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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Inklusion durch Bewegung, Spiel und Sport – mehr Begegnung schaffen am Beispiel Spielplatzplanung

Von Dr. Volker Anneken & Isabel Stolz & Dr. Vera Tillmann (Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport)

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© Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln

1. Bewegung – Begegnung - Teilhabe

Im öffentlichen Raum bieten insbesondere Spielplätze für Kinder und Jugendliche nicht nur Angebote sich spielerisch zu bewegen, sondern stellen auch Begegnungsräume dar. Kinder und oft auch Eltern, Großeltern oder Erziehungsberechtigte, kommen dort generationenübergreifend miteinander in Kontakt. Vor diesem Hintergrund stellen Spielplätze und andere öffentliche Spielflächen im Sozialraum, Orte für spielerische und bewegungsorientierte Begegnungen dar. 

In der Auseinandersetzung damit, wie dieser Begegnungsraum zu einem inklusiven Begegnungsraum wird, ist ein genauerer Blick darauf notwendig, was unter dem teilweise schon inflationär genutzten Begriff der Inklusion verstanden wird. Ziemen (2003) beschreibt den Begriff wie folgt: "Inklusion: wählt als Ausgangsbedingung die Veränderung bestehender Strukturen und Auffassungen, wobei die Unterschiedlichkeit der Menschen (Heterogenität als Normalität) als Voraussetzung betrachtet wird und damit jedem Menschen die Unterstützung zukommen soll, die er für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benötigt.". Zentral sind hier zwei Punkte: Zum einen geht es bei Inklusion darum die Strukturen und Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sie für alle zugänglich sind und nicht darum, dass Menschen mit Beeinträchtigung für die bereits bestehenden Strukturen „passend“ gemacht werden. Zum Zweiten wird von der Unterschiedlichkeit der Menschen ausgegangen, was auch bedeutet, dass notwendige Unterstützungsleistungen dementsprechend unterschiedlich sind.

Für die Entwicklung von (öffentlichen) Spielflächen und Spielplätzen bedeutet das, diese für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen so zugänglich zu machen, dass sie selbst bestimmen können, diese zu nutzen. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass Menschen mit Beeinträchtigung die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um z.B. zu dem Spielplatz zu kommen und diesen dann zu nutzen. Ein wesentlicher Grundsatz für eben solche Überlegungen ist, dass die selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie es in der UN-Behindertenrechtskonvention ausgestaltet worden ist, durch die Ratifizierung der Bundesregierung im März 2009 die Umsetzung geltenden Rechts ist und keine Wohltätigkeit darstellt. Damit einher geht die gesamtgesellschaftliche  Verpflichtung, Inklusion als Regelfall umzusetzen und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen. Deutlich wird dies durch Beratungen und Diskussionen zum Thema Inklusion in Politik, Sozialwesen, Selbsthilfestrukturen und den für den zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt wichtigen Verbands- und Vereinsstrukturen als wesentlicher Anker von selbstbestimmter Freizeitgestaltung und Ehrenamt. Viele erstellen Aktionspläne zur „Inklusion“ und setzen sich in ihrem Kontext mit der Umsetzung der UN-BRK auseinander. Auch auf der Ebene der Städten und Gemeinden erfolgt hier mittlerweile eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die erforderlichen insbesondere städtebaulichen Fragen breiter Zugänglichkeit und Teilhabechancen für alle, im Sinne der Inklusion. Auch die durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales veranstalteten diesjährigen Inklusionstage mit dem Schwerpunkt Kultur, Freizeit, Sport und Tourismus zeigen eine zunehmende Aufmerksamkeit dafür, das Thema Inklusion in den Alltag und die öffentlichen Räume der Menschen zu bringen.

 

