Spielende Bewegung im digitalen Zeitalter unverzichtbar

Spielende Bewegung im digitalen Zeitalter unverzichtbar

Die Grund- und Mittelschule in Thalmässing im mittelfränkischen Landkreis Roth wurde 2016 als erste Schule in Bayern mit dem Jakob Muth – Preis ausgezeichnet. Der Preis ist eine Initiative der Bundesregierung in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen UNESCO Kommission. Er zeichnet Schulen aus, die inklusive Bildung beispielhaft umsetzen und so allen Kindern die Möglichkeit eröffnen, an hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre individuellen Potenziale zu nutzen. „In der Grund- und Mittelschule Thalmässing durchzieht der Begriff ‚Inklusion‘ alle Jahrgangsstufen und spiegelt sich im Handeln aller beteiligten Akteure wider. Derzeit lernen an der Schule 310 Schüler der ersten bis neunten Klasse gemeinsam, darunter 32 Kinder mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten. Alle Kinder werden dabei in ihrer Einzigartigkeit mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen als gleichwertig anerkannt. Die Kinder lernen von klein auf, dass Vielfalt etwas Wertvolles ist. 75 Prozent der Kinder erhalten nach der vierten Klasse eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung und verlassen die Schule mit einem gestärkten Selbstbewusstsein.“ So hieß es bei der Preisverleihung.

Ein besonderer Schwerpunkt in der Schule ist das gemeinsame, klassenübergreifende Lernen. Dazu wird in der Schule in der freien Lernzeit eine Kultur ‚der offen Türen‘ gepflegt. In dieser Zeit können sich die Schüler im gesamten Schulgebäude frei bewegen und auf Fluren, in Klassenräumen oder in der Aula zu kleinen Lerngruppen treffen. Dabei werden die Grundschüler von den Schülern aus der siebten Klasse unterstützt. Das Projekt läuft unter dem Titel ‚Wir üben gemeinsam‘. Nicht nur die jüngeren Schüler profitieren von dieser unkomplizierten Wissensvermittlung, auch die älteren Schüler erhalten dadurch eine große Wertschätzung und ein gestärktes Selbstbewusstsein.

 

Gemeinsames Spielen

Der Gedanke des ‚gemeinsamen Lernens‘ setzt sich im Außenbereich auch zu einem ‚gemeinsamen Spielen‘ und ‚gemeinsamen Bewegen‘ fort. Dort entstand im letzten  Jahr eine große Spielanlage, die nicht nur für den Schulbetrieb, sondern auch für den gesamten Ort gebaut wurde.

Die besondere Herausforderung für die Planung bestand darin, eine Spielanlage zu konzipieren, die vom Kleinkind bis zum Jugendlichen Spiel- und Bewegungsanreize bietet. Der Spielplatz sollte entlang der Laufbahn für die Pausen während des Schulbetriebes, für den Hort und alle Freizeitaktivitäten im Ort entwickelt werden. Des Weiteren sollte er auch thematisch zum Namen des zukünftigen Spielplatzes „An der Laufbahn“ passen.

Dass dieser Spielplatz etwas Besonderes ist, versicherte Bürgermeister Georg Küttinger. Statt an mehreren Standorten kleinere Geräte aufzustellen, hätten sich Kommune und Kirchengemeinden als Träger des Horts für diesen gemeinsamen Platz entschieden. „Das bedeutet mehr Spielmöglichkeiten und eines bessere Ausstattung. Und gleichzeitig sparen wir noch Geld."

SIK-Holz Fachberaterin Christina Bergsteiner nahm sich für Ihr Spielkonzept die Fabel vom ‚Wettlauf zwischen Hase und Igel‘ als Arbeitstitel. Die Fabel bot eine wunderbare Verbindung zwischen dem Ort, an dem sowohl in der Fabel als auch in dem zu beplanenden Gebiet, Wettläufe stattfinden. Darüber hinaus bietet die Fabel eine grobe Teilung des Spielplatzes in zwei Nutzergruppen.

Der Igel ist in der Fabel der langsamere der beiden Wettläufer und dementsprechend agiert er vorsichtiger. So beginnt der Bereich ‚Igel‘ für die 1 - 6-jährigen mit einem bodennahen Hügelaufstieg aus festen Balancierelementen. Dieser geht in einen anspruchsvollen beweglichen Balanciersteg über und führt weiter auf zwei 1,5 Meter hohe Plattformen, die verschiedene Auf- und Abgänge anbieten. An einem integrierten Doppelreck können die Grundschüler leichte und schwere Turnübungen trainieren. Um die Stangen für Anfänger auch gut erreichbar zu machen, wurde der mittlere Pfosten als Kletterpfahl gestaltet. Die beiden Spieltürme in diesem Bereich der Spielanlage sind im unteren Bereich mit hohen bzw. halbhohen Seitenwänden ausgestattet. Dadurch ergeben sich Rückzugsbereiche, welche die Funktion von Spielhäusern übernehmen. Die zusätzliche Ausstattung mit Tisch und Bänken, Pollern und Tresen regt zu vielseitigen Rollenspielen an.

