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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Bewegung ist immer und überall – mit und ohne Gerät

Von Ariane Hölscher (Kreativität in Bewegung) und Mareike Thies, Bettina Oppermann (Universität Hannover)

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© Ariane Hölscher

Der erfolglose Kampf wider den „Bewegungsmangel“ - „Wir sollten uns mehr bewegen“. „Wir müssen mehr Sport machen“. – „Bewegungsmangel“ ist ein Problem, das die Gesellschaft bewegt[1], seit Jahrzehnten. Seit Jahrzehnten wird auch versucht, dagegen zu steuern: mit „sollten“ und „müssen“, mit Appellen, Gesundheitskampagnen und Programmen – auch mit Maßnahmen im Freiraum. Dazu zählt die Einrichtung klassischer Sportanlagen genauso wie Reckstangen, Fitness- und Calesthenicsgeräte, die zurzeit in vielen Parks und öffentlichen Grünanlagen aufgestellt werden. Versehen mit Anleitungen, welche Übungen hier wie zu absolvieren sind und welche Muskelgruppen dabei angesprochen werden. Was all diesen Maßnahmen gemein ist: Bewegungsanreize werden vordefiniert: durch Krankenkassen, Gesundheitsexperten, Planerinnen, Gerätehersteller, App-Entwickler. Die breite Masse bewegt sich immer noch nicht mehr. Warum ist das so? Und welche Rolle spielt die Gestaltung von Freiräumen für Bewegung?

 

Können Probleme Geräte werden?

In den 1990er Jahren stellte der Soziologe und Spaziergangsforscher Lucius Burkhardt fest: „Ein Problem wird ein Bau“ [2]. Was er damit meinte: Ein vielschichtiges und langfristiges Problem (z.B. Verkehrslärm) wird verpackt in ein machbares, für alle greifbares Lösungsprojekt, das man in absehbarer Zeit einweihen kann (z.B. einen Tunnel). Analog könnte man sagen: Das komplexe Problem Bewegungsmangel wird zu einem konkreten Sportgerät. Dabei kann es leicht passieren, dass die eigentliche Ursache des Problems in den Hintergrund rückt. Die bauliche Lösung ist verlockend – nicht nur, weil sie so schön konkret und relativ kurzfristig realisierbar ist. Etwas Gebautes lässt sich gut fotografieren, und damit kann man wiederum als hervorragende Problemlöserin oder effektiver Politiker auftreten. Ein Problem wird ein Sportgerät. Und weil wir auch gerne chillen, steht daneben noch ein Möbel zum Ausruhen. Kann das funktionieren?

 

Geräte können uns zu Bewegung anstupsen…

Ja, Möbel und Geräte können uns einen Bewegungsimpuls geben, einen kleinen Anstupser (engl. nudge), den wir offensichtlich brauchen. Richard H. Thaler und Cass Sunstein vertreten in ihrem Buch „Nudge, wie man kluge Entscheidungen anstößt“[3] die These, dass Umwelt uns immer irgendwie zum Handeln oder eben zum Nichthandeln anleitet. Das oft zitierte Beispiel sind die Süßigkeiten im Supermarktregal: Wir greifen eher zu, wenn sie auf Augenhöhe liegen. Die räumliche Gestalt und damit auch die Gestaltung beeinflussen, ob, wie und wohin wir uns bewegen. Ein Sportgerät im Park kann uns also dazu „auffordern“, uns in Bewegung zu setzen. Abhängig von der Art des Gerätes oft in sehr spezifischer, vordefinierter Art und Weise.

 

…genauso wie unmöblierte Freiräume

Gleichzeitig können wir die Frage stellen: Wie viel „explizite“ Aufforderung in Form spezifischer Geräte für spezifische Bewegungen brauchen wir? Wenn die Gestalt der Umwelt so wie sie uns „entgegenspringt“ grundsätzlich beeinflusst, ob und wie wir uns im Alltag bewegen, dann kann uns ein Hügel, eine Wiese oder ein Weg zur Bewegung anstupsen. Ein am Boden liegender Baumstamm, eine Bordsteinkante, allein eine Bänderung im Pflaster können Lust machen, darauf zu balancieren. Eine freie Wiese kann dazu einladen, einfach loszurennen oder sich über den Rasen zu rollen. Genauso ermuntern uns schöne breite Fußwege eher dazu, zu Fuß zu gehen als schmale, zugeparkte Gehsteige.

