Die „Fritschiwiese“ in Zürich – ein belebter und beliebter Quartierpark

Sigrid Hausherr und Daniel Ernst (Ernst und Hausherr Landschaftsarchitekten BSLA)

Die „Fritschiwiese“ in Zürich –  ein belebter und beliebter Quartierpark

Ein Blick in die Quartiergeschichte: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr die westlich der Stadt Zürich gelegene, eigenständige Gemeinde Aussersihl (Lage jenseits des Flusses Sihl) aufgrund Industrialisierung und Bahnbau einen starken Bevölkerungszuwachs. Dieser brachte die Gemeinde in finanzielle Schwierigkeiten und schließlich soweit, die Stadt Zürich um «Einverleibung» zu bitten. Die Eingemeindung erfolgte 1893 und war für beide Orte von großer Bedeutung, war doch Aussersihl mit rund 30'000 Einwohnern bevölkerungsreicher als die Stadt Zürich! Ein hoher Ausländeranteil und entsprechend der Herkunft der Gastarbeiter viel Italianità prägten das Quartierleben. Die multikulturelle Vielfalt wie auch das Angebot an erschwinglichem Wohnraum sind bis heute geblieben, was sich auch in der intensiven und vielfältigen Nutzung von Freiräumen und Plätzen zeigt.

 

Vom Friedhof zum Volkspark…

Zeitgleich mit der ersten konfessionsneutralen Begräbnisstätte der Stadt Zürich, dem Zentralfriedhof (heute Friedhof Sihlfeld), entstand 1877 auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Friedhof der Gemeinde Aussersihl. Als Folge der Eingemeindung wurde dieser jedoch bereits 1897 wieder aufgehoben und 1921 in eine öffentliche Parkanlage umgewidmet, die Fritschiwiese. Namensgeber der Grünanlage wie auch der längsseitigen Quartierstrasse ist Benjamin Fritschi, Stadtrat von 1892–1914, welcher die Zürcher Stadtvereinigung von 1893 maßgeblich vorangetrieben hatte und auch die damalige Idee unterstützte, freie Grünflächen in den dichten Arbeiterquartieren zur Förderung sinnvoller und gesunder Freizeitaktivitäten zu Volksparks umzugestalten.

Die initiale Gestaltung der nun öffentlichen Grünanlage geht auf einen Wettbewerb zur Errichtung der ersten städtischen Wohnsiedlung in den 1920er Jahren zurück. Die Realisierung der Siedlung Zurlinden (Siegerprojekt des Wettbewerbs) brachte dem Park eine klare räumliche Fassung im Stadtgefüge wie auch zahlreiche Nutzer aus den umliegenden Wohnungen. Damit war die Basis für den familienfreundlichen Spiel- und Bewegungsraum gelegt.

 

… und zum beliebten Quartierpark

Veränderungen angrenzender Straßenräume, vor allem jedoch die unterirdischen Einbauten eines Elektrizitäts-Unterwerkes und Räumlichkeiten für den Zivilschutz, erforderten in den 1970er Jahren eine Neugestaltung der Parkanlage: die oberirdisch notwendigen Bauten wurden im Stil und mit den Mitteln der Hochkonjunktur in die Anlage integriert, die enormen Aushubmassen kurzerhand zu einer Hügellandschaft modelliert und als «Bauspielplatz» deklariert. Neu entstanden auch zwei mit Abwärme beheizte Wasserbecken, fortan für Klein und Groß die Hauptattraktion des Parks in den Sommermonaten und heute aus der Anlage nicht mehr wegzudenken. Alle diese baulichen Ergänzungen förderten vielfältige neue Nutzungsformen, schmälerten jedoch kaum das alte Erscheinungsbild des Volksparkes mit der zentralen, von Linden gerahmten Spielwiese.

Die folgenden Jahrzehnte intensiver Nutzung zeitigten ihre Folgen: in entsprechend sanierungsbedürftigen Bauten und Ausstattungen, in abgebauten Spieleinrichtungen aufgrund Unverträglichkeit zu neuen Normen, aber auch in latenten Konflikten zwischen verschiedenen Nutzergruppen.

