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Playground@Landscape

Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Die Matrix – Einordnung und Bewertung von inklusiven Spielräumen

Vom Arbeitskreis Inklusion (Lothar Köppel, Andreas Aschmann, Marc Bähring , Wolfgang Keiner, Jörg Prechter, Mandy Schönfeld, Peter Schraml, Ulrich Paulig, Svenja Thomsen))

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© Arbeitskreis Inklusion

Inklusion ist in aller Munde, in allen Bereichen des öffentlichen Zusammenlebens, in Schule, Universitäten auf der Arbeit und auf dem Weg dorthin gilt es ein echtes Miteinander zu ermöglichen. Dabei muss unter dem Begriff „Inklusion“ weit mehr als die Integration von „Ausgegrenzten“ verstanden werden. So soll gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 jedem Menschen die uneingeschränkte, selbstbestimmte, gleichberechtigte Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben ermöglicht werden. Es stellt sich dabei jedoch sofort die Frage, wie dieser Gedanke sinnvoll auf Spielplätze angewendet werden kann. Bedeutet dies, dass alle Geräte nun für alle Menschen benutzbar gemacht werden müssen? Würde dieser Ansatz nicht dazu führen, dass vielleicht sogar wertvolle Angebote mit hohem Spielwert und Herausforderungen beschnitten würden, dass sogar Spielplätze drohten für alle Kinder unattraktiv und langweilig zu werden?

Die körperlichen und geistigen Einschränkungen sind so unterschiedlich wie das Leben selbst. Hier für jede spezifische Kombination von Fähigkeiten entsprechende Spielgeräte zu entwickeln und aufzustellen gliche einer Materialschlacht, die weder ästhetisch, finanziell – schon aber bereits aufgrund der begrenzten Ressource Raum nicht umsetzbar erscheint und nicht das gewollte Ergebnis bringt, wie die Umsetzungen der letzten Jahre verdeutlichen,…

Wir müssen also für attraktive, herausfordernde und spannende Spielplätze neue Annahmen, ja Definitionen treffen, wie dies erreicht und umgesetzt werden kann.

Im Arbeitskreis Inklusion des NA Sport - NA 112-07-01 AA Spielplatzgeräte, der sich die letzten zwei Jahre intensiv mit der Thematik befasst hat, wurden daher folgende Grundannahmen getroffen:

 

  • Angebote für alle:
     Nicht alle müssen alles können, aber es muss für alle ein Angebot vorhanden sein,…(möglichst viele unterschiedliche Sinne ansprechen)
  • Fähigkeiten der Nutzer:
     Wir berücksichtigen Kinder / Betreuer, die auch sonst in der Lage sind, ihren Alltag aus eigener Kraft zu bewältigen,… Kinder / Betreuer, die auf Unterstützung angewiesen sind, haben diese auch auf dem Weg zum Spielplatz und auf dem Spielplatz,….
  • Gleiche Sicherheit für alle:
     Es sollen für alle Nutzer Herausforderungen vorhanden sein – im Umkehrschluss werden dadurch auch Verletzungen für Behinderte wie für Nicht-Behinderte in Kauf genommen – gleiches Recht für alle,…

 

Der Entwicklung eines geeigneten Bewertungssystems lag ein vollkommen neuer Ansatz zugrunde. Während sich bislang auf Geräte für eine spezielle Behinderung konzentriert wurde, liegt bei dem neuen Ansatz der Schwerpunkt auf der Vielfalt der möglichen Erfahrungen und angesprochenen Sinne. So wird durch ein breites Spektrum von Angeboten sichergestellt, dass auf jedem Spielplatz für jeden Sinn und für jede Fähigkeit Angebote vorhanden sind. Ist dies erreicht, sind auch für jeden Nutzer – egal ob mit oder ohne oder welcher Einschränkung auch immer, entsprechende Spielangebote und Erfahrungsmöglichkeiten gegeben.

Um diese Punkt auch nachvollziehbar bei der Bewertung von bestehenden Spielplätzen anwenden zu können aber auch ein Instrument für die Überprüfung der Vollständigkeit dieser Kriterien bei Neuplanung zu haben, musste eine einfache und übersichtliche Darstellung erarbeitet werden. Wenn die Kriterien hier eingetragen werden, sollte übersichtlich eine Art Fingerabdruck entstehen und einfach nachvollziehbar sein, wo ggf. noch welche Aspekte auf dem Spielplatz fehlen – so entstand die „Matrix“.

 

Matrix

Zur besseren Verständlichkeit ist in Playground@Landscape ein ausgefülltes Beispiel der Matrix angefügt, welches die  Bewertung eines bestehenden Spielplatzes zeigt.

So werden bei der Matrix verschiedene Bereiche einzeln betrachtet. Diese Bereiche sind vom Arbeitskreis Inklusion als Grundbedingungen definiert worden und lassen sich aufteilen zum einen in Grundbedingungen, die sich mit dem Zugang zum und die Verteilung innerhalb des Spielplatzes befassen. Zum anderen werden Grundbedingungen an die einzelnen Spielstationen / einzelnen Spielräume gestellt. Dabei gibt es Grundbedingungen, die sinnvoller- und notwendigerweise umgesetzt sein müssen und andere, die in Summe der Spielangebote erfüllt werden müssen. Es muss also nicht jedes Spielangebot immer allen Kriterien gerecht werden und trotzdem wäre ein inklusiver Spielraum möglich.

