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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Onkel Rudi – Ein Spielplatz für alle

Von Rina Gerhard (Förderverein der Kinder der Kita Markusstraße e.V.)

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© Förderverein der Kinder der Kita Markusstraße e.V.

In Hamburg gibt es nun einen inklusiven Spielplatz. Das ist erst mal keine spektakuläre Nachricht. Schließlich ist Hamburg eine Weltstadt mit über 1,8 Millionen Einwohnern und mehr als 6 Millionen Touristen im Jahr. Außerdem hat Deutschland vor mehr als zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die Inklusion als Menschenrecht verankert. 

Inklusion ist ein modernes Schlagwort, positiv besetzt für die, die nichts im näheren Umfeld damit zu tun haben. Negativ für die Menschen, die täglich spüren, dass Deutschland weitestgehend nicht inklusiv ist, sondern bisher nur viel darüber redet.

Inklusion kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Einbeziehung. Als Konzept unserer heutigen Welt steht es für die Akzeptanz eines jeden Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. „Anders sein“ soll nicht nur toleriert werden, sondern als „normal“ angesehen werden. 

Aufgabe unserer Gesellschaft ist es, in allen Lebensbereichen Strukturen zu schaffen, die es allen Mitgliedern dieser Gesellschaft ermöglichen, sich darin zu bewegen. Die UN Behindertenrechtskonventionen, die Inklusion als Menschenrecht verankert, gibt es seit zehn Jahren. Der Weg dahin ist allerdings noch lang.

Deswegen ist die Nachricht über einen inklusiven Spielplatz in Hamburg doch spektakulär. Denn dieser Spielplatz in der Mitte der Stadt entstand nur aus einer Vision von einigen Müttern, die Geld und Unterstützer aus dem Stadtteil und der Politik gesammelt haben. Auf Initiative des Fördervereins der Kinder der Kita Markusstraße und in Kooperation mit dem Bezirksamt Hamburg-Mitte ist in Hamburg der erste öffentliche inklusive Spielplatz in Hamburg entstanden. 

Mitten in der Hamburger Neustadt zwischen Tourismus, Vergnügungsmeile, Shoppingstraßen und Geschäftshäusern – neben einer Grundschule und einer Kita und in unmittelbarer Nähe zu einer weiteren Kita und einer Stadtteilschule lebt schon lange ein Spielplatz. Die Nachbarn, die Kinder und sogar die Presse nennen ihn „Onkel Rudi“. Benannt ist der Platz nach seinem letzten Spielplatzwart Onkel Rudi. Er kümmerte sich um die Sauberkeit auf dem Platz und um die Kinder, die früher ohne ihre Eltern zum Spielplatz kamen. Sein Dienst endete jedoch bereits vor mehr als 30 Jahren. 

Der „Rudi“ ist eine große unbebaute Fläche mit alten schattenspendenden Bäumen – ein ruhiger Fleck Natur mitten in der Millionenmetropole Hamburg. Ein Ort, an dem sich das Viertel treffen kann. Alles, was in der Neustadt laufen konnte – oder es gerade lernte – kam seit Jahrzehnten zum Spielen vorbei. Der “Onkel Rudi” war ein Treffpunkt, an dem sich die Familien des Stadtteils nach Kita, Schule und Arbeit trafen. Leider verwahrloste der Platz zunehmend. Viele der Spielgeräte waren kaputt oder marode. Dieser Zustand zog andere Menschen an: es wurden Kampfhunde trainiert, Drogen und Alkohol konsumiert und die Notdurft verrichtet.

Es gibt in der Grundschule und den Kitas um den Spielplatz etwa 800 Kinder bis zum Alter von 10 Jahren und viele Familien wollten die Spielplatzsituation nicht länger so hinnehmen und waren bereit, selbst tätig zu werden. Die Menschen, die in der Innenstadt wohnen, haben im Gegensatz zu Bewohnern von Einfamilienhäusern am Stadtrand meist wenig Platz und selten einen eigenen Garten und sind darauf angewiesen mit ihren Kindern raus zu gehen. Dabei sind die Familien auf Angebote angewiesen, die wohnortnah im Stadtteil liegen. 