Die Stadt startete daher 2011 unter allen betroffenen Nutzern und Behördenvertretern einen Mitwirkungsprozess. In öffentlichen Workshops und Informationsveranstaltungen konnten Wünsche und Bedürfnisse aus dem Quartier aufeinander abgestimmt und damit schrittweise einem umfassenden Sanierungsprojekt Gestalt gegeben werden. Dieses sah vor, die gestalterische Prägnanz und Großzügigkeit der Fritschiwiese wieder in den Vordergrund zu rücken und aufzuwerten – ganz im Sinne der zugrundeliegenden Volkspark-Idee.

Zur Schaffung vielfältiger Nutzungsmöglichkeiten konnten die umlaufenden Randbereiche differenziert aufgeweitet und mit Spiel- und Aufenthaltseinrichtungen versehen werden. Zur Förderung eines einträglicheren Nebeneinanders konnten verschiedene Nutzbereiche entflechtet, im Gegensatz dazu viele Spielbereiche kombiniert werden, um so zusammenhängende, «flüssigere» Spielabläufe zu ermöglichen.

Heute ist die Fritschiwiese – ob nun Volkspark, Quartierpark oder gar Stadtpark sei den Nutzern überlassen – ein über Quartiere hinweg bekannter und wichtiger Ort für Begegnung, Spiel und Sport aller Altersgruppen geworden.

 

Spielstationen einst…

1982 schuf der Künstler Yvan Lozzi Pestalozzi im Auftrag der Elektrizitätswerke neben den Wasserbecken eine begehbare Eisenplastik und sorgte damit für eine weitere Attraktion in der Anlage. Die Presse schrieb dazu: «’Sie, was git das?’ Diese Frage bekommt Yvan Pestalozzi, seit er mit der Montage des «Stromers» auf der Fritschiwiese begonnen hat, immer wieder gestellt. Die Kinder geben sich jeweils mit der Antwort zufrieden, dass ein Windrad, eine Handkurbel und ein Tretrad Strom erzeugen und dieser wiederum eine Kugelrollbahn in Betrieb setzen soll. Und sie freuen sich, dass sie nach der Fertigstellung des Dings selber ihre Muskelkraft spielen lassen dürfen, während die Erwachsenen häufig dazu noch wissen wollen, wozu denn so etwas taugen solle.» (Tages Anzeiger, 1982).

Bekanntheit erlangte der Künstler Pestalozzi zu dieser Zeit aufgrund seines «Lozziwurm», eine gewundene Röhre, durch die Kinder hindurchklettern konnten. Er wurde zum veritablen «Exportschlager», scheiterte jedoch später an den Hürden der Spielplatznormen. Ähnlich erging es dem oben erwähnten «Stromer»: aufgrund zunehmendem Vandalismus konnte sein Unterhalt nicht mehr gewährleistet werden, worauf er 1996 abgebaut und in ländlichem Umfeld aufgestellt wurde. Hier wurde er zwar nicht beschädigt, jedoch aufgrund Unvereinbarkeit mit den Sicherheitsnormen 2018 erneut abgebaut und eingelagert.

 

… und heute

«Sie, was git das…?» Auch anlässlich der Bauarbeiten 2016 stehen Kinder und Erwachsene am Bauzaun und stellen die Frage an Bauarbeiter, welche im Schatten der Linden damit beschäftigt sind, wellenförmige Betonelemente zusammenzusetzen. Tage später halten hohe blaue Wellen «Sandberge» zusammen oder verstehen sich als Staumauern für künftige Fluten aus der Drehrad-Wasserpumpe. Mitten durch das Geschehen führt ein Holzsteg, lädt zum Sitzen ein oder ist Matschtisch und «Sprungbrett» zugleich. Die große Welle kann, ohne nass zu werden, durchkrochen werden, hingegen kann jegliches Wellenreiten oder sonstige Hinunterrutschen in das gestaute Wasser durchaus in einem Vollbad enden.

Nachdem die Kinder erahnen, welche Spielmöglichkeiten für sie hier gebaut werden, können sie die Fertigstellung und die kommenden warmen Tage kaum erwarten.