 

„Dürfen“ statt „müssen“? - Bewegungsfreude statt Bewegungsmangel

Der Mensch ist zwar darauf gepolt, Energie – und damit Bewegung – zu sparen. Andererseits brauchen wir Bewegung. Abgesehen von der Notwendigkeit von Bewegung zur Gesunderhaltung ist uns eine Lust an Bewegung angeboren: Ein Bedürfnis an zweckfreier Bewegung als Ausdruck von Lebensfreude, Entdeckergeist und Neugier. Ein „Sich-bewegen-Wollen“ statt „Sich-bewegen-Sollen“. Nur so lassen sich auch uralte Bewegungsformen wie Tanz und Spiel begründen. - Allerdings haben wir uns dieses natürliche Bewegungsbedürfnis offenbar oft abtrainiert. Eine Rolle spielen hier unter anderem der frühe Sitzzwang in der Schule und das in unserer Gesellschaft allgemein hohe Ansehen intellektueller gegenüber körperlicher Arbeit, aber auch die Vorstrukturierung und Kanalisierung von Bewegung in bestimmten Zeitfenstern (z.B. Sportunterricht, Work-Out), Räumen (Sportanlagen, Geräte) und Bewegungsformen (Sportarten).

Bewegung ist viel mehr als sportliche (= spezifische, vorstrukturierte) Aktivität. Bewegung ist lernen, erfahren, sich ausdrücken - sich fortbewegen im wahrsten Sinne des Wortes. Handlungsfreiheit, Unabhängigkeit und Teilhabe sind wesentliche Ergebnisse eines breiten Bewegungsrepertoires. Je vielfältiger die Bewegungserfahrungen, desto umfangreicher das Bewegungsrepertoire, die Risikokompetenz und das individuelle Selbstbewusstsein[4].

Wenn es immer mehr vorgegebene, „konsumierbare“ Bewegungsangebote gibt – während Wiesen, Kletterbäume, Flussufer mit flachen Steinen und einladende Fußwegeverbindungen immer knapper werden – könnte es sein, dass wir die Fähigkeit verlieren, unseren eigenen Antrieb zu finden, uns auf unsere ganz eigene Art zu bewegen: „einfach so“, weil es Freude macht, weil Bewegung kreativer Ausdruck ist oder spielerischer Wettkampf. Dafür braucht es entsprechende Frei-Räume.

 

Vier Möglichkeiten der Gestaltung bewegungsfreundlicher Freiräume

Im städtischen Raum, in dem sich vielfältigste Funktionen und Ansprüche drängen, sind solche „freien Räume für freie Bewegung“ knapp. Umso wichtiger ist es, diese zu erhalten und zu gestalten und Alltagsbewegung in den Fokus zu rücken. Dabei lässt die Konzentration der unterschiedlichsten Nutzungsansprüche im begrenzten Stadtraum ein ausreichendes Raumangebot für freie Bewegung kaum zu. Deshalb haben hier auch explizit gestaltete Bewegungsorte und Geräte ihre Berechtigung. Vier grundsätzliche Wege lassen sich unterscheiden und kombinieren:

