IAKS-Seminar „Kunststoff- und Kunstrasenbeläge für Sport- und Freizeitanlagen“ in Königsbrunn, 20./21.Juni 2012

Alles zum Thema Kunstrasen – auch die Weiterbildung gehört dazu und dies nahm sich der IAKS in diesem Jahr wieder zu Herzen und lud die Kommunen, Vereine, Planer und die Branche nach Königsbrunn bei Augsburg ein.

IAKS-Seminar „Kunststoff- und Kunstrasenbeläge für Sport- und Freizeitanlagen“ in Königsbrunn, 20./21.Juni 2012

Nach einführenden Worten von Klaus Meinel (Geschäftsführer IAKS) begann die Veranstaltung.
Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung war der neue Kunstrasenplatz in Königsbrunn, der gerade erst im Frühjahr 2012 fertiggestellt worden war. 2011 hatten sich alle Entscheidungsträger (Bürgermeister, die Mitglieder des Stadtrates, die Wohnbaugesellschaft wie auch das Mehrgenerationenhaus) entschlossen, den Kunstrasenplatz im Sport-, Freizeit- und Erholungspark West im Zuge weiterer Attraktionen (Rodelberg, Kneippbecken, Pfad der Sinne, Kräutergarten etc.) zu erneuern und somit den Sportaktiven ein weiteres Angebot zu liefern. Unter anderem wird der Platz von einem Fußball- sowie Footballverein regelmäßig bespielt.
Wie Ludwig Fröhlich (Bürgermeister Königsbrunn) bei seinem Begrüßungswort betonte, ist ihm das vielfältige Sportangebot in Königsbrunn sehr wichtig – neben Fußball und Football gibt es auch ein Beachvolleyballfeld und einen Mehrgenerationenpark- welches er bei 29.000 Einwohnern anhand der vielen Sportvereine realisiert sieht. Besonders liegt ihm eine gute sowie ausführliche Planung und die anschließende Ausführung von Projekten, die stets an die Anforderungen der Gesellschaft angepasst sind, am Herzen. Konzepte müssen immer flexibel sein, um sich an dauernd verändernden urbanen Gegebenheiten anpassen zu können. Jede Neuerung sollte einen hohen Nutzen haben.
Dies bestätigt der Planer des Projekts, Franz-Josef Eger (Landschaftsarchitekt, Eger &Partner). Er hat dieses Projekt in Königsbrunn umgesetzt und arbeitet seit vielen Jahren mit Ludwig Fröhlich zusammen. Sein Vortragsthema war „Kunststoffrasenbeläge für Sport- und für Erholung – Pro und Contra“. Zunächst beschrieb er kurz die Vor- und Nachteile von Natur- und Kunstrasen und welche Spieleigenschaften und Nutzbarkeiten sie haben. Zum Beispiel kann ein Kunstrasen 365 Tage im Jahr bespielt werden und ist leicht zu pflegen, ist jedoch zunächst mit hohen Investitionskosten verbunden und kann zu Gelenkproblemen beim Nutzer führen. Naturrasen ist offiziell für den Wettkampf in Deutschland freigegeben und ein reines Naturprodukt, dafür aber aufs Jahr hochgerechnet mit hohen Pflegekosten verbunden und außerdem nicht das gesamte Jahr bespielbar. Neben der Entwicklung des Kunstrasens in den letzten 20 Jahren, widmete Herr Eder auch einen Teil des Vortrags der einzelnen Schichten und Komponenten. Besonders interessant ist, neben einer Checkliste für eine Ausschreibung, seine vorgestellte Kosten-Nutzen-Analyse. Herr Eder hat eine Vergleichsberechnung zu Naturrasen und Kunstrasen aufgestellt aus der hervorgeht, dass laut Investitionskosten, Nutzungsdauer und Lebensdauer zuzüglich Pflegekosten der Kunstrasen pro Stunde Nutzungsdauer nur 28,80 Euro kostet, der Naturrasen aber 60,60 Euro pro Stunde Nutzungsdauer. Ob diese Aufstellung letztendlich die Pros und Contras beider Beläge aus dem Weg räumt, bleibt dem Entscheider selbst überlassen. In der Hinsicht sollte der Bauherr vor seiner Ausschreibung sehr genau in sich gehen und eine Checkliste für die Ausschreibung durcharbeiten. Es ist wichtig sich im Vorfeld genau zu informieren und abzuwägen, was genau man für sein heimisches Spielfeld braucht und wie viele Investitions- und Fixkosten ein Verein oder eine Schule insgesamt tragen kann.
