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Streetmekkas setzen neue Maßstäbe in puncto aktiver Freizeitgestaltung

Von Anna Rex Wittig, wissenschaftliche Redakteurin, Dänische Stiftung für Kultur- und Sportstätten

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© 2011 Photographer Rune Johansen

Kinder und Jugendliche – insbesondere diejenigen, die sich nicht für traditionelle Sportstätten oder Vereine begeistern können – sind verrückt nach Straßenkultur. Drei dänische Streetmekkas zeigen, wie moderne Sport- und Freizeiteinrichtungen verschiedene Organisationsformen unter einem Dach im beengten städtischen Umfeld vereinen können.


Es ist Samstagmorgen im Streetmekka Aalborg. Eine Gruppe von Jungen im Teenageralter spielt Basketball auf dem asphaltierten Vorplatz und vier Mädchen haben den Spiegelraum im Obergeschoss in Beschlag genommen, wo sie Breakdance üben - unbeaufsichtigt. Gegen Mittag kommen die ersten Traceure, um die heutigen Teilnehmer des offenen Parkour-Treffs zu inspirieren und herauszufordern. Am Abend bietet der örtliche Kletterverein Boulder-Kurse im Kletterbereich an, und Stadtkinder erproben ihr Talent in Street Art. So sieht eine moderne Sportstätte mit unterschiedlichen Organisationsformen aus. 

 

Streetmekkas: Wegbereiter für neue Organisationsformen

Kinder und Jugendliche haben den Straßensport und die Straßenkultur für sich entdeckt, die ursprünglich von einem zwanglosen, flexiblen Gemeinschaftsgeist geprägt waren, der spontan auf der Straße entstand und nicht zu einer traditionellen Freizeiteinrichtung passte. Der Wunsch, derartige Straßenaktivitäten auch in den kalten, nassen Wintermonaten auszuüben, führte 2010 zur Umwidmung eines ehemaligen Industriegebäudes in Kopenhagen zu Streetmekka Kopenhagen, dem ersten Streetmekka, dem weitere folgen sollten. In Zusammenarbeit mit anderen Interessengruppen entwickelte die Dänische Stiftung für Kultur- und Sportstätten zwei neue Zentren für Straßensport und –kultur: 2018 wurden auch in Viborg und Aalborg Streetmekkas eröffnet. Den Streetmekkas ist es nicht nur gelungen, Aktivitäten wie Parkour, Street Art, Offroad-Biking oder Rollerfahren sowie den besonderen Lebensstil, die Musik und den Szene-Jargon, der die Straßenkultur prägt, von der Straße in den Innenbereich zu holen. Sie haben darüber hinaus auch neue Maßstäbe gesetzt: individuelle, teilorganisierte sowie komplett durchorgansierte und -strukturierte Freizeitaktivitäten finden sich Seite an Seite in derselben Einrichtung.

 

Straßensport zieht mehr junge Menschen an  

Straßensport überwindet Grenzen: Kinder und Jugendliche betreiben Straßensport unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe sowie ethnischer und sozialer Herkunft. 23 Prozent der Kinder mit und ohne Migrationshintergrund betreiben Straßensport. Dies steht im Widerspruch zum Gesamtbild der Sportbeteiligung und des Sportengagements in Dänemark, wo Kinder, deren Eltern außerhalb Europas geboren wurden, im Allgemeinen weniger körperlich aktiv sind als Kinder ohne Migrationshintergrund, wie der Bericht „Street Sport Participation in Denmark 2017“ des Danish Institute for Sports Studies zeigt. Straßensport und –kultur sprechen auch Mädchen an; es ist oft eine Herausforderung, ihr Interesse an aktiver Freizeitgestaltung und Sport auch im Teenageralter aufrechtzuerhalten. Einem Jahresbericht der Straßensport-Organisation GAME zufolge ist die Beteiligung von Mädchen von 25 Prozent in den Jahren 2016 und 2017 auf 38 Prozent im Jahr 2018 gestiegen und ist es den Streetmekkas in Aalborg und Viborg gelungen, die Kinder zu begeistern und für sich zu gewinnen, die die örtlichen Sportvereine nur schwer erreichen können.

 

Spiel und Kreativität zählen mehr als Leistung  

Straßensport bietet ein offenes, spielerisches und kreatives Umfeld, was einige der Kinder anzieht, die sich nicht mit den Ligen, regelmäßigen Turnieren oder Trainingszeiten anfreunden können, um die herum der Sport traditionell aufgebaut ist. Je älter die Kinder werden, desto größer ist ihr Bedürfnis, selbst zu bestimmen, wann und wo sie Sport treiben. Dem Bericht des Danish Institute for Sports Studies zufolge nennen Kinder als wichtigste Gründe, warum sie Sport treiben, „Spaß haben“, „Zeit mit Freunden verbringen“ und „mein Spiel verbessern“; an letzter Stelle steht „gewinnen“. Beim Straßensport lernen die Kinder neue Tricks und Fähigkeiten, erleben die Freude an der persönlichen Entwicklung und die Gesellschaft von Freunden, anstatt eine gute Leistung zu erbringen.