  1. Die natürliche Geländemorphologie für die Bewegung nutzen. Bewegungsförderung in Hannover sieht anders aus als in Stuttgart. Flache Wiesen, Flussufer mit Steinen oder Stadtwälder mit liegen gelassenen Baumstümpfen bieten genauso Möglichkeiten für Bewegung wie Hügel, Treppen und steile Anstiege. Jeder Ort bewegt uns auf seine Weise.
  2. In ausgewählten Bereichen das Gelände modellieren.
     Es ist teuer, einen ebenen Sportplatz in einem engen Talraum zu bauen und aufwändig, Hügel zum Mountainbiken oder Skaten im Flachland aufzuschieben. Dennoch werden entsprechende Bewegungslandschaften gerne angenommen und haben deshalb als punktuelle Maßnahmen Berechtigung. 
  3. Unterschiedliche Freiraumtypen für diverse Bewegungen denken und nutzen.
    Parkanlagen und Stadtwälder sind „klassische Freiräume für Freizeit(fort)bewegung“: Joggen, Radfahren oder Spazierengehen ist hier normal. Genauso bieten freie Flächen auf Plätzen oder in Parkanlagen Raum für Spiel und kreative Bewegungsformen. Eine nette Aufforderung „Rasen bitte betreten“ kann hier einen kleinen Anstupser geben, genauso wie kleine Bewegungsangebote, Schilder oder Apps dabei helfen können, die Lust an freier Bewegung wieder zu entdecken, wenn sie entsprechend gestaltet sind. Passende Kommunikationsformen, die inspirieren und zu eigenem Entdecken motivieren statt Bewegung zu stark vorzustrukturieren, sind hier zu finden.
    In anderen Freiraumtypen - beispielsweise auf Friedhöfen oder in historischen Gartenanlagen – ist eine Art „Bewegungsknigge“ kaum diskutabel. Während Spaziergänge und leise Bewegung hier möglich sind, lässt sich lautes Skaten oder Mountainbiken mit der spezifischen Raumatmosphäre nicht vereinbaren.
     Auch und gerade Straßenräume sind potenzielle Bewegungs- und Begegnungsräume. Einladende und durchgängig gestaltete Fußwegenetze mit Bäumen und breiten Wegen sind der einfachste und oft zu gering geschätzte „Schritt“, um Bewegung im Alltag zu ermöglichen und so wieder schätzen zu lernen. Das geht nur, wenn der fließende und vor allem auch der stehende Autoverkehr eingeschränkt werden. Warum nicht die Fußgängigkeit von Entwürfen zu einem harten Auswahlkriterium bei der Sanierung von Plätzen und dem Umbau von Straßen machen?
  4. Spiel- und Sportgeräte.
     Genauso wie wir in einer verdichteten Stadt Kinderspielplätze brauchen, um Flächen für freies Spiel zu ergänzen (nicht zu ersetzen!), bieten frei zugängliche Bewegungsanlagen auch Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren Raum und Inspiration für gemeinsame Bewegung und Spiel. Sowohl multifunktionale Geräte für vielfältige, freie Bewegungen als auch monofunktionale Angebote, die bestimmten Bedürfnissen entsprechen, haben ihre Berechtigung. Nicht jede Anlage muss beides bieten. Entscheidend ist sind die jeweils ortsspezifischen Gegebenheiten vor dem Hintergrund des gesamtstädtischen Angebotes.
  5.  Vier Ansatzpunkte für eine bewegungsförderliche Freiraumgestaltung :

natürliches Gelände

modelliertes Gelände

gestaltete Freiräume

animierende Geräte

Bewegungserfordernisse und damit unser Bewegungsrepertoire ergibt sich aus der Beschaffenheiten unserer Umwelt. Der Ort, an dem wir aufwachsen „steckt uns in den Knochen“. 

Im Detail können besonders „bewegungs-animierende“ Landschaften gestaltet werden. Die Bewegung im Raum wird zum Thema der Landschaftserfahrung mit allen Sinnen.

Es existiert ein breites Spektrum unterschiedlicher Freiraumtypen, die hinsichtlich ihrer Bewegungsqualitäten analysiert und diskutiert werden sollten.

Moderne Geräte werden mit strengen Sicherheitsauflagen konzipiert und permanent gewartet. Sie treffen den Geschmack der Zeit und spezieller Zielgruppen.

Flachland bietet ganz andere Reize als bergiges Gebiet. Das Wissen der Landschafts-architektinnen und Bewegungsförderer trägt dem bisher wenig Rechnung.

