Sport im öffentlichen Raum – der informelle Sport in Sportentwicklungsplanungen

Dr. Julia Thurn, Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung GbR

Sport im öffentlichen Raum – der informelle Sport in Sportentwicklungsplanungen

Wie viele Bolzplätze braucht ein Stadtteil? Bietet die Kommune Anlässe und Gelegenheiten, die zu Sport und Bewegung motivieren? Neben den Bedarfen der Schulen und der Vereine sollten in einer Sportentwicklungsplanung auch die Bedarfe der Freizeitsportlerinnen und -sportler einfließen. Im Folgenden soll die Bedeutung des informellen Sports und wie dieser in Sportentwicklungsplanungen berücksichtigt werden kann, dargestellt werden.

Aus repräsentativen Bevölkerungsbefragungen zum Thema Sport und Bewegung wissen wir, dass die am häufigsten ausgeübten Sport- und Bewegungsaktivitäten der Bevölkerung zwischen 10 und 80 Jahren Radfahren, Fitnesstraining, Laufsport und Schwimmsport sind. Gesellschaftliche Veränderungen, wie die Individualisierung, wirken sich auch auf den Sport und darauf aus, wie dieser ausgeübt und organisiert wird. Fast die Hälfte der Aktivitäten wird auf frei zugänglichen Anlagen betrieben. Der Sportverein, als einen der wichtigsten Anbieter für Sport, organisiert etwa 19 Prozent der Sport- und Bewegungsaktivitäten. Oder anders formuliert: Es werden mehr Sport- und Bewegungsaktivitäten selbst organisiert, wobei der öffentliche Raum die wichtigste Sportstätte darstellt. Eine Sportentwicklungsplanung nimmt die Belange und Bedarfe aller Sportler ernst. Soll Sport und Bewegung im Allgemeinen gefördert werden, dann ist dabei auch der informelle Sport zu berücksichtigen.

 

71 Prozent der Deutschen sind mindestens einmal pro Woche sportlich aktiv. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass weniger als die Hälfte der deutschen Erwachsenen sich ausreichend bewegt. Bei Jugendlichen sind die Ergebnisse noch alarmierender. Nur 17 Prozent der Jugendlichen erreichen das Mindestmaß an körperlicher Aktivität. Nach den nationalen Empfehlungen für Bewegung (Rütten & Pfeiffer, 2016) sollten sich Kinder und Jugendliche täglich mindestens 90 Minuten moderat intensiv bewegen. Erwachsene sollten sich mindestens 150 Minuten pro Woche mit einer moderaten Intensität bewegen, um ihre Gesundheit zu erhalten. Körperliche Inaktivität zählt, vor Rauchen und ungesunder Ernährung, zu dem am weitesten verbreiteten verhaltensbedingten Risikofaktor für die Gesundheit. Neben dem, was jeder Einzelne für seine Gesundheit tun kann, ist es auch bedeutend, wie attraktiv eine Kommune für Bewegung und Sport ist und wie diese auch die Bedarfe des nicht im Verein organisierten Sports in Sportentwicklungsplanungen berücksichtigt. So können Kommunen im öffentlichen Raum – auf Grünflächen, Plätzen, Straßen und Wegen – Sportgelegenheiten und Bewegungsräume schaffen, die Sport und Bewegung ermöglichen und damit auch gesundes Verhalten fördern.

Grundlage einer jeden Planung sollten empirisch abgesicherte Kenntnisse über die Bedarfe der Betroffenen sein – unabhängig davon, ob es Freizeitsportler, im Verein oder selbst organisierte Sportler sind. Eine Bevölkerungsbefragung liefert zum einen Erkenntnisse über das Sportverhalten (Sportart, Häufigkeit und Ort der Ausübung) sowie über Einstellungen und Wünsche der Bevölkerung. Die besonderen Bedarfe der informellen Sportlerinnen und Sportler lassen sich dabei herausfiltern und können in der weiteren Planung berücksichtigt werden.

Eine weitere Möglichkeit, informelle Sportlerinnen und Sportler einzubeziehen, sind aus der Aktionsraumforschung abgeleitete Stadtteilbegehungen. Mit unterschiedlichen Zielgruppen (z.B. Kinder, Ältere, in einem Lauftreff organisierte Läufer) wird die Bürgerbeteiligung forciert und die Innensicht der Bevölkerung eingebracht. Je nach Zielgruppe wird ein kommunaler Raum (z.B. Wohnquartier, Laufstrecke) begangen und im Gespräch mit der Zielgruppe positive und negative Aspekte, zukünftige Potentiale und Veränderungsvorschläge herausgearbeitet.