Einige Eltern aus der benachbarten Kita Markusstraße zeigten Initiative, sammelten Geld und wollten den Spielplatz wieder attraktiv machen. Die direkt angrenzende Kita Markusstraße hatte zu Beginn des Projekts etwa 25 Kinder mit Behinderungen verschiedenster Art. Bei den ersten Überlegungen fiel auf, dass die Kinder, die im Rollstuhl saßen, den Spielplatz schon allein aufgrund des sandigen Bodenbelages weder befahren noch Spielgeräte nutzen konnten. Recherchen dazu zeigten, dass es keinen echten inklusiven öffentlichen Spielplatz in der ganzen Stadt gab. 

Dies sollte sich ändern. 

Die letzten Jahre wurden genutzt, um weiter Gelder einzusammeln, Unterstützer zu finden, Ideen zu generieren und letztendlich eine Planung vorzulegen, mit der die Stadt Hamburg als Eigentümerin und Betreiberin des Spielplatzes einverstanden war. Das Projekt „Onkel Rudi - ein Spielplatz für ALLE!“ in der Hamburger Neustadt ist so besonders, weil Bürgerengagement, die Politik und die öffentliche Verwaltung durch kooperatives Zusammenwirken Inklusion mitdenken. Bereits in der Planungsphase dieses Spielplatzes wurden zwei Workshops durchgeführt, an dem behinderte und nicht behinderte Kinder und deren Eltern teilnahmen. Im Mai diesen Jahres wurde der Spielplatz schließlich eingeweiht. 

Spielplätze sind für Kinder und deren Eltern wichtige Sozialräume. Daher müssen sie hindernisfrei sein und Spielgeräte bieten, bei denen auch behinderte Kinder aktiv am Spiel teilnehmen können. Bereits in der UN-Menschenrechtskonvention ist dieses Ziel in Artikel 30 Absatz 5 verankert: „(…) um sicherzustellen, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern an Spiel-, Erholungs-, Freizeit- und Sportaktivitäten teilnehmen können (…)“. 

Kinder in Rollstühlen müssen die Möglichkeit haben, sich von alleine zu bewegen; dazu sind sichere Fahrwege und Zugänglichkeiten zu Häuschen und Sandkästen erforderlich. Dennoch ist es wichtig zu erwähnen, dass Inklusion mehr ist als nur Barrierefreiheit durch Rampen. Es gilt, auch die Bedürfnisse der Kinder mit Einschränkungen des Seh- und Hörvermögens, mit Bewegungsstörungen, Muskelschwächen u.a.m. zu berücksichtigen. Auch Kinder mit eingeschränkter Wahrnehmung oder motorischen Defiziten sollen auf dem inklusiven Spielplatz in Zukunft gemeinsam mit den anderen Kindern spielen können. Der Rudi soll ein Spielplatz für alle sein. So wurde der Bedarf an Spielelementen und Erfordernissen für das gemeinsame Spiel von behinderten und nicht behinderten Kindern entwickelt und in der Planung berücksichtigt.

Extremsportler und Rollstuhlskateprofi David Lebuser sagt: „Nicht also das Laufen ist als normal anzusehen, sondern die Freiheit, sich bewegen zu können und mit dieser Freiheit dann am Leben teilhaben zu können.“ 

