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Gesundheit in städtischen Quartieren fördern

Von Joachim Westenhöfer, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Competence Center Gesundheit

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© playfit GmbH

Urbanisierung ist einer der weltweiten Megatrends, die die Entwicklung der Menschheit charakterisieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten nur rund 10 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten. Bis 2015 war dieser Prozentsatz auf 54 Prozent gestiegen, und es wird erwartet, dass er bis 2030 auf 60 Prozent und bis 2050 auf 66 Prozent weiter ansteigt. Der Anteil der Menschen, die in Städten leben, ist auch in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. In Deutschland leben derzeit bereits über drei Viertel aller Menschen in Städten und es wird damit gerechnet, dass dieser Anteil bis 2030 auf 78,6 Prozent ansteigt. Damit kommt Städten und dem städtischen Umfeld eine hohe Relevanz für die Gesundheit der Bewohner*innen zu. 

Die Gesundheit von Menschen wird von einer Vielzahl von Determinanten beeinflusst: Neben den nicht veränderbaren individuellen Faktoren, wie z.B. dem Alter, dem Geschlecht und der Genetik, spielt der individuelle Lebensstil und das Gesundheitsverhalten eine wichtige Rolle. Unter Gesundheitsverhalten wird jedes Verhalten verstanden, das die Auftretenswahrscheinlichkeit von Krankheiten beeinflusst, insbesondere zählen hierzu der Verzicht auf Rauchen, angemessener Alkoholkonsum, ausreichend körperliche Aktivität, ausgewogene, gesunde Ernährung sowie angemessene Stressregulation. Lebensstil und Gesundheitsverhalten von Einzelnen können allerdings nicht losgelöst vom sozialen, kulturellen und physischen Umfeld gesehen werden. Dabei spielen soziale Netzwerke, soziale Unterstützung und sozialer Zusammenhalt im näheren Umfeld eine wichtige Rolle. Auch die räumlich naheliegende Infrastruktur wie Verkehrsanbindung, Versorgungs- und Einkaufsmöglichkeiten, kulturelles Angebot und Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussen Verhalten und Lebensstil von Individuen und Gruppen. Übergreifende Faktoren, wie die allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen bis hin zu globalen Umweltfaktoren, haben wiederum einen Einfluss auf das nähere Umfeld und das individuelle Verhalten. 

Die Lebensweise und das das Gesundheitsverhalten wird auch von soziostrukturellen Bedingungen geprägt. Von besonderer Bedeutung ist hierbei der sozioökonomische Status. Menschen mit niedriger beruflicher Stellung, einem geringen Einkommen und/oder niedriger Bildung sterben in der Regel früher, leiden häufiger an gesundheitlichen Beeinträchtigungen (z.B. Schlaganfall, chronische Bronchitis, Rückenschmerzen, Depression, Adipositas) und zeigen oft ein ungünstigeres Gesundheitsverhalten (Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel) (Robert-Koch-Institut, 2015). Auch das Lebens- und Wohnumfeld gehört zu den wichtigen soziostrukturellen Einflussfaktoren. Sozial benachteiligte Stadtteile bzw. Quartiere haben besonders komplexe soziale, ökonomische, infrastrukturelle und bauliche Problemlagen. In diesen Quartieren leben in der Regel viele sozioökonomisch benachteiligte Menschen, wie z.B. Arbeitslose, Migrant*innen, Alleinerziehende und kinderreiche Familien. Oftmals herrscht ein Mangel an Erholungs-, Spiel und Bewegungsflächen. Hinzu kommen umweltbedingte Gesundheitsrisiken und –-belastungen (z.B. hohes Verkehrsaufkommen, erhöhte Lärm- und Schadstoffemissionen, Unfälle) sowie eine schlechtere Sicherheitslage (z.B. Kriminalität, schlecht beleuchtete Gehwege).

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die Gesundheit von Menschen nicht isoliert in der alleinigen Verantwortung von Einzelnen gesehen werden kann. Vielmehr wird Gesundheit in der alltäglichen Umwelt der Menschen geschaffen, also dort wo sie „spielen, lernen, arbeiten und lieben“, wie es die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung von 1986 formuliert. Entsprechend sollten auch Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in der alltäglichen Lebenswelt der Menschen angesiedelt sein, um diese zu erreichen. Diese Herangehensweise wird als Setting-Ansatz bezeichnet. Der Setting-Ansatz ist auch geeignet, um die soziale Ungleichheit von Gesundheit und Gesundheitsressourcen zu verringern. 