Bewegung & Sport - ein wunderbares Medium für mehr Inklusion 

Bewegung, Spiel und Sport kann auf einer physischen, psychischen sowie sozialen Wirkebene förderlich für eine gesunde Gesamtentwicklung sein. Auf der physischen Ebene spielen die Entwicklung motorischer Grundeigenschaften wie Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination eine bedeutsame Rolle, welche die Basis für einen bewegungsorientierten Lebensstil legen. Neugier und Erkundungsbereitschaft spielen über die spielerische Exploration der Umwelt im Handlungsfeld Motorik seit dem frühen Kindesalter eine wichtige Rolle für eine gesunde Gesamtentwicklung. Wichtige Faktoren sind hierbei die kinästhetische Wahrnehmung, die vestibuläre Wahrnehmung und die kognitiven Erkenntnisse, welche Informationen der Muskeln, Sehnen und Gelenke z.B. in Bezug auf die Gleichgewichtsfähigkeit weitergegeben werden (Hunger & Zimmer, 2015 S.31). Wenn ein Kind zum Beispiel von einem Klettergerüst springt, ist diese Handlung verbunden mit der Einschätzung, ob der Sprung durch die Knie entsprechend abgefedert werden kann und wie die ideale Absprungposition gefunden werden kann, um einen Sturz zu vermeiden. Der Sprung an sich ist wiederum verbunden mit unmittelbaren emotionalen Erfahrungen der geglückten Überwindung und einer positiven Selbstwirksamkeitserfahrung. Das eigene Körper-Feedback bringt in diesem Zuge die kinästhetische Bewusstheit, dass der Sprung gelungen ist, was sich wiederum positiv auf das Körperselbst als wichtigem Teil des Selbstkonzeptes auswirkt. Das Erfolgserlebnis, wenn diese Herausforderung gelingt, verschafft Glücksgefühle. Das Fähigkeitsselbstkonzept des Kindes wird angesprochen, indem der positive Wirkungszusammenhang „Springen vom Klettergerüst kann ich gut – das mache ich gerne“ weitere Aktivitäten in diesem Bereich anregt. Ein positives Selbstbild und eine realistische Körperwahrnehmung können als positive Ergebnisse wichtiger Entwicklungsaufgaben im frühen Kindesalter angesehen werden. In diesen werden Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse verarbeitet, in denen sich die Kinder selbst kennenlernen und erleben, was sie sich selbst zutrauen können (ebd. S.35). Die Trias „Ich kann - Ich will - Ich mache“ zeigt Wirkungszusammenhänge auf, welche in einer positiven Bewältigung weiterer neuer Aufgaben münden (Anneken 2007).

Die spielerische Interaktion mit anderen auf gemeinsamen Spielflächen bietet in diesem Zusammenhang ein besonderes Potential des sozialen Lernens und gemeinsamen Tuns, welches über die Durchführung gemeinsamer Aktivitäten einen wichtigen Inklusionsfaktor darstellen kann. Durch das gemeinsame Spielen können nicht nur gemeinsame  Bewegungen stattfinden, sondern auch Begegnungsräume geschaffen werden, die einen offenen und wertfreien Umgang miteinander fördern und Inklusion ermöglichen. Die soziale Wirkebene des Sports kann über den Spielplatz als Ort im Sozialraum Rahmenbedingungen schaffen, unter welchen gemeinsame Begegnungen sehr niedrigschwellig erfolgen. Denn gerade  bei Kindern mit Beeinträchtigung hat dies eine besondere Relevanz, da ihre sportliche Aktivität in der Freizeit hauptsächlich im informellen Spiel, draußen mit Freunden stattfindet (58,8%), im Gegensatz zum organisierten Vereinssport (39,3%) (Anneken & Stolz, 2017).

 

Relevanz von Spielplätzen und Spielflächen für Bewegung und Sport

Gesundheitsförderliche Effekte von Bewegung, Spiel und Sport beginnen dort, wo die Ausprägung motorischer Fähigkeiten angeregt wird, welche wiederum zu weiteren Freizeitaktivitäten und dem Aufbau von sozialen Kontakten führen können (Schliermann et al. 2014). Das „Miteinander erleben“ spielt dabei ebenfalls eine bedeutsame Rolle, da sich in einem positiven Selbstbild auch Erfahrungen mit der sozialen Umwelt widerspiegeln (Hunger & Zimmer, 2015, S.35). Die Kinder erweitern über die von ihnen durchgeführten Handlungen im Kontext Bewegung, Spiel und Sport nicht nur ihren eigenen Erfahrungshorizont, sondern erhalten auch Informationen über das was ihnen andere zutrauen bzw. wie sie von ihrer Umwelt eingeschätzt werden oder auch welche Verhaltenserwartungen an sie gerichtet werden (ebd. S.35). Eine gegenseitige Beeinflussung von Kindern mit unterschiedlichen Fähigkeits- und Kompetenzniveaus kann im gemeinsamen Spiel wichtige Erfahrungs- und Entwicklungsimpulse geben, die insbesondere durch die besonderen Spannungsmomente der Unterschiede sowie der Interaktion bzw. einem gegenseitigen Herausfordern entstehen (ebd. S.45). Der Bewegungsraum muss demnach Rahmenbedingungen bieten, welche vielfältige Bewegungsangebote schaffen, die es den Kindern ermöglichen, ihre individuellen Stärken einzubringen und gemeinsam Kompetenzerfahrungen sammeln zu können (ebd. S.45).

 

2. Was braucht es, damit Inklusion gelingt? 

Damit das gemeinsame Spiel auf Spielplätzen gelingen kann, müssen Barrieren, die für Kinder mit Beeinträchtigung bestehen, beseitigt werden. Für die Gestaltung von Spielplätzen gibt es bereits vielfältige Ideen und Beispiele, die im Internet (u.a. https://behinderung.org/barrierefreie-spielplaetze.htm, https://nullbarriere.de/spielplatz-planung.htm) oder auch in diesem Fachmagazin zu finden sind (u.a. Köppel & Grundner-Köppel). 

