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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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Stadt als Spielplatz

Von Steffan Robel (A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH)

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© A24 Landschaft Landschaftsarchitektur GmbH

Bewegung fördert die Gesundheit, steigert die soziale Teilhabe und baut somit soziale Ungleichheit ab. Momentan ändert sich unser Freizeitverhalten und bietet die Chance für eine gesündere Stadtbevölkerung, die sich mehr bewegt. Menschen sind gerne draußen aktiv, machen Yoga auf der Parkwiese, balancieren auf Slacklines zwischen Bäumen. Die Urbanisierung und Individualisierung der Gesellschaft spiegeln sich im immer erlebnisorientierteren, spontaneren Freizeitverhalten wider. 

Aber trotz dieser beobachtbaren, niedrigschwelligen Sporttrends steigt der Bewegungsmangel in Deutschland weiter an. Der Lebensalltag im 21. Jahrhundert findet im Büro und Auto statt, auch die steigende digitale Mediennutzung unter Jugendlichen hat einen negativen Einfluss auf das Bewegungsverhalten. Vielen Menschen ist die Bedeutung der Bewegung für ihre Gesundheit nicht bewusst. Die Weltgesundheitsorganisation gibt u.a. den Mangel an Freizeit- und Erholungsanlagen als Grund für die physische Inaktivität an. Wie bekommt man Menschen dazu, rauszugehen? Was muss der Freiraum leisten? Welche Ansätze können Spiel und Sport in den Alltag integrieren? 

Obwohl bis zu zwei Drittel der sportlichen Aktivitäten heute im öffentlichen Raum – und nicht in Sportanlagen – stattfinden, ist eine konsequente Integration des Sportgedankens im Stadtraum noch nicht immer gegeben. Regeloffene, unabhängige und nicht wettkampforientierte Bewegungsarten werden immer populärer und sollten durch die Gestaltung des öffentlichen Raums angeregt werden. Kurz: Wenn die Menschen nicht zu den Sport- und Bewegungsangeboten finden, müssen die Sport- und Bewegungsangebote zu den Menschen finden. Sport und Bewegung müssen also stärker im Alltag integriert werden. Durch Strategien für die Integration der Bewegungsangebote in den öffentlichen Raum und eine differenzierte Angebotsstruktur zeigt der Seepark Eutins, wie das Interesse unterschiedlicher Gruppen geweckt und Anregungen für Bewegung geschaffen werden können.

 

Neue touristische Infrastrukturen 

Der vielseitig gestaltete Spiel- und Sportband im Seepark Eutins ist Teil einer größeren Attraktivierungsstrategie für nachhaltige touristische Infrastrukturen für die Stadt Eutin. Da Eutin lange die öffentlichen Räume vernachlässigt und die landschaftliche Schönheit der Seelage nicht genutzt hatte, war es das Ziel der Freiraumentwicklung die Stadt ans Wasser zu bringen. Trotz der Lage zwischen zwei Seen inmitten des Naturparks Holsteinische Schweiz boten die Freiräume entlang der Seeufer bisher wenig Gestaltungs- und Aufenthaltsqualitäten. Das neue Spiel- und Sportband des „Seespielplatzes“ ist mit den Themen See und Wald von seiner natürlichen Umgebung geprägt, macht den Bezug zum Wasser spürbar und bietet eine vielfältige, alle Sinne ansprechende und herausfordernde Freizeitwelt für Familien, Kinder und Jugendliche. Besonderes Augenmerk bei der Gestaltung des Seespielplatzes hatte einerseits die Synergie zwischen Freizeit und Landschaft, anderseits die Kombination aus körperlicher Betätigung und sozialen Kontaktmöglichkeiten.

