Polygonien – Ein Mosaik aus Geschichten

Markus Schmidt (Landschaftsarchitekt AKNDS, Gesellschafter von chora blau Landschaftsarchitektur)

Polygonien – Ein Mosaik aus Geschichten

Als Starterprojekt des Städtebauförderprogramms „Soziale Stadt“ nimmt die Erneuerung des zentralen Spielplatzes am Schollweg in Hannover-Mühlenberg eine Impuls gebende Rolle für die weiteren geplanten Maßnahmen ein. Durch die Umgestaltung kann der alte Spielplatz wieder seiner maßgeblichen Funktion als wohnungsnaher Spiel- und Sportbereich und als Nachbarschaftstreffpunkt gerecht werden. Bei der Umsetzung wurde insbesondere auf eine barrierefreie und inklusive Gestaltung Wert gelegt, um gemeinsames Spiel - unabhängig von Mobilitäts- oder Wahrnehmungseinschränkungen - zu ermöglichen.

 

Spiel für eine nachbarschaftliche Gemeinschaft

Mit einer Vielfalt verschiedener Kulturen und Geschichten ist der hannoversche Stadtteil Mühlenberg ein vielseitiges und internationales Quartier. Die Gestaltsprache des Spielplatzes sowie das Beteiligungsprojekt sollten diesen Gedanken des Zusammenfügens unterschiedlicher, charakterstarker Einzelelemente zu einem facettenreichen Verbund übersetzen. So entstand der Ansatz für den Entwurf des Spiellandes „Polygonien“.

 

Beteiligung und Mitgestaltung

Ähnlich dem chinesischen Tangram-Puzzle (Siebenbrett), bei dem aus archetypischen Grundformen komplexe Figuren und Bilder erzeugt werden, setzen sich auch der Spielplatz und seine Spielgeräte aus einem Mosaik klarer Einzelteile zusammen. In ihrer Kombination ergeben sie ein vielschichtiges und geschichtenreiches Gesamtbild, das zur Identitätsbildung des Stadtteils beiträgt. Im Rahmen eines Beteiligungsprojektes konnten Kinder aus Fliesenstücken bunte Mosaike erstellen, die Geschichten aus ihrer Heimat erzählen. Diese Mosaike bestehen, wie der Spielplatz selbst, ebenfalls aus einfachen Polygonen. Sie wurden auf den Betonsitzblöcken am zentralen Quartiersplatz angebracht, wo sie für alle sichtbar die Geschichten Mühlenbergs erzählen.

 

Tragfähige Strukturen

Der dichte, pflanzliche Rahmen des alten Spielplatzes wurde erhalten und gestärkt. Aufgrund der Größe der Spielfläche von 4.300 Quadratmetern und der grünen Fassung wirkt das Areal wie ein kleiner Park inmitten der umliegenden Wohnbebauung. Der vegetative Rahmen schirmt dabei die innen liegenden Spielzonen von den Geh- und Radwegen ab und dient als Pufferzone zu Anliegern.

Im Innenbereich wurden Sichtbarrieren zurückgebaut, sodass für Begleitpersonen eine zusammenhängende und gut einsehbare Spielfläche entstanden ist. Der großzügige offene Bereich bietet auch den notwendigen Raum für Pflegefahrzeuge. Die großformatigen Plattenbänder zeigen in alle Himmelsrichtungen und verleihen dem Spielplatz eine klare, durch große Achsen geprägte Formsprache. Sie schaffen eine Grundlage für vielseitige und barrierefreie Lauf-, Fang- und Hüpfspiele. Diese Flächenpolygone verbinden sich netzartig zu Spielsphären und Aufenthaltsbereichen. Sie gliedern die Fläche in drei Bereiche unterschiedlicher „Aktions-Regionen“, entsprechend den unterschiedlichen Altersgruppen.

