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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Lautes und wildes Spielen braucht Freiräume

Von Steffan Robel (A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH)

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© A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH

Gespielt wird immer weniger. Heute ist bei Kindern eine Tendenz zu angeleiteten und passiven Tätigkeiten in geschützten Räumen zu beobachten. Die Gründe dafür reichen von der Ganztagsbetreuung über den Zugang zu digitalen Geräten bis zum zunehmenden Straßenverkehr. Sowohl passive, geregelte und von Erwachsenen überwachte Aktivitäten als auch der gesellschaftliche Leistungsdruck lassen wenig Zeit zum freien Spiel. Während einige Spielvarianten in geschlossenen Räumen gut funktionieren, brauchen dagegen andere laute, wilde oder körperliche Spiele Freiräume. Beim Draußenspiel sind Sinneserfahrungen, körperliche Bewegung und soziale Interaktion wesentliche Bestandteile des Spielhandelns. Zeit im Freien verbringen, sich selbständig bewegen und im Kontakt mit der Natur sein sind wichtige Kriterien für eine kinderfreundliche Stadt (Richard-Elsner 2019). Draußen kann sich das ungeregelte, kreative, zeitvergessene und damit selbstbestimmte Spielen viel stärker entfalten. 

Der aktuelle städtebauliche Trend zu mehr Aufenthaltsqualitäten im öffentlichen Raum bietet ein großes Potenzial für eine kinderinklusive Raumgestaltung. Allerdings lassen die Nachverdichtung der Ballungsräume und die damit verbundene Überausstattung der Freiflächen wenige unspezifische, naturnahe Räume. Viele Spielplätze geben sehr viel vor und lassen wenige Interpretationsmöglichkeiten. Kinder brauchen aber das zweckfreie Spiel, um sich die Welt selbständig anzueignen und den eigenen Körper auszutesten (Hönicke 2019). Somit fordert eine kindergerechte Stadt nicht nur generell mehr Platz für Kinder, sondern auch Spielraum jenseits von spezifischen Spielplätzen mit festen Funktionen. 

 

Hybride Freianlage 

Wo haben Kinder Spielraum? Was müssen Freiräume leisten um das autonome Spiel von Kindern zu fördern? Wie können Spiellandschaften gestaltet werden ohne alle Funktionen festzulegen? Welche neuen Strategien gibt es die Stadt kindergerecht zu gestalten?

Im Waller Sand in Bremen entstand ein hybrider Strandpark für Spiel, Sport und Erholung. Hier wurde bewusst darauf verzichtet, nur definierte Spiel- und Sportobjekte zu verwenden. Statt eines festgelegten Spielplatzes wurde der gesamte Freiraum als Sandkasten konzipiert - als ein Strand für die Großstädter. Eine Hochwasserschutzmaßnahme wurde dazu genutzt, diesen öffentlichen Raum für die Menschen in der neuen Überseestadt und den angrenzenden Stadtteilen zu schaffen. Die neue Parkanlage verbindet die komplexen, technischen Erfordernisse eines Landesschutzdeichs mit freiräumlicher Qualität. 

Besonderes Augenmerk bei der Gestaltung des Strandparks hatte die Synergie zwischen Freizeit und Landschaft: Waller Sand kombiniert Spiel, körperliche Betätigung, Erholung, soziale Kontaktmöglichkeiten und Naturerfahrung. Durch subtile landschaftsarchitektonische Eingriffe tritt die Naturlandschaft in den Vordergrund. Dabei bildet die Wasserlage an der Schnittstelle zwischen Flussraum und Hafenareal den Ausgangspunkt für das Naturerleben. Man ist den Elementen der Natur ausgesetzt: Wasser, Sand, Wind, Dünengräser, Wildnis - alles ist hier ungeschützt zu spüren. 

Die reduzierte Gestaltung und Nutzungsoffenheit des Strandparks gibt Raum für freies Spiel. Kinder lieben Strände, obwohl es hier keinen Spielplatz gibt. Stattdessen entdecken sie die Qualitäten der unbeschriebenen, weiten, weichen Fläche, die zum Spielen anregt, ohne etwas vorzugeben. Sand bietet außerdem, im Gegensatz zu Spielgeräten oder harten Belägen, eine Gestaltungsmöglichkeit. Anstelle von nur einzelnen, isolierten Nutzungen – wie Fußballfelder, die meist nur von Jungen genutzt werden, oder Sandkästen, die nur Kleinkinder interessieren – bietet ein Strand einen inklusiven Freiraum an, der alle Altersgruppen anzieht. Waller Sand integriert Möglichkeiten für Freispiel, Aufenthalt und Erholung nebeneinander. 