Damit kam Eutin dem erhöhten Gestaltungsanspruch an Wohn- und Lebensraum in der Bevölkerung entgegen. Vor der Umgestaltung war der Bezug zum Wasser kaum spürbar, es fehlten Wegeverbindungen und vor allem Sport- und Freizeitangebote für Familien, Kinder und Jugendliche. Die Stadt zum See zu öffnen, die Wasserlagen besser zugänglich und erlebbar zu machen und neue Angebote für Aktivität und Erholung zu schaffen, wurden im Dialogprozess mit der Bürgerschaft als Anliegen erarbeitet. Die Grundlage für die neue Freiraumgestaltung war das Integrierte Stadtentwicklungskonzept, das 2012 als informelle Planung beschlossen wurde, um die zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung der Gesamtstadt zu sichern. Im Rahmen der Landesgartenschau Eutin 2016 wurde der Wettbewerbsentwurf von A24 Landschaft realisiert. Die Spielbereiche wurden, auf der Basis der Ergebnisse aus einem Jugendworkshop, speziell für den Seepark entwickelt.

 

Bewegung und Erholung kombiniert

Der freizeitorientierte Seepark wird zum Gegenpol des historischen Eutiner Schlossgartens und entlastet die denkmalgeschützte Anlage vom bisherigen Nutzungsdruck. Anziehungspunkt im nördlichen Bereich des Seeparks ist der Seespielplatz, eine vielfältige, neuartige Spiel- und Sportwelt für Kinder und Jugendliche mit u.a. Netzreusen, Wackelwald und Baumhäusern, die zum Kriechen, Hangeln und Klettern dienen. Mit dem Waldgartenband direkt an der Bebauungskante zur Stadt erhält der Seepark den Charakter eines Stadtparks. Unter alten Bäumen finden sich Areale für Boule und Tischtennis, ein Spielschiff, große Schaukeln, Fitnessgeräte: Angebote für alle Generationen. Sportflächen für Beachvolleyball und Streetball schließen sich an. Das komplexe Bewegungsangebot aus Kleinkindspielplätzen, Sportangeboten für Jugendliche und Freizeitnutzungen mit Treffpunkt-Qualität, bietet Handlungsspielraum und motiviert zum Mitmachen sowie zum Nebeneinandersein. Die Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten, im Freiraum aktiv zu sein, baut dabei Barrieren, die Alter, Gender, Mobilität und kulturelle Hintergründe betreffen, ab.

Die Spielthemen See und Wald greifen die ortsspezifischen Besonderheiten auf. Die Betonwellen, der Wackelwald, dessen beweglichen Stangen wie Bäume auf morastigem Grund anmuten, der reusenartige Netztunnel und das Spielschiff abstrahieren klassische, ikonische Themen des Sees und des Waldes und integrieren so die natürliche Umgebung in die Spielelemente. Die individuelle Gestaltung schafft Identität. Netzliegen unter Bäumen laden zum Träumen ein. Die Wiederholung der Materialien Holz und Beton bildet einen gestalterischen Rahmen, der den Park als Ganzes wahrnehmbar macht. Dabei balanciert Farb- und Materialwahl zwischen Kontextualität und Ergänzung. Zudem bietet die neue Freizeitlandschaft nicht nur Möglichkeiten, sich vielfältig zu bewegen, sondern auch das private Leben im öffentlichen Raum zu entfalten. Denn auch Kommunikation führt zu körperlicher Aktivität. Im gesamten Park gibt es Ruhebereiche, Sitz-, Picknick- und Grillmöglichkeiten, einen Sandstrand mit Liegewiese sowie ruhigere Aktivitäten, z.B. ein Schachfeld.

 

Integration in den öffentlichen Raum

Der Große Eutiner See wurde über fünf Steganlagen, die an verschiedenen Stellen auf das Wasser hinausreichen, erlebbar gemacht. Neue Wegeverbindungen zwischen den neuen Spiel- und Bewegungsräumen und dem See bringen den Park zurück ans Wasser. Die Spielangebote lagern sich an den neuen Parkachsen zum Wasser an, die gleichzeitig Wege und Sichtachsen darstellen. Sie setzen sich als hölzerne Stege in den See hinein fort, weiten sich am Endpunkt als Plattform mit Sitzpodesten und lassen neue attraktive Aufenthaltsmöglichkeiten direkt am Wasser entstehen. Mit den neuen Blickbezügen auf den See, die Stadtbucht und das Schloss ist das Wasser nun integraler Bestandteil der Spiel- und Sportplätze. 