Bau und Pflege der geschaffenen Landschaften erfordern einen entsprechenden Etat und Unterhalt. Wo welche Bewegungslandschaften auf Kosten anderer Maßnahmen geschaffen werden sollen bedarf einer politischen Diskussion. 

Besonderes Augenmerk brauchen Straßen, Wege und Verbindungsflächen. Die Priorisierung des raumeinnehmenden Autoverkehrs drängt bisher häufig muskelbetriebene Mobilitätsformen zurück. 

Nicht alle Geräte, die kurzfristig gewünscht und „in“ sind nachhaltig bewegende Investitionen. Der Lebenszyklus vom Hype-Gerät zum „Ladenhüter im Freiraum“ muss beobachtet und abgewogen werden. 


 

Wir brauchen eine vielfältige Bewegungskultur 

Es liegt auf der Hand: Ein so komplexes Phänomen wie das der menschlichen Bewegung braucht eine ebenso komplexe Berücksichtigung.

Die Gestaltung von Freiräumen für freie Bewegung –  einschließlich und insbesondere der Straßenräume – leistet einen grundlegenden Beitrag, sozusagen die Voraussetzung für Bewegung. Doch allein damit ist es nicht getan:

Eine Sensibilisierung für die räumlichen Gegebenheiten findet nur über die direkte körperliche Auseinandersetzung mit der Umwelt statt[5]. Bewegung muss also von frühester Kindheit an im Zentrum der Erziehung stehen. Wir brauchen mehr Investitionen in die Förderung freier Bewegungsentwicklung, statt diese auf standardisierte und reglementierte Sportarten und -anlagen oder den Leistungssport zu konzentrieren

„Anstupser für mehr Bewegung“ sind nicht nur materieller Art: Kommunikation und (Bild)Sprache sind von grundlegender Bedeutung. Neue Medien ermöglichen es, sich zu gemeinsamer Bewegung zu finden – einer der stärksten und freudvollsten Anlässe für Bewegung und Spiel. Bewegungs-Apps können Ideen und Motivation bieten, die wir nicht mehr brauchen, wenn wir es wieder gelernt haben, uns frei und lustvoll zu bewegen.

Und ganz grundsätzlich ist zu bedenken: Wie Bewegung bzw. das „Bewegungs-Problem“ in der Gesellschaft diskutiert und kommuniziert wird, formt unser Verhalten und unser Verhältnis zu Bewegung. Wenn wir immer wieder vom „Müssen“ und „Mangel“ hören, bleibt Bewegung in unseren Köpfen eine „Strafe“ oder „Pflicht“. Jedes Wort bewegt, oder auch nicht. 

 

[1] World Health Organization WHO (2018): worldwide trends in insufficient physical activity from 2001 to 2016: a pooled analysis of 358 population-based surveys with 1.9 million participants, Lancet Glob Health 2018; 6: e1077–86Published Online, September 4, 2018 http://dx.doi.org/10.1016/S2214-109X(18)30357-7


[2] Burckhardt, Lucius (1991): Ein Problem wird ein Bau – das übliche politisch-fachliche Entscheidungsverfahren, in: Institut für Grundlagen der Planung, Universität Stuttgart, Symposiumsbericht, Eigen Verlag Stuttgart, S. 39-43.


[3] Thaler, Richard, H.; Sunstein, Cass R. Budge (2014): Wie man kluge Entscheidungen anstößt, Ullstein Verlag, Berlin. 4. Auflage


[4] Gebhard, Ulrich (2016): Zusammenhang von Persönlichkeit und Landschaft. S. 169-184. In: Gebhard, Ulrich; Kistemann, Thomas (Hrsg.): Landschaft, Identität und Gesundheit - Zum Konzept der Therapeutischen Landschaften, Springer-Fachmedien, Wiesbaden. 


[5] Weizäcker, Viktor von (1997): Der Gestaltkreis, Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. Gesammelte Schriften, Beiträge von 1931 bis 1948. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main.


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