 

Die „Spiel-Regionen“ des Landes

Vom Schollweg aus gelangt man über zwei Zugänge nach „Polygonien“. Die bunten Spielgeräte und die großflächigen, bunten Fallschutzbereiche bilden ein abgestimmtes Farb- und Formspiel. In der sich anschließenden „Region für junges Spiel“ findet sich eine Hüpflandschaft mit drei viereckigen Trampolinen neben einem großzügigen, pentagonalen Sandspielbereich, dessen Sitzflächen an den zentralen Dreiecksplatz grenzen. Zum Sandspiel gehört neben einem Backtresen und einer Sandbar auch ein Spielhaus in Kristallform. An den Rändern liegen die Schaukelbereiche mit einer Nestschaukel, einer Doppelschaukel sowie diversen Kleinspielgeräten, wie Federwippe, Balkenwippe und ein Karussell.

Über den Dreiecksplatz - als offenen Treffpunkt - gelangt man zur „Region des aktiven Spiels“. Ein Teil des bestehenden Hügels wurde zugunsten einer gestaffelten Kletterlandschaft zurückgebaut. Als Pendant zum natürlich anmutenden Spielhügel, der durch Balancier- und Sitzblöcke gesäumt ist, entsteht eine Kletterskulptur aus unterschiedlich hohen, polygonalen Flächen und Rahmen. Über vier miteinander verbundene Ebenen gelangt man durch Hangelstrecken, Kletternetze und über Wackelbrücken auf das höchste Podest des aufgeständerten Rutschenturmes. Von hier aus geht es durch die Tunnelrutsche oder über eine Feuerwehrstange zurück zur untersten Spielebene. Neben motorisch und koordinatorisch anspruchsvollen Kletterpassagen bieten die leicht erreichbaren Elemente wie Hangeltunnel, Liegenetz und der Bereich unterhalb des Rutschenturmes, Tast- und Klangspiele zum Training der Sensorik auch für körperlich eingeschränkte Kinder. Der fugenlose Fallschutzbelag stellt sicher, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Bereichen nutzen können. Die Spielgeräte fördern die Interaktion und ein gemeinsames Spiel.

Weiter in Richtung Osten folgt die „Region für sportliches Spiel“ mit zahlreichen Möglichkeiten zum Toben und Trainieren für Kinder und Jugendliche. Hier finden sich ein Dreifachreck mit unterschiedlichen Höhen, eine Tischtennisplatte und der beliebte Bolzplatz.

 

Bausteine sozialräumlicher Quartiersentwicklung

Zwischen den Spielbereichen liegt mittig der zentrale Dreiecksplatz als gemeinsamer Aufenthaltsbereich. In der Funktion als Nachbarschaftstreffpunkt erfüllt er eine besondere Aufgabe, die auf Spielplätzen oft vernachlässigt wird. Spielareale sind nicht nur Flächen, die es Kindern erlauben, ihrem Bewegungsdrang nachzukommen und spielerisch ihre Fähigkeiten zu erproben. Sie sind auch Kontaktpunkte für die begleitenden Erwachsenen. Sie bieten Möglichkeiten zum ungezwungenen Aufenthalt und zum Austausch bei der Betreuung der Kinder. Ein Netz aus Wegen, die die Spielbereiche flankieren, ohne sie zu stören, stärkt diese Funktion ebenso wie zueinander orientierte Sitzbereiche an den Rändern der unterschiedlichen Spielzonen. Auf diese Weise leisten wohnungsnahe Quartiersspielplätze neben ihrer Kernfunktion als Spielort für Kinder einen wertvollen Beitrag zur Bildung nachbarschaftlicher Beziehungsgeflechte und zur Identifikation mit dem Wohnort. So stellt der neu gestaltete Spielplatz einen vielversprechenden Auftakt für den städtebaulichen Erneuerungsprozess in Mühlenberg dar.

Foto: © Tobias Harland - KOPTI

 

Projektsteckbrief:

Bauherrin: Landeshauptstadt Hannover, FB Umwelt und Stadtgrün, FB Planen und Stadtentwicklung
Planung: chora blau Landschaftsarchitektur
Leistungen: LP1-3, 5,6, Kinderbeteiligung
Baukosten: 500.000 €
Fläche: 4.300 m²
Zeitraum: 2015 - 2017
Beteiligte Firmen: Bauausführung: Fa. Kretschmer GmbH; Ausführung Spielturm: Fa. Klettermax GmbH

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