Natur mitten in der Stadt

Von Kira Crome, Fachjournalistin, ecoCONTENT

Natur mitten in der Stadt

„Urban Gardening“ nennt sich eine neue grüne Bewegung, die mehr ist als ein Ausdruck romantischer Sehnsucht nach Natur.

Sie wohnen mitten in der Stadt, sie greifen zu Spitzhacke und Spaten und sie haben binnen kürzester Zeit einen neuen Trend etabliert: die so genannten „urbanen Gärtner“. Jenseits von Spielplätzen und Parkanlagen erobern sich die Aktivisten mit dem grünen Daumen neue Freiräume auf Hinterhöfen und Baulücken. Sie pflanzen Kopfsalat, Tomaten und Sonnenblumen, wo es geht. Dabei geht es ihnen um mehr als um selbstgezogenes Gemüse.

„Re-claim your city- erobere deine Stadt zurück“ fordern die urbanen Aktivisten - zum Beispiel auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei in Köln. Seit hier vor mehr als sechs Jahren die Bierhähne zugedreht und die Gebäude abgerissen wurden, liegt die riesige Fläche brach. Pläne zur Neugestaltung des Geländes in der Größe von annähernd drei Fußballfeldern gab es viele, Investoren kamen und gingen. Getan hat sich nichts. Das will der Verein Kölner Neuland ändern. Wo einst Kölsch gebraut wurde und ein großer Biergarten zum Verweilen einlud, entsteht ein mobiler Gemeinschaftsgarten. “Wir wollen uns den Stadtraum aneignen, um daraus etwas Schönes und einen toten Ort wieder nutzbar zu machen”, erklärt Dorothea Hohengarten, Mitbegründerin des Vereins. Dem ersten Spatenstich sind zähe Verhandlungen mit dem Eigentümer, dem nordrheinwestfälischen Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB), vorausgegangen. Erlaubt wurde nur eine einstweilige Zwischennutzung, zudem ergaben Gutachten, dass die Brache mit Schadstoffen belastet ist. „Das waren gleich mehrere Herausforderungen für uns“, sagt Hohengarten. Im Herbst 2011 hat sich die Initiative gegründet und sammelte in offenen Workshops Gestaltungsideen und Nutzungswünsche. Neben Hochbeeten für den Gemüse- und Obstanbau sind ein Café, ein kleiner Hühnerstall, ein Marktplatz und Spielmöglichkeiten für Kinder geplant. Nur günstig zu beschaffende, wetterbeständige und recyclebare Materialen sollen verbaut werden. Das Design war Thema der Semesterarbeiten von Architekturstudenten der Kölner Fachhochschule. „Inzwischen arbeiten zwischen 30 und 50 Leute mehr oder weniger regelmäßig bei uns mit und wir haben einen großen Kreis von Förderern“, so Hohengarten. Den ganzen Winter über sie ehrenamtlich aus Europaletten Pflanzkübel gezimmert, Setzlinge gezogen, Kies aufgebracht und Rabatten angelegt. „Es ist einfach herrlich, nach dem Büro in der Erde zu wühlen, mit anderen zu lachen und sich daran zu freuen, wie es rundherum wächst und sprießt“, freut sich eine Nachbarin, die auch das Vorbild der Prinzessinnengärten in Berlin kennt.

