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Entsorgung von Kunstrasensystemen – Recyceln statt verbrennen

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© Mikhail Olykainen/shutterstock.com

Kunstrasenplätze haben den Amateurfußball in Deutschland und Europa in den vergangenen Jahren auf eine neue Ebene gebracht. Vorbei sind vielerorts die Zeiten von wetterbedingt gesperrten Plätzen, von Rumpelfußball auf matschiger Tenne und von Problemen die Nutzungsstundenobergrenze einzuhalten. Die Qualität des Fußballspiels ist auf den Kunstrasenplätzen mittlerweile so gut, dass die anfängliche Kritik (zu rutschig, Verbrennungsgefahr etc.) fast verstummt ist. Gerade viel frequentierte Plätze in größeren Städten profitieren von der künstlichen Oberfläche, die fast unbegrenzte Nutzungszeit und große Unabhängigkeit von den klimatischen Verhältnissen ermöglicht.

Das Zeitalter des Kunstrasens im Amateurfußball scheint unaufhaltsam anzubrechen, in den vergangenen Jahren wuchs die Anzahl der Plätze in Deutschland auf über 5000 an. Doch die Erfolgsstory hat mittlerweile einige Risse bekommen, denn die Umweltverträglichkeit der neuen Plätze schafft neue Probleme, die derzeit sogar in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Die Themen „Mikroplastik“ und „PAKs“ in Kunstrasengranulaten stehen dabei im Vordergrund (S&L berichtete 05/2018 und 04/2019). Ein weiteres Thema, welches nebenbei mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, ist die Entsorgung von Kunstrasensystemen. Bekanntermaßen ist eine neu installierte Kunstrasenoberfläche bei optimaler Pflege rund 15 Jahre bespielbar. Danach muss ein Austausch erfolgen, sprich rund 7000 – 8000 m² alter Kunstrasen müssen entsorgt werden. Samt Verfüllung. Dies geschah bisher häufig auf traditionellem Wege der Abfallentsorgung – d.h. verbrennen oder auf der Deponie einlagern. Beide Wege sind wahrlich nicht umweltfreundlich, von nachhaltig darf man erst recht nicht reden.

Der rasante Zuwachs an Kunstrasenplätzen in der EU wird zu einem zeitlichen versetzten aber ebenfalls rasanten Zuwachs an zu entsorgenden Kunstrasensystemen führen. Schon jetzt wird die Menge an dadurch anfallendem Mischabfall (in der EU) auf jährlich rund 600.000 t geschätzt, Tendenz steigend. Rund 200 - 250 t fallen pro Kunstrasensportplatz an. Wenn wir davon ausgehen, dass die 5000 Kunstrasengroßspielfelder in Deutschland innerhalb der nächsten 15 Jahre alle ausgetauscht werden müssen, wären das über eine Million Tonnen Abfall– nur hierzulande. Diese Gesamtzahl könnte sich auch durchaus noch negativ verändern, da es derzeit noch unklar ist, ob durch EU-Maßnahmen bezüglich der Kunstrasengranulate frühzeitige Umbauten erforderlich werden. Dann könnten Maßnahmen zum Schutze der Umwelt erstmal eine größere Umweltbelastung hervorrufen. Das wäre so sicher nicht im Sinne der Gesetzgeber.

Mittlerweile gibt es aber eine spürbare Anzahl von Alternativen zum Verbrennen und Einlagern von alten Kunstrasensystemen auf Deponien – nämlich das Recyceln. Verschiedene Fachfirmen bieten diesbezüglich ihre Dienste an und können auch wirtschaftlich mit den Müllverbrennungsanlagen mithalten. Die meisten dieser Unternehmen haben spezielle Anlagen entwickelt, die die unterschiedlichen Bestandteile der Kunstrasenoberflächen voneinander trennen, das Material z.T. zerkleinern und anschließend die wiedergewonnenen Sekundärrohstoffe größtenteils wieder dem Wirtschaftssystem zufügen. Oftmals werden die Materialien schon vor Ort mit Spezialmaschinen voneinander grob getrennt, der Rest erfolgt dann bei den Unternehmen selbst. Die Kosten für den Sportplatzunterhalter betragen dabei je nach Anbieter, Beschaffenheit der alten Oberfläche und Verfahren meist zwischen 1,50 und 4 € pro m², da die Recylingunternehmen die gewonnenen Rohstoffe ja auch größtenteils selbst wieder vermarkten können. Einige von ihnen bieten wie auch Kunstrasenhersteller selber mittlerweile Produkte aus recyceltem Kunstrasen an. Somit ist eine direkte Wiederverwertung des Materials als Bestandteil neuer Kunstrasensysteme möglich.

