Urbaner Raum, Partizipation & Le Parkour – vom kleinen Gütersloher Jugendprojekt zum größten Parkour-Park Deutschlands

von Claus-Peter Mosner (Diplompädagoge, Stadt Gütersloh, Fachbereich Jugend und Bildung)

Urbaner Raum, Partizipation & Le Parkour –  vom kleinen Gütersloher Jugendprojekt zum größten Parkour-Park Deutschlands

Schon einmal von „Le Parkour“ gehört?  Oder schon einmal einige der selbstbewussten und doch bescheidenen Akteure gesehen? Wie sie mit scheinbarer Leichtigkeit, fast übernatürlich und spielerisch an Häuserwänden emporlaufen oder mit geschmeidigen Sprüngen Hindernisse und urbane Schluchten überwinden. - Es ist beeindruckend, was diese jungen Menschen den „Normalstadtmenschen“ für Möglichkeiten aufzeigen.

Noch beeindruckender ist, welche Philosophie und Lebenseinstellung in dieser Jugendkultur als Haltung vorherrscht: Respekt vor der Umwelt, den Mitmenschen, und sich selbst. Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen, auch dem eigenen Körper und Geist gegenüber. Kreativer Veränderungswille und Demut vor dem eigenen Können. Es ist offensichtlich, wie die urbane Nähe des Parkourläufers und seine kreative Leistung zur Nutzung und Umdeutung des städtischen Raumkörpers auf den intimen Zusammenhang zwischen Le Parkour und Stadtentwicklung hindeuten - pädagogisch, architektonisch und kulturell. Das deutet auch darauf hin, wie wichtig es ist,  Jugendkulturen und die Bürger einer Stadt bei der Gestaltung von urbanen Strukturen zu beteiligen.

Am Beispiel der Stadt Gütersloh und des Parkour-Projektes kann man aufzeigen, wie individuell Ergebnisse einer Beteiligung sein können und wie wichtig strukturelle Zusammenarbeit ist, wenn man als Stadt oder Kommune die einzelnen Fachabteilungen und Ämter ernst nimmt und auch hier gemeinschaftlich Ziele verfolgt.

 

Pädagogik, Parkour und Werte

Am Anfang stand ein kleines Projekt der offenen Jugendarbeit zur Gewaltprävention. Am Ende steht die größte Parkour-Anlage Deutschlands. Zwischen diesen beiden Ereignissen sind zehn Jahre vergangen. Bewegende Jahre, in denen eine Jugendkultur sich sozial engagiert und Parkour zum Bestandteil einer Stadt gemacht wurde. Damals hatte zunächst niemand geahnt, welche Begeisterungsfähigkeit und Kraft in dem kleinen Parkour-Angebot steckt, das quasi auf der Straße begann. Dank des Kooperationswillens von Schulsozialarbeit und offener Jugendarbeit etablierte sich schnell ein kontinuierliches Training, das schon bald eine große Nachfrage erzeugte. So entstand aus einem regulären Training mit der Unterstützung der Jugendförderung der Stadt Gütersloh ein neues Projekt, das die Jugendkultur der Traceure, deren Werte, Philosophie und Sportlichkeit aufnahm und (erlebnis-)pädagogisch begleitete.

Die Philosophie und die starke sportliche Herausforderung waren und sind starke Attraktoren, die die Jugendlichen in unterschiedlichen Sozialräumen und über alle Milieus hinaus ansprechen. Es sind Jugendliche, die sich gerne sozial engagieren, Freundschaften suchen aber auch Werte vertreten, die in anderen Angeboten in dieser Kombination weniger ausgeprägt sind.

Die Rahmenbedingungen: kein Wettkampf, kooperatives Lernen und gemeinsam eigene Ziele erreichen, leisten den vorgenannten Werten Vorschub. Parkour fördert Diversität und ist in seinen sozialen Ausprägungen heterogen aber durchlässig.

 

Parkour und Architektur

Als Traceur erobert man sich den architektonischen Raum der Städtewelt zurück. Vorgegebene Strukturen und normative Setzungen werden aktiv hinterfragt und neu gedeutet. Die Funktionen der urbanen Landschaft und Arrangements werden spielerisch und kreativ als Erlebnisraum erfahren, in dem man sich neu definieren und seine eigenen geistigen und körperlichen Fähigkeiten erweitern kann. Starre Grenzen (als Traceur) zu überwinden, bedeutet, sich immer wieder schnell und effizient auf neue Situationen einzustellen und flexibel, weich und anpassungsfähig zu sein. Es bedeutet auch, feste Regeln, Normen und Werte neu zu hinterfragen, auf deren Sinnhaftigkeit zu prüfen und sein Wissen an Erfahrungen zu messen.

Was man oft gleich am Anfang, wenn man mit Parkour seine ersten Schritte macht, spielerisch lernt: „Wenn ich meine Leistungsfähigkeit, mein Können und die Situation falsch einschätze, dann verzeiht die Übung das nicht und ich kann niemanden anders als mir selbst die Schuld dafür geben.“ Ein wunderbares Lernfeld.

In Gütersloh kam der Wunsch nach einer Trainingsanlage, die eine hohe Dichte an Variationen und Trainingsmöglichkeiten an einem Ort aufweist,  bereits im Jahre 2011 auf. Diese Anlage sollte den offenen Stadtraum nicht ersetzen. Sie sollte eher einem Park ähneln, einem Ort an dem „zufällige“ Begegnung stattfindet, der den sozialen Austausch - auch mit Passanten - und anspruchsvolles Üben ermöglicht.