Daran schloss sich Rolf Haas (Fieldturf Tarkett, Mitglied des DIN-Normausschusses „Sportplätze-Kunststoffrasenflächen“) mit einem Vortrag zur neuen DIN-SPEC 18035-7:2011-10 an. Dieses kontrovers diskutierte Thema sorgt seit geraumer Zeit für Unruhe und Verunsicherung in der Branche. Herr Haas erklärte in seinem Vortrag, dass eine DIN SPEC in erster Linie dem Schutz des Bauherrn dient. Ein Verein kann jedoch auch ohne diese ausschreiben und bauen. Dies wird jedoch vom DIN Norm Ausschuss nicht empfohlen, weil dann keinerlei Gewährleistung greift und sich zudem kein Planer darauf einlassen würde. Ein Verein ist dazu verpflichtet mit der DIN SPEC zu bauen, wenn er zum Beispiel öffentliche Gelder nutzt. Auch warum es eine DIN SPEC gibt, wurde erläutert: aufgrund der europäischen Normen darf keine nationale Norm herausgegeben werden und deshalb wurde als Ersatz für die DIN V 18035-7:2002-06 die DIN SPEC 18035-7:2011-10 veröffentlicht. Es musste eine neue DIN veröffentlicht werden, da sich seit 2002 sehr viel verändert hat. Letztendlich scheiden sich die Geister, ob die neue DIN SPEC gültig wird, wenn sie ausgeschrieben und als Grundlage akzeptiert wird oder ob sie ein Fachbericht und deshalb keine gültige Norm ist. Herr Haas ging auf die wichtigsten Veränderungen zu 2002 ein: ein Thema, dem bis lang nicht sehr viel Beachtung geschenkt worden ist, ist die Alterung von komplett gefüllten Kunststoffrasenflächen mittels Sonnensimulation in einer Bewitterungskammer. Die UV-Problematik ist nicht vom Tisch zu räumen: auch wenn sich Kunstrasen nicht wie Naturrasen verfärbt, ist UV-Strahlung auf Kunstrasen auf Dauer schädlich und kann die Bändchen und die Einfüllmaterialien beschädigen. Die Frage ist, wie lange es dafür Garantie gibt? Wie viele Zyklen hält ein Produkt?
Zur DIN kommen noch verschiedene andere Zertifizierungen für Kunststoffbeläge im Sport (RAL, FIFA) mit denen ein Bauherr sich im Vorfeld gründlich auseinandersetzen sollte. Sie dienen immerhin seinem Schutz und können ihm auch eine bestimmte Richtung in der Planung geben.
Die angeregte Diskussion im Anschluss ließ deutlich werden, dass sich die Gemüter in dieser Hinsicht noch nicht beruhigt haben. Für die Branche sind die Veränderungen nicht alle praktikabel und darüber wird auch offen gesprochen.
Weitere Infos zu der DIN SPEC finden sich unter anderem unter www.spec.din.de
Thomas Kubitza (Melos GmbH) schloss an Herrn Haas‘ Vortrag an und referierte über „Chemie- und Umwelteigenschaften von Kunststoff- und Kunstrasenbelägen“. Gummigranulat wird heute als Füllmaterial in Kunststoffrasenbelägen verwendet und hat seinen Ursprung bei dem Reifenhersteller Good Year, der der Erfinder des vernetzten Kunststoffgranulats ist. Herr Kubitza erklärte die Herstellung von Granulat als Wertschöpfungskette über verschiedene Prozesse von schwefelvernetzten EPDM-Körnern, deren Vor- und Nachteile sowie verschiedene Einsatzmöglichkeiten und Umwelteigenschaften. Zu Beginn der Ära des Kunststoffrasens wurde der Belag noch rein mit Sand verfüllt. Diese Form der Verfüllung gibt es auch heute noch, wird aber immer mehr von Gummigranulaten, die auf die Sandschicht gelegt werden, abgelöst. Gummigranulat hat die Eigenschaft Verhärtungen vorzubeugen. Kraftabbau sowie Ballsprung- und Ballroll-Verhalten bleiben konstant.
