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Playground@Landscape

Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Wieviel Norm braucht der Spielplatz?

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© HAGS-mb-Spielidee GmbH

Werden Spielplätze zu Sicherheitshochburgen? Ziel der Norm muss es sein, Kindern vielfältige Erfahrungen auf dem Spielplatz zu ermöglichen. Dazu gehört ein altersgerechtes, wahrnehmbares Risiko. „Ausschließlich Gefahren, die unkontrollierbar oder nicht wahrnehmbar sind, sollten von der Norm geregelt werden. Wir müssen Kinder in die Lage versetzten, Risiken zu erkennen und zu beherrschen. Diese Erfahrungen sind grundlegend für das weitere Leben, sei es in der Freizeit, im Verkehr oder auch im Berufsleben“, sagt Spielplatzsicherheitsexperte Franz Danner (TÜV Süd Product Service).

 

Die Fachzeitschrift Playground@Landscape führte ein Expertengespräch zu diesem Thema mit: Franz Danner (TÜV Süd Product Service GmbH), Hermann Städtler (Bewegte Schule Niedersachsen), Tilo Eichinger (Geschäftsführer eibe Produktion + Vertrieb GmbH & Co. KG. und 1. Vorsitzender des BSFH / Bundesverband für Spielplatzgeräte- und Freizeitanlagen-Hersteller e.V.) und Hans-Peter Barz (Dipl. Ing. Landschaftsarchitekt, Leiter des Grünflächenamtes Heilbronn). Angelehnt ist diese Expertenrunde an die Podiumsdiskussion „Wieviel Norm braucht der Spielplatz?“ auf dem Seminar Bewegungsplan-Plenum in Fulda im April 2019.

 

P@L: Glauben Sie, Herr Danner, dass wirklich die Gefahr besteht, dass zu viele Normen, einen Spielplatz „übersichern“ können? Oder ist dieser Punkt vielleicht schon erreicht? 

Franz Danner: Ja, die Gefahr besteht nach wie vor. Durch die teilweise sehr ängstliche Auslegung der Norm sind die Betreiber immer stärker versucht, Spielplätze strikt nach Risikofreiheit zu bauen. 

P@L: Und sind Ihrer Meinung nach die Bedürfnisse der Kinder ausreichend im Normenausschuss vertreten oder dominieren dort eher die „Sicherheitsfanatiker“? 

Franz Danner: Es fehlen Pädagogen, die tagtäglich mit den Kindern in Kontakt stehen, und die deren Bedürfnisse stark in die Normung einbringen können. 

 

P@L: Wie sehen Sie von der Herstellerseite die Diskussion, Herr Eichinger? Haben die strengen Sicherheitsnormen für Sie nicht auch den Vorteil, dass dadurch viele preisgünstige ausländische Spielgeräteanbieter z.B. aus Fernost aus dem Markt herausgehalten werden? Und liegt ein Teil der international allgemein geachteten guten Qualität von Spielgeräten aus Deutschland nicht auch darin, dass ein hohes Maß an Sicherheitsstandards bei Spielgeräten herrscht, dass anderswo nicht unbedingt gewährleistet werden kann?

Tilo Eichinger: Wenn ein Anbieter die einschlägigen Normen und Standards nicht anwendet, haben seine Produkte am Markt nichts verloren. Sie wollen auch keinen Fön, der anfängt zu brennen oder dessen Stecker nicht passt. Das Motiv diese Norm zu haben hat andere Gründe als den Markt abzuschotten. Ich sehe es eher umgekehrt, dass wir als exportierende Unternehmen sehr hohe Standards einhalten, die es zum Teil aus preislichen Gründen dann nicht leichter machen im Export noch attraktiv zu sein. Allerdings weiß jeder Kunde, der „Made in Germany“ einkauft, was er zu erwarten hat. Die deutschen Hersteller haben hervorragende Produkte und wir werden geschätzt dafür. Billig kauft in Deutschland sicher niemand. Aber das hat bekanntlich andere Gründe. 

 

P@L: Herr Städtler, denken Sie, dass Kinder durch übernormierte Spielplätze in ihrem Bewegungsdrang und damit an ihrer Entwicklung gehindert werden? Stellen Sie vielleicht in Ihrem eigenen beruflichen Umfeld selber damit verbundene Veränderungen im Verhalten der Kinder fest: Veränderung der Risikobereitschaft, geringere Risikokompetenzen, fehlende körperliche Voraussetzungen, soziales Verhalten?

