Das Ziel der Kinder heute: gesund aufwachsen - nicht nur vor der Spielkonsole. Was gehört zum gesunden Aufwachsen? Wie wird es umgesetzt?

Interview mit Prof. Dr. Swantje Scharenberg (Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS))

Das Ziel der Kinder heute: gesund aufwachsen - nicht nur vor der Spielkonsole. Was gehört zum gesunden Aufwachsen? Wie wird es umgesetzt?

Gesundes Aufwachsen beginnt bereits weit vor der Geburt, also pränatal. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass sich die Aktivität der Eltern über das Herz-Kreislaufsystem direkt auf das werdende Leben auswirkt. Auch beispielsweise Fettleibigkeit der Eltern verursacht genetische Dispositionen bei ihren Kindern. Wir sollten also bei der Einstellung der Erwachsenen zu körperlich-sportlicher Aktivität und Essverhalten ansetzen, wenn wir langfristig die Gesundheit insbesondere der Kinder fördern wollen. Dazu gilt es, Bewegungsgelegenheiten zu schaffen, die motivierend sind und ohne den sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger gesundheitsförderliches Verhalten alltäglich werden lassen. Das Treppenstufen-Piano in der Stockholmer U-Bahn ist hier ein klingendes Beispiel: Jede und jeder kann für sich entscheiden, entweder die funktionstüchtige Rolltreppe zu nutzen oder durch aktives Treppensteigen eine Tonfolge zu erzeugen, vielleicht sogar – gemeinschaftlich – Musik zu generieren. Im neu gebauten Gebäude des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wird darauf hingewiesen, dass mit jeder Treppenstufe Kalorien verbraucht werden. Dieser Ansatz findet sich auch in einigen Hotels bereits wieder, bei denen der Treppenaufgang nicht als Alternative zum Lift gestaltet ist, sondern mondän und einladend als (nahezu) alternativlos erscheint.

Ist die Konsequenz, dass mehr Bewegungsgelegenheiten in öffentlichen Räumen adressiert werden sollten? Jeder Jeck ist anders. Vermutlich braucht es einfach eine Vielfalt von Sensibilisierungen, damit ein Umdenken hin zu einem gesunden Lebensstil der gesamten Familie erfolgt.
Erwachsene sollten sich jedoch stets ihrer Vorbildfunktion bewusst sein.

 

 

Playground@Landscape: Wie motiviert man die Kids zum Sport? Zu mehr Bewegung? Wie bringen wir Kinder in Schwung?

Prof. Dr. Swantje Scharenberg: Sie sprechen hier den Aufgabenbereich der Erwachsenen und speziell der ganz unterschiedlichen Funktionäre an. Heranwachsende erschließen sich ihre Welt durch individuelle und auch selbstgesteuerte Bewegung, darauf weist Prof. Dr. Renate Zimmer in vielen pädagogischen Publikationen hin. Erwachsene sollten sich als „Möglichmacher“ in diesem Prozess begreifen und den Kindern vor allem eines geben: Zeit, um sich auszuprobieren. Die Kleinen kommen von selber auf gute Aktivitätsideen: Beispielsweise kann das Beschäftigen mit den Spielgeräten im Kinderwagen im Grunde schon als Kraft- und Koordinationsschulung gesehen werden.
In den 1980er Jahren war von Interesse, wann Kinder mit Sport beginnen sollen. Die von Ihnen aufgeworfene Frage, wie Kids zum Sport motiviert werden können, beinhaltet die sozialräumlichen Veränderungen der vergangenen Jahre sowie unser heutiges Sportverständnis, das Sie mit Ihrem Dreiklang – Sport, Bewegung, Schwung – auf den Punkt bringen. Die durch das KIT durchgeführte Langzeitstudie MoMo (Motorikmodul) zu den motorischen Fähigkeiten von Kindern, also Ausdauerfähigkeit, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Koordination, belegt, dass sich die körperlichen-sportlichen Grundeigenschaften der Heranwachsenden trotz diverser Förderprogramme eher verschlechtert haben. Die aus gesundheitlicher Sicht notwendige körperlich-sportliche Aktivitätszeit von mindestens 60min über den Tag addiert, wird nur von einem Drittel der Kinder in Deutschland erreicht, so die aktuellen Ergebnisse der MoMo-Studie.