Bereits in 2012 lagen erste Entwürfe der Parkour-Community vor. Dennoch brauchte es noch drei Jahre Geduld bevor die Anlage in die Reichweite des Machbaren rückte. Ein wichtiger Erfolgsfaktor war die kontinuierliche pädagogische Unterstützung durch den Fachbereich Jugend und Bildung, von Seiten der Verwaltung und auch der Politik.

Viele Beteiligungsangebote, soziales Engagement und auch Auftritte der Traceure machten die Ideen, Werte und Fähigkeiten aber insbesondere das menschliche familiäre Miteinander der Community in der Öffentlichkeit bekannt. Durch eine Großspende verteilt auf drei Projekte, war dann Anfang 2015 klar: Gütersloh bekommt eine Parkour-Anlage!

 

Beteiligung und Zusammenarbeit

Die grundlegenden Anforderungen sowie Ideen-Kollagen zu der Atmosphäre, die die Anlage ausstrahlen sollte, wurden im Vorfeld von den Traceuren gesammelt und mit dem Fachbereich Jugend und Bildung, Kultur und Sport sowie dem Fachbereich Grünflächen offen diskutiert.

Aufgrund der daraus abgeleiteten Kriterien wurde in einem längeren Prozess der Standort bestimmt.

Da die Initiative von Anfang an bei den Jugendlichen selbst lag, wurde die anschließende konkrete Planung der Anlage in drei Beteiligungsworkshops mit den Traceuren, der Kinder- und Jugendförderung, dem Fachbereich Grünflächen und dem Fachplanungsbüro Proelan durchgeführt. Federführend für die Konstruktionsplanung waren dabei die Erfahrungen, Ideen und das Selbstverständnis der Traceure.

 

Die Parkour-Anlage in Gütersloh

Im Zentrum der Anlage stehen sitzbankähnliche Elemente, die eine Begegnung ermöglichen. Der Grundriss der Parkfläche ist kreisförmig gewählt und es gibt keinen Zaun, der die Anlage begrenzt. Dieses Arrangement lädt dazu ein, die vier äußeren Schwerpunktbereiche auch zentripetal und zentrifugal anzulaufen und in nahezu unbegrenzter Anzahl von Möglichkeiten zu nutzen.

Die natürlichen Elemente und Untergründe wie Erde (Rasen, Naturstein) Holz und Bäume sorgen mit ihren sich verändernden Oberflächenstrukturen und Unebenheiten für immer neue Herausforderungen und symbolisieren die Wandlung und das Lebendige. Jeweils konterkariert werden die natürlichen „Räume“ durch urbane Raumelemente. Alle Schwerpunktbereiche werden über eine zentral verlaufende „Straßenschlucht“ miteinander verbunden.

Bei der Anordnung der Stangen und Betonmauerelemente wurde besonders darauf geachtet, „zufällige“ Winkelarrangements zu wählen, so dass auch hier auf lange Sicht eine hohe Variabilität in der Nutzung möglich ist. Insgesamt ist die Anlage so konzipiert worden, dass sie schließlich jedem Nutzerlevel Anregungen und Möglichkeiten bietet. Zum Schutz vor Selbstüberschätzung lassen sich manche höher gelegenen Elemente und Bereiche nur erschließen, wenn man entsprechende Fähigkeiten beherrscht.

Der Parkour-Park wurde nach den Möglichkeiten der neuen DIN EN 16899 für Parkouranlagen geplant. Für den Fallschutzboden reichten die punktelastischen Eigenschaften bisher verwendeter Produkte anderer oder ähnlicher Sportanlagen nicht aus. So wurde in Abstimmung mit der Firma Melos ein neues Produkt nach den Vorgaben dieser Norm und den Erfahrungen und Anforderungen der Traceure geschaffen.

 

Kultur und Begegnung

Inklusive eines Naturhainbuchenwäldchens umfasst die Anlage nun 1600 Quadratmeter und ist damit die größte in Deutschland. Der Parkour-Park im Gütersloher Norden setzt auch sozialräumlich ein Zeichen. Die offizielle Eröffnung fand am 16. Juni dieses Jahres statt und seitdem wird die offene Anlage auch tagsüber bereits rege von vielen unterschiedlichen Peergruppen, Sportlern und Einrichtungen genutzt.

Die Feuertaufe wird der Parkour-Park zum zehnjährigen Jubiläum des Parkour-Camps Gütersloh erleben, wenn sich Traceure aus ganz Europa in Gütersloh treffen, Freundschaften pflegen, Hindernisse überwinden und feiern, was ihr eigenes Engagement möglich gemacht hat.

 

Von den Traceuren lernen

Der Städtebau- und die Planung sind herausfordernde Aufgaben. Eine gelungene Beteiligung ist abhängig vom guten sozialen Miteinander. Wenn man junge Jugendkulturen ernst nimmt, muss man deren Ideen offen diskutieren und in die planerische Praxis der Stadtentwicklung miteinbeziehen. Sicherlich, es gehört auch Mut dazu, die eigenen Sichtweisen und Wege, die innerhalb von Fachabteilungen gewachsen sind, zu verlassen und im Dialog auf ein Ziel hin zu arbeiten, dass im Wesentlichen aus den Bedürfnissen einer Jugendkultur und pädagogischer Zusammenhänge erwachsen ist.

Jugendliche und neue urbane Kulturen brauchen Erlebnis- und Aneignungsräume, die sie mitgestalten können, und Menschen und Fachleute, die sie ernst nehmen und die bereit sind, die Gesellschaft und Kultur als fortwährenden Wandel und Dialog zu begreifen. Erst dann werden starre Hindernisse überwunden und neue lebendige Werte geschaffen werden. Das haben wir in Gütersloh von den Traceuren lernen dürfen.

 

 

Foto: Daniela Toman (Stadt Gütersloh), Jens Dünhölter (freier Journalist)

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