Hermann Städtler: Normen entstehen in meiner Wahrnehmung zunächst in der Absicht, schwere Unfälle durch vermeidbare Fehler zu verhindern. Da Normen primär auf die Verhältnisse zielen, entsteht der Eindruck, dass Sicherheit so entsteht. Dabei ist es ganz anders: Sicherheit entsteht immer erst im Zusammenspiel von Verhältnissen und Verhalten. Das Verhalten von Menschen in Abhängigkeit von Verhältnissen ist schwierig voraussehbar, aber es ist die entscheidende Komponente hinsichtlich des Risikos, das Menschen eingehen wollen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es ihnen Rückmeldung über eigene Qualitäten, Möglichkeiten und Grenzen gibt. Ich weiß durch langjährige Sicht auf Schulhöfe, dass sich Kinder durch übernormierte Spielplätze in ihrem Spieldrang nicht hindern lassen. Ihnen sind die Normen im Zuge einer Gefährdungsbeurteilung vollkommen egal. Sie nutzen die Spielplätze als Freiräume ihrer Spielideen, ohne auch nur etwas über das Kopfzerbrechen über mögliche Risiken der Planer*innen zu erfahren. Spiel ist für sie Lebensspiel, ein Kinderspiel, ganz praktisch, ungeplant und von ihrer Neugier gesteuert. Allerdings erhöhen sich die Lernchancen in Abhängigkeit von der Qualität des Freiraums, zum Beispiel in schulischem Kontext. 

 

P@L: Herr Barz, auf einer vergangenen Bewegungsplan-Veranstaltung berichteten Sie von einem Spielplatz-Projekt in Ihrer Stadt, welches laut Normen und Prüfern sicher war, wo aber Eltern und Anwohner sich beschwert hatten, dass es ihrer Meinung nach ein zu unsicherer Spielplatz sei. Anschließend wurde das Projekt dann tatsächlich „entschärft“, obwohl es laut Norm nicht nötig war. Was war denn Ihre persönliche Meinung bei diesem Vorgang, hatten Sie Verständnis für die Eltern und Anwohner oder hielten Sie deren Vorgehen doch eher für übertrieben?

Hans-Peter Barz: Zunächst einmal möchte ich hier feststellen, dass das Projekt nicht entschärft worden ist. Ich habe jedoch ein zweites TÜV-Gutachten erstellen lassen, welches die Einhaltung aller einschlägigen Sicherheitsvorschriften bestätigt hat. Dieses Ergebnis habe ich dann sowohl innerhalb der Verwaltung, als auch über die Medien kommuniziert. Danach ist dann Ruhe eingekehrt. Der Spielplatz wird seitdem sehr gut angenommen und wir haben bislang auch keinen Vandalismus zu verzeichnen, was bei dem schwierigen sozialen Umfeld sehr bemerkenswert ist. Für die Eltern und Anwohner hatte und habe ich keinerlei Verständnis. Sie müssten doch eigentlich froh darüber sein, dass wir ihren Kindern mitten in der Stadt so attraktive Spiel-, Bewegungs- und Erfahrungsräume zur Verfügung stellen, damit sie sich gesund entwickeln können. Ich habe eher den Eindruck, dass die heutige Elterngeneration schon überbehütet aufgewachsen ist. Es ist also kein Wunder, wenn sich diese Eltern dann über vermeintliche Risiken auf Spielplätzen beschweren, weil sie selber nicht mehr gelernt haben mit gewissen Risiken und vermeintlich gefährlichen Situationen umzugehen, die aber aus spielpädagogischer Sicht absolut notwendig sind.

 

P@L: Was macht für Sie eigentlich einen „guten Spielplatz“ aus?

