Auf dem Weg zu einer besseren Schule

Auf dem Weg zu einer besseren Schule

Vor welchen konkreten Herausforderungen steht Deutschlands Bildungslandschaft in den kommenden Jahren?
Unser Schulsystem muss endlich so aufgestellt werden, dass wir stärker die individuellen Potenziale unserer Kinder statt ihre Defizite im Blick haben. Wir brauchen mehr individuelle Förderung und müssen daher Formen des Lernens und des Lehrens Raum geben, die dieses Ziel unterstützen. Mehr Sensibilität für den Einzelnen in Schule ist gefragt, schließlich müssen Bildungseinrichtungen viel mehr leisten als bloße Wissensvermittlung: Schule muss zu einem Lebensraum werden, der die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen erfüllt. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass Lernen nur dann erfolgreich ist, wenn es auf sozialer, kognitiver und emotionaler Ebene stattfindet und für den Lernenden konkret nutzbar ist. Frontalunterricht hat sich dazu nur bedingt als probates Mittel erwiesen. Zu viele Schüler verlassen die Schule ohne Schulabschluss, jährlich 80.000. Hunderttausende warten auf einen Ausbildungsplatz. Mehr als 20 Prozent gelten als nur bedingt ausbildungsfähig (PISA 2003).

Die Durchlässigkeitschancen bestehen auf dem Papier, in der Praxis liegen sie statistisch bei 15 Prozent. Die Zahl der Absteiger vom Gymnasium auf Real- und Hauptschulen ist weitaus größer als die der Aufsteiger. Das dreigliedrige Schulsystem leistet nicht, was es zu leisten beansprucht. Grundschüler bereits nach der vierten Klasse auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien aufzuteilen, ist viel zu früh. Im europäischen Vergleich sehen wir, dass nur im deutschsprachigen Raum an dieser Tradition festgehalten wird, während sich unsere Nachbarn längst von diesem Konzept verabschiedet haben. Fakt ist, dass Schüler enorm davon profitieren, dass sie länger gemeinsam und vor allem altersübergreifend lernen. In Deutschland setzt sich diese Erkenntnis immer stärker durch, jedoch fehlt bei uns noch der Schritt vom Sehen zum Handeln. Wir brauchen eine „neue Schule“, die gerecht und leistungsstark ist.

Welche Kompetenzen und Fähigkeiten müssen die Erwachsenen von morgen mitbringen, um in der Arbeitswelt bestehen zu können?
Um in der Welt von morgen erfolgreich zu sein, ist es wichtig, dass die Kinder von heute persönliche Kompetenzen auf emotionaler, sozialer und kognitiver Ebene entwickeln. Das bedeutet, dass sie zu Wissens- und charakterstarken Menschen heranwachsen können und auf Grundlage ihres gesunden Menschverstandes in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln. Zu oft wird in unserer Gesellschaft gerade die Ausbildung emotionaler und sozialer Kompetenzen vernachlässigt und zu einseitig Wert auf den kognitiven Erwerb von Wissen gelegt. Aber um in einer Gemeinschaft leben zu können, sind Empathie und ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse und die unserer Mitmenschen unablässig. Erwachsene von morgen müssen in der Lage und willens sein, Zeit ihres Lebens weiter zu lernen und sich weiter zu entwickeln.

In einer global vernetzten Welt brauchen wir Mehrsprachigkeit, Vertrautheit im Umgang mit den modernen digitalen Medien, Allgemeinbildung kombiniert mit guten ausbaufähigen Fachkenntnissen. Die alte Unterscheidung von „hard-“ und „soft skills“ gehört der Vergangenheit an. Gerade die sozialen und interkulturellen Kompetenzen zählen international zu den „hard skills“. Sie sind nicht weniger wichtig als Sprachen und Naturwissenschaften. Nun ist es Aufgabe von uns Erwachsenen, unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, diese Fähigkeiten auch zu erwerben.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Buddy-Projekt?
Das Buddy-Projekt ist ein Programm zum sozialen und zugleich kognitiven Lernen, das primär auf die Potenziale der Kinder, auf ihre spezifischen Stärken und Fähigkeiten setzt. Kinder und Jugendliche sollen in und außerhalb der Schule ihre wichtigen persönlichen Kompetenzen ausbilden. Schüler, die sich als Buddys engagieren, stehen ihren jüngeren Mitschülern als Paten zur Seite oder helfen anderen dabei, Konflikte und Streit zu lösen. Dadurch lernen sie, Konflikte auf eine gewaltfreie und konstruktive Weise zu lösen und füreinander da zu sein, aufeinander zu achten. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buddy-Projekts ist sein Beitrag für die individuelle Förderung von Schülern auf der Basis von „Schüler für Schüler“. Unterricht nach dem Buddy-Prinzip bedeutet, dass Schüler gemeinsam lernen und sich gegenseitig mit dem Unterrichtsstoff helfen. Lernstärkere Schüler unterstützen ihre lernschwächeren Mitschüler. Der Lehrer ist dabei ein Lernbegleiter im Sinne eines Coaches. An Buddy-Schulen findet Unterricht häufig alterübergreifend statt, was zu einem wechselseitigen Kompetenzerwerb zwischen Älteren und Jüngeren führt, von dem beide profitieren. Auch die Trennung zwischen den einzelnen Schulformen brechen Buddys häufig auf: Hauptschüler kümmern sich als Lernhelfer um Kinder aus Förderschulen, üben mit ihnen Lesen und Schreiben oder helfen ihnen, wenn sie körperlich benachteiligt sind. Das Buddy-Prinzip geht sogar über die Schule hinaus: Wir wissen, dass zahlreiche Buddys in Seniorenheime gehen und für die älteren Mitbürger Computerkurse veranstalten oder ihnen erklären, wie man mit einem Handy SMS verschickt. Das Buddy-Projekt hat eine stark integrative Wirkung, da es Menschen miteinander verbindet und eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen ihnen herstellt.

(http://www.buddy-ev.de)

 

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