater mit seiner Tochter.“

 

Modularer Aufbau

Auf dem Bewegungsparcours lassen sich sämtliche Bereiche der Motorik wie Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit auf unterschiedlichem Leistungsniveau trainieren. Die einzelnen Geräte sind so gruppiert, dass sie sowohl von Einzelpersonen als auch von Gruppen zum gemeinsamen Training nutzbar sind. Für die Grossabünt hat das Planungsteam drei Module zusammengestellt, die jeweils aus mehreren Geräten und Elementen bestehen. Sie sind rund um die bestehenden Sportplätze angeordnet und von überallher gut zugänglich.

Modul 1 - Koordination und Geschicklichkeit: Geräte wie «Balancier»- oder «Pedalostrecke» fördern Balance sowie koordinative Fähigkeiten und ermöglichen spielerische Bewegungserfahrungen.

Modul 2 - Kraft und Fitness: An der Station «Trimmfit-Trainingszone» kann der Anwender freie Kraftübungen zur Stärkung der Rumpf- und Oberkörpermuskulatur durchführen. Gleich daneben steht die «Calisthenics-Allround-Anlage», das auffälligste Element des Parcours. Sie besteht aus einem blauen Metallgerüst mit Holmen und Stangen, die auf unterschiedlicher Höhe angeordnet sind. Hier lassen sich funktionale Übungen mit dem Einsatz des eigenen Körpergewichts ausführen.

Modul 3 - Kräftigung/Mobilisierung: Die Geräte «Wellenlaufen», «Hüftschwung» und «Oberkörper-Ergometer» sowie eine Bodentrampolin-Bahn aktivieren alle wichtigen Muskelgruppen und fördern Beweglichkeit, Mobilisierung der Gelenke sowie Standsicherheit (Sturzprophylaxe für Senioren).

 

Auf dem Gelände der Freizeit- und Sportanlage waren bereits vor der Integration des Bewegungsparcours verschiedene Geräte und Einbauten wie Slackline, Gurttrampolin, Wackelbalken, eine kleine Rundlaufbahn sowie eine Sandgrube für den Weitsprung vorhanden. Sie wurden in die Planung integriert und sind heute Teil des Parcours. Auf der Laufbahn, die den bestehenden Sportspielplatz umrundet, wurden zusätzliche Gitterlinien aufgespritzt, die das Durchführen Lauftechnik-Übungen («Lauf-ABC») ermöglicht.

 

Worauf achten bei der Planung?

Die Geräte haben einen hohen Aufforderungscharakter und sind sehr robust gestaltet. Der Einstieg fällt leicht, die Grundbewegungen sind weitgehend selbsterklärend. Trotzdem sind Instruktionen unabdingbar. Zu jedem Bewegungsparcours gehört daher auch ein durchgängiges Signaletik-Konzept mit klarer grafischer Gestaltung. Die einzelnen Stationen werden kurz beschrieben und aufgezeigt, welche Übungen möglich sind. Gelb steht für «leicht», Grün für «mittel», Blau für «schwer». So kann sich jeder Nutzer seine eigenen, für ihn realistischen Ziele setzen. Jedes Gerät ist so konzipiert, dass es für verschiedene Körpergrössen gleichermassen nutzbar ist.

Was gilt es bei der Planung eines Bewegungsparcours zu berücksichtigen? Zunächst müsse man die raumplanerischen Vorgaben der spezifischen Gemeinde anschauen, so Daniel Wegmüller. Eine Standortsicherheit für mindestens zehn Jahre sollte gegeben sein. Wichtig ist überdies die Erreichbarkeit einer Anlage. So sollte nebst einem Parkplatzangebot auch die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr, zu Fuss oder per Fahrrad möglich sein. Steht der Standort einmal fest, gehe es darum, den Parcours gestalterisch ins umliegende Gelände zu integrieren. Bei Bau und Unterhalt müssen die Sicherheitsnormen für Spielgeräte, Outdoor-Fitnessgeräte und Fallschutz (SN EN 1176/1177 und 957) erfüllt sein. Sämtliche auf der Grossabünt eingesetzten Elemente wurden gemäss geltenden Sicherheitsstandards im Werk durch einen unabhängigen Gutachter geprüft und zetifiziert. Der Betreiber verpflichtet sich, regelmässige Sicherheitsprüfungen durchführen.