In einem kooperativen Planungsprozess tauschen sich Vertreter verschiedener Funktionsgruppen aus und bilden ein Netzwerk, um innovative und zukunftsorientierte Lösungen für Sport und Bewegung zu erarbeiten. Dabei sind auch informell Sporttreibende vertreten (z.B. offene Jugendarbeit, Behindertenvertretung, Seniorenrat). Mit einer breiten Beteiligung der Öffentlichkeit, z.B. in einer öffentlichen Informationsveranstaltung, zu der über die lokalen Medien, Plakatankündigungen und über lokale Gruppierungen (z.B. Quartiersmanagement, Jugendclub) eingeladen wird, können Bürger, potentielle Nutzer und Initiativen außerhalb der Sportvereine angesprochen werden. So werden relevante Themen, Erfahrungen und Ideen des informellen Sports in den Planungsprozess eingebracht und in Lösungskonzepten berücksichtigt.

Um noch stärker auf die die Bedarfe einzelner Zielgruppen einzugehen, können Fokusgruppen-Workshops mit einer homogen zusammengesetzten Gruppe (z.B. aus Vertretern aus / für Jugendliche, Ältere oder Trendsportler) veranstaltet werden. In den Fokusgruppen werden Bestand und Bedarfe der jeweiligen Zielgruppe gegenübergestellt und in einer SWOT-Analyse Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken erarbeitet. In einem finalen Workshop werden die Ergebnisse der einzelnen Ziel- und Fokusgruppen zusammengeführt und gemeinsam kommunale Empfehlungen erarbeitet.

Eine weitere Möglichkeit konkrete öffentliche Räume bewegungsfreundlich zu planen und gestalten, bieten Schulhöfe. Diese können Schülerinnen und Schülern während der Schulzeit als vielfältige Bewegungs-, Begegnungs-, Lern- und Erfahrungsräume dienen. Werden sie der Öffentlichkeit nach Schulende zugänglich gemacht, bieten sie auch in dichtbesiedelten Gebieten einen Ort, an dem sich Kinder und Jugendliche treffen können, um sich zu bewegen. Der Schulhof wird so zum Quartiersplatz. Bei der Planung eines bewegungsfreundlichen Schulhofes (und kommunalen Raums) sollten deshalb alle am Schulleben Beteiligten, sowie kommunale Akteure (z.B. Grünflächenamt, Kinderbeauftragter) zusammenkommen und deren Interessen und Bedarfe berücksichtigt werden.

Klassische Sportplätze sind per Definition ein sport- und bewegungsfreundlicher Raum. In den meisten Kommunen sind sie jedoch häufig nur für den Fußballverein zugänglich. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Sportplätze (um-)gestaltet werden können, so dass sie sowohl Vereinen als auch Freizeitsportlern attraktive Bewegungs- und Sportmöglichkeiten bieten. Eines der ersten Pilotprojekte, in dem ein klassisches Sportgelände in ein stadtnahes und zukunftsorientiertes Freizeit- und Sportzentrum umgestaltet wurde, war der Jahnpark in Bad Hersfeld im Jahr 2000. In einem kooperativen Planungsprozess partizipierten unterschiedliche soziale Gruppen und Experten und erarbeiten ein zukunftsorientiertes Konzept, das für alle Altersgruppen, für kindliches Spiel , jugendkulturelle Trendsportarten, für Schul- und Vereinssport geeignete Angebote bietet. Die hohen Nutzerzahlen – am Wochenende kommen bis zu 2000 Besucher am Tag in den Jahnpark – sprechen für eine erfolgreiche Planung und Umsetzung. Das Konzept des Pilotprojektes Jahnpark hat bundesweit Nachahmer gefunden. So erfreuen sich auch die alla hopp!-Anlagen in der Rhein-Neckar-Region, mit dem Konzept eines generationsübergreifenden Bewegungs- und Begegnungsraums – großer Beliebtheit.

Abschließend soll noch ein Blick zu unseren Nachbarn nach Dänemark geworfen werden. Hier gibt es mehrere gute Beispiele, wie der informelle Sport auch in gedeckten Sportanlagen berücksichtigt wird. Die Gyngemosehallen in Kopenhagen beispielsweise bietet Raum für Turn-, Gymnastik-, Fitness- und Tanzangebote. Die Sporthalle ist von fünf bis 24 Uhr mittels eines Nutzerausweises für alle Hallenmitglieder geöffnet. Die Nutzer sind sowohl Schulen als auch Vereine sowie informell Sporttreibende, die allesamt eigenständig für die Halle und deren ordnungsgemäße und gemeinsame Nutzung verantwortlich sind.

Literaturnachweis:

Rütten, A. & Pfeiffer, K. (2016). Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. FAU, Erlangen-Nürnberg.

Foto: ikps

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