In jeder dritten Familie spielt körperliche Aktivität keine Rolle

In jeder dritten Familie spielt körperliche Aktivität keine Rolle

Die "AOK-Familienstudie 2018" zeigt einen wachsenden Trend zu immer weniger Bewegung innerhalb von Familien. Die Kommunen haben "eine Schlüsselfunktion bei gesunder Bewegung und Ernährung von Kindern und Jugendlichen", so DStGB-Hauptgeschäftsführer Dr. Gerd Landsberg. Sie können beispielsweise durch eine intelligente Verkehrs- und Wegeplanung oder einer guten Sportinfrastruktur einen wichtigen Beitrag zur Bewegungsförderung leisten.

In vielen deutschen Familien kommt Bewegung zu kurz. Das verdeutlicht die im Juli 2018 veröffentlichte Umfrage im Rahmen der "AOK-Familienstudie 2018", die das IGES-Institut unter rund 5.000 Müttern und Vätern im Auftrag des AOK-Bundesverbandes durchgeführt hat. Zwar bewegen sich 45 Prozent der befragten Eltern täglich mit ihren Kindern, für jede dritte Familie spielt körperliche Aktivität in der Freizeit aber überhaupt keine Rolle. Ein Grund könnte der zeitliche Stress von Eltern sein, den 40 Prozent der Befragten als größten Belastungsfaktor ansehen. Nicht verwunderlich ist demnach auch, dass es nur 28 Prozent der Eltern gelingt, Sport und Fitness zu betreiben. Zwar ist die zeitliche Belastung im Vergleich zur letzten Studie vor vier Jahren leicht - um sechs Prozent - zurückgegangen, dafür sind aber die partnerschaftlichen Probleme im selben Maße angestiegen. Mittlerweile ist jeder Fünfte (20 Prozent) davon betroffen, 2014 waren es nur 14 Prozent.

Die verschiedenen Belastungsfaktoren scheinen sich grundsätzlich aber nicht negativ auf das Wohlbefinden von Eltern auszuwirken. Denn 76 Prozent geben an, dass sie ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut bewerten (2014: 69 Prozent). Auffällig ist jedoch ein anderes Problem der Eltern: 36 Prozent von ihnen sind laut Umfrage übergewichtig, 22 Prozent adipös. Bei den Vätern gehören sogar 72 Prozent in eine der beiden Kategorien. Jens Martin Hoyer, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, zeigt sich besorgt. „Unsere Gesellschaft leidet immer mehr an Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch wenn es erfreulich ist, dass die Belastungswerte der Eltern laut Studie weiter abgenommen haben, so sind diese Ergebnisse ein klares Alarmsignal."

Prof. Dr. Jutta Mata vom Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie der Universität Mannheim hat die Studie wissenschaftlich begleitet. „Nur zehn Prozent der Kinder sind so aktiv wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Diese Zahlen sind niedriger als in anderen repräsentativen Untersuchungen für Deutschland und spiegeln dennoch den gleichen Trend wider: Die körperliche Aktivität bei Kindern ist in Deutschland generell sehr gering." Eine Rolle spiele dabei auch der zunehmende Medienkonsum, den Mata deshalb kritisch sieht. „59 Prozent der Kinder von vier bis sechs Jahren nutzen Medien länger als empfohlen, am Wochenende liegt dieser Wert sogar bei 84 Prozent. Ähnlich sieht es bei den Kindern von sieben bis elf Jahren aus." Bewegungsdauer könne man am einfachsten durch einen aktiveren Alltag erhöhen. „Zeit ist - wie ja auch die Familienstudie gezeigt hat - die knappste Ressource und wenn ich für eine neue Aktivität wie Sport mehr Zeit haben möchte, dann muss ich auf etwas anderes verzichten. Das kann schwierig werden. Wenn ich aber in regelmäßige, alltägliche Tätigkeiten Bewegung integrieren kann, dann ist das eine niedrigschwellige und nachhaltige Möglichkeit, aktiver zu werden."