Tilo Eichinger: Den idealen Spielplatz gibt es so nicht, aber es gibt wiederkehrende Grundpfeiler. Die Frage kann ich jedoch hier in der Kürze nicht ausreichend beantworten und würde eine Expertendiskussion hier sehr begrüßen. Aber in Kürze: Ein guter Spielplatz ist ausreichend groß, ist sauber und gepflegt, verbindet Gerätschaften mit Landschaftsbau und natürlicher Gestaltung. Je mehr Spielwerte und kreative Produkte umso besser. Wasser und Sand bieten super Spielmöglichkeiten. Es gibt ausreichend Schatten durch Bäume oder künstliche Beschattung und das Spielangebot ist vielfältig und spricht möglichst viele Altersstufen an, inkl. der Bedürfnisse von Erwachsenen. Wünschenswert wäre, wenn in regelmäßigen Abständen einzelne Geräte ausgetauscht werden würden, um den Platz frisch zu halten. Um dem Bedürfnis der Selbstwirksamkeit von Kindern nachzukommen wären natürlich Baumaterialien genial, die wir vor allem an öffentlichen Plätzen leider kaum anbieten können. Wenn dann noch eine Toilette in der Nähe ist, kommen wir einem guten Spielplatz schon sehr nahe.

 

P@L: Und was macht für Sie ein guter Schulpausenhof aus? Inwiefern sind Normen dabei für Sie unterstützend und inwiefern hinderlich?

Hermann Städtler: Vor dem Hintergrund der gravierenden Veränderungen im Leben von Heranwachsenden und der Bedeutung von Bewegung kommt den Außenräumen eine besondere Bedeutung zu. Erst wenn sie anforderungsreich als Lernlandschaft gestaltet sind, werden sie für die Schüler*innen spannend. Sie sind in mehrfacher Hinsicht Freiräume, in denen die Schüler*innen weitgehend selbstbestimmt agieren und ihr Bewegungsverlangen und ihre Bewegungsfreude erleben können. Grundsätzlich sollte das gesamte Gelände die motorischen Grundfertigkeiten ansprechen. Bei der Gestaltung sind Spielwert, Aufenthaltsqualität und motorischer Anspruch zu bedenken. Diese Qualitäten machen den Pausenhof zu einem erstklassigen Selbstlernraum und sorgen dafür, dass Schüler*innen nicht nur auf dem Schulhof passiv verweilen, sondern sich aktiv zusammen mit ihren Mitschüler*innen verhalten. Ein besonderer Anreiz geht immer von den Möglichkeiten aus, sich mit Risiko und Wagnis selbsttätig handelnd auseinander zu setzen. Die Verhältnis- und die Verhaltensprävention stehen in einer engen Wechselbeziehung. So macht es bei der Planung von Pausenhöfen großen Sinn, diese Wechselbeziehung mitzudenken, um einerseits eine konkrete Gefährdung durch kritische Verhältnisse abzuwenden und andererseits für ausreichende Erfahrungsmöglichkeiten als Voraussetzung für die Bildung der Selbstsicherungskompetenz zu sorgen. Im Umgang mit Normen ist uns Pädagogen*innen neben der Frage nach Sicherheit sehr an einem lösungsorientierten Umgang gelegen. Normen sollen schließlich dazu beitragen, den Schüler*innen den Umgang Risiken und Wagnissen zu ermöglichen. 

 

P@L: Wie beurteilen Sie den heutigen Stand der Sicherheitsnorm und die Aufgabe an die Spielplatzprüfer? Haben wir hier einen funktionierenden Standard erreicht?

Franz Danner: Die Ausbildung zum Spielplatzprüfer ist noch vergleichsweise schematisch. Es werden Normeninhalte gelehrt und betrachtet. Wesentlich ist jedoch auch die Befähigung zur Risikobewertung. Eine 100%ige Einhaltung der Normen ist kaum möglich. Unkritische Abweichungen sollten daher von den Prüfern erkannt und benannt werden. Das Beharren auf unwichtigen Anwendungen verringert häufig notwendige Spielwerte. 

 

P@L: Wie beurteilen Sie den heutigen Stand der Sicherheitsnorm und die Aufgabe an die Spielplatzprüfer? Ist alles schon viel zu kleinlich und bürokratisch geworden - und ist eher einengend als nützlich?

Tilo Eichinger: Das Sicherheitsniveau auf Spielplätzen ist hervorragend und bedarf keiner grundsätzlichen Verbesserung. Diese Tatsache ist ein Verdienst der Herstellern. Wenn ein Spielplatzprüfer ein Gerät sperrt, weil er meint er macht die Arbeit des Herstellers oder TÜV noch einmal, dann hat er seine Aufgabe missverstanden, was leider häufig passiert. Ich finde es nützlich, aber in vielen Fällen kleinlich und bürokratisch. Wir brauchen Pragmatismus und keine Prüfer, deren Geschäftsmodell auf Angst baut und die hinter jedem Busch den schwarzen Mann sehen wollen, das ist Geldschneiderei. Ich finde aber es liegt in der Macht des Kunden, wen er als Prüfer beauftragt. 