 

Streetmekkas bieten Aktivitäten, die regelmäßig oder flexibel sein können 

Straßensport-Zentren eröffnen mehr Möglichkeiten, eine Aktivität auszuüben. Sie haben auch mehr Strukturen und Rahmenbedingungen geschaffen, um Kinder an Aktivitäten und das Straßenumfeld heranzuführen. Für einige Kinder und Jugendliche kann dies notwendig sein, da die Zugehörigkeit zur Straßengemeinschaft soziale, körperliche und technische Fähigkeiten erfordert. Die Zentren haben jedoch auch ihre Grenzen, und für einige Kinder kann der Zeitpunkt kommen, an dem sie das Zentrum verlassen und sich auf die Suche nach neuen Herausforderungen im städtischen Umfeld begeben müssen. Das Konzept der Streetmekkas ist offen und lässt vielfältige Nutzungen und unterschiedliche Organisationsformen zu. Die Räume sind flexibel und die Einrichtungen mobil; Innen- und Außenbereich verschmelzen. Aufenthaltsbereiche und Sozialräume bieten Raum für Begegnungen und informelle Treffen, so dass man selbst dann noch Teilnehmer ist, wenn man nur von außen zusieht. Streetmekka Viborg hat 3759 Mitglieder und Streetmekka Aalborg 3433; zusammen verzeichneten sie im Jahr 2018 über 60.000 Besucher. 

 

Weitere Projekte der Dänischen Stiftung für Kultur- und Sportstätten finden Sie unter www.loa-fonden.dk.

 

Esben Danielsen, CEO der Dänischen Stiftung für Kultur- und Sportstätten, stellt sich den Fragen von Playground@Landscape

 

Playground@Landscape (P@L): Warum müssen moderne Freizeiteinrichtungen mehr Organisationsformen einbeziehen?

Esben Danielsen: Sporttrends und –gewohnheiten unterliegen einem immer rasanteren Wandel. Jedem steht ein breitgefächertes Freizeitangebot zur Verfügung. Wir alle wollen auswählen und individuell kombinieren und haben stets ein Bedürfnis nach Neuem, Vielfalt, Abwechslung und einer großen Auswahl. Wir brauchen Inspirationen und neue Möglichkeiten. Und dies passiert vor allem dann, wenn wir in einer einzigen Einrichtung auf eine Fülle interessanter Optionen stoßen. 

 

P@L: Was zeichnet die Art von Freizeiteinrichtung aus, die durch diese neuen Streetmekkas geschaffen wurde?

Esben Danielsen: Die Streetmekkas revolutionieren das gesamte Sporthallenkonzept. Ihre Grundlage ist nicht mehr Handball oder Badminton, sondern eine Reihe neuer Sportarten und Neuinterpretationen bekannter Sportarten. Mittlerweile sind sie Treffpunkte, die im Gegensatz zu den bekannteren Sporthallen Tendenzen der Jugendkultur aufgreifen. Ein Großteil der jüngeren Generation assoziiert Musik, Gemeinschaft, Abhängen und Feiern eher mit Streetmekkas als mit Handball-Hallen.

 

P@L: Wie fördern und erhalten die Streetmekkas Spiel und Kreativität? 

Esben Danielsen: Sie bieten mehr Möglichkeiten, sich einzubringen und mitzumachen. Wenn man möchte, kann man regelmäßig vorbeikommen, oder wenn man sich noch nicht sicher ist, kann man erst einmal ausprobieren. Wenn man eingeladen ist, kann man sich langsam herantasten. Die Veranstalter und Einladungen passen zu den jeweiligen Aktivitäten. In den meisten Fällen gelingt der Einstieg rasch und man kann bald erste Erfolge feiern. Man kann sich nach vorne spielen. Das ist eine Idee, die viele unserer traditionellen Sportarten herausfordert. 

 

P@L: Welche Bedeutung haben die Streetmekkas für die Städte?

Esben Danielsen: Die Streetmekkas bieten Treffpunkte in einem konstruktiven und robusten Umfeld für die Jugendkulturen, die in traditionellen Sportstätten kaum zum Zuge kommen. Sie sind eine Bühne für neue Segmente, die Teil starker Gemeinschaften werden, anstatt am Rande zu bleiben. Sie ziehen Jugendliche, insbesondere Mädchen im Teenageralter, in stärkerem Maße an und binden sie.

 

P@L: Was sind ihrer Meinung nach Zukunftstrends für städtische Freizeiteinrichtungen?

Esben Danielsen: Dazu werden Treffpunkte zählen, die das Informelle und Einfache mit dem Besonderen und Ambitionierten verbinden. So können sich viele verschiedene Formate, Fähigkeiten und Interessen unter einem Dach entfalten. Das Gemeinschaftsgefühl wird im Mittelpunkt stehen, aber oft indirekter und unkomplizierter. Und die Einrichtungen müssen innerhalb der Stadtgrenzen liegen: wir reden von Innenstädten, Seite an Seite mit Geschäften und öffentlichen Räumen. 