Die Spielanlage ‚Hase‘ ist für 6 – 14-jährige konzipiert. Wie durch einen Hochseilgarten balancieren und klettern die Kinder und finden dabei immer neue Wege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Ruhepunkten. Sportliche Herausforderung sind die Hangelgirlande bzw. die vielen Hangelseile, welche die Kinder nur mit einer guten körperlichen Kondition bewältigen können. Feste und bewegliche Elemente wechseln ständig innerhalb des Parcours, so dass eine permanente Aufmerksamkeit der Kinder gefordert ist. Auch für diesen Bereich der Spielanlage war eine Rutsche gewünscht. Sie ist sozusagen das Ziel und die Belohnung für diesen anspruchsvollen Aufstieg. Für die Kinder, die am liebsten erst einmal nur ausgiebig rutschen wollen, gibt es auch einen schnellen Weg zur Rutsche über einen senkrechten Sprossenaufgang. Eine Schaukel darf natürlich auf keinem Spielplatz fehlen. Dabei steht, wie auch in diesem Fall, eine Nestschaukel bei den Kindern höher im Kurs, als eine Schaukel mit Standardsitzen. Hier können mehrere Kinder gleichzeitig schaukeln. Das schafft soziale Kontakte und erhöht den Spaß. Auch ein Gerät zur Teambildung wurde ausdrücklich zwischen den beiden großen Spielanlagen gewünscht. Die Wellenwippe bietet sich hierfür hervorragend an. Die Kinder geben sich hier solange gegenseitig Hilfestellung beim Balancieren, bis sie die ca. sechs Meter lange Balancierstrecke ganz oder teilweise allein schaffen. Zusehen kann man dabei von einer Lümmelbank aus, die neben der Wellenwippe installiert ist. Auf einem weiteren dreiteiligen großen Lümmelnetz neben der Gesamtanlage können die Kinder sich ausruhen, dabei leichte Schwingbewegungen ausbalancieren und dem Gesamtgeschehen zu schauen.

Der Titel des Spielplatzes „An der Laufbahn" hatte Pfarrer Rudolf Hackner, der zusammen mit Pfarrer Frank Zimmer und dem katholischen Geistlichen Josef Schierl den kirchlichen Teil der Einweihung übernommen hatte, zu seiner Ansprache inspiriert. Seine Rede zielte auf eine interessante Parallele im Korintherbrief ab. Dort werden die Christen aufgefordert, bei einem Wettkampf so zu laufen, dass sie den Siegeskranz bekommen. „Jeder soll sich nach seinen Fähigkeiten ausprobieren. Strengt euch an, bewegt euch und treibt Sport.“ So Pfarrer Rudolph Hackner. Er gab auch zu bedenken, dass nicht jeder gewinnen könne. „Aber wenn alle fleißig trainieren und sich gegenseitig unterstützen, dann kommen alle ans Ziel, auch bei der ‚Schullaufbahn‘.“ Einen Siegerkranz hatte er zur Eröffnung mitgebracht.

Als nur „cool“ betitelte Klaus Neumann, der Geschäftsführer der Kindertagesstätten im Dekanat Weißenburg, den Spielplatz. Er bedauerte, dass er zur Einweihungsfeier nicht in Jogginghose und Turnschuhen gekommen war. Er hätte sofort die Spielgeräte ausprobiert. Im Namen des Dekanats bedankte sich Neumann für dieses Projekt. Gerade in dieser Zeit, mit ihren digitalen Möglichkeiten, sei es wichtig, dass sich die Kinder und Jugendlichen in der Natur bewegen könnten. „Das ist wichtig für die Gesundheit und Entwicklung unserer Kinder." Neumann wies darauf hin, dass das Wort „begreifen" von anfassen komme und forderte die Kinder unverzüglich auf: „Erobert euch diesen Platz."

 

Fazit

Entstanden ist in Thalmässing ein zentraler Treffpunkt, der von den Kindern aller Altersgruppen genutzt wird. Bürgermeister Georg Küttinger lobte bei der Eröffnung den neuen Spielplatz mit den Worten: „Der Platz ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Für die Kinder in Thalmässing steigert der Platz den Freizeitwert. Den Betreuungseinrichtungen bietet er zusätzliche Spielmöglichkeiten.“

Der Spielplatz, den die Kommune und anteilig die Kirchengemeinden finanzieren, hat rund 65.000 Euro gekostet und ist damit günstiger geworden als ursprünglich geplant. Der Bau des Spielplatzes ist der erste Bauabschnitt, wie der Bürgermeister erläuterte. Bis zum Ende des Jahres 2018 sollte noch ein direkter Zugang zum Wohngebiet angelegt werden. Zudem werden der Hartplatz und die Laufbahnen erneuert.

 

Text: Claudia Gust (SIK Holz)
Foto: Christina Bergsteiner, Andrea Karch

 

 

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