Herr Eger meldete sich am Mittag mit dem Thema „Kunststoffbeläge im Außenbereich- Einsatzmöglichkeiten und Auswahlkriterien“ zurück an das Rednerpult. In den Bereichen Sport, urbaner Gestaltung sowie im Freizeitbereich bietet ein multifunktionaler Boden reichlich Möglichkeiten. Alleine in der Leichtathletik (Laufbahnen, Segmentbeläge in Stadien und Anlaufbahnen), im Tennis und in Schulsportanlagen (Allwetterplätze gemäß der Schulsportrichtlinien) sowie bei Multifunktionsspielfeldern (für alle Ballsportarten, und mit Fallschutz) findet ein Kunststoff zahlreiche Anwendung, weil er vielseitig in Form und Farbe einsetzbar ist. Im Sport verwendet man normierte Beläge, die entweder wasserdurchlässig (Allwetter) oder –undurchlässig (Laufbahnen in Stadien) sind. Die elastische Schicht entscheidet außerdem über die sportliche, schützende und technische Gestaltung und ist als einlagige sowie mehrlagige Schicht einbaubar. Das ist je nach Belastung zu planen (zum Beispiel als Fallschutz auf einem Spielplatz) und muss natürlich den Anforderungen (Prüfungen) entsprechen.
Diesen Vortrag ergänzte Achim Höse (Berleburger Schaumstoff Werke GmbH) mit einem Einblick in die zahlreichen Projekte des Unternehmens. Er unterstrich den vielseitigen Charakter der Produkte, die wartungsarm und leicht zu reinigen sind. Zudem lassen sich viele Farbkombinationen mischen, die durch Handarbeit verlegt werden. So ist neben der blauen Bahn von Usain Bolt, auch ein Tausendfüßler in einer KITA als Fallschutz möglich. Ein weiteres, sehr bekanntes Projekt ist zum Beispiel der Spielplatz „Schmuckkästchen der Kaiserin Augusta“ auf der Bundesgartenshow in Koblenz. Dort wurden Intarsien im Barockstil jeweils aus einer Mischung von zwei Granulatfarben bestehend, als Fallschutz umgesetzt. Herr Höse ging außerdem noch auf die Vergabe von Projekten ein und gab einige Tipps zur Ausschreibung aus der Sicht eines Herstellers dazu.
Trotz des unberechenbaren, regnerischen Wetters begaben sich alle Teilnehmer am späten Nachmittag in den 10 Minuten entfernten Erholungspark West, wo sich der von verschiedenen Sportvereinen genutzte Kunstrasenplatz befindet. Dieser wurde an diesem Tag fleißig vom hiesigen Fußballverein bespielt, ließ jedoch Dennis Frank (ISP-Institut für Sportstättenprüfung) genug Platz um den Teilnehmern die Torsionsprüfung zu zeigen und Stefan Kutter (Hermann Kutter GmbH & Co. KG) verschiedene Pflegegeräte zu demonstrieren. Martin Braun (Eger & Partner) erzählte anschließend noch einige Einzelheiten zur Planung. Diesem Besuch schloss sich noch ein weiterer auf dem Schulhof von Königsbrunn an, der mit Fallschutzbelag der Firma BSW ausgelegt ist.
Bei der sich anschließenden Abendveranstaltung hatten alle Teilnehmer die Gelegenheit sich über die neu gewonnenen Fakten auszutauschen.
