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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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02.12.2019 - Ausgabe: 6/2019

Einfach mal machen!

von Stefan Anderer (Württembergischer Landessportbund e.V.)

Photo
Begehung vor Ort - Sport-Inklusionsmanager A. Fangmann und K. Abele (Mitglied WLSB-Expertengruppe)
© DOSB

Sport im Verein verbindet über Grenzen und Generationen hinweg. Doch diesen Grundsatz in allen Bereichen des Sports auch tatsächlich umsetzen zu können, entwickelt sich manchmal zur Herausforderung – etwa beim gemeinsamen Sport treiben von Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Dabei spielen nicht nur persönliche Berührungsängste oder Unsicherheiten über den richtigen Umgang, sondern oftmals auch bauliche Barrieren eine Rolle. Denn wie sollen Rollstuhlfahrerende auf die Sportfläche einer Halle kommen, wenn diese nur über Treppen erreichbar ist oder einen Notausgang, der auch noch auf die benachbarte grüne Wiese führt?

Doch wo ein Wille ist, ist meist auch ein Weg. Und auf diesem Pfad lassen sich meist auch weniger hohe bauliche Barrieren umgehen. Gleiches gilt für den persönlichen Kontakt zwischen Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Beim Württembergischen Landessportbund (WLSB) lautet das Motto in Sachen Inklusion deshalb: Einfach machen! Denn einfach mal loszulegen und einen Anfang zu wagen, ist oft die beste Methode, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Nicht selten stellt sich dabei manch Schwierigkeit als gar nicht so groß dar, wie man sie sich im Vorfeld ausgemalt hatte.

Als wichtigste Aufgabe betrachtet der WLSB als Dachverband des Sports in Württemberg die Sensibilisierung für das Thema Behinderung und Inklusion. Denn schließlich findet die eigentliche Sportpraxis, in der die Inklusion gelebt und umgesetzt werden sollte, vor allem in den etwa 5700 Mitgliedsvereinen und den über 60 Sportfachverbänden des WLSB statt. Dabei will der Dachverband die Inklusion in seinen Mitgliedsorganisationen keinesfalls erzwingen, sondern dort eine Kultur des Ermöglichens schaffen – und die kann von Sportart zu Sportart, von Verein zu Verein ganz unterschiedlich aussehen. 

Impulse zu setzen und den Austausch zwischen den verschiedenen Sportorganisationen zu fördern, sind dabei wichtige Maßnahmen des Dachverbands. Deshalb hat der WLSB im Mai 2019 in Stuttgart den Fachtag „Einfach machen! - Inklusion im und durch Sport“ organisiert. Mehr als 150 Gäste aus dem Sport wie auch von Behindertenorganisationen und weiteren Institutionen haben diesen Tag genutzt, um sich zu informieren und zu vernetzen. Der WLSB hatte dazu unter anderem eine Reihe von Workshops und verschiedene Mitmachangebote auf die Beine gestellt und selbstverständlich auch seine eigenen Angebote und Unterstützungsleistungen für Sportvereine präsentiert. Die Unterlagen zum Fachtag Einfach machen! können übrigens in der WLSB-Infothek von jedermann und jederfrau kostenlos heruntergeladen werden (https://www.wlsb.de/veranstaltungen-wlsb/fachtag-inklusion). 

Doch diese Veranstaltung im Mai 2019 stellt nur einen kleinen Bereich der WLSB-Aktivitäten auf dem Felde der Inklusion im und durch Sport dar. Als Mitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) orientiert er sich bei den anderen Aufgabengebieten an dessen empfohlenen fünf Handlungsfeldern Angebote, Barrierefreiheit, Qualifizierung, Kooperationen und Strukturen. Denn für erfolgreiche Inklusion im und durch Sport müssen alle betrachtet werden, da sie miteinander verwoben sind. Schließlich nützt es wenig, eine Sportanlage barrierefrei umzubauen, wenn die für Inklusionssport qualifizierten Übungsleiter oder Trainerinnen fehlen?