 

Imageförderung für die Gemeinde

Eine Begleitung und aktive Bewerbung des Bewegungsparcours, sei es mit organisierten Anlässen oder Kursen kann sinnvoll sein, um das Angebot der Bevölkerung näher zu bringen. Oliver Seitz rät bei neuen Projekten immer auch zur Schulung von «Bewegungs-Multiplikatoren», welche die Idee weitergeben und die Leute motivieren, aktiv zu werden. So wird die tägliche Fitnesseinheit bald zur alltäglichen Selbstverständlichkeit. Das neue Bewegungsangebot in Gamprin verleiht der Gemeinde zusätzliches Profil, zumal es bis anhin wenig vergleichbare Angebote in der Region gibt. Ein solches Projekt lässt sich auch fürs Standort-Marketing nutzen, denn eine moderne, vielseitige Infrastruktur steigert die Attraktivität einer Gemeinde. Gerade auch in touristisch geprägten Gebieten kann es eine interessante Möglichkeit sein, die Sommer-Aktivitäten durch ein zusätzliches Angebot zu stärken. Kurt Berger von der Gemeinde Gamprin zieht nach einjähriger Betriebszeit ein durchwegs positives Fazit. Der Bewegungsparcours werde von der Bevölkerung sehr gut angenommen und vielseitig genutzt. Und dies, ohne dass man bislang speziell organisierte Aktivitäten oder Kurse angeboten habe.

 

Die Grossabünt

Der neue Bewegungsparcours ist integriert in die Freizeit- und Sportanlage Grossabünt in Gamprin (Fürstentum Liechtenstein). Die Anlage für die Bevölkerung entstand zwischen 2009 und 2011 auf der «grünen Wiese» und umfasst ein Areal von 4.4 Hektaren. Sie ging aus einem 2006 durchgeführten Wettbewerb hervor, den das Planungsbüro Wegmüller für sich entscheiden konnte. Kernstück ist der natürlich gereinigte Badesee. Ergänzend dazu finden sich auf dem Gelände eine Vielzahl verschiedener Sportplätze sowie Spielgeräte für Kinder und Jugendliche von der Kletterpyramide bis zur Boulderanlage. Zu den Sportplätzen zählen Fussballplatz, Beachsportfeld, Hartplatz sowie Sportspielplatz. Bei der Planung war der Einbezug ökologischer Aspekte von zentraler Bedeutung. Nebst intensiv genutzten Zonen bilden naturnah gestaltete Lebensräume wie Bachlauf, Wildhecken, Obstgarten und Blumenwiesen einen grünen Erholungsraum. Ein Holz- und Steinweg, auf dem einheimische Gehölze sowie die Geologie Liechtentseins das Thema sind, rundet das Angebot ab.

 

 

Weitere Informationen:

Das Projekt

Eröffnung: 12. Mai 2017

Bauherrschaft: Gemeinde Gamprin-Bendern, Fürstentum Liechtenstein

Investitionskosten (Geräteausstattung, Fallschutzbeläge und Anpassungsarbeiten): CHF 220’000

Geräte Bewegungsparcours: 4Fcircle, Playparc, Beratung durch Sportwissenschafter Oliver Seitz

Planung und Begleitung Ausführung: Planungsbüro Wegmüller, Landschaftsarchitekten Klosters, Schweiz

Links: www.d-wegmueller.ch, www.grossabuent.li, www.playparc.de

Die Planer: Geplant hat den Bewegungsparcours auf der Freizeit- und Sportanlage Grossabünt im liechtensteinischen Gamprin das Planungsbüro Wegmüller aus Klosters (Schweiz). Zum Team gehören nebst Landschaftsarchitekten auch Umwelttechniker und Bauingenieure. Das Büro plant und gestaltet individuelle Freiräume in Siedlung und Landschaft. Zu den Spezialgebieten zählt die Projektierung von Freizeit- und Sportanlagen mit Schwerpunkt auf Tourismusregionen. Dazu zählen auch komplexe Gesamtprojekte mit Kunsteisbahnen, Leichtathletikanlagen oder auch Frei- und Naturerlebnisbäder.

 

Foto: Planungsbüro Wegmüller

 

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