 

Hochwasserschutz wird Freiraum

In Bremen sind rund 86% der städtischen Flächen einer potentiellen Gefährdung durch Hochwasser ausgesetzt. In dem bis in die 1990er Jahre rein industriell genutzten Hafen, auf einem Landausläufer in der Weser, entsteht eines der größten aktuellen innerstädtischen Entwicklungsprojekte Europas: die Überseestadt. Auf 300 ha wächst das neue, gemischte Quartier für über 6.000 Bewohner und 17.000 Arbeitsplätze. Die Weser ist die Lebensader Bremens. Die Häfen der Hansestadt sind Grundlage der langen Handels- und Wirtschaftstradition und bis heute Stifter der städtischen Identität. Rund um das Wendebecken manifestiert sich die Industriegeschichte der Stadt. Der Tidehub der Weser von mehr als vier Metern ist hier der höchste in der norddeutschen Bucht. Hinzu kommen die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels. Der Generalplan Küstenschutz sieht eine notwendige Anpassung der Deichanlagen um zusätzlich einen Meter vor. 

Waller Sand bildet den nordwestlichen Abschlusspunkt dieses aufstrebenden Areals zwischen dem neuen Quartier und dem Wendebecken des Hafens. Anstelle der bisher rein funktionalen Steinschüttung wurde hier durch eine Sandaufschüttung ein Ort mit vielfältigen Angeboten, belebten Treffpunkten, einer weiten Strandfläche, aber auch Raum für ruhige Erholung entwickelt. Durch Landgewinnung entstand auf dem heutigen Wendebecken der neue Park, der die Stadt mit dem Wasser verbindet. Der Hochwasserschutz wird außerdem durch eine über das Geländeniveau hinausgehende Spundwand gewährleistet. Die Spundwand ist in eine Bank integriert und damit sowohl ein nutzbarer als auch ein gestalterischer Teil des Freiraums. Auf der Stadtseite zieht sich die von beiden Seiten bespielbare Bank als Rückgrat des Parks entlang des angrenzenden Boulevards.  

Vor der Spundwand wurde die weite Sandfläche aufgeschüttet, die den Wellenschlag abschwächt. Daraus erwächst ein Strandpark mit Kiefern und Dünengräsern. Zwischen Stadt- und Wasserkante bildet der Strand einen atmosphärischen Kontrast zum industriell geprägten Umfeld. Die knapp drei Hektar große, nutzungsoffene Fläche verknüpft sich mit den umliegenden Stadtteilen und ist stadtweiter Freizeitmagnet. Wasserseitig wird die Sandfläche durch einen barrierefreien Uferweg abgeschlossen, der die Weser und die Weite des Wendebeckens unmittelbar erfahrbar macht. Ein Wasserspielplatz und ein Beachvolleyballfeld an der Stadtkante ergänzen das Angebot für Spiel mit Wasser und Bewegung im Sand. Ansonsten lässt die relativ zurückhaltende gestalterische Geste einen unbestimmten Raum für Spontanität und Eigeninitiative.

Kontrapunkt zur trockenen, maritimen Dünenlandschaft des Strandparks ist die urbane Wildnis der Südmole. Die Pflanzengesellschaft aus vor Ort gewonnenem Saatgut ergänzt ortstypischen Pflanzen und Wildstauden. Durch die Erweiterung der besonderen, bestehenden Spontanvegetation auf dem aufgegebenen Gleisschotter mit heimischen Pflanzen wird die gewachsene Landschaft akzentuiert und inszeniert. Das Areal um den Molenturm wurde behutsam aufgewertet und die Zugänglichkeit über einen befestigten Weg auch für mobilitätseingeschränkte Menschen ermöglicht. Eine Baumreihe, die das Pflanzthema der Promenade aufgreift und fortführt, flankiert den Weg. Eine große, multifunktionale Sitzskulptur aus recycelten Reibhölzern ehemaliger Schleusenwände besetzt den Platz an der Mole und markiert den Zugang zum noch genutzten Holzhafen. 