Städtische Quartiere sind das Lebens- und Wohnumfeld der Stadtbewohner*innen und stellen somit ein höchst relevantes Setting für Gesundheitsförderung dar. Theoriebildungen zur Auswirkung des Wohnumfeldes auf Gesundheit und Mortalität gehen davon aus, dass es eine Wechselwirkung zwischen der sozio-ökonomischen und ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung in einem Quartier, dem sozialen Umfeld und dem physikalischen Umfeld gibt. Das soziale Umfeld umfasst hierbei Aspekte, wie z.B. vorherrschende Normen und Werte, den sozialen Zusammenhalt und soziale Beziehungen sowie Sicherheit bzw. Gewalt. Das physikalische Umfeld umfasst verschiedenste Aspekte, wie z.B. Umweltbelastungen, Qualität der Bebauung und Wohnungen, Zugang zu Ernährungs- und Freizeitressourcen, Natur und ästhetische Aspekte. Soziales und physikalisches Umfeld wiederum haben Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung eines Quartiers durch die Bewohner, auf Fluktuation im Quartier sowie auf das Gesundheitsverhalten. 

Die Zusammenhänge zwischen der sozialen Lage in Quartieren, den dort vorgefundenen physischen Umgebungsmerkmalen, dem damit verbundenen Gesundheitsverhalten und dem gesundheitlichen Status sind Gegenstand intensiver Forschung. Hinsichtlich des physischen Wohnumfeldes zeigt sich, dass mehr Natur mit einer geringen Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas und besserer Gesundheit einhergeht. Zu diesen positiven Einflussfaktoren gehören u.a. „green spaces“ (Stadtgrün einer bestimmten Mindestgröße), „greenery“ (Wälder, Naturparks und kultivierter Ackerbau) und „blue spaces“ (Gewässer wie Flüsse, Bäche, Seen). Unter dem Schlagwort „obesogenic environment“ wird eine Vielzahl von Umwelteinflüssen diskutiert, die dazu beitragen, dass Menschen übergewichtig und/oder adipös werden. Dazu gehören auch Merkmale der Wohnumgebung, die Ernährung bzw. Essverhalten und Bewegungsverhalten beeinflussen. Hierzu gehört u.a. das Konzept der „food desert“, also einer Wohnumgebung, in der der Zugang zu gesunden Lebensmitteln erschwert, dafür aber der Zugang zu ungesunden Lebensmitteln wie Fast- und Junk-Food erleichtert ist. So zeigte sich z.B. in einer Studie in Köln, dass Fast-Food-Restaurants in sozial benachteiligten Quartieren im Vergleich zu Quartieren mit besserer sozialer Lage häufiger zu finden sind. Ebenso ist der Zugang zu Alkohol und Tabak in sozial benachteiligten Quartieren rein quantitativ häufiger (addictive environment). 

Eine besondere Bedeutung kommt den Bewegungsmöglichkeiten im Quartier zu. Hierbei spielt die leichte Erreichbarkeit und Verfügbarkeit von Spiel- und Sportstätten eine wichtige Rolle. Hierfür sind wiederum physische Merkmale wie Entfernung und Zugangsmöglichkeiten, aber auch soziale Aspekte wie einladende und zielgruppengerechte Gestaltung, soziales Nutzungsprofil (wer hält sich dort wann und wie auf?) und subjektives Sicherheitsgefühl von großer Bedeutung. Zunehmend wird auch die die „Walkability“ von Quartieren, Kommunen und Städten als wichtiges Gestaltungselement diskutiert und untersucht. Auch wenn dieses Konzept keineswegs einheitlich verwendet und verstanden wird, so wird damit doch eine insgesamt bewegungsförderliche Gestaltung von städtischen (und kommunalen) Räumen verstanden.

Um die Gesundheit von Quartiersbewohner*innen zu fördern bzw. zu erhalten, sind für Quartiere (wie für viele andere Settings) Maßnahmen auf zwei Ebenen sinnvoll: auf der Verhaltens- und der Verhältnisebene. Auf der Verhaltensebene (Verhaltensprävention) wird versucht, die Menschen durch Information, Aufklärung, Beratung oder Bildung zu einem gesünderen Verhalten zu motivieren und zu befähigen, beispielsweise gesündere Ernährung ausreichend Bewegung oder angemessener Umgang mit Stress. Verhältnisbezogene Maßnahme setzen an der Gestaltung und Veränderung des Wohn-, Lebens- und Arbeitsumfeldes an. Hier kann es darum gehen, gesundheitliche Risiken wie Lärmexposition, Luftverschmutzung oder hohes Verkehrsaufkommen im Quartier zu identifizieren und zu verringern, aber auch Potentiale zur Gesundheitsförderung zu identifizieren und zu realisieren. 

Wie oben angesprochen, können naturnahe Elemente wie „green spaces“ und „blue spaces“ die Gesundheit von Menschen positiv beeinflussen. Einladende Plätze können soziale Interaktion und sozialen Zusammenhalt stärken. Durch verhältnisbezogene Maßnahmen kann letztlich auch gesundheitsförderliches Verhalten erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht werden. 