Lösungswege hin zu mehr Schwung, Bewegung und Sport – die drei Begriffe sehe ich hierarchisch – sollten die heutige Kindheit als Chance in den Blick nehmen, bunt sein und mit positiven Erlebnissen für alle gespickt sein. Nur eigene Erfahrungen motivieren zur langfristigen Verhaltensänderung.
Ein Trend, der in den letzten Jahren immer mehr Anklang findet, ist: „wir kommen zu Euch!“ Statt also darauf zu hoffen, dass Kinder die Schaukel auf dem Spielplatz nutzen, Wegstrecken mit Roller oder Fahrrad zurücklegen oder im Sportverein regelmäßig aktiv sind, wird niederschwellig agiert – das Bewegungsangebot kommt als „community sports“ zu den Kindern: in den Kindergarten – hier wird durch bauliche Gestaltung zu Bewegung motiviert –, in den Stadtteil – durch unterschiedliche Fitness-Stationen, die generationsübergreifend genutzt werden können –, in die Schule, indem beispielsweise der Pausenhof aktivitätsfördernd gestaltet wird. Wichtig ist hier, zu berücksichtigen, dass die Kinder farbenfrohe Spielgeräte immer anders nutzen können, damit diese mitwachsen und für unterschiedliche Alters- und körperliche Entwicklungsstufen reizvoll bleiben. Keine einfache Aufgabe!   
Ideal wäre im Grunde ein Fitness-Parcours im direkten Lebensraum, der generationsübergreifende Anreize bietet. Denn Motivation zum Sport kann durch Gemeinschaftserleben verstärkt werden. Der gut im Wald versteckte, pardon naturräumliche integrierte Trimmpfad aus den 1970er Jahren sollte durch nicht zu übersehende Bewegungsangebote in der Stadt ergänzt werden. Wenn – wie aktuell in Mainz geschehen – neue Bänke das Stadtbild prägen, könnten Infotafeln darauf hinweisen, wie die Möbelstücke zu Aktivitätsbänken werden können und damit einen wichtigen Bedeutungswandel vollziehen. Denn gerade das lange Sitzen ist – beginnend im Kindesalter – gesundheitlich kontraproduktiv. „Functional training“ (FT) bietet mit seinen Einzelübungen, die sehr gut auch unter freiem Himmel unter Nutzung von Bänken durchgeführt werden können, eine Fülle von Anregungen für körperlich-sportliche Tätigkeiten. Sehr kindgerecht sind Animal moves, Tierbewegungen, die vom Menschen imitiert werden, eben FT bei den Tieren abgeschaut.
Wir bemerken bei unseren alle zwei Jahre stattfindenden Kongressen, dass die Teilnehmenden glücklich über Ideen sind, wie sie Geräte variabel für Bewegung, Spiel und Sport einsetzen können. Sie erkennen manchmal erst in Fortbildungen das Potential der Geräte, die sie bislang ignoriert haben. Beim Internationalen Deutschen Turnfest in Berlin 2017 hatte ich einen Workshop zum Thema „Geräte kindgerecht nutzen“ angeboten und hier u.a. den Lüneburger Stegel als Gerät angeführt, das in vielen Geräteräumen einfach verstaubt. Eine der Teilnehmerinnen sagte, dass es hier im Internet zum Lüneburger Stegel ein Anleitungsheftchen für die Benutzung geben würde. Offensichtlich braucht es zunehmend diese Anleitungen. Aber warum? Ist die Kreativität der ÜbungsleiterInnen, ErzieherInnen und LehrerInnen aus Angst vor Verletzungen bei den Kindern und möglichen rechtlichen Sanktionen geblockt? Wollen bzw. können die Erwachsenen Bewegungen nicht mehr demonstrieren und verzichten deswegen darauf, dass Kinder die Bewegungserfahrungen machen? Die Gründe zu ermitteln, wäre insbesondere auch für Gerätehersteller von großem Interesse.  

 

Playground@Landscape: Sie sprachen gerade von Elementen, die Erwachsene nicht mehr können. Verlernen wir Bewegungen?

Prof. Dr. Swantje Scharenberg: Ja. Das größte Problem ist, dass wir uns nicht genügend Zeit für Bewegung nehmen und Alltagsaktivitäten mehr und mehr als Bewegungszeiten zu unserer eigenen Beruhigung umwidmen. Zuerst ersetzt das Treppensteigen die Morgengymnastik, dann nehmen wir möglicherweise statt zu Fuß zum Einkaufen zu gehen, eher das Auto. Wir werden fremd bewegt, statt selber mobil zu bleiben. Knieschmerzen und Rückenprobleme stellen sich ein. Somit wird – mangels Training – selbst die Ausführung einiger Alltags-Bewegungen immer schlechter, wir fallen häufiger hin. Wir trauen uns immer weniger zu.
Hinzukommt, dass wir ab der Geburt immer steifer werden und dass auch die Kraftleistung im Alter nachlässt, es sei denn, diese wird trainiert. Wir haben zwar die Idealbewegung und deren Ausführung noch im Kopf, können diese aber nicht mehr mit unseren physischen Möglichkeiten realisieren. Statt zu üben, verzweifeln wir und verzichten auf die Ausführung.
Die Idee ist hier, das Bewegungsgedächtnis zu reaktivieren und durch gezielten Muskelaufbau zunächst die Qualität der Alltagsbewegungen zu verbessern, sich selber mehr unter Beobachtung zu stellen und die Fortschritte auch zu realisieren, um – psychisch gestärkt – sich kleinschrittig an spezielle Bewegungen wieder heranzutrauen und sich so die Risikokompetenz wieder zurückzuerobern, die verloren zu sein schien. Das gezielte Training kann unter Anleitung stattfinden, sich selber aber einen geeigneten „Spielplatz“ zu suchen, kann ebenfalls zielführend sein.   