Im Ganzen ist mit Waller Sand ein ganz eigener Ort entstanden, der die Natur und das Wasser direkt und unmittelbar in die Stadt holt. Als Gegenwelt zum dicht bebauten neuen Stadtteil bildet der Strandpark eine poetische, landschaftliche, offene Kulisse. 

 

Undefinierte Freiräume für die Stadt

Um dem steigenden Anspruch an öffentliche Räume für die Freizeitgestaltung sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gerecht zu werden, muss die wachsende, nachverdichtete Stadt multifunktional eingerichtet werden und dabei auch Platz für undefinierte Räume lassen.

Wenn wir Städte kinderfreundlich bauen, entstehen Lösungen, die viele Bedürfnisse befriedigen: Der Waller Sand zeigt, wie Hochwasserschutzinfrastrukturen den technischen Anforderungen Genüge tun und dabei als vielfältig nutzbare städtebauliche Elemente entwickelt werden können, die dem diversifizierten, gegenwärtigen urbanen Leben angepasst sind. Unsere Parks und Plätze sollen als Orte der physischen Bewegung, sozialen Begegnung und des Rückzugs gleichermaßen fungieren und dabei Ökologie und Klimaanpassungsstrategien berücksichtigen. In einer Zeit, in der sich die Ballungsräume weiter verdichten und der Druck unserer digitalen Welt sich in immer vielfältigerer Weise manifestiert, müssen die Parks unserer Städte mehr denn je als Treffpunkte, Aktivitätsfläche und Naturerlebnisräume zugleich dienen. So profitiert die gesamte Stadt von einer kinderinklusiven Stadtentwicklung (Kuhnekath 2019). 

Zusätzlich benötigen Städte funktional nicht festgelegte Nischen und Freiräume, die individuelle Aneignung und Gestaltung ermöglichen. Außer Räume, die zum Spielen programmiert sind, sind unbeschriebene, nutzungsoffene Flächen insbesondere für Kinder wichtig. Offen programmierte Freiräume können eine spielfördernde Stadt unterstützen, indem sie Bezüge zur umgebenden Natur- und Kulturlandschaft herstellen und in diesem Rahmen Entfaltungsmöglichkeiten entstehen lassen. Die ganze Stadt sollte zum Spielen da sein, wie es auf dem Land häufig noch Usus ist. Nicht nur auf abgesonderten Spielplätzen, vielmehr überall sollten Kinder spielen können.

***

Für den Ansatz, Graue mit Grüner und Blauer Infrastruktur zu neuer Stadtqualität zu kombinieren, wurde das Projekt in das bundesweite Förderprogramm Nationale Projekte des Städtebaus als beispielhafte Stadtentwicklung aufgenommen.

 

 

Literatur

Anne Galmar, Anne Dorthe Vestergaard im Interview. Drei Fragen an die Architektinnen. sb 4/2019, Köln: IAKS Internationale Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen 2019

Kerstin Kuhnekath: Eine kinderfreundliche Stadt ist eine erfolgreiche Stadt. Interview mit Felicitas zu Dohna. Deutsches Architektenblatt 11/2019. Düsseldorf: Bundesarchitektenkammer 2019

Christian Hönicke: In Berlin gibt es zu wenig Platz für Kinder. Gespräch mit Claudia Neumann in: Tagesspiegel 01.02.2019. https://www.tagesspiegel.de/berlin/spielplaetze-sind-oasen-auch-fuer-omas-in-berlin-gibt-es-zu-wenig-platz-fuer-kinder/23934426.html

Christiane Richard-Elsner: Draußen spielen – ein unterschätzter Motor der kindlichen Entwicklung in: Analysen & Argumente Nr. 315. Sankt Augustin/Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung 2018

 

 

Daten

Titel: Parkanlage Waller Sand
Programm: Strandpark, Promenade, Hochwasserschutz
Bauherr: WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH
Größe: 3 ha
Standort: Bremen
Jahr: 2015-2019
LP: 1-8
Bausumme: 2,5 Mio. Euro
Partner: SWECO GmbH, bremenports GmbH & Co. KG
Förderung: Nationale Projekte des Städtebaus, EFRE 

 

Mehr Informationen:

 

A24 Landschaft

Landschaftsarchitektur GmbH

Köpenicker Straße 154 a              

10997 Berlin 

Tel.: 030 311 69 64 0

Web: www.a24-landschaft.de

 

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