Gesünder durch Bewegungsparcours?

Von Prof. Dr. Lutz Vogt & Daniel Niederer, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main

Gesünder durch Bewegungsparcours?

Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes vom Robert Koch Institut hat 2009 über 2000 Personen zu ihrem Bewegungsverhalten befragt. Es zeigte sich, dass mehr als 2/3 aller Personen über 65 Jahren die Bewegungsempfehlungen (5 Tage oder mehr mindestens 30 Minuten Aktivität, bei der man ins Schwitzen oder außer Atem gerät) nicht befolgen. Zudem nimmt der Anteil der Inaktiven ab dem 18. Lebensjahr linear mit dem Alter zu. Zusätzlich steigt die Lebenserwartung mit jedem Jahr: die im Jahre 2000 Geborenen werden bereits durchschnittlich 75 bzw. 81 (Männer/ Frauen) Jahre alt werden. Für das Jahr 2050 rechnet das statistische Bun-desamt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 81 Jahren bei Männern und 87 Jahren bei Frauen. Zudem besagen Prognosen, dass bereits im Jahr 2030 jede dritte deutsche Person über 60 Jahre alt sein wird.

Vor diesem Hintergrund ist es für ältere Menschen in mehrfacher Hinsicht wichtig, sich ausreichend in geeigneter Form zu bewegen. Denn eine Erhöhung der körperlichen Aktivität führt direkt zu einer Erhöhung der gesunden Lebensjahre (Wiesmann et al. 2004) und kann gleichzeitig helfen das Risiko von Stürzen zu vermindern. Stürze im Alter sind häufig gefolgt von gravierenden sozialen, psychischen und gesundheitlichen Auswirkungen. Zahlreiche Risikofaktoren für das Auftreten von Stürzen sind durch Studien untersucht und bestätigt worden. Dazu gehören u.a. Gleichge-wichtsschwächen, eine verminderte Muskelkraft der unteren Extremität, Gangstörungen, Multimedikation (vier oder mehr Medikamente) und ein Alter über 65 Jahre (AGS et al. 2001), aber auch alleine die Angst vor einem Sturz. Spezielle Angebote und Programme vermögen gezielt entgegenzuwirken, das Sturzrisiko zu reduzieren und damit die persönliche Selbständigkeit zu gewährleisten. Zunehmend werden im kommunalen Umfeld deshalb auch sogenannte Bewegungsparcours errichtet, die speziell für ältere Menschen und ihre Bewegungsanforderungen entworfen sind. Die Idee und Konzeption der Bewegungsparcours stammt ursprünglich aus China; in Eu-ropa nehmen Spanien, Portugal und Finnland Vorreiterrollen ein. In Deutschland wurde der erste Parcours 1999 in Niedersachsen erbaut. Mittlerweile sind verschiedene Hersteller präsent, die jeweils unterschiedliche Parcours anbieten, einige davon für generationsübergreifende Nutzung, andere für eher aktive Senioren und Senio-rinnen oder aber Bewegungsstarter. Erwartbare Effekte dieser Parcours sind aus physiologischer Sicht eine mittelfristige Erhöhung der Kraft sowie eine Verbesserung der Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer. Dazu kommen mögliche Anpassungen im allgemeinen Bewegungsverhalten im Alltag und eine Verbesserung der Lebensqualität mittels moderaten Anforderungen und hohem Aufforderungscharakter. Idealerweise werden somit auch diejenigen älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger erreicht, die bisher von Bewegung und Betätigung an Geräten eher abgeschreckt wurden.

Ziel des Projektes „Gesund bleiben – Gesünder Leben“ des Hessischen Sozialministeriums ist unter anderem, Effekte zweier Referenzparcours in Hanau und Darmstadt wissenschaftlich zu evaluieren. Die Bewegungsparcours, die im Rahmen dieser Untersuchung von inaktiven Menschen über 60 Jahren genutzt werden, sind speziell für ältere Menschen und ihre Bewegungsanforderungen konzipiert. In enger Kooperation mit dem Landessportbund Hessen untersuchen die Abteilung Sportmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt und der Fachbereich Landschaftsarchitektur der Hochschule RheinMain die durch 3-monatige Nutzung des Parcours hervorgerufenen subjektiven und objektiven Veränderungen.