Was macht einen inklusiven Spielplatz aus? Als Erstes fällt jedem die Befahrbarkeit und Zuwegung ein. Die Wege sind meistens aus einer wassergebundenen Decke, und Rindenmulch ist oft auf Spielplätzen als Fallschutz in Deutschland zu finden. Es bedarf einer permanenten Pflege und hat hohe Folgekosten, weil es ausgetauscht oder aufgefüllt werden muss. Einige Bereiche wurden auf dem Rudi nach wie vor mit Rindenmulch als Fallschutz gefüllt. Auf Rindenmulch oder auf Grand lässt es sich allerdings sehr schlecht mit Rollstühlen, Rollatoren, Rollern und Kinderwagen fahren. Aber es ist in der Anschaffung natürlich wesentlich günstiger als zum Beispiel der synthetische Fallschutz. EPDM ist sehr beständig gegen Witterungseinflüsse, hat eine hohe Elastizität und ist ein stoßdämpfender Spielplatzboden. Weiterhin ist der Belag rutschhemmend, und es entstehen keine Löcher unter viel bespielten Geräten wie z.B. im Sand unter einer Rutsche. Da der Belag wasserdurchlässig ist, trocknet er schnell. Außerdem wirkt er schallmindernd, was ja nicht zum Nachteil auf vielbespielten Spielplätzen in der Stadt ist. Weil die Macher vom Rudi wollten, dass auch Rollstuhlfahrer jenseits der gepflasterten Wege zu den Spielgeräten kommen können, ist fast jedes Spielgerät über einen EPDM-Belag zu erreichen. 

Weiterhin soll ein besonderes Farbkonzept sehbehinderten Kindern und Kindern mit Wahrnehmungsschwierigkeiten die Orientierung erleichtern.  Hierzu sind auf dem Rudi Farben mit starken Kontrasten zur Orientierung gewählt worden. Die Wegebegrenzung ist deshalb aus sehr hellen Bordsteinen und die Wege sind dunkelgrau, fast schwarz. Auch die Farbwahl des synthetischen Fallschutzes ist auf diese Überlegungen zurückzuführen. Beige, braun und grün- besonders in Kombination – werden nicht sehr gut wahrgenommen von Menschen mit einer Sehbehinderung. Die Planer vom Rudi haben sich beraten lassen und sich für die Kombination blau und gelb (Mango) entschieden. 

In der Vogelnestschaukel können wirklich alle Kinder miteinander spielen. Es wurde sich bewusst gegen eine Rollstuhlschaukel entscheiden, weil das Schaukelgefühl im Rollstuhl festgeschnallt sitzend nicht so intensiv ist, wie frei liegend in einer Nestschaukel. Dafür hat der Rudi ein für Rollstühle befahrbares Karussell, einen multifunktionellen Rutschenberg und eine rollstuhlgerechte Tischtennisplatte. Die Sandspielanlage kann mit dem Rollstuhl angefahren werden, und es wurde auch an Sitzstützen für Kinder gedacht, die vielleicht nicht alleine sitzen können. Ein Kletterwald für wirklich jedes Alter und drei farbenfrohe Trampoline runden das motorisch durchdachte Angebot ab. 

Ein ungewöhnliches Spielelement gibt es auch, den Spielzaun. Bei einem der Workshops während der Planungsphase, an dem verschiedene Bedarfe und Wünsche von Kindern mit und ohne Behinderung abgefragt und getestet wurden, wurden einzelne Elemente eines vorhandenen hässlichen Metallzauns rausgenommen und andere Elemente mit Tüchern verhangen. Dieses Spielelement war anschließend ganz weit vorn auf der Prioritätenliste der Kinder. So entstand die Idee eines neuen Spielzaunes, der extra geplant und für den Rudi gefertigt wurde. Im farbigen Zaun sind unter anderem zwei Tresen in verschiedenen Höhen, um unterschiedlich großen Kindern mit und ohne Rollstuhl gerecht zu werden. Hier verkaufen Kinder Eis aus Sand oder Pommes aus Stöckern. Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, hineinzukommen: eine Röhre, zwei verschieden große Durchstiege und einen richtigen Eingang. Und einige Kids werden sicher auch den Weg über den Zaun finden. Ein Gefängnis, eine Wohnung oder doch ein Restaurant? Hier ist alles möglich! 

Der Rudi wird seit seiner Eröffnung sehr gut angenommen und ist wieder ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen können. Alle. Zusammen. Und eines haben alle Beteiligten gelernt: Initiative und Kooperation zahlen sich aus. 

 

 

 

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