Die deutliche Zunahme an Recyclingmöglichkeiten ist ebenso erfreulich wie auch notwendig. Es ist nun aber erforderlich, dass diese Möglichkeiten auch flächendeckend und für eine große Masse verfügbar sind. Das deutlich wachsende Umwelt- und Klimabewusstsein der Gesellschaft rückt das Thema Kunstrasen-Recycling wieder mehr in den Vordergrund, viele Auftraggeber bestehen auf einem entsprechend umweltgerechten Rückbau alter Flächen. Eine gesetzliche Grundlage dazu fehlt derzeit in Deutschland, weshalb eine kontrollierte „umweltgerechte“ Verwertung noch nicht möglich und somit auch nicht verpflichtend ist. Ob sich zeitnah daran etwas ändert, ist ungewiss. Derzeit liegt es also in der Verantwortung  jedes einzelnen Kunstrasen-Unterhalters, ob er im Falle eines Austauschs, die Kunstrasenoberfläche recyceln lässt oder anderweitig entsorgt.

Auch sollten umweltbewusste Bauherren sich im Klaren sein, dass das Millionengeschäft mit der Entsorgung, durchaus „schwarze Schafe“ hervorbringt. Verspricht das Bauunternehmen dem Auftraggeber ein Recyceln der alten Kunstrasenoberfläche, so hat dieser häufig gar keine Möglichkeit nachzuvollziehen, ob dies auch wirklich geschieht. Viele Fachfirmen bieten zwar u.a. Zertifikate an, aber dafür müsste sich der Auftraggeber direkt an das Unternehmen wenden. Wenn es noch mehrere Zwischeninstanzen gibt, geht viel an Transparenz verloren. Es ist also erforderlich, dass der Auftraggeber diesbezüglich wachsam ist, wo der alte Kunstrasen wie entsorgt wird, und Einsicht in entsprechende Zertifikate bekommt. Andernfalls kann es passieren, dass der Kunstrasen dann doch verbrannt wird oder schlimmstenfalls als illegaler Müll auf ausländischen Deponien verrottet. Das sind sicherlich Ausnahmen, dennoch sei darauf hingewiesen.

Der Druck auf die Kunstrasenhersteller und die Sportplatzbetreiber durch das zunehmende Umweltbewusstsein wächst stetig an. Dabei ist Kunstrasen vielerorts als Sportplatzoberfläche unverzichtbar. Daher ist es umso wichtiger den Ruf des umweltschädlichen Kunstrasens zu entkräften, in dem man die durch Beschaffenheit, Bau und Entsorgung entstehenden Belastungen deutlich dezimiert und die Kunstrasensysteme in möglichst großem Umfang klimaneutral und nachhaltig anbieten kann. Der Kunstrasen wird in dieser Hinsicht logischerweise nie mit einem Naturprodukt mithalten können, aber wichtige Schritte in die richtige Richtung können getan werden.

Das Entsorgungsproblem betrifft im Übrigen nicht nur die Kunstrasenoberflächen. Auch Leichtathletiklaufbahnen und viele Fallschutzsysteme aus Kunststoff müssen irgendwann entsorgt werden. Der Lebenszyklus ist zwar mitunter deutlich länger als beim Kunstrasen, die Entsorgungsproblematik bleibt allerdings die gleiche. Es sind also weiterhin kreative Köpfe mit innovativen Recyclingkonzepten gefragt. Damit Sport und Umwelt gleichermaßen profitieren.

TT

 

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