 

P@L: Ist der Zuwachs an Sicherheitsnormen nicht auch ein Resultat von der Zunahme von „amerikanischen Verhältnissen“ in unserem Rechtsdenken und Rechtssystem? Dass jeder jeden verklagen kann und daher jeder Angst davor hat verklagt zu werden? Und dass der Druck auf Spielplatzbetreiber, Spielgerätehersteller und Spielplatzprüfer daher so groß ist, dass der Umfang der Norm versucht dem zu entsprechen? 

Franz Danner: Während die subjektive Wahrnehmung eine Verschärfung von Rechtsstreitigkeiten erkennen will, zeigt meine tägliche Praxis im Umgang mit Gerichten eher das Gegenteil. Die meisten Richter sind mit gesundem Menschenverstand ausgestattet und die Urteile werden mit Augenmaß getroffen. Aber die Angst vor der Verantwortung nimmt bei den Betreibern zu. Auch die Spielplatzprüfer unterliegen teilweise dieser Angst, wodurch ein sehr enges Auslegen der Norm erfolgt. 

 

P@L: Welche Auswirkungen hat die zunehmende Normenzentrierung auf die Prozesse in der Kommune, beispielsweise Neuplanung, Vielfalt, Unterhalt, Motivation der Agierenden? Schränkt das die Arbeit sehr ein?

Hans-Peter Barz: Ich habe eher positive Erfahrungen mit Normen und Vorschriften gemacht. Gerade die DIN 18034, also die Planungsnorm für Kinderspielplätze bietet insbesondere in ihrer aktuellen Überarbeitung allen Planerinnen und Planern eine fundierte und sehr hilfreiche Checkliste für die Planung und den Bau von attraktiven, sicheren und neuerdings auch barrierefreien Kinderspielplätzen. Also hier liegt sicher nicht das Problem.

 

P@L: Glauben Sie, dass der Zuwachs an Normen und Richtlinien wirklich einzig und allein ein Ergebnis ist, das durch einen Mangel an Sicherheit und starker Unfallgefahr erforderlich wurde oder glauben Sie, dass es auch ein Resultat eines allgemein steigenden Sicherheitsbedürfnisses in der Gesellschaft ist (Stichwort „Hubschraubereltern“, „German Angst“)?

Hermann Städtler: Nein, wir haben aus meiner Sicht keinen Mangel an Sicherheit. Die Statistiken zum Unfallgeschehen auf Spielplätzen belegen, dass nur ca. 10% des ohnehin geringen Unfallaufkommens auf mangelhaften Verhältnissen beruhen, während 90% der Unfälle verhaltensbedingt entstehen. Ich bin in diesem Zusammenhang immer wieder erstaunt über den Reflex vieler Fachleute, die im Zuge von Unfällen vordergründig  noch sicherere  Spielplätze fordern, statt daran zu denken, den Verhaltensbereich als Regulativ für den Umgang mit Risiken anzusprechen. Es käme vielmehr darauf an, den heranwachsenden mehr Gelegenheiten zum selbstverantwortlichen Umgang mit Risiko und Wagnis zu ermöglichen. Verhaltensprävention mit dieser Ausrichtung beginnt mit der wesentlichen Entscheidung, Kindern eigene Erfahrungen zuzugestehen. Frau Prof. Renate Zimmer bringt es auf den Punkt: „Das Fallen lernt man nur von Fall zu Fall“. Diese Erfahrung kann durch keine Norm inspiriert oder gar ersetzt werden. Sicher führt auch die aktuelle gesellschaftliche Situation zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung, besonders der Eltern. Die Verunsicherung hinsichtlich des richtigen Maßes an Sicherheit für ihre Kinder ist groß und hat hemmenden Einfluss auf die Mobilität von Kindern. Dabei trägt eine übersicherte Umwelt dazu bei, Kinder in Sicherheit zu wiegen und ihnen ihren forschenden Umgang mit Risiko und Wagnis abzugewöhnen. Zudem erhöht sich das Unfallpotential, denn die Kinder fühlen sich unterfordert und vernachlässigen ihre selbstsichernden Potentiale. Sie verlernen durch Unterforderung, auf sich selbst aufzupassen. 