 

Playground@Landscape: Kommen wir zum Schulsport. Welche Chancen hat der Schulsport für Prävention und gesundes Aufwachsen?

Prof. Dr. Swantje Scharenberg: Durch die Ganztagsschulen, die es in ganz unterschiedlichen Ausrichtungen gibt, sind die Präsenszeiten in der Schule höher. Dieses sollte jedoch keinesfalls mit der Erhöhung der bereits angesprochenen Sitzzeiten einhergehen. Schulsport ist mehr als Sportunterricht in der Schule. Die Mehrzahl der AG-Angebote bei Ganztagsschulen sind Sportangebote, d.h. Schulsport, nämlich Sport in der Schule. In Pforzheim, der Goldstadt, die leider auch einen hohen Anteil an arbeitslosen und kriminellen Jugendlichen aufweist, ist mit „Sport hilft!“ bereits vor Jahren ein beispielhaftes Projekt ins Leben gerufen worden, bei dem die Stadt, die Schulen sowie die Sportjugend kooperieren. Die dortigen Schulen wurden und werden in unterrichtsfreien Zeiten als Raum für ganz unterschiedliche Bewegungs- und Sportangebote, die örtliche Vereine anbieten, geöffnet. Mal orientalischer Tanz, dann Kampfsport, Bolzplatz-Liga oder Capoeira – die variantenreichen Angebote werden sehr gut angenommen und dialogisch von den Jugendlichen teilweise mitgestaltet. Es wäre wünschenswert, wenn auch im Sportunterricht Jugendliche ihre Sportarten vorstellen dürften. Insbesondere die Partizipation aktiviert die Schülerinnen und Schüler im besten Sinne und schafft Interesse. In den Köpfen der Heranwachsenden in Pforzheim hat ihre Schule ein anderes, ein positives Image bekommen.

Seit dem 18. Jahrhundert wissen wir, dass Licht, Luft und Sonne für die Gesundheit u.a. die Vitamin D-Aufnahmefähigkeit entscheidend sind. In einigen Schulen wird – auch wegen des Einflusses von Licht und Sonne auf die Knochenstruktur – outdoor-Unterricht angeboten. Mathematik unter freiem Himmel vermittelt, bedeutet, dass Kinder wie Lehrpersonen mit ganz anderen Bedingungen konfrontiert sind, aus der Comfort-Zone geholt werden, aber für ihr eigenes Wohlbefinden langfristig sehr viel Positives mitnehmen. Wo ein solcher Unterricht stattfinden kann, hängt von der Gestaltung des Schulgeländes ab und der möglicherweise einsetzbaren Kleingeräte. Schulsport, selbst Sportunterricht, kann bei jedem Wetter auch draußen angeboten werden. Und nicht nur dann – wie in einer Schule in Niedersachsen –, wenn die Sporthalle aufgrund hygienischer Mängel langfristig gesperrt ist.

 