Um den Charakter der Fritschiwiese spielerisch einen Akzent zu verleihen – vielleicht nicht ohne Augenzwinkern an den einstigen visionären Namensgeber – entstanden während dem Planungsprozess die «Fritschis»: den Park und ihre Nutzenden begleitende, auf- und abtauchende, fröhlich springende oder müde dösende Park-, Spiel- oder Rate-Mal-Objekte:

«Sie, was git das? Wozu taugt das?». Kaum waren die Fritschis vor Ort, beantwortete die Vielfalt an Reaktionen und Nutzungsarten all diese Fragen.

 

Von der Vielfalt des Spiels…

Die vielfältigen Nutzungsangebote im Park sind nach Möglichkeit entflechtet und derart mit Spieleinrichtungen ergänzt, dass sich unterschiedliche Nutzergruppen nicht allzu sehr «in die Quere» kommen. Im «Spielband» entlang der Spielwiese bieten unterschiedliche Spielgeräte differenzierte Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Die Anordnung von Geräten und Spielabläufen –entsprechenden Überlegungen zur Entflechtung innerhalb der Altersgruppen folgend – ermöglicht so einerseits ein übersichtliches und offenes Spiel für die Kleinsten und andererseits eröffnet sich für die Größeren die Gelegenheit, sich in ausreichender Distanz zum Kleinkinderspiel mit gewagteren Bewegungen zu erproben.

Sowohl die Spielgeräte selbst als auch deren Anordnung ermöglichen, sich in Gruppen oder alleine zu bewegen. So bieten Mehrfachschaukel oder diverse Drehelemente Spielraum für Gruppen, während auf dem Balancierpfad mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden «individuelles Ausbalancieren» gefragt ist.

Während der zentrale Platz die Möglichkeit für Streetball und kleine Soccerturniere bietet und damit Jugendliche und Erwachsene anlockt, ermöglichen Tischtennis und Pétanque das generationenübergreifende Spiel. Schließlich kommen auch die «Denksportlichen» nicht zu kurz; sie schieben ihre Figuren beim «Popcorn», dem Quartiertreff über das Schach- oder das Mühlespielfeld.

Die Hügellandschaft hatte aufgrund zu dichtem Bewuchs und zunehmendem Littering ihren Anreiz für das Spiel verloren. Auslichtungen des Pflanzenbestandes, verbunden mit der Schaffung von Ein- und Durchblicken sowie diversen Spielmöglichkeiten binden diese attraktive und eigenständige Landschaft wieder in die Parkanlage ein und machen sie von allen Seiten wieder zugänglich und erlebbar: eine Boulderwand ermöglicht geübteren oder auch unerfahrenen Kletterern, auf unterschiedlichen Pfaden die Wand zu überwinden, um so auf den Hügel zu gelangen. Weniger Wagemutige erkunden auf Trampelpfaden die Grate und Mulden im Haselstauden-Hügelland, wo sie diverse Sitzplätze und Spielstationen wie eine Seilbahn, eine lange Rutsche oder einen chilligen Hängemattenplatz entdecken.

 

... zur Fülle der Parkgenüsse

Am Fuße der Hügellandschaft laden Sitzplätze mit Tischen und Bänken, Feuer-, Grill- und Wasserstellen Gruppen unterschiedlicher Größen zum Verweilen und Beobachten von Spiel und Bewegung im Grünen ein, zum Feiern ausgelassener Grillpartys oder auch einfach, um den Aufenthalt im Schatten der Linden und Kastanien zu genießen.

Das kulinarisch ansprechende Angebot im teilzeitlich bewirteten Quartiertreff, die sonnigen Stunden auf der Liegewiese, die amüsanten Szenen feiernder Großfamilien und deren Zuschauer, die inneren Frieden ausstrahlenden Dauergäste seien an dieser Stelle abschließend und stellvertretend für viele weitere Parkgenüsse erwähnt – die Fritschiwiese, dieser lebendige Kleinkosmos in Form eines Volksparks, lädt Sie herzlich zu einen Besuch ein!

Foto: Sigrid Hausherr (Ernst und Hausherr Landschaftsarchitekten BSLA

 

Weitere Informationen:

Ernst und Hausherr Landschaftsarchitekten BSLA

Niederdorfstrasse 20 | 8001 Zürich

www.ernstundhausherr.ch

Bauherrschaft: Grün Stadt Zürich, Projektierung und Bau

Projekt: Ernst und Hausherr Landschaftsarchitekten BSLA, Zürich. Projektleitung: Thomas Bachofner

 

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