 

P@L: Ist es aus Ihrer Erfahrung so, dass Hersteller von Spielgeräten durch die bestehenden Spielplatznormen in ihren Ideen gebremst werden und Spielgeräte damit an Spielwert verlieren?

Tilo Eichinger: Grundsätzlich möchte ich festhalten, dass es sehr gut ist, dass wir unsere Norm haben und wir erhalten Anerkennung auf der ganzen Welt dafür. Folgende Aspekte sehe ich allerdings: Eine komplizierte Norm muss von einem Produktentwickler und Planer natürlich verstanden und angewendet werden. Je komplizierter sie ist, umso mehr wird nicht mehr um die gute Idee diskutiert sondern darum, ob die Norm dies oder das zulässt. Gute Ideen werden dadurch ausgebremst, weil man mit einer Gehirnhälfte immer in normativen Anforderungen steckt. Das bremst Kreativität. Ich denke unsere Branche lebt von guten Ideen und interessanten Produkten. 

Weiterhin gibt es besonders bei Bewegungs- und Risikorelevanten Spielwerten zwischenzeitlich sehr starke Einschränkungen zugunsten einer sehr ausgeprägten Sicherheitskultur. Es liegt in der Natur des Heranwachsens, dass Kinder unterschiedliche körperliche Fähigkeiten haben. Heute wird primär eine Sicherheits- und Risikominimierungsdiskussion geführt. Der Nutzen und die hohe Bedeutung von Risiko und die damit verbundenen Erfahrungen als Lebenskompetenz eines Menschen kommen für mich zu kurz. Dahinter steckt allerdings die Akzeptanz einer Gesellschaft, ob man zum Beispiel eine Beule oder Platzwunde als wichtige Lebenserfahrung akzeptiert oder als Grund zu einem Rechtstreit vor Gericht sieht. Fakt ist, dass wir heute so gut wie keine nennenswerten Unfälle auf Spielplätzen mehr haben. 

Ein letzter Aspekt sind die steigenden Kosten die durch höhere Sicherheitsanforderungen entstehen. Wenn das Budget begrenzt ist, dann kauft der Kunde mehr Sicherheit und weniger Spielwert. Meines Erachtens sind wir hier deutlich am oberen Rand angekommen und haben Spielraum für Entschärfungen ohne die Unfallgefahr zu erhöhen. 

 

P@L: Fehlt den heutigen Planern von Kinderspielplätzen die Erfahrung, bei der Berücksichtigung der einschlägigen Normen trotzdem Spielplätze mit entsprechend hohem Spielwert und kalkulierten Risiken zu planen? Oder ist es durch die vielen Normen schlichtweg gar nicht möglicheinen Spielplatz mit hohem Spielwert und Förderung der Risikokompetenz einzurichten?

Hans-Peter Barz: Die heutigen Planer von Kinderspielplätzen brauchen eine kompetente Begleitung und Hilfestellung, sowohl von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen als auch von Spielpädagogen. Aber auch hier ist die DIN 18034 in ihrer aktuellen, überarbeiteten Fassung sehr von Nutzen. Sie ist leider nur zu wenig bekannt. Das muss sich dringend ändern.

 

P@L: Wie wirkt sich die Forderung nach barrierefreien Spielplätzen auf deren Qualität zur Erlernung von Risikokompetenz bzw. auf den Spielwert aus? 

Hermann Städtler: Grundsätzlich geht es um die Teilhabe aller Menschen an allen Lebensbereichen. Die wichtigste Voraussetzung ist der Abbau von Barrieren im Kopf. Inklusion wirkt in jede Richtung, jeder Mensch einer Gruppe ist beteiligt. Es geht um die Ermöglichung von Selbstwirksamkeit durch Spiel und Bewegung, statt um Behinderung und Ausgrenzung. 

Bezogen auf Spiel- und Bewegungswelten bedeuten diese Überlegungen, dass zunächst die Erreichbarkeit der Spiel- und Bewegungssituationen für alle gewährleistet sein muss. Spielplätze dürfen durchaus überwindbare „Barrieren“ oder Hindernisse aufweisen, denn sie sind lohnende Herausforderungen zum interaktiven Miteinander. Spezialgeräte, z.B. Schaukelkäfige stigmatisieren und behindern im gemeinsamen Spiel. 