 

Grundbedingungen Spielplatz / Spielraum

  • Barrierefreier Zugang
  • Vernetzung

Grundbedingungen Station / Spielraum

  • Erreichbarkeit innerhalb der Station
  • Sinneserfahrung
  • Bewegungserfahrung
  • Soziale Aspekte

 

Da erfahrungsgemäß – gerade bei Bestandsanlagen – nicht immer alle fehlenden Aspekte auf einmal umgesetzt werden können, wurde ein dreistufiges Bewertungsmodel entwickelt. So können auch bereits gute Ansätze und Konzepte in der vergangenen Spielplatzplanung gewürdigt aber auch herausragende Spielraumkonzepte identifiziert und zukünftige Anstrengungen gebührend belohnt werden.  

Ein neues Kriterium der Matrix ist die Forderung nach unterschiedlichen Sinneserfahrungen. Sinneserfahrungen wie Handeln, Spüren, Erleben und Verarbeiten sind Grundvoraussetzungen für das Leben und Lernen. Die Sinne können deshalb grundsätzlich nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Unabhängig davon, muss es Angebote geben, die gezielter einzelne Sinne ansprechen und hier ggf. eine Verbesserung der Fertigkeiten bewirken können. Dabei werden folgende Sinne einzeln betrachtet:

 

  • Hören - Gehörsinn – auditiv
  • Sehen - Sehsinn – visuell
  • Fühlen - Hautsinn – sensorisch
  • Tasten (taktil) - Tastsinn – haptisch
  • Riechen - Geruchssinn – olfaktorisch
  • Schmecken - Geruchssinn – gustatorisch
  • Gleichgewicht - Gleichgewichtssinn - vestibulär

 

Um die Anforderungen aus der Matrix zu erfüllen, müssen dabei spezifische Angebote gemacht werden, um die einzelnen Sinne gezielt anzusprechen. Allein die Tatsache, dass ein Gerät angefasst werden kann oder bunt gestaltet ist, reicht zur Erfüllung der Anforderung Tasten oder Sehen nicht aus, hier muss weiter gedacht werden. Eine gezielte Ansprache durch verschiedene Oberflächen und Materialen eines Handlaufes könnte hingegen zur positiven Bewertung beitragen.

Neben den Sinneserfahrungen sind auch die nachfolgende Bewegungserfahrungen von Bedeutung und werden bei der Bewertung in der Matrix berücksichtigt:

 

  • Koordination
  • Geschwindigkeit
  • Höhenerfahrung

 

Hier liegt der Fokus wiederum darauf, ein gezieltes Angebot zur Förderung der Koordination oder Wahrnehmung anzubieten. Die Koordination – das Zusammenwirken von Sinnen, Kopf, Händen / Füßen und Körper für einen zielgerichteten Bewegungsablauf – ist durch Strukturen zum Klettern aber auch Geschicklichkeitsspiele abbildbar. Das Erleben von Geschwindigkeit kann durch Geräte wie Karussells, Rutschen, Seilbahnen und dergleichen gefördert werden. Zur Höhenerfahrung eignen sich Klettergeräte aber auch entsprechende Geländemodellierung. 

Ganz wesentliche Aspekte der Inklusion sind sicherlich – auch über den Spielplatz hinaus – die sozialen Aspekte. In der Matrix werden dahingehend folgende soziale Aspekte einzeln betrachtet:

 

  • Kommunikation
  • Selbstwahrnehmung
  • Gruppenspiele
  • Einzelspiel
  • Begegnungsmöglichkeiten

 

Auch hier geht es darum, diese Aspekte gezielt durch die Gestaltung und Anordnung der einzelnen Bereiche zu fördern und zu Austausch – Kommunikation – Begegnung anzuregen. Spielen kann dabei die Begegnung von Nutzern und Begleitpersonen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg ermöglichen.

 

Ausblick

Die Erfüllung der einzelnen Grundanforderungen setzt natürlich Sachverstand voraus und darf nicht willkürlich erfolgen. Der Arbeitskreis Inklusion hat eine Vielzahl von Beispielen gefunden, wie die einzelnen Anforderungen umgesetzt werden können. Dies alles hier in einem Beitrag ausführlich zu erläutern oder zu erklären würde den Umfang des Beitrags deutlich übersteigen. Wichtig ist die Anmerkung, dass nicht jede Station / jeder einzelne Spielraum auf dem Spielplatz alle Anforderungen / Grundbedingungen erfüllen muss – nicht alle müssen alles können, aber es muss für alle ein Angebot vorhanden sein. Hier ist die Durchmischung und Vielzahl der Angebote entscheidend, um für jeden etwas anzubieten.

Wie dabei die einzelnen Aspekte bewertet werden und zusammenspielen, ist durch das der Matrix zugrunde liegende Bewertungssystem geregelt, das wir in der nächsten Ausgabe genauer betrachten, wie auch die Grundbedingungen Barrierefreier Zugang – Vernetzung - Erreichbarkeit innerhalb der Station,…

 

 

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