Der zweite Tag begann mit dem Vortrag von Jürgen Morton-Finger (Morton Extrusionstechnik GmbH) über „Die Faser - Das Gesicht des Kunststoffrasens“. Herr Morton erklärte die ersten Entwicklungsschritte der Kunstrasenfaser und aus welchen Materialien eine Faser bestehen kann: Polyamid Monofilament (Nylon) hat zum Beispiel eine sehr gute Aufrichtung, ist steif und sieht natürlich aus. Der Nachteil jedoch liegt in der Verbrennungsgefahr, da Nylon ein Material ist, das Brandspuren auf der Haut verursacht. Polypropylen Monofilament hat eine Glasfaser, eine ausreichende Aufrichtung und reizt die Haut nicht sehr stark. Dafür bricht die Faser leichter. Die verschiedenen Fasern sind in der Herstellung unterschiedlich teuer und haben diverse Anwendungsgebiete (zum Beispiel Sport, Landscaping etc.), deshalb entscheidet letztlich die Faser über den endgültigen Preis eines Kunstrasenfeldes. Ein weiterer Kostenpunkt ist der Produktionsort: viele Kunstrasen werden außerhalb von Deutschland hergestellt (zum Beispiel Ferner Osten, Asien etc.). Für Standorte in Deutschland ist es schwer kostentechnisch mit einem Standort mitzuhalten, der wenig Investitions- und Personalkosten verursacht. Solch eine Kompensation funktioniert zum Beispiel über eine Automatisierung, Maschinenmodifizierung sowie Energieoptimierung der Herstellungskette. Den Produktionsstandort Deutschland zu erhalten, ist somit auch möglich.
Ebenso innovativ gestaltete sich der Vortrag von Herrn Morton-Finger über „Recycling von Kunststoff und Kunstrasenbelägen“. Er stellte ein Projekt der Firma Morton vor, das doppelwandige Plastikflaschen recycelt und zu neuen Fasern verarbeitet. Da der Kunststoffmarkt sehr groß ist und die Ressourcen vorhanden, wäre dies eine visionäre Entwicklung im Kunstrasenmarkt. Morton-Finger plant zudem langfristig, dass alte Oberflächen von Kunstrasen ausgetauscht und recycelt werden, die elastische Tragschicht erhalten bleibt und aus dem alten Kunstrasen wieder ein neuer gemacht wird. So können Vereine eine Menge Geld sparen und der Umweltaspekt bleibt erhalten. Noch ist diese Methode nicht etabliert, weil sie zu teuer ist, aber die Kapazitäten dafür sind bereits vorhanden.
Den Abschluss der Vortragsreihe bildeten Markus Hertner (PERROT-Regnerbau Calw GmbH) und Thorsten Sollich (Siteco Beleuchtungstechnik GmbH). Markus Hertner erklärte, dass Beregnung von Kunstrasen sehr wichtig sei, weil sie die Reibwerte verringert und die Temperatur im Sommer herunterkühlt. Er riet Beregnungsanlagen im Vorfeld einzuplanen und einzubauen, um Beschädigungen am Boden zu vermeiden.
Herr Sollich klärte auf, dass gute Beleuchtung ein wichtiger Aspekt für Sportler, Zuschauer und auch Medien ist. Nicht nur müssen natürlich die Sportler den Boden vor sich erkennen können, die Zuschauer sollten ebenfalls die Möglichkeit haben dem Geschehen uneingeschränkt folgen zu können. Für die Sportberichterstattung ist es entscheidend, richtige Lichtverhältnisse für gute Aufnahmen zu haben. Dafür ist wichtig, wie die Scheinwerfer positioniert sind und welche Form die Leuchter haben, damit das Spielfeld optimal ausgeleuchtet ist.
Mit einem Abschlusswort von Klaus Meinel gingen zwei sehr informative und ereignisreiche Tage zu Ende, die einiges neues gebracht und bekanntes vertieft haben. „Welche Bauweisen eignen sich für welche Nutzung? Wie werden Fasern, Kunststoffe und Granulate hergestellt und welchen Einfluss haben Sie auf die Nutzung?“. Diese Fragen sind sehr ausführlich beantwortet worden. Außerdem haben die Teilnehmer auch die Sicht der Branche zu brandaktuellen Themen, wie der DIN SPEC, geschildert bekommen. Die Branche hatte viele Möglichkeiten, durch Rückfragen und Gespräche, Feedback von den Entscheidern zu bekommen.

 

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