Im Rahmen der Eingangsuntersuchung erhielten alle Evaluationsteilnehmer Informa-tionen und Empfehlungen zur Handhabung der Geräte sowie Empfehlungen zur Häufigkeit, Dauer und Intensität einer sinnvollen Nutzung der Bewegungsparcours. Insgesamt trainieren 120 Teilnehmer am Bewegungsparcours, sowohl in angeleiteten Trainings als auch individuell. Einmal wöchentlich bieten Bewegungs-Starthelfer die Möglichkeit eines angeleiteten Übens. Diese vom Landessportbund ausgebildeten Kursleiter sind qualifiziert, körperlich nicht aktiven Personen durch Beratung und Begleitung zu einem körperlich aktiven Leben zu verhelfen. Zusätzlich ist den Proban-den empfohlen, 1-2 Mal wöchentlich individuell den Parcours zu benutzen. Durch die identische Vorher-Nachher Messung werden Veränderungen von Sturzangst, Bewegungsverhalten, gesundheitsbezogener Lebensqualität sowie Gleichgewichtsfähigkeit, Balance und Kraft gemessen

Die wissenschaftlichen Daten münden in einem Handlungsleitfaden für die Implementierung von Bewegungsparcours und dienen gleichzeitig zur Entscheidungsfindung von Kommunen und Krankenkassen mit Interesse an verhältnispräventiven Angeboten. Dabei ist stets das Ziel, den Einstieg oder Wiedereinstieg in, beziehungsweise den Erhalt eines aktiven Lebensstils zu fördern. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf ein gesundes Altern, da nachgewiesenermaßen durch ausreichend körperliche Aktivität die Lebensqualität gesteigert und das Risiko vieler Erkrankungen vermindert werden kann.

 

Praxisbeispiel Darmstadt
Am 11. Juli 2011 hat das Land Hessen einen von playparc-4Fcircle gespendeten Bewegungsparcours in Darmstadt eröffnet. Er befindet sich im dortigen Bürgerpark. Die Zusammenstellung des aus insgesamt 13 Geräten bestehenden Bewegungsparcours ist auf die Nutzung durch ältere Menschen ausgelegt. Dieser Parcours soll dazu dienen, eine wissenschaftliche Studie zu erstellen, die den gesellschaftlichen Nutzen und sportliche Wirksamkeit von Bewegungsparcours im öffentlichen Raum untersucht. Gemeinsam mit dem Hessischen Sozialministerium, der Stadt Darmstadt, sowie dem Landessportbund Hessen arbeiten drei hessische Hochschulen aktiv daran mit. Unter dem Gesundheitsförderprogramm „GesundLeben – GesundBleiben“, welches die Prävention in verschiedenen Lebensphasen durch Projekte und Programme fördern soll, entsteht diese Studie im Rahmen der Hessischen Nachhaltigkeitsstrategie. Petra Müller-Klepper, Staatssekretärin im Hessischen Sozialministerium sagte dazu in Darmstadt: „Gesundheitsförderung und Prävention gewinnen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels immer mehr an Bedeutung, damit man nicht nur viele, sondern auch gesunde Jahre vor sich hat. Bewegung spielt hier eine wesentliche Rolle, und zwar in allen Lebenslagen. Wer möglichst lange aktiv und selbstständig lebt und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch länger körperlich und seelisch gesund bleiben.“ In einer ersten dreimonatigen Testphase erproben nun 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter wissenschaftlicher Anleitung und Auswertung den 4Fcircle-Bewegungsparcours. Alle beteiligten Institutionen sind gespannt auf die ersten Ergebnisse!
 

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