Die fünf Handlungsfelder im Detail:

 

Barrierefreiheit

Wer einmal auch nur eine Stunde lang versucht hat, mit der Wahrnehmung eines Menschen mit einer Körper- oder Sinnesbehinderung in der Umgebung zurechtzukommen, wird schnell feststellen: Es gibt eine Vielzahl von Barrieren, die einen vor kleinere oder größere Schwierigkeiten stellen. Daher arbeitet der WLSB derzeit an einem Handlungsleitfaden für die Barrierefreiheit für Sportvereine.

Dabei nimmt die Barrierefreiheit von Sportanlagen natürlich einen breiten Raum ein. Dies einerseits, um etwa bestehende Sporthallen auf Barrierefreiheit hin zu überprüfen, aber andererseits auch, um bei Neubauten dafür zu sorgen, dass die Belange von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen schon in der Planung berücksichtigt werden. Laut den Aussagen von Experten sind die Mehrkosten gering, wenn Sporthallen schon von vornherein barrierefrei geplant und gebaut werden – verglichen mit dem zusätzlichen Aufwand, der entsteht, wenn Hallen nachträglich umgebaut werden müssen. 

Bei der Planung von Neubauten sollten dabei das „Zwei-Sinne-Prinzip“ (Sehen und Tasten oder Hören und Tasten) sowie das „Zwei-Kanal-Prinzip“ (z.B. Ausgleich von Stufen durch eine Rampe) angewandt werden. Dadurch können auch stark seh- oder hörgeschädigte und mobilitätseingeschränkte Menschen an einem inklusiven Sportangebot teilnehmen. Mit diesem „Blick“ hat der WLSB übrigens vor einigen Monaten auch seine beiden eigenen Bildungseinrichtungen, die Landessportschulen in Albstadt und Ostfildern-Ruit sowie das SpOrt Stuttgart, unter die Lupe genommen und auch dort an mehreren Stellen Verbesserungsbedarf entdeckt.

Neben der Barrierefreiheit in Gebäuden und Sportanlagen hat sich der WLSB aber auch der kommunikativen Barrierefreiheit zugewandt. So sind viele Texte, Dokumente oder Formulare, die einem tagein tagaus begegnen, manchmal schon für „normale“ Menschen zu kompliziert geschrieben. Wie sollen dann erst Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen mit solchen Texten zurechtkommen? Durch „leichte Sprache“ kann hier eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden, wobei aber inhaltlich sowie in Verbindung mit dem verbundenen Aufwand auch abgewogen werden muss, welche Texte, Dokumente oder Formulare sinnvollerweise in leichte Sprache übersetzt werden. Weitere Informationen dazu bietet etwa der Landesverband Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V.. Und auch mithilfe von Vorlese- und Kontrastfunktionen auf Internetseiten können Zugangsbarrieren für Menschen mit Sehbehinderungen abgebaut werden.

 

Angebote

Viele Mitgliedsorganisationen des Württembergischen Landessportbundes haben sich bereits der „Inklusion im und durch Sport“ angenommen. Damit diese aber nicht nur lokal bekannt sind, sondern sich regional auch miteinander vernetzen können, hat der WLSB im Internet eine Landkarte mit Best-Practice-Beispielen für inklusive Regelsportangebote erstellt. Diese dient natürlich auch Sport-Interessierten dazu, geeignete Sportangebote schnell auffinden zu können.

 

Qualifizierung & Sensibilisierung

Da inklusive Sportgruppen meist sehr heterogen sind, braucht es von Seiten der Trainerin oder des Übungsleiters nicht nur ausgewiesene sportfachliche Kompetenz, sondern auch ein gutes Einfühlungsvermögen. Der WLSB und seine Sportfachverbände bieten daher spezielle Qualifizierungsmaßnahmen an, für die man sich auf der WLSB-Internetseite anmelden kann.