Das urbane Gärtnern trifft einen Nerv und ist doch ein Widerspruch in sich: Sind Städte als unwirtliche Betonwüsten nicht ein Synonym für Naturferne? Im Jahr 2009 lebten nach offiziellen Schätzungen der Vereinten Nationen erstmals in der Geschichte mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Wie hoch die Sehnsucht nach Natur im Kurs der Städter steht, zeigen die gut gefüllten Buchhandlungsregale mit Titeln wie „Mein Leben im Schrebergarten“ oder TV-Magazine wie „Gartenzeit“. Die Zeitschrift „Landlust“ verkauft pro Ausgabe mitunter so viel wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Doch was steckt hinter dem Trend? Die Suche nach Grünem in Grauem ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, meinen die Trendforscher des Hamburger Zukunftsinstituts. Sie machen Natur als Bestandteil neuer aktiver und naturbezogener Lebensformen aus: „Natur wird für den Einzelnen greifbarer“, heißt es in der Studie „Neo-Nature“ von 2008. „Sie ist nicht länger ein abstrakter Raum, der von weitem bestaunt wird, sondern wird immer mehr zu einem Teil unseres Lebensstils.“ Den meisten geht es jedoch um mehr als um die reine Freude an der eigenen Ernte, meint die Soziologin Christa Müller, die die Urban Gardening-Bewegung beobachtet. „Sie versucht, pragmatische Antworten auf die industrielle Nahrungsmittelproduktion und auf den Klimawandel zu geben. Die Leute erproben gemeinschaftlich einen postmateriellen Lebensstil, der weniger Ressourcen verbraucht und höhere Lebensqualität bietet.“ Es gehe letztlich darum, ein selbstbestimmteres Leben jenseits des reinen Konsumentendaseins zu führen.
Im Neuland-Garten konnten schon die ersten eignen gezogenen Kopfsalate, Möhren, Rüben und Kohlrabi geerntet werden. Sie stehen für Neuorientierung und Neubewertung von scheinbar Althergebrachtem. „Gärtnern war immer eher konservativ“, schreibt Urban Gardening-Autor Martin Rasper („Vom Gärtnern in der Stadt“), „dass es nun auch subversive Aspekte bekommt, ist neu.“

Diese Grenzüberschreitung interessiert auch Monika Nordhausen. Die Künstlerin hat keinen grünen Daumen, sie greift lieber zu Stricknadel und Wollfaden. In ihrem Kunstprojekt „Aachen strickt schön“ bestrickt sie Gegenstände im urbanen Raum und überzieht Steinquader in der Fußgängerzone mit leuchtend-bunten Überzügen. „Urban Knitting“ heißt der Trend, der ähnlich wie das urbane Gärtnern auf Brüche setzt. „Wenn eine Tätigkeit wie das Stricken, die klar dem privaten Raum zugeordnet war, plötzlich im öffentlichen Raum sichtbar wird, verändert das etwas. Dieser Übergang ist spannend“, erklärt Nordhausen.

Ob pflanzend oder strickend - den urbanen Aktivisten geht es um Neuinterpretationen von Natur, Ökologie und Konsum. Denn während der Ökomanager noch im Benzin fressenden SUV zum Bio-Supermarkt fährt, schaffen sie neue Nischen städtischen Lebens mit selbst erhaltenden Mini-Rohstoffkreisläufen. Der Gemüsegarten ist nur ein kleiner Schritt in Richtung ökologische Autonomie, schreiben die Hamburger Trendforscher in ihrem jüngsten Trendreport, dafür aber einer mit sehr hohem Glückspotenzial. Und das wird gemeinschaftlich erlebt, findet auch die urbane Strickaktivistin: „Plötzlich kommen wildfremde Menschen über die Aktion miteinander ins Gespräch, die sich sonst nie austauschen würden“.

 

Fotos:

Fotos vom mobiler Gemeinschaftsgarten, Kölner Neuland e.V. © Kira Crome

Fotos von den Design-Entwürfen zur Gestaltung des Neuland-Areals © Kira Crome
Entwürfe von Julian Mosch und Markus Djendouci, Architektur-Studenten der Fachhochschule Köln

Urban Knitting-Beispiele aus dem Projekt „Aachen strickt schön“. :
Sitzblöcke in der Ursulinerstraße, bestrickte Steinquader und bestrickte Poller © Volker Schmitz, frei zum Abdruck.

Portrait von Monika Nordhausen © Aisha Boettcher, frei zum Abdruck


 

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