Ein Beispiel hierfür ist die bewegungsförderliche Gestaltung städtischer Quartiere, die unter dem Schlagwort „Walkability“ (Fußgängerfreundlichkeit oder allgemeiner Bewegungsfreundlichkeit) in den Fokus der Präventionsforschung gerückt ist. Hintergrund hierfür ist die Beobachtung, dass körperliche Inaktivität als eines der größten Public Health-Probleme des 21. Jahrhunderts beschrieben wird. Aus körperlicher Inaktivität resultieren nicht nur chronische und degenerative Erkrankungen, sondern es nehmen auch die Interaktionen mit der Nachbarschaft und damit verbunden die soziale Teilhabe ab. Umgekehrt ist eine angemessene körperliche Aktivität mit besserem Wohlbefinden und besserer psychischer Gesundheit verbunden. Eine gute Walkability setzt voraus, dass interessante Ziele (z.B. Nahverkehrshaltestellen, Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitsdienste) in fußläufiger Entfernung zu erreichen sind, dass ausreichend breite und barrierefreie Fußwege vorhanden sind, dass die Wege bei Dunkelheit gut beleuchtet sind, dass Straßenüberquerungen fußgänger-freundlich und nicht auto-orientiert gestaltet werden und dass das Quartier und die Wege als sauber und sicher erlebt werden. Auch die Verfügbarkeit von ansprechenden Sitzmöglichkeiten und nicht zuletzt erreichbaren und nutzbaren Toiletten beeinflusst die Bewegungsfreundlichkeit des öffentlichen Raums.

Im Forschungsverbund „Gesundheitsförderung und Prävention im Setting Quartier“ haben wir Unterschiede der gesundheitlichen Lage von Bewohner*innen in 6 Hamburger Quartieren mit unterschiedlichem sozialen Status zu untersuchen. Bei einer Befragung von 799 Bewohner*innen in den 6 Quartieren zeigte sich, dass es Unterschiede in den Quartieren hinsichtlich der Walkability gibt. Die Befragung zeigt deutliche Bedarfe zur Verbesserung der Walkability in benachteiligten Quartieren. Aber auch eine bessere Walkability in den sozial besser gestellten Quartieren ist kein Garant für ausreichende körperliche Aktivität und Bewegung. Eine bessere Walkability stellt offenbar eher eine notwendige Voraussetzung für mehr Bewegung als eine hinreichende Bedingung dafür dar.

Es zeigt sich, dass die Gestaltung städtischer Quartiere einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit der Bewohner*innen hat. Dennoch sind Stadtplanung und Gesundheitsförderung zwei Disziplinen die oft nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, geschweige denn systematisch kooperieren. Es erscheint daher dringend notwendig, dass bei städteplanerischen Maßnahmen in Zukunft die gesundheitlichen Folgen der Planungen systematisch berücksichtigt werden. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, bei der Planung auf eine Verringerung von gesundheitlichen Belastungen abzuzielen, sondern auch das Ziel zu verfolgen, einen Ausbau und eine Verbesserung gesundheitsförderlicher Potentiale und Ressourcen zu erreichen. 

Diesen Ansatz werden wir in einem weiteren Forschungsprojekt zur „Gesundheitsfolgenabschätzung in der Stadtplanung“ systematisch untersuchen und entwickeln. Gesundheitsfolgenabschätzung (GFA) ist ein Verfahren, mit dem sich abklären lässt, inwiefern Maßnahmen, die außerhalb des eigentlichen Gesundheitssektors getroffen werden, mit dem Anliegen der Gesundheit kompatibel sind. Es sollen damit sowohl die Chancen auf soziale Teilhabe und ein gesundes und erfülltes Leben erhöht, sowie soziale Ungleichheiten reduziert werden. Dies erfordert Veränderungen auf mindestens zwei Ebenen: In der Stadtplanung muss es zu einem Umdenken hinsichtlich des Gesundheitsverständnisses kommen und die Gesundheitsdienste müssen in die Lage versetzt werden, im Stadtentwicklungsprozess fundiert Stellung zu nehmen und gesundheitliche Themen einzubringen. Zudem gilt es durch Partizipationsprozesse die betroffenen Bewohner*innen in Planungs- und Gestaltungsprozesse einzubeziehen, um sicher zu stellen, dass das Ergebnis die Interessen und Bedürfnisse der Betroffenen abdecken kann. Mit unserem neuen Projekt wollen wir gemeinsam mit Kolleg*innen von der Fachhochschule Erfurt untersuchen, welche Hindernisse bei der systematischen Berücksichtigung gesundheitlicher bzw. gesundheitsförderlicher Aspekte bei stadtplanerischen Prozessen und Maßnahmen bestehen, wie eine GFA möglichst einfach und ressourcenschonend in kommunale Prozesse integriert werden kann und wie bisherige Anwendungshürden zu reduzieren sind. Dabei werden wir uns zunächst auf den Aspekt der bewegungsfreundlichen Gestaltung (Walkability) konzentrieren, um ein zentrales Public-Health-Problem der Gegenwart zu adressieren.


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