 

Kooperationen & Strukturen

Als Dachverband unterstützt der WLSB seine Mitgliedsvereine bei der Suche nach Kooperationspartnern. Ebenso vermittelt er geeignete Ansprechpartner in der jeweiligen Region oder bei einem Sportfachverband. Durch eine Expertengruppe Inklusion, in der auch verschiedene Wohlfahrtsverbände vertreten sind, ist der Verband auch sehr gut zu Ansprechpartnern außerhalb des organisierten Sports vernetzt. Der Expertengruppe gehören unter anderem an 

  • Landesverband Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V.
  • Special Olympics Baden-Württemberg
  • Caritasverband für Stuttgart e.V.
  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 

 

Finanzielle Unterstützung

Inklusion im und durch Sport ist aber nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern an vielen Stellen auch des Geldes. Da der Betreuungsaufwand in inklusiven Sportgruppen oft größer ist, ist manchmal ein zusätzlicher Übungsleiter oder eine Assistenz erforderlich oder es werden besondere Sportgeräte (z. B. Blindenfußbälle), ein Fahrdienst, eine mobile Rampe etc. benötigt – und solche Dinge kosten nun mal. Und deshalb gibt es beim WLSB, wie inzwischen bei zahlreichen Landessportbünden in Deutschland, auch Fördermittel für Inklusionsmaßnahmen in den Mitgliedsvereinen. Denn wenn das Motto Einfach machen! schon umgesetzt wird, soll das an den Finanzen nicht scheitern.

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Bundesrepublik Deutschland im März 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet hat. Das Bemühen um eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen im Sport ist in den vergangenen Jahren in vielen kleinen Schritten vorangekommen. So hat der WLSB die Inklusion nicht nur als Ziel in seine Satzung aufgenommen, sondern diesen Bereich der Sport- und Vereinsentwicklung in der Geschäftsstelle auch personell entsprechend ausgestattet. Mit Ines Rathfelder und dem Sport-Inklusionsmanager Alexander Fangmann, der seit seiner Kindheit blind ist, verfügt der WLSB über ein engagiertes Duo, das den Mitgliedsvereinen und -verbänden mit Rat und Tat zur Seite steht. Gerade Alexander Fangmann weiß um die inklusive Stärke des Sports, ist er doch Kapitän der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.

Dabei hat das gemeinsame Sport treiben neben den sozialen Aspekten auch positive Effekte auf die Gesundheit von Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Indem diesen Menschen der Zugang und die Teilhabe an Sport und Bewegung ermöglicht wird, werden also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Deshalb darf sich das Bemühen um mehr Sport und Bewegung für alle nicht auf den Einsatz der Sportvereine beschränken, sondern muss auch im öffentlichen Raum angepackt werden. Gerade Kinder und Jugendliche finden heutzutage viel zu wenige geeignete Bewegungsräume vor. 

Und für Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen ist die Lage noch viel schwieriger. Denn kaum ein Spielplatz hierzulande ist wirklich barrierefrei, das fängt beim Untergrund aus Sand oder Kies an, geht über Spielhütten, die meist nur über Stufen zu erreichen sind, bis hin zu Klettergerüsten, die für Erwachsene als Begleitpersonen viel zu eng gestaltet sind. Auch wenn die Gestaltung von Spielplätzen keine Aufgabe des Württembergischen Landessportbundes ist: Im Sinne der Sensibilisierung und des Mitdenkens von Inklusion sollte auch dieses Thema angegangen werden, um allen Kindern mehr Möglichkeiten für Sport und Bewegung zu bieten.

 

Die WLSB-Unterstützungsleistungen Inklusion im und durch Sport orientieren sich an die vom DOSB zu diesem Thema definierten Handlungs- und Themenfelder

 

 

Ansprechpartner:

Sport-Inklusionsmanager Alexander Fangmann

Telefon: 0711/28077-157

E-Mail: alexander.fangmann@wlsb.de

Genauere Informationen finden Sie unter www.wlsb.de/inklusion

 

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