Auch die Gliederung der Aktivitäten sowohl inmitten als auch am Rand des Seeparks funktioniert als verbindendes Element. Dabei zielt die Verteilung über die Fläche, insbesondere die Platzierungen an strategischen Schnittstellen mit dem Straßenraum oder entlang von hochfrequentierten Gehwegen, auf der spontanen Nutzung. Betonsitzelemente mit Holzauflagen dienen als Aufenthaltsbereiche und gliedern gleichzeitig die einzelnen Spielflächen. Somit bilden sich auch Orte für den Rückzug, für Publikum und Pausen als Teil der Bewegung und des Spiels.

Der Entwurf nahm konzeptionell Bezug auf den Landschaftsgarten des 18.-19. Jahrhunderts, der das barocke Eutiner Wasserschloss umgibt. Die im Landschaftsgarten angelegten Sichtachsen, die den See einbeziehen, werden als Prinzip auf die Gesamtgestaltung übertragen. Die bisher außerhalb des Schlossgartens kaum wahrnehmbaren Verbindungen zwischen Stadt und See werden zur Basis des Freiraumerlebnisses. So entstand zwischen gartenhistorischen Gesichtspunkten und neuem Freizeitkonglomerat eine neu interpretierte, sichtbar zeitgenössische Kulturlandschaft. 

Eutin ist ein gutes Beispiel, wie eine Stadt, die von einer außerordentlichen Lage profitiert, durch Spiel- und Freizeitangebote ihre Identität schärft. Während immer mehr Menschen sich dafür entscheiden in der Großstadt anzusiedeln, gewinnt der Freizeitaspekt als Standortfaktor für Kleinstädte an Bedeutung. Die Wiederentdeckung der Wasserlagen wirkt profilbildend für Tourismus und Standortmarketing und erhöht die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt. Die Akzentuierung der außergewöhnlichen freiräumlichen Lagegunst stärkt das Profil der Stadt Eutin nach außen wie nach innen. 

 

Bewegung in Alltag einbauen

Durch die Verzahnung von Bewegungsangeboten und der Alltagsumgebung wird der Zugang zu körperlichen Aktivitäten erleichtert. Parks und Plätze werden für ein breiteres Publikum attraktiv, indem sie klassische Erholung mit zeitgenössischen Freizeitaktivitäten überall kombinieren. Wenn der öffentliche Raum und ihre freizeitbezogene Nutzung fusionieren, können die Städte den Zugang zu Aktivitäten im Freiraum niedrigschwelliger machen. Nicht nur auf abgesonderten Spielplätzen, sondern überall sollten wir uns bewegen können. Abgelegene, geschlossene Sportanlagen sind für Kinder und Jugendliche nicht mehr attraktiv. Daher müssen auch Sportanlagen neu konzipiert werden, um eine Vielfalt von neuen, individuellen Trendsportarten einzubinden. 

Spiel, Sport und Stadt müssen in Freianlagen zusammenkommen – erreichbarer, offener, urbaner. Dabei sind zwei Prämissen einzuhalten: Spiel muss erstens ein Bewegungsangebot beinhalten, und Trendsportarten müssen zweitens mit Vereinssportarten verbunden werden. Hierzu sind neue Freiraumtypen erforderlich. Vereinssport sollte in öffentlichen Freiräumen mit spontanen Nutzern integriert werden, die zur alltäglichen Nutzung und Selbstentfaltung einladen und mit Aufenthaltsmöglichkeiten für Zuschauer kombiniert sind. So können neue Freiräume für Sport, Spiel und Bewegung zugänglicher und attraktiver für alle werden.

 

 

 

Daten:
Bauherr: Stadt Eutin
Bearbeitungszeitraum: 2013 – 2016
Bausumme: 6,4 Mio. Euro
Fläche: 16,5 ha
 Bearbeiter: Jan Grimmek, Maren Jeschke, Hendrikje Unteutsch, Sibylle Lacheta, Joachim Naundorf Carole Blessner, Pamela Ackermann, Daniel Groß

 

 

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