Die AOK-Familienstudie widmet sich außerdem schwerpunktmäßig der Frage, welchen Einfluss die kommunale Infrastruktur auf die Bewegungsfreudigkeit von Familien hat. Kinder, die laut Eltern in einem attraktiven Wohnumfeld leben, bewegen sich im Schnitt an 3,8 Tagen pro Woche und damit 27 Prozent mehr als Kinder, die diese Bedingungen gar nicht vorfinden (3,0 Tage pro Woche). Ähnlich sieht es auch beim gemeinsamen Radfahren aus. Je mehr sichere und nutzerfreundliche Radwege vorhanden sind, desto häufiger schwingen sich Familien gemeinsam auf den Sattel. Konkret in Zahlen: Sind gute Fahrradwege in hohem Maße vorhanden, treten Eltern und Kinder an durchschnittlich 1,6 Tagen pro Woche in die Pedalen, existieren sie nicht, so sind es nur 0,9 Tage im Schnitt. Das entspricht sogar einer Steigerung um 77 Prozent. Zwar finden die meisten Familien bereits bewegungsfreundliche Bedingungen in ihrem direkten Wohnumfeld vor, dennoch wünschen sich über 80 Prozent der Eltern bei Spielplätzen, Parks, Sportstätten und Radwegen weitere Verbesserungen.

AOK-Vorstand Hoyer bekräftigt auch angesichts dieser Ergebnisse das Engagement der Gesundheitskasse im Bereich der Prävention: „Wir tragen gegenüber unseren 26 Millionen Versicherten eine große Verantwortung. Dank unserer regionalen Ausrichtung und Nähe haben wir im Vergleich zu anderen Kassen auch deutlich größere Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort." Die Ergebnisse zeigten aber auch die rechtlichen Grenzen von beitragsfinanzierten Krankenkassen. „Als AOK können wir einen Beitrag leisten, Menschen zu informieren, zu motivieren und zu lotsen sowie gemeinsam mit anderen Partnern qualitätsorientierte Angebote zur gezielten Bewegungsförderung schaffen.“ Einen wichtigen Verbündeten sieht Hoyer dabei in den Städten und Gemeinden: „Dass zur Bewegungsförderung eine ansprechende Gestaltung des öffentlichen Raumes zentral sein kann, darin sind wir uns mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund einig. Damit setzen wir auch ein Zeichen im Sinne des Präventionsgesetzes, das ganz klar eine Zusammenarbeit von Krankenkassen und Kommunen vorsieht."

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) hat auf den Handlungsbedarf

bereits im November letzten Jahres hingewiesen und ein entsprechendes Positionspapier herausgebracht. Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des DStGB, nimmt die aktuelle AOK-Familienstudie zum Anlass, seine Forderungen noch einmal zu bekräftigen: „Die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die sich zu wenig bewegen und ungesund ernähren, nimmt dramatisch zu. Das ist für die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Kindes gefährlich, wird aber auch zunehmend zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Die Kommunen haben viele Möglichkeiten und Ansätze, wirksam gegenzusteuern. Das beginnt mit der Ernährung im Kindergarten und in den Schulkantinen und setzt sich in einer konsequenten Förderung zum Beispiel von Sportvereinen fort. Dazu gehört auch eine vernünftige Verkehrs- und Wegeplanung, die es auch kleineren Kindern etwa durch durchgängige Radwege ermöglicht, zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Schule zu erreichen. Städte und Gemeinden können den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder zudem auch durch die Gestaltung öffentlicher Bewegungsräume unterstützen. Angebote in kommunalen Grünflächen und öffentlichen Parks können „Bewegungsmuffel“ ebenso animieren, an Bewegungsangeboten teilzunehmen, wie öffentliche Bewegungsparcours. Bei diesen Bewegungsräumen wie generell bei den Sportstätten sollte darauf geachtet werden, dass diese gut erreichbar sind und auch Angebote bereithalten, bei denen Kinder gemeinsam mit ihren Eltern aktiv werden können.

Neben einer guten Sportinfrastruktur – und dazu gehören auch vernünftige Schwimmbäder mit regelmäßigen Schwimmunterrichtsangeboten – ist es allerdings unverzichtbar, auch die Eltern stärker in die Verantwortung zu nehmen. Die Erziehung wie auch die Ernährung ist vorrangige Aufgabe der Eltern und nicht des Staates. Wir sollten nicht immer nur über zusätzliche Elternrechte, etwa eine weitere Partizipation der Eltern bei der Führung von Kindertagesstätten, reden, sondern auch die Elternpflichten in den Blick nehmen. Gemeinsame Mahlzeiten in den Familien werden immer seltener, da Kinder und Erwachsene oft völlig unterschiedliche Tagesstrukturen haben.

Es ist wichtig, dass sich Kommunen, Kitas und Schulen der Thematik annehmen und gesundes Ess- und Bewegungsverhalten erklären, begleiten, stärken und vorleben. Es ist aber auch Aufgabe der Eltern, diese Anregungen in ihren Familienalltag zu integrieren, denn Kinder brauchen Vorbilder. Das fängt beim gesunden, ausgewogenen Essen an, geht weiter über die Erledigung von Einkäufen zu Fuß oder per Rad bis hin zu gemeinsamen Sportveranstaltungen. Nach dem Motto „Kommune in Bewegung“ sollten die Städte und Gemeinden vor Ort gemeinsam mit Eltern, Vereinen, Schulen und auch Kindergärten Konzepte entwickeln, wie man die eigenständige Mobilität und gesunde Ernährung von Kindern und Jugendlichen vorantreiben kann. Bestandteil dessen sollte die flächendeckende Etablierung des Konzepts der Bewegungskindergärten sowie die Umsetzung des Ziels sein, Sport und Bewegung fest in den gesamten Schultag zu integrieren – etwa durch Bewegung im Unterricht, Bewegung im Lern- und Lebensraum Schule, bewegte Pausen sowie die bewegungsfördernde Gestaltung der Pausenhöfe. Für derartige Gesamtkonzepte bedarf es natürlich auch der Unterstützung der Länder, die die Kommunen finanziell so ausstatten müssen, dass eine nachhaltige Vereinsförderung und ein konsequenter Ausbau von Sporteinrichtungen möglich sind. Denn letztlich sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass solche Angebote auch wichtige Standortfaktoren im bestehenden Wettbewerb zwischen den Kommunen sind.

Wünschenswert sind natürlich auch Medienpartnerschaften mit den jeweiligen Zeitungen und Radiosendern vor Ort, um die Betroffenen (Eltern, Kinder und die politische Öffentlichkeit) zu erreichen. Vor diesem Hintergrund befürwortet der Deutsche Städte- und Gemeindebund auch entsprechende Aktionstage, die teilweise auch mit Unterstützung der Krankenkassen erfolgreich durchgeführt werden. Ein „Tag der Kinderbewegung“ kann zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit beitragen und ist zugleich eine gute Möglichkeit, lokale Angebote vorzustellen und etwa für Mitgliedschaften in örtlichen Vereinen bzw. bei der freiwilligen Feuerwehr zu werben. Man muss sich allerdings klarmachen, dass die Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung ein Dauerprozess sein wird, da die „digitale Jugend von heute“ stark auf das Smartphone und die sozialen Netzwerke konzentriert ist, was regelmäßig mit weniger körperlicher Bewegung verbunden wird. Früher hieß das Netzwerk von Kindern „draußen sein“. Diese Zeit kommt jedoch nicht zurück. Deshalb ist es wichtig, jetzt vor den Gefahren von zu wenig Bewegung zu warnen und aktiv für alternative Angebote zu werben und über die gravierenden Folgen in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht bei zu wenig Bewegung und daraus folgendem Übergewicht zu warnen. Die Affinität der Jugend zum Digitalen lässt sich aber auch nutzbringend einsetzen, indem wir die Entwicklung kreativer Programme unterstützen, die digitale Angebote mit realen Bewegungsformaten fördern.

Wir müssen diese gesamtgesellschaftliche Herausforderung gemeinsam anpacken, Kinder bei einem gesunden Aufwachsen zu unterstützen und in ihrer Entwicklung zu stärken."

 

Foto: AOK

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