Jedes Kind braucht die Auseinandersetzung mit Risiko und Wagnis. Das Abwägen zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und der Aussicht nach bewältigtem Wagnis ein Gefühl großer Freude zu erleben, begleitet ihr Lernen durch Versuch und Irrtum. 

Es gilt für alle Kinder: Solange wir die Spielenden mit oder ohne Beeinträchtigung in Watte packen, verhindern wir den selbstbestimmten Umgang mit Risiko und Wagnis. 

 

Fazit der Gesprächsrunde

P@L: Herr Danner, was ist denn in Ihren Augen zu tun, damit eine Übersicherung gestoppt bzw. verhindert werden kann? Gibt es überhaupt einen Ausweg? 

Franz Danner: Die Übersicherung kann nur durch Aufklärung der Handelnden geschehen. Die Erkenntnisse von Forschern und Wissenschaftlern müssen noch stärker publiziert werden. Diese Erkenntnisse müssen auch in die Ausbildung von Spielplatzprüfern einfließen. Zudem sollten Unfallursachen und Statistiken den Handelnden die Angst vor unkontrollierbarer Verantwortung nehmen. 

 

P@L: Wie sieht Ihre Zukunftsprognose aus: werden sich die Normen in Zukunft eher entschärfen oder werden sie noch weiter zunehmen und spezifiziert? 

Franz Danner: Erste Ansätze zum Entschärfen sind im europäischen Normenausschuss versucht worden. So wurde ein Beschluss gefasst, zukünftig neue Forderungen nach Sicherheitsregeln nur dann zu behandeln, wenn die Notwendigkeit stark belegt wird. Auch sollten alle Anforderungen nach ihrer Sinnhaftigkeit untersucht werden. Allerdings ist dieser Prozess sehr langwierig und aufwändig. Und ob die derzeit in der Entstehung befindlichen ISO-Normen für Spielplatzgeräte eine Entschärfung bringen, bleibt abzuwarten.

 

P@L: Und Ihre Zukunftsprognose, Herr Eichinger: werden sich die Normen in Zukunft eher entschärfen? 

Tilo Eichinger: Nun, der BSFH stellt mit Diplom-Ingenieur Andreas Strupp den Obmann des Normenausschusses, der eine hervorragende Arbeit macht. Jetzt könnte man meinen, dass alles vorgenannte ja durch uns gestaltet werden kann. So einfach ist es aber leider nicht. Ausschüsse sind mit Menschen besetzt, die allesamt unterschiedliche Sichtweisen und Interessen haben. Der Obmann kämpft sehr häufig um Kompromisse. Ich kann die Mitglieder des Ausschusses nur mahnen wieder mehr Pragmatismus und Vereinfachung in den Vordergrund zu stellen, als die zügellose Regelungswut einzelner Teilnehmer, die dann auch noch mit einem „Null- Risiko- Paradigma“ unterwegs sind.  Der Effekt ist dann leider teuer und nützt den Kindern auf lange Frist auch nicht. Der BSFH wird sich dafür einsetzen, dass unnötige oder komplizierte Passagen entfernt oder vereinfacht werden. Ich bin da jetzt mal positiv und sage, dass das gelingt. 

 

P@L: Wie sieht Ihre Zukunftsprognose aus, Herr Städtler!

Hermann Städtler: Ich befürchte, eine zunehmende Normierung als trügerische Antwort auf das steigende Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Wünschenswert wäre eine Optimierung und Entspannung des Zusammenspiels von menschlichem Verhalten und den dazugehörigen Verhältnissen. Es geht schließlich darum, menschliches (Zusammen)-Spiel und Bewegungsfreude durch Normen zu ermöglichen, statt zu behindern. 

 

P@L: Herr Barz, wie sehen Sie diesbezüglich die Ihre Zukunft?

Hans-Peter Barz: Ich denke Normen und Vorschriften müssen auch auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Für Spielplätze gilt die Devise, einen möglichst hohen Spielwert sowie kalkulierbare Risiken zuzulassen und zu ermöglichen. Ob die Normen eher entschärft werden oder noch weiter spezifiziert, hängt ja auch von Erfahrungen in der praktischen Anwendung und wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Wenn es aufgrund neuer Erkenntnisse einen Regelungsbedarf gibt, müssen auch die Normen reagieren. Die bestehenden Normen für Spielplatzgeräte sowie die 18034 halte ich für sehr gut und unverzichtbar für unsere tägliche Arbeit.

 


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