Es muss Benutzungshilfen geben, welche der Funktionseinschränkungen der spielenden Kinder entsprechen und deren selbstbestimmte Teilhabe ermöglichen, z.B. ein befahrbarer Bodenbelag, breitere Eingänge, Auf- und Abgänge mit wenig Steigung bzw. mit Zusatzgeländer oder eine akustische Information bei Nutzung von Geräten (Agde, Degünther, Hünnekes 2013, S.57).

Für die leichtere Konzeptionierung und Planung von Spielplätzen können Spielplatzgeräte nach Barrierefreiheit und Schwierigkeitsgrad kategorisiert und gekennzeichnet werden. Dadurch besteht ein Überblick darüber, welche Geräte ohne fremde Hilfe für alle Kinder zugänglich sind, bei welchen Geräten Haltevorrichtungen erforderlich sind und welche Geräte bei der Nutzung beaufsichtigt oder durch fremde Hilfe unterstützt werden müssen (ebd. S.56). Auch eine erhöhte Rutschgefahr durch Witterungsbedingungen sollte berücksichtigt werden. Ebenso können Abkürzungen, vereinfachte Zielerreichungen, Versteck- und niedrigschwellige Mitspielmöglichkeiten geboten werden, um der Heterogenität der spielenden Kinder gerecht zu werden und Erfolgserlebnisse für alle zu ermöglichen. Das kann z.B. durch thematische Rollenspielinstallationen oder authentischer bespielbarer Natur mit verschiedenen Bodenbelägen, Hügeln, Pflanzen und barrierearmen Höhlen erfolgen. 

Über konkrete Beispiele hinaus empfiehlt sich bereits bei der Konzeptionierung der Einbezug von Menschen mit Beeinträchtigung, da sie ihre Bedarfe am besten kennen. Zu berücksichtigen ist dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die Spielplätze nicht nur baulich, entlang bestehender DIN-Normen, barrierefrei gestaltet sein müssen. Bislang noch wenig bearbeitete Barrieren sind die, die nicht in normierte Vorgaben überführt werden können oder es bislang noch nicht wurden z.B.: Wie können Kinder mit Autismus Spektrum Störung mit eingebunden werden, für die sehr viele Reize eine Herausforderung darstellen? Wie können taktile Leitsysteme für taubblinde Kinder auf Spielplätzen gestaltet sein oder wie können sich Kinder mit Sehbeeinträchtigung auf dem Spielplatz orientieren? Zudem müssen die Informationen, dass barrierefreie Spielplätze vorhanden sind bekannt gemacht werden, wozu Portale, wie z.B.: https://www.spielplatztreff.de/barrierefrei dienen können. 

Für zukünftige Konzepte ist es erstrebenswert diese und weitere Leitfragen mit aufzunehmen und zu berücksichtigen, um so das Bewegungs- und Begegnungspotential eines inklusiven Spielplatzes vollends nutzen zu können. 

 

 

Literatur

Agde, G., degünther, H, Hünnekes, A. (2013). Spielplätze und Freiräume zum Spielen: Ein Handbuch für Planung und Betrieb (3., vollst. überarb. Aufl.). Praxis : Sport. Berlin: Beuth Verlag.

Anneken, V. (2007). Zum Stellenwert des Sports für Menschen mit Behinderung - Herausforderungen für den deutschen Behindertensport. in H. Deimel, G. Huber, K. Pfeifer, & K. Schüle (Hrsg.), Neue aktive Wege in Prävention und Rehabilitation Köln: Deutscher Ärzteverlag, S. 227-242.

Anneken V., Stolz. I. (2017). Inklusiv Aktiv - gemeinsam im Sport.: Abschlussbericht zum Projekt. Retrieved from https://www.lvr.de/de/nav_main/schulen/sport/sport_lvr_schulen.jsp 

Anneken, V. (2009). Zur Bedeutung von Bewegung und Sport für Kinder mit Behinderung. Praxis der Kinder-Reha II, 4.Jg., 99-102.

Hunger, I., & Zimmer, R. (Eds.). (2015). Bewegungschancen bilden. Schorndorf: Hofmann.

Köppel, L.,Grundner-Köppel, B. Barrierefreie Spielplätze und Freiräume zum Spielen. retrieved from https://playground-landscape.com/de/article/view/1644-barrierefreie-spielplaetze-freiraeume-zum-spielen.html

Schliermann, R., Anneken, V., Abel, T., Scheuer, T., & Froböse, I. (2014). Sport von Menschen mit Behinderungen: Grundlagen, Zielgruppen, Anwendungsfelder (1. Auflage). München: Urban & Fischer.

Ziemen, K. (2003). Anerkennung - Selbstbestimmung - Gleichstellung: Auf dem Weg zu Integration/Inklusion. Retrieved from http://bidok.uibk.ac.at/library/ziemen-gleichstellung.html

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