 

Nähere Informationen:

 

STREETMEKKA KOPENHAGEN  

Streetmekka Kopenhagen ist in zwei nicht mehr genutzten Ringlokschuppen im Südwesten der Stadt untergebracht. Als erstes der drei Streetmekkas bot es dem Straßensport bereits 2010 ein Zuhause. 

Die bunte Palette von Freizeitaktivitäten umfasst ein breites Spektrum an Straßenkultur und Straßensportarten, darunter ein DJ-Workshop, Straßen-Basketball, Tanz, Parkour und Graffiti. 

Die Tore des Streetmekkas können sich noch öffnen und ermöglichen so einen engen Austausch zwischen Innen- und Außenbereich. Die Fenster des DJ-Werkstattbereichs fungieren als kleine Tore, die Töne und Klänge in die Höfe weiterleiten, wenn im Sommerhalbjahr Musik für Outdoor-Aktivitäten benötigt wird. 

Auf der Rückseite des Gebäudes, mit Blick auf das Vestre-Gefängnis, befindet sich ein großer Tanzsaal mit Parkettböden und Sitzgelegenheiten. 

Es gibt eine kleinere Halle mit Asphaltboden, in der Straßenfußball gespielt und Parkour mit individuellen mobilen Gestellen trainiert werden kann.

 

Errichtet 2010 / Baukosten: 28 Millionen DKK    

 

STREETMEKKA AALBORG

Noch bevor man überhaupt das Streetmekka in der nordjütischen Stadt Aalborg betreten hat, macht man schon Bekanntschaft mit dem bunten und pulsierenden Straßenleben. Große Betonblöcke am Eingang laden zum Parkourlauf ein, und Graffiti ziert die rauen Oberflächen des alten Betonbaus.  

Die Anlage befindet sich in zentraler Lage im Stadtviertel „Eternitten“, nur zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das neue Straßensport- und Straßenkultur-Zentrum entstand im Zuge umfangreicher Stadtumbaumaßnahmen auf einem ehemaligen Fabrikgelände. 

Beim Betreten des Gebäudes fällt auf, dass der Charakter des ursprünglichen Gebäudes teilweise erhalten geblieben ist. Die ursprüngliche Betonkonstruktion verfügt heute über eine Kletterwand. Einige sorgfältig geplante und durchdachte Veränderungen am Gebäude ließen völlig neue Nutzungsformen entstehen, die die Übernahme durch die Straßenkultur deutlich erkennen lassen.

Dieses Streetmekka ist mehr als nur eine Option für Kinder und Jugendliche, die sich für Straßenkultur interessieren. Es ist zu einem Treffpunkt für Anwohner und Vereine in der Gegend rund um Eternitten geworden und trägt zur Bildung einer starken Gemeinschaft in einem neuen Stadtviertel bei.

Entstanden ist ein sozialer Mittelpunkt und Treffpunkt in einem aufstrebenden Viertel Aalborgs, der auch soziale Randgruppen, darunter Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen, willkommen heißt, und so zur Gestaltung eines Gemeinschafts- und Soziallebens beiträgt, das von Aufenthaltsbereichen und einer Straßenküche bis hin zu Kreativräumen zum Klettern, Tanzen und Parkour reicht.

 

Errichtet 2018 / Baukosten: 21.362.500 DKK  
 

 

STREETMEKKA VIBORG

In der Stadt Viborg in Mitteljütland befindet sich das Streetmekka Viborg - ein faszinierender Ansatz, wie man ein altes Gebäude zu neuem Leben erwecken kann, um aktuellen Freizeitaktivitäten-Trends Rechnung zu tragen. Früher gehörte das Gebäude dem Windkraftanlagenhersteller Vestas, doch heute ist es ein Zuhause für jeden, der sich für Straßensport und –kultur interessiert. Dem grob gehauenen Industriegebäude wurde neues Leben eingehaucht. Heute ist es ein gelungenes Beispiel für die Erneuerung von Industriegebäuden und setzte dabei auf Architektur und Bewegung.

Im Streetmekka Viborg treffen Straßensport und Straßenkultur aufeinander, und Straßenkunst findet dort auf viele verschiedene Arten Ausdruck nach innen und außen. Graffiti, Straßenskulpturen, Animationen, Videos, Rap und vieles mehr haben innerhalb der alten Mauern ihren Platz gefunden. Durch den Brückenschlag zwischen Bewegung und Kultur spricht das Zentrum eine breite Masse an und trägt dazu bei, neue Nutzergruppen für die Straßenkultur zu gewinnen. 

Mit seinem vielfältigen Angebot an Aktivitäten und dem Fokus auf sozialer, integrativer Architektur ist das Gebäude insbesondere für Mädchen attraktiv. Ein Stadtgarten, Workshops und Räume für Sportarten mit weichen Bewegungsabläufen haben dem Gebäude eine neue Identität und Sprache verliehen.

 

Errichtet 2018 / Baukosten: 23.875.000 DKK 

 

 

 

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