Playground@Landscape: Warum kümmern sich heute Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler um Gesundheitsbildung und -erziehung?
Prof. Dr. Swantje Scharenberg: Gesundheitsbildung und –erziehung sind Themen, die bis ins antike Griechenland zurückverfolgt werden können, also traditionell von Belang sind. Damals sollte durch „Gymnastik“ und Athletik ein leistungsfähiger und schöner (männlicher!) Körper herausgebildet werden. GutsMuths, der Erbauer des ersten Deutschen Gymnastikplatzes, hat Ende des 18. Jahrhunderts die Ideen aufgegriffen, so wie die Philanthropen (Menschenfreunde) insgesamt. In Schweden wurde mit der schwedischen (Heil-)Gymnastik im 19. Jahrhundert dem englischen Sport und dem deutschen Turnen ein weiterer Entwicklungsstrang für Bewegung, Turnen, Spiel und Sport hinzugefügt. Die Sprossenwand, der Medizinball und auch die „Schwedenbank“ (Turnbank) sind Geräte, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und heute im Gesundheitssport eine Renaissance erfahren – und nicht nur da. Selbst jungen Leute, die Calisthenics betreiben, ein Krafttraining der besonderen Art, das unter freiem Himmel an Reckstangen und teilweise auch in Ermangelung von outdoor fitness Parks auf Kinderspielplätzen ausgeführt wird, machen „Gesundheitssport“. Dieses Wort passt natürlich nicht in die Jugendsprache, und deswegen wird die Verbindung zur Gesundheit auch gar nicht von dieser Generation mitgedacht.
Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler analysieren die Komponenten von Calsthenics: für die Modellierer ihres Körpers ist Calisthenics Kult, sie sprechen mit ihren über youtube verbreiteten Videos die Generation der digital-natives an, diejenigen, die nach 1990 geboren sind, und für die Mediennutzung Alltag ist. Sie „posten“ eine neue urbane Bewegungskultur, tauschen sich international aus und werben unbemerkt für Outdoor-Geräte, die für die Belastungen geeignet sind. Mediennutzung und Bewegung können sich gegenseitig positiv beeinflussen, wie nicht zuletzt Pokemon go eindrücklich unter Beweis gestellt hat.
Um Kinder und Jugendliche für eine gesunde Lebensweise zu begeistern, müssen die Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im Grunde als Trendscouts für diese Generation fungieren und in einem zweiten Schritt aufbauend auf den Interessen der Jugendlichen Angebote kreieren: In der Fortbildung „Vom Geocaching zu Leichtathletik“ beispielsweise wird Mediennutzung intelligent mit einer Sportart verbunden. QR-Codes an Outdoor-Geräten, die die variantenreiche Nutzung dieser aufzeigen, wäre ein weiteres Beispiel für das „Abholen“ von der jungen Generation.

Die Apps, die u.a. von Sportartikelherstellern angeboten werden, kombinieren die Schrittzähler und Pulsuhren der Anfangsjahre mit ihren weiteren Produkten zu einer gute Marketingstrategie. Stets unter dem Aspekt: wie erreiche ich meine Zielgruppe am besten?

Möglicherweise wäre es ja sinnvoll, unsere Städte mit wetterfesten Reckstangen und Parallelbarren aus Edelstahl auszurüsten – so wie es am Lagunen-Radweg in Chioggia/Italien bereits der Fall ist –, um im 21. Jahrhundert einen leistungsfähigen Körper zu schaffen – so wie in der Antike.
Zweifellos ist die Sensibilität für gesundes Aufwachsen in der Schule, studentische und betriebliche Gesundheitsförderung exponentiell gestiegen. Wurde der Ahorn-Sportpark auf dem Betriebsgelände der Nixdorf Computer AG in Paderborn, der für den Betriebssport gebaut worden war, von vielen belächelt, so besteht 40 Jahre später der Konsens, dass die bewegte Schule, die über Bewegungspausen weit hinausgeht, bzw. Aktivpausen während der Arbeitszeit die Produktivität steigern und der Gesundheit dienlich sind. Forstarbeiter in den Wäldern rund um Göttingen haben signifikante Ausfallzeiten wegen Rückenproblemen gehabt. Durch ein angeleitetes mehrwöchiges Krafttraining im Fitness-Studio sind nicht nur die physischen Probleme weniger geworden, auch die Selbstwirksamkeit hat entscheidend zugenommen. In der „HaBe“-Studie (Haltung und Bewegung) der PH-Karlsruhe sind Haltungsschäden bei Kindern u.a. hervorgerufen durch zu schwere Ränzen untersucht worden. Ein gezielt durchgeführtes Rückentraining hat zu langfristig anhaltenden positiven Ergebnissen in der so wichtigen körperlichen Entwicklung geführt.
Sollten Pausenhöfe sowie Outdoor-Fitness-Parks vielleicht der Problematik „ich habe Rücken“ durch Geräte mit hohem Aufforderungscharakter gezielt begegnen?
 

Letztlich ist es Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wichtig, mit ihrer anwendungsorientierten Forschung und mit dem Wissenstransfer in die Praxis mit den Entscheidern in einen konstruktiven Dialog zu treten und gemeinsame Projekte zu realisieren.

 

Das Interview führte Thomas R. Müller (Playground + Landscape Verlag GmbH)

 

Weitere Informationen:  www.foss-karlsruhe.de

 

Foto:

Jens Hauth (Karlsruher Institut für Technologie